RomanGroßmutters klein Häuschen

Jenny Erpenbeck schreibt über die Sehnsucht, eine Heimat zu haben – in einem Sommerhaus am See, in den Tiefen der Erinnerung von Katharina Döbler

Ich habe ein wunderbares Leben hier«, sagt Jenny Erpenbeck. Eine Altbauwohnung in Berlin-Mitte. Vor den Fenstern ein weiter Platz im Sonnenschein. Hier, in diesem Viertel, ist sie aufgewachsen, und hier hat sie, von ein paar Lehr- und Wanderjahren in Österreich abgesehen, immer gewohnt. Manchmal trifft sie alte Schulkameraden auf der Straße, bald wird hier auch ihr Sohn zur Schule gehen. »Heimat«, sagt sie, »das ist etwas, das man wahrscheinlich erst bemerkt, wenn man es verloren hat.«

Das Zimmer, in dem wir sitzen, macht nicht den Eindruck eines Provisoriums: Viele Sachen gibt es darin, die man nicht so ohne Weiteres woandershin bewegen könnte, alte Sachen. Regale bis zur Decke, Klavier, Krimskrams, mittendrin ein kleiner Vitrinentisch, in dem sich Figürchen und Muscheln und Steine tummeln. Jenny Erpenbeck hebt so etwas auf. »Wir hatten jetzt«, sagt sie, »zwei Generationen ohne Zerstörungen und Verluste.« Man sieht es diesem Zimmer an: Die 41-jährige Jenny Erpenbeck ist in ihrer Familie für Vergangenheit zuständig.

Sie ist auch in der Literatur für Vergangenheit zuständig – für die Kindheit, die einen einholt (im Roman Das alte Kind), für das Heranwachsen in einem totalitären System (im Roman Wörterbuch). Im Regal stehen die Ordner, und in denen ist ebenfalls eine Menge Vergangenheit aufgehoben. Ihr Inhalt betrifft ein Haus am märkischen Scharmützelsee: das Haus, dessen bunt verglaste Tür auf dem Umschlag ihres neuen Romans zu sehen ist. Das Haus, das ein Architekt in den 1930er Jahren für seine zweite Ehefrau baute. Das Haus, das später Jenny Erpenbecks Großmutter gehörte und um das einer der üblichen Prozesse mit den Erben des Alteigentümers geführt wurde. Das Haus, das Jenny Erpenbeck verloren hat: der Anlass, in diesem vorwärtsgewandt schicken und hybriden Berlin-Mitte, in diesem wunderbaren Leben über Heimat nachzudenken.

Jenny Erpenbeck hat einen großen Teil ihrer Kindheit in diesem Haus verbracht, eine Kindheit, die, wie sie findet, »heil« war, vor allem die Ferien, vor allem die zwei Monate im Sommer, barfuß und ganze Tage auf dem Wasser und im Wald. Aus solchen Erfahrungen schöpft man, wenn man schreibt. »Ich hab mich gefragt, was ich verloren habe, weil – es lag ja auf der Hand, dass es dabei nicht um den Besitz ging.« Es ging zunächst um Erinnerungen.

Jenny Erpenbeck begann zusammenzutragen, zu recherchieren. Und so, während sich die Ordner mit Briefen, Listen, Katasterauszügen, Bauplänen und Fotos füllten, wurde aus dem Kindheitsidyll mit Badesteg und Garten ein Kreuzungspunkt vieler Geschichten und schließlich das Buch, das unter dem Titel Heimsuchung erschien.

Auf einem der Fotos im Ordner sieht man ein lächelndes Mädchen von etwa zehn Jahren mit einer dunklen Ponyfrisur. Auf einem anderen Leute in einem Garten mit Palmen. Der Garten liegt offensichtlich nicht im Märkischen Oderland, und das Mädchen ist nicht Jenny Erpenbeck. Die tatsächliche Geschichte des Hauses zog viel weitere Kreise als je vermutet, die Suche nach Heimat führte bis nach Warschau und Südafrika.

Das Buch beginnt noch ganz bodenständig: mit dem Scharmützelsee, den die Eiszeit hervorbrachte, mit einem Gärtner, der wie eine mythologische Figur stumm unter Pflanzen und Dingen lebt, und mit der Tochter des Dorfschulzen, die als Mitgift das Waldgrundstück am See bekommt. Das alles scheint zu einer Welt zu gehören, in der Brauchtum und jahrhundertealte Gewohnheiten – wie Jenny Erpenbeck sie mit anschaulichem Material aus dem Heimatmuseum dokumentiert – jedem einen festen Platz auf der Welt zuordnen. Eine heile Welt ist es trotzdem nicht. Die Schulzentochter wird verrückt, ihr Vater parzelliert das Grundstück und verkauft es an betuchte Leute, die gerade den Wert der Naherholung für sich entdeckt haben, wie den Architekten aus Berlin. Und einen Fabrikanten aus Guben.

Das Mädchen auf dem Foto im Ordner ist seine Nichte. Er kaufte seinen Teil des Wassergrundstücks und baute 1935 ein kleines Badehaus darauf. Er war Jude. Ein Jahr später emigrierte er mit seiner Frau nach Südafrika, sie legten dort einen idyllischen Garten an, bekamen drei Kinder und schufen sich eine neue Heimat. Falls es so etwas gibt. Der Rest der Familie schaffte die geplante Ausreise nicht mehr rechtzeitig. Das Mädchen auf dem Foto war zwölf, als es in Treblinka ermordet wurde. Der Architekt, der seiner jungen Ehefrau inzwischen ein schönes Haus mit märchenhaften Extras gebaut hatte, übernahm das Grundstück.

