ElektroakustikOhne Sahne, bitte!

Die Theremin-Spielerin Barbara Buchholz macht ihr jaulendes Instrument mit dem Jazz bekannt von Stefan Hentz

Da ist dieser eigenartige Ton. Dieses Pfeifen, ganz geradlinig nach einer langen Einschwingphase, rein, vibratolos, allenfalls ist ein leichtes Zittern zu hören. Mal kommt der Ton dunkel und bauchig, mal ganz hoch und fast schon schrill, mal klettert er über die wohltemperierten Tonstufen, mal schlängelt er sich durch die Tonhöhen, sammelt Mikrotöne ein und spielt mit den Reizen der Reibung. Auf Moonstruck, ihrem dritten Album, leistet sich die Berliner Theremin-Spielerin Barbara Buchholz den Luxus, mit verschiedenen Wunschpartnern ihr ganz eigenes musikalisches Feld zu umreißen. Da schmiegt sich das Theremin an einen butterweichen Trompetenton, da zuckt es im Drum-&-Bass-Rhythmus oder erhebt sich aus dem elektronischen Blubberbett.

Im Brennpunkt steht jedoch – trotz aller Zurückhaltung – immer wieder das Theremin, ein fast archaisches elektronisches Instrument, das weitgehend in Vergessenheit geriet, obwohl es auf eine sehr eigenartige Weise die Kälte der Elektronik mit der Delikatesse akustischer Instrumente verbindet. Im Jahr 1920 hatte der Physiker Lev Sergejewitsch Termen am Physikalisch-Technischen Institut in St. Petersburg ein seltsames Musikinstrument vorgestellt. Links ragte eine Antenne nach oben, eine rechts zur Seite, bewegte man sich in der Nähe der Antennen, veränderte sich der Ton. Das Theremin war das erste elektronische Musikinstrument, ein Klangerzeuger, der berührungsfrei, mittels Modulationen der elektrischen Felder gesteuert wird. Je nach Abstand der Hände zu den Antennen verändern sich Tonhöhe und Lautstärke, sodass sich Melodien spielen lassen, die frei von den Einschränkungen natürlicher Klangerzeuger über neun Oktaven – vom tiefsten Abgrund bis zu den spitzesten Höhen – reichen. Da sich jedoch noch die kleinste Bewegung, noch das leiseste Zittern der Hand, des Arms, des Körpers direkt auf das elektrische Feld auswirkt, bekommt der Klang des Theremins eine zerbrechliche, menschliche Dimension, ähnlich dem Ton einer Geige oder einer menschlichen Stimme.

Irgendwo im weiten Feld zwischen Improvisation und Elektronik, Neuer Musik und Noise, zwischen Jazz und beinahe folkloreartiger Melodik setzt nun Barbara Buchholz in den 13 Miniaturen immer wieder den Fokus auf den Kontrast zwischen abstrakter Konstruktion und sinnlicher Ausgestaltung. Norwegen wird dabei zu einer wichtige Bezugsgröße, seien es die Soundskulpturen des Klangbastlers Jan Bang, sei es das flötenartig verhaltene Spiel des Trompeters Arve Henriksen oder der kontemplative Flirt mit der Stille, auf den sich die Sängerin Susanna Wallumrød einlässt. In starkem Kontrast dazu steht das raue, von urbaner Unruhe getriebene Spiel des Kammerflimmer Kollektiefs aus Mannheim, die Samplelandschaften von Jan Krause oder die meditative Ausgeglichenheit der weit gereisten Pianistin Ulrike Haage.

Es ist nicht leicht, das Theremin vom Klischee des Sahnehäubchens oder des horriblen Stimmungserzeugers in einschlägigen Filmmusiken zu befreien, doch genau damit hat Barbara Buchholz nach ihrer ersten CD Russia With Love, auf der sie glaubte, die Möglichkeiten des Instruments demonstrieren zu müssen, keine Probleme mehr. Sie spielt ihr Instrument ganz selbstverständlich, beinahe unterkühlt, ohne Vorführgeste in die Musik integriert. Die Gäste machen es möglich.

CDs von Barbara Buchholz:
Moonstruck (Intuition 3402)
Theremin – Russia With Love (Intuition 3382)


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    • Schlagworte Musik | Elektronik | Filmmusik | Musikinstrument | Norwegen | Mannheim
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