Roman : Großmutters klein Häuschen

Jenny Erpenbeck schreibt über die Sehnsucht, eine Heimat zu haben – in einem Sommerhaus am See, in den Tiefen der Erinnerung

Ich habe ein wunderbares Leben hier«, sagt Jenny Erpenbeck. Eine Altbauwohnung in Berlin-Mitte. Vor den Fenstern ein weiter Platz im Sonnenschein. Hier, in diesem Viertel, ist sie aufgewachsen, und hier hat sie, von ein paar Lehr- und Wanderjahren in Österreich abgesehen, immer gewohnt. Manchmal trifft sie alte Schulkameraden auf der Straße, bald wird hier auch ihr Sohn zur Schule gehen. »Heimat«, sagt sie, »das ist etwas, das man wahrscheinlich erst bemerkt, wenn man es verloren hat.«

Das Zimmer, in dem wir sitzen, macht nicht den Eindruck eines Provisoriums: Viele Sachen gibt es darin, die man nicht so ohne Weiteres woandershin bewegen könnte, alte Sachen. Regale bis zur Decke, Klavier, Krimskrams, mittendrin ein kleiner Vitrinentisch, in dem sich Figürchen und Muscheln und Steine tummeln. Jenny Erpenbeck hebt so etwas auf. »Wir hatten jetzt«, sagt sie, »zwei Generationen ohne Zerstörungen und Verluste.« Man sieht es diesem Zimmer an: Die 41-jährige Jenny Erpenbeck ist in ihrer Familie für Vergangenheit zuständig.

Sie ist auch in der Literatur für Vergangenheit zuständig – für die Kindheit, die einen einholt (im Roman Das alte Kind), für das Heranwachsen in einem totalitären System (im Roman Wörterbuch). Im Regal stehen die Ordner, und in denen ist ebenfalls eine Menge Vergangenheit aufgehoben. Ihr Inhalt betrifft ein Haus am märkischen Scharmützelsee: das Haus, dessen bunt verglaste Tür auf dem Umschlag ihres neuen Romans zu sehen ist. Das Haus, das ein Architekt in den 1930er Jahren für seine zweite Ehefrau baute. Das Haus, das später Jenny Erpenbecks Großmutter gehörte und um das einer der üblichen Prozesse mit den Erben des Alteigentümers geführt wurde. Das Haus, das Jenny Erpenbeck verloren hat: der Anlass, in diesem vorwärtsgewandt schicken und hybriden Berlin-Mitte, in diesem wunderbaren Leben über Heimat nachzudenken.

Jenny Erpenbeck hat einen großen Teil ihrer Kindheit in diesem Haus verbracht, eine Kindheit, die, wie sie findet, »heil« war, vor allem die Ferien, vor allem die zwei Monate im Sommer, barfuß und ganze Tage auf dem Wasser und im Wald. Aus solchen Erfahrungen schöpft man, wenn man schreibt. »Ich hab mich gefragt, was ich verloren habe, weil – es lag ja auf der Hand, dass es dabei nicht um den Besitz ging.« Es ging zunächst um Erinnerungen.

Jenny Erpenbeck begann zusammenzutragen, zu recherchieren. Und so, während sich die Ordner mit Briefen, Listen, Katasterauszügen, Bauplänen und Fotos füllten, wurde aus dem Kindheitsidyll mit Badesteg und Garten ein Kreuzungspunkt vieler Geschichten und schließlich das Buch, das unter dem Titel Heimsuchung erschien.

Auf einem der Fotos im Ordner sieht man ein lächelndes Mädchen von etwa zehn Jahren mit einer dunklen Ponyfrisur. Auf einem anderen Leute in einem Garten mit Palmen. Der Garten liegt offensichtlich nicht im Märkischen Oderland, und das Mädchen ist nicht Jenny Erpenbeck. Die tatsächliche Geschichte des Hauses zog viel weitere Kreise als je vermutet, die Suche nach Heimat führte bis nach Warschau und Südafrika.

Das Buch beginnt noch ganz bodenständig: mit dem Scharmützelsee, den die Eiszeit hervorbrachte, mit einem Gärtner, der wie eine mythologische Figur stumm unter Pflanzen und Dingen lebt, und mit der Tochter des Dorfschulzen, die als Mitgift das Waldgrundstück am See bekommt. Das alles scheint zu einer Welt zu gehören, in der Brauchtum und jahrhundertealte Gewohnheiten – wie Jenny Erpenbeck sie mit anschaulichem Material aus dem Heimatmuseum dokumentiert – jedem einen festen Platz auf der Welt zuordnen. Eine heile Welt ist es trotzdem nicht. Die Schulzentochter wird verrückt, ihr Vater parzelliert das Grundstück und verkauft es an betuchte Leute, die gerade den Wert der Naherholung für sich entdeckt haben, wie den Architekten aus Berlin. Und einen Fabrikanten aus Guben.

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