»Mein ganzes Leben kenne ich dieses Badehaus«, sagt Jenny Erpenbeck, »und wir haben das nicht gewusst. Ich habe immer gedacht, das gehörte alles zusammen.« Die Leute im Dorf erzählten, als sie fragte, die jüdische Familie sei nach Schweden emigriert. So macht sich jeder seine Wahrheit. Auch die Erpenbecksche Familienüberlieferung musste korrigiert werden. Es gab Feindbilder, es gab die Fakten, »durch die Recherchen haben sich die Dinge so quer kommentiert«.

Natürlich hätte man die Geschichte vom Haus am Scharmützelsee auch dokumentarisch behandeln können, aber es ging ja um mehr als um Fakten und Erinnerungen. Es ging um Heimat. »Was sucht man eigentlich, wenn man nach einer Heimat sucht? Worin besteht das Sesshaftwerden? Und was ist einem daran so viel wert?«

Solche Themen implantiert Jenny Erpenbeck ihren Romanfiguren: der Frau des Architekten, dem Textilfabrikanten, der aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrten (ihrer Großmutter nachgebildeten) Schriftstellerin, dem verurteilten Republikflüchtling und Badehausbewohner, dem Jungen, der immer zum Spielen kommt.

Jede einzelne dieser sehr unterschiedlichen Personen spricht mit einer eigenen Stimme und erzählt ihren Teil der Geschichte, mit der ihr zugehörigen Biografie, mit ihren Plänen und Bindungen, mit ihren Vergnügungen am See, mit ihrer jeweiligen Weltanschauung und Blindheit – und der Sehnsucht nach einem Ort, wo man hingehört. So wird das Gerüst des dokumentarischen Materials, das als solches immer zu erkennen ist, mit dem Stoff der Imagination üppig gepolstert. Die Figuren nehmen Formen an, machen es sich gemütlich in ihrem Haus und ihren Vorstellungen vom Leben, von der Heimat, von der Welt. Frühstück, Mittagessen, Kaffee, Abendbrot. Sie erzählen Witze, beobachten Verbrechen, vergraben ihre Wertsachen. Wenn sie Glück haben, überleben sie Katastrophen.

Jenny Erpenbeck befleißigt sich dabei großer Objektivität. Es gibt keinen autobiografischen Groll, nicht einmal zwischen den Zeilen. Es gibt viel Empathie, das schon, aber keine offene Parteinahme. Manchmal gibt es Aussparungen, die – wie eine bloße Randbemerkung über die Segnungen der Kollektiverziehung im sowjetischen Kinderheim – ahnen lassen, dass hinter dem diszipliniert gehandhabten Material der Papiere und Erinnerungen und dessen behutsamer fiktiver Interpretation viel mehr an Geschichten verborgen ist, als dieses mit feinem Strich und großer Wirkung gearbeitete Buch preisgibt. Aus diesem Stoff, denkt man dann, hätte die Erpenbeck einen richtig üppigen Roman machen können, ein pralles, erinnerungsgesättigtes Epos aus dem Märkischen Oderland.

Aber sie wollte diese Kleinteiligkeit, sie wollte nichts zusammenfügen, sondern »mit jeder Figur mitgehen und jede Figur gut kennen«, sie wollte »die komplexe Wahrheit, die sich herstellen sollte über den Zusammenhang aller Geschichten«.

Das ist der offenkundige Unterschied zwischen einem Heimatroman und einem Roman, der über Heimat nachdenkt. Einem Roman, der keine Heimat zu beanspruchen wagt aus Furcht, die Wahrheit zu verfehlen. Literatur besteht aus allem Möglichen, zu einem großen Teil aus Behauptungen. Jenny Erpenbecks neuer Roman besteht zum größten Teil aus Respekt: Respekt vor den wirklichen Menschen, vor den Figuren, vor all diesen Wahrheiten. Die eigene Wahrheit, die der Autorin, kommt darin zwar auch vor, aber sie wiegt nicht schwerer als die der anderen. »Mein Groll«, sagt sie, »wäre literarisch unergiebig.« Und ob sie das Haus wiederhaben möchte nach all dem, was sie jetzt weiß, da sei sie nicht so sicher.

Auf dem Vitrinentisch liegen jetzt Fotos: die helle Fassade eines rustikalen Hauses im Stil der 1930er Jahre; ein Balkongitter mit einem angeschmiedeten eisernen Vogel; Innenansichten von dunklen Räumen mit herausgerissenen Paneelen; kaputte Fenster. Die sehr gegenwärtige Sonne von Berlin-Mitte scheint darauf und lässt alles noch ein bisschen älter, noch ein bisschen vergangener aussehen. »Das Schreiben über ein Haus«, sagt Jenny Erpenbeck, und das wollte sie zum Abschluss noch gesagt haben, »ist eine infame Art der Inbesitznahme.«

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    • Schlagworte Roman | Altbauwohnung | Architekt | Garten | Grundstück | Heimat
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