Die Klassik-Platte Butterklang nach bayerischer Art
Rolando Villazón und Anna Netrebko geben in »La Bohème« das Traumpaar der Oper und können den Hörer doch nicht überzeugen
Was waren das eigentlich für Leute, diese Pariser Bohémiens, denen der Schriftsteller Henri Murger und nachfolgend der Komponist Giacomo Puccini ein solches Denkmal gesetzt haben, dass da der Szenenstaub heute meterdick an den Bühnen liegt (Wien!). Und es pilgert das Publikum in aller Welt trotzdem opernwärts? »Kunstzigeuner«, schreibt Murger selber, die »hungerten und starben an jener Krankheit, welcher die Wissenschaft ihren wahren Namen nicht zu geben wagt, am Elend«. Regisseure von heute beißen sich die Zähne aus und pressen folglich ängstlich die Lippen zusammen: Bollerofen, verlöschender Kerzenschein, Weihnachten ist auch noch – und dann dieses ewig eiseskalte Mimihändchen. An einer gewissen Folklore führt im Stück nun aber mal kein Weg vorbei, altbacken ist es seltsamerweise trotzdem nie.
Mag sein, dass deswegen als Darsteller nicht leicht wegkommen ist aus diesem Plot. Rolando Villazón jedenfalls singt den Rodolfo hierzulande bereits seit der Jahrtausendwende und kennt die Dachstuben und das Café Momus in den gar nicht so unterschiedlichen Dekorationen in- und auswendig. Als er mit der Figur anfing, war er ein junger Kerl, dem demnächst drei Viertel der Opernwelt zu Füßen liegen sollten. Da spielte er am liebsten mit der Rolle und all ihren farbigen Valeurs. Mittlerweile ist Villazón ein gereifter Mann und, was noch wichtiger ist: Er hat einen Beinahe-Zusammenbruch in der Karriere hinter sich. Sechs Monate lang war der Mexikaner im letzten Jahr wegen einer Stimmkrise von der Bühne verschwunden, schon bei den konzertanten Münchner Aufnahmen zu La Bohème musste er im vergangenen April die Generalprobe absagen. Man kann ein bisschen hören, warum – dabei ist, vorweg gesagt, Villazón großartig, und es fehlt vokal gar nichts: Er singt, wie zuletzt schon auf der Arienaufnahme Cielo e Mar, als ginge es um sein Leben, und gleichzeitig ein wenig, als sei das dann doch nicht alles, was er hier macht. Als wolle er die Welt umarmen, aber eben auch für sich sein. Ein Unsteter, aufleuchtend wie eine Flamme, die sich selbst verzehrt. Doch fasziniert er nach wie vor in seiner sehr weichen Stimmführung und der Attacke.
Leicht anders liegen die Dinge bei Anna Netrebko. Ihre ureigene Rolle nämlich ist die Mimi kaum, ursprünglich fühlte sie sich vom Temperament (und von der Intellektualität) her immer mehr in den Figuren aufgehoben, die nicht vollends am Abgrund stehen. Freilich lässt sich gegen Marketingpläne von Klassikfirmen wenig einwenden und gegen diese Star- Bohème, die auch als Film geplant ist und die Hitparaden stürmen soll, schon gar nicht. Also hat Anna Netrebko an der Seite von Rolando Villazón vor drei Jahren in St. Petersburg zum ersten Mal die traurige Traumpartie anstatt der Musetta gesungen (auf der vorliegenden Aufnahme übernimmt Nicole Cabell den Part, doch ist ihre zu leichte Stimme kein Vergleich).
Anna Netrebko nun wächst – wie in der Traviata – einerseits über sich hinaus, hat ein bestechendes hohes C in der Schlussszene des ersten Akts und moduliert überdies souverän Puccinis Kantilenen. Aber es fehlt ihr andererseits immer noch – wie in der Traviata – an ebenjenen Momenten, in denen egal wird, ob es sich hier um Kunst oder Leben handelt. Haarscharf, aber deutlich geht die Lesart am Existenziellen vorbei, wenn man so will. Oder anders ausgedrückt: Man kann die Mimi echter sterben lassen als Anna Netrebko – im Sinne von, sagen wir, Mirella Freni, Maria Callas natürlich, aber auch Angela Gheorgiu, die bei aller Vorliebe für vokale Eleganz einen entscheidenden Schritt weiterzugehen vermochte. Bei ihnen sah und vernahm man dann wirklich den Tod und nicht nur Todesmotive. Aber vielleicht ist das alles nicht so einfach, wenn man demnächst im wirklichen Leben Mutter wird wie Anna Netrebko.
Herrlich gut gelaunt und mitdenkend präsentiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (inklusive Chor) einen Butterklang nach vollfetter bayerischer Art, im Bedarfsfall auch sanft aufgetragen und schön verziert vom Dirigenten Bertrand de Billy. Rolando Villazón und Anna Netrebko lernen gerade, das Leben von verschiedenen Perspektiven aus zu denken. Die Schnittstelle Bohème ist ein weiteres, manchmal großes Erlebnis. Ein richtiges Ereignis mit den beiden steht noch aus.
Giacomo Puccini: La Bohème; Anna Netrebko (Mimi), Rolando Villazón (Rudolfo) BR-Symphonieorchester, Ltg.: Bertrand de Billy; Deutsche Grammophon 00289 477 6602, 2 CDs
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- Datum 12.06.2008 - 14:53 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.05.2008 Nr. 23
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