Falls Sie sich jemals wieder gefragt haben sollten, was eigentlich aus jenem Mann geworden ist, der vor ein paar Jahren an einem Strand gefunden wurde, nackt und ohne jede Ahnung, wer er sei, nur mit der Fähigkeit, ganz respektabel Klavier spielen zu können – nun, dieser Mann hat seinem Leben noch einmal eine radikale Wendung gegeben und das einzig Richtige getan: Er ist in ein Gedicht eingegangen. Und mit diesem überraschenden Strandgut eröffnet Jan Wagner seinen neuen, dritten Gedichtband.

Es ist gewiss nicht die einzige Überraschung in diesem Buch, wobei die schlagendste die ist, zu sehen, wie dieser Autor seine schon in den beiden Vorgängerbänden offenkundige Virtuosität noch einmal steigern konnte. Nun sind ja all die Jungen, die gerade dabei sind, uns eine wahrhaft glanzvolle Ära der deutschen Lyrik zu bescheren – haben es auch schon alle gemerkt? – ausgemachte Könner und Kenner ihres Handwerks. Jan Wagner aber ist da noch mal ein besonderer Fall, weil bei ihm das Vergnügen, das er selbst im Umgang mit seinen Mitteln hat, so offen spürbar ist, dass es ansteckt und man beim Lesen selber in die heiterste Stimmung kommt.

Ja, lange hat man keinen Gedichtband in der Hand gehabt, dessen Lektüre eine solche Herzensfreude war. Immer wieder möchte man Chapeau! ausrufen, unsicher nur, ob man selbigen nur ziehen oder nicht zwischendurch auch mal mit Schwung in die Lüfte werfen sollte.

Eh da jetzt Skepsis aufkommt, ein paar Beispiele. Dazu muss allerdings vorab ein Wort zu Wagners Reimkunst gesagt werden. Sie ist nämlich in Wahrheit eine Reimvermeidungskunst, bei der überall da, wo ein Reim stehen könnte, eine Art Halbreim steht, ein Anklang, eher das, was in der Germanistik als unsauberer Reim bezeichnet wird. Herrliche Drecksarbeit, die hier geleistet wird. Davon Beispiele zu geben sagt freilich nicht eben viel, man muss dieses ständige unaufdringliche Anklingen im Ganzen aufnehmen, um die leicht schräge Musik zu hören, die das erzeugt. Und den Witz, der darin steckt und sich bisweilen auch saftige Kalauer gönnt: Da »reimt« sich dann auch schon mal »fern des summens« auf »leuchtet siemens« oder »plemplem« auf »plum« (die nächste Zeile ergänzt dann »pudding«).

Das sind die Späßchen in diesem so anspielungsreichen (und angenehm gebildeten) Spaß, und vielleicht sollte man vor den versprochenen Beispielen noch klarstellen, was man schon ahnt: Ein solcher Autor ist kein Tragiker (die Gedichte, die auf den Ersten Weltkrieg schauen, gehören allerdings zu den besten), er ist kein Weltverbesserer (außer dass jeder Dichter einer ist), und er ist gewiss kein Ideologe (dafür hat er einfach zu viele Ideen).

Und was für welche! Der Autor soll ja, wie man hört, freundlich und umstandslos sein, man sieht ihm also offenbar nichts an, was aber bringt in Gottes Namen jemanden dazu, ein Gedicht über Teebeutel zu schreiben, sogar zwei, die beide zusammen freilich nicht einmal so lang sind wie eins, sodass hier endlich ein Beispiel Platz hat:

teebeutel

I
nur in sackleinen
gehüllt. kleiner eremit
in seiner höhle

II
nichts als ein faden
führt nach oben. wir geben
ihm fünf minuten.

Fertig. Das war’s. Das ist es.
In den anderen, die selbstverständlich alle länger sind, ist das Verrückte, dass da von Dingen die Rede ist – also eigentlich müsste man jetzt wieder ganze Gedichte zitieren. Das Staunenswerte ist nämlich das, dass hier ständig über Dinge Gedichte geschrieben werden, über die Sie nie welche schreiben würden (wenn Sie so könnten, wie Sie vielleicht möchten). Und das natürlich nicht, weil es blöd wär, sondern weil Sie nicht einfallsreich, nicht töricht genug, nicht Wagner genug sind, um auf so etwas zu kommen. Das Tolle aber ist, dass man diese Gedichte liest und denkt: Was ist denn das? Was soll denn das? Und doch zugleich ein zustimmendes Nicken in sich spürt, ohne zu wissen, wem da jetzt zugestimmt wird. Der Wagner-Welt? Der eigenen? Der Welt an sich?