Noch ragen die Betonwände nackt in den Himmel. Noch dominieren Kräne, klaffen Zufahrten, wuchern Gerüste. Doch die hohen Fenster erinnern bereits an jene gotische Säulenhalle, die einst der Stolz Leipzigs war; und der holzverschalte Giebel gemahnt an die fein ziselierte Fassade der Universitätskirche, deren Abriss im Mai 1968, genau vor 40 Jahren, zur bleibenden Schande der Stadt wurde. Das staunende Publikum am Bauzaun könnte glauben, hier sei die große, längst fällige Geschichtsaufarbeitung, die sühnende Wiederherstellung des Gotteshauses im Gange.

Weit gefehlt. Denn die Kirche wird nicht wieder Kirche, sondern eine Aula. Wer dieser Tage im Rektorat versehentlich das Wort Paulinerkirche benutzt, wird barsch korrigiert. Man sei eine moderne Universität! Man lebe nicht mehr im Mittelalter, sondern vollziehe die Trennung von Kirche und Staat! Wollen Sie etwa zum Verfassungsbruch aufrufen? Der Ton lässt ahnen, dass die Leipziger Propagandisten »weltanschaulicher Neutralität« nervös sind, seit öffentlich wurde, dass sie einen Symbolbau der wiedervereinigten Republik neutralisieren, einen Akt politischer Wiedergutmachung sabotieren und eine der kostbarsten Kirchen Europas im Moment ihrer Auferstehung entkirchlichen wollen. Sie darf den Namen St. Pauli nicht wieder tragen, sondern soll Paulinum heißen. Weder die gerettete Barockkanzel aus dem Jahr 1738 noch der prächtige Flügelaltar aus dem 15. Jahrhundert werden aufgestellt. Eine mächtige Glaswand zwischen Schiff und Chor wird das Kirchenganze in einen profanen Hauptteil und ein mickriges sakrales Reservat namens Andachtsraum trennen.

Der Affront gegen das Geistliche ist auch ein Affront gegen das Geistige

Aber lässt sich überhaupt das Sakrileg heilen? Eine nationale Kulturbarbarei ungeschehen machen? Der Pfarrer Nikolaus Krause, der als Theologiestudent den Abriss erlebte, das Zusammenklappen des Gotteshauses wie das eines »alten Esels«, das ächzende Umsinken des Dachreiters und schmerzliche Sichverzerren der Giebelrosette, konnte sich eine Wiederherstellung nicht vorstellen. Vergebens hatte er seinerzeit Unterschriften gegen die Sprengung gesammelt, saß dann 20 Monate in Haft, haderte mit der DDR. Weil er um das Gebäude trauerte »wie um einen Verstorbenen«, wollte er nach der Wende, nunmehr Klinikseelsorger in Dresden, keine Rekonstruktion. Heute bereut er das. Es ist Mai 2008, und Krause absolviert seinen Ortsbesuch mit Tränen in den Augen: »Ich hätte 1989 nach Leipzig gehen und einen Wiederaufbau fordern sollen.«

Zu spät. Schon wird die Glaskonstruktion als »Terrarium für Christen« bespöttelt, man scherzt über die »Paula«, aber tatsächlich handelt es sich gerade bei der Trennung von Aula und Kirche um den entscheidenden Traditionsbruch: Denn das Gebäude, an das hier eigentlich erinnert werden sollte, war jahrhundertelang Kirche und Aula in einem. 1231 als Klosterkirche gegründet, 1545 von Martin Luther als Universitätskirche geweiht, diente es immer religiösen wie weltlichen Zwecken, wurde nach 1945 für Gottesdienste beider christlicher Konfessionen genutzt, versinnbildlichte also ein Toleranzideal, letztlich die Utopie des friedlichen Miteinanders.

Das ist es, wovon sich die Uni nun verabschiedet. Sie vergisst, wie untrennbar Wissenschaft und Religion in der abendländischen Geschichte verbunden waren. Sie übersieht, dass eine Glaswand nicht nur ahistorisch, sondern als künstliche Trennung zwischen Wissenschaft und Ethik auch ein fatales Zukunftssignal wäre. Der Affront gegen das Geistliche ist hier auch ein Affront gegen das Geistige, gegen kritische Vernunft und aufgeklärte Moral. Kein Wunder, dass die Universität in jüngster Zeit noch mit anderen Gesten ihrer peinlichen Unfähigkeit zur Vergangenheitsbewältigung Schlagzeilen machte: Das gigantische Marx-Relief will sie würdig aufstellen, aber dort, wo die von der DDR geschändeten Grablegen der Paulinerkirche waren, baut sie einen Fahrradkeller.

Diese Universität scheint anhaltend froh, dass Ulbricht die Kirche sprengen ließ, und rechtfertigt ihren militanten Säkularismus mit der Behauptung: Es war von Anfang an klar, dass wir nur eine Aula bauen. Vielen Gutgläubigen war es komischerweise nicht klar, dem Pfarrer Krause ebenso wenig wie seinem Landesbischof Jochen Bohl und dem Dekan der Theologischen Fakultät Rüdiger Lux, dem Universitätsprediger Martin Petzoldt, dem Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt und all den anderen, die jetzt eilends Protestbriefe schreiben. »Kann sein, dass der Rektor schon immer die Kirche ausräumen wollte, aber das hat er nicht gucken lassen«, schimpft in zornigem Sächsisch der Wendepfarrer Christian Führer, Galionsfigur der friedlichen Revolution.