Man stelle sich folgende Situation vor: Jemand hat Geburtstag, und statt des Evergreens Happy Birthday von Stevie Wonder würde zur Abwechslung das gleichnamige Stück von Gustav gespielt werden. Zu Würstchen und Kartoffelsalat gäbe es dann erst einen minimalen Elektrosound, der an das Ticken einer Uhr erinnert, und dann eine klare Frauenstimme, die singt: »Heute also ein Jahr älter – lacht nicht, ihr alle werdet sterben! Im freien Fall und ohne Netz. Tja, das Leben ist keine Wunschkonzert.«

Die junge Wienerin Gustav, die schon mit ihrem ersten Album Rettet die Wale unangemeldet in die Indie- und Technopop-Szene platzte, hat auch auf ihrem zweiten Wurf wieder viele Bösartigkeiten in ihre Alltagsbeobachtungen gestreut. Das Memento mori in Happy Birthday ist nur der Höhepunkt einer grandiosen und sehr komischen Schwarzmalerei, bei der es immer anders kommt, als man denkt. Gustav steht in der Tradition eines Thomas Bernhard und einer Elfriede Jelinek. »Lasst den Kindern ihre Meinung – oder treibt sie früher ab«, sang sie auf ihrem Debüt. Auf Verlass die Stadt wird aus einem Geburtstag eine Beerdigung aus einer Katastrophe eine Liebesgeschichte, und aus Wien Stalingrad.

Den Künstlernamen Gustav hat Eva Jantschitsch angenommen, weil der Sohn, den ihr Vater gerne bekommen hätte, so hätte heißen sollen. Doch ob Junge oder Mädchen, Gustav oder Eva, auf Verlass die Stadt hält sich Jantschitsch an keinerlei Vorgaben. Ihre Methode besteht gerade darin, systematisch aus der Rolle zu fallen und die Dinge von dort aus neu anzugehen. »Ja auch ich unterschreibe nun die Petition«, singt sie, als sei sie eine selbst ernannte Popbeauftragte, »ich bin für mehr Logik und Konzentration.« Popfeminismus einmal anders: Weiblichkeit muss nicht immer bedeuten, Sex und Gefühl hervorzukehren, auch Smartness ist eine sehr weibliche Eigenschaft. Scharf wie ein Hackebeilchen sind Gustavs Texte. Zusammen mit der Musik bilden sie einen Bürgerinnenbescheid gegen die Dummheit.

Wenn Rollenprosa mit bewusstseinsbildenden Effekten eine Form des politischen Aktivismus ist, dann ist Verlass die Stadt Agitpop. Denn zum einen ist Frau Gustav eine Meisterin der Anspielung: Das meiste, was sie sagen will, erreicht uns auf Umwegen. Zum Zweiten aber steht am Ende wundersamerweise doch immer eine Erkenntnis. Gustavs Lieder sind in Popsongs verpackte Moritaten, sie wollen unterhalten und nützen. Die Moral von der Geschicht’ lautet dann, je nach Titel: Erkennt die Hässlichkeit der Städte, in der ihr lebt. Erkennt eure eigene Lethargie, wenn es darum geht, etwas anders zu machen. Die Botschaft kommt hier allerdings ohne Zeigefinger daher, sie erreicht ihre Hörerinnen und Hörer, während sie staunen, mitschnippen, aufstehen und tanzen.

Auch Botschaften aus dem falschen Leben können eben mitreißen, wenn sie mit den entsprechenden Beats unterlegt sind. In der Fernsehsatire Neulich im Kanal legt Gustav den unter Agitformeln voranstolpernden Text – »Zersetzt die Körper / Verhandelt ihre Konvention / Erstaunt das ständig / unterm-Wert-geschätzte Publikum« – vermittels südamerikanischer Tanzrhythmen tiefer, und auch sonst bleibt sie dem Stil ihres ersten Albums, das ihr den etwas unangenehm klingenden Titel »Laptop-Liedermacherin« eingebracht hat, treu. Mit Synthesizern, Orgeln, Geigen, Akkordeons, Ukulelen sowie »Flöten&Tröten« bastelt sich Gustav eine ganz eigene Form des Indiepop zurecht. Für ein Stück hat sie sogar die Trachtenkapelle Dürnstein angemietet. Und wenn der Titel Ifall mit dem Klavierpart der Seeräuber-Jenny die hundert Jahre alte Liaison zwischen populärem Lied und linker Politik aufgreift, funktioniert auch das.

Bis das Schiff mit den Segeln und den vielen Kanonen kommt, schießt Frau Gustav aber erst einmal mit Textpfeilen. Diskurspop könnte man ihre Kunst nennen. Gustav greift kursierendes Gedankentreibgut auf und denkt es in ihren Texten weiter: »Gingen wir richtig in der Annahme / Dass die Vereinzelung verzweifelt? / Dass die verinnerlichten Sichten / Stets an Verkörperungen scheitern?« Das Ergebnis ist ein mal süßer, mal giftiger Gedankenfluss, der wenig aktuelle Vorbilder kennt und dessen Eigenrhythmik die alte Tante Subversion wieder ins Spiel springt.