Pop Das Beste von allem
Was macht Santi White alias Santogold so besonders? Die ehemalige Sony-Managerin könnte zur Popsensation des Jahres werden
Schon das Outfit zeugt von Unerschrockenheit. Über dem T-Shirt mit dem »Malcolm X«-Schriftzug trägt Santi White eine viel zu große Jeans-Jacke mit Puffärmelchen, dazu tennisballgroße Goldohrringe, violett-rosa Domestos-Jeans und orangefarbene Leinenschlappen. Santi White gibt Interviews in ihrer Suite im K West Hotel in London. Eine Woche lang, vier bis sechs Mal am Tag, alles für die europäische Journaille. Es stört nicht, dass die Künstlerin hin und wieder im Hotelsofa versinkt und die Schirmmütze samt grimmigen Skeletten ihr Gesicht verdeckt, Santi White spricht aus allen Lagen. Sie unterhält ohne Unterlass, das PRFass einer ehemaligen Sony-Managerin auf dem Sprung zur Pop-Sensation 2008, das nur jemand aufmachen musste.
Die Promo-Show der 32-jährigen Amerikanerin verdanken wir der Veröffentlichung ihres Debüt-Albums, das, lange bevor es marktreif war, in den Rang eines Ereignisses hochgelobt wurde. Santogold, so der Titel des herbeigebloggten Wunderwerks, sei ein Gemisch aus ihren Lieblingsmusiken, aus Dub, Hip-Hop und Punk, aus Diplo-Beats und dem Krach der New-Wave-Combo Devo. Erzählt Santi White. Das Ergebnis einer langen Reihe von »Versuch und Irrtum«, die irgendwann zu einer monströsen Collage wurde.
Gewöhnliche Rock- und Pop-Biografien lesen sich anders. Musikerin wollte die in Philadelphia geborene Anwaltstochter ursprünglich nicht werden. Nach dem College-Abschluss in Afroamerikanischen Studien arbeitet Santi White als Artist-&-Repertoire-Managerin in der New Yorker Sony Dependance. Zu ihren ersten Entdeckungen zählt die R-’n’-B-Sängerin Res, doch mit den Songs, die Santi White für Res schreibt, beißt sie bei ihrer Plattenfirma Sony auf Granit. »Das war eine harte Zeit für mich, ich hatte sehr genaue Vorstellungen davon, wie diese Songs zu klingen hatten. Aber Musik entsteht in einem Filterprozess, in dem Interpret, Produzent und Plattenfirma mitwirken. Ich war jung und total aufgebracht: So geht’s nicht.« Die Lehre aus dieser frühen Niederlage lautet: Do it yourself! Ihre erste Band nach der Sony-Zeit ist eine schräg gebürstete Punk-Combo namens Stiffed, die sie nach leidlichem Erfolg wieder auflöst.
Stiffed sieht Santi White heute als eine Etappe auf dem Weg zur Selbstfindung. Der wichtigste Schritt war die Erfindung der Patchworkfigur Santogold – ein Gemeinschaftswerk von Santi White und John Hill, dem Ex-Bassisten ihrer alten Band. Santogold stellt inzwischen einen Pool der Persönlichkeiten dar, aus dem Santi White sich Song für Song neu remixen kann. Ein Kunstwesen, das die löbliche Eigenschaft besitzt, sich über Rollenmuster hinwegzusetzen, die black girls so zugemutet werden. Santogold zählt also weder zu den gelackten R-’n’-B-Schwestern, die sich tolle Säuselhits auf die Astralleiber schreiben lassen, noch will sie dem Klischee des Rock-Liebchens mit blondierten Melodien entsprechen. Die ersten Santogold-Tracks auf MySpace lockten prompt die Dancefloor-Avantgarde an, Diplo, Switch und FreQ Nasty transportierten die Demos der empathischen Sängerin in komplexe Club-Kontexte, sie lärmten auf hohem Niveau.
Das Projekt Santogold darf auch als Synonym für die aktuelle Standortsuche der Popmusik verstanden werden. Welche Cross-over und Neukombinationen sind 50 Jahre nach dem Urknall noch möglich, wenn das Rad nicht mehr erfunden werden will? Das Pop-und-Rock-Universum ist von klaren Grenzziehungen bestimmt, auf der einen Seite die ultrakommerzielle Seifenblasen-Maschinerie, die für einen stark bröckelnden Markt produziert, auf der anderen die Indie-Gemeinde, die ihr Selbst über jedes mickrige Gitarrenriff stülpt. Dazwischen passt kaum ein Blatt Papier. Santi White erforscht in ihren wüsten Collagen Zwischenwelten – jene schillernden Areale, wo Underground und Mainstream aufeinandertreffen. »Ich kann Musiken aus Subkulturen wie Dub oder Punkrock nehmen und sie in Strukturen fügen, die annehmbar sind für Menschen, die keinen Zugang zu diesen Kulturen haben. Mit Refrains, die zum Mitsingen sind.«
Dieser Übersetzungsprozess ist das eigentliche Pfund, mit dem sie über weite Strecken ihres Debüt-Albums wuchert. Manchmal muss man dreimal hinhören, trotzdem. Der ohrenbetäubende Track Creator beginnt mit dem polyrhythmischen Donner der Basstrommel und jubelt uns so ganz nebenbei eine Soul-Hymne unter, an deren Rändern ein irrwitziges, schwer zu lokalisierendes Gekiekse zu vernehmen ist – kann so eine Trompete klingen, oder ist’s nur ein Hilfeschrei vom Planet der Affen? Santi White hält ihre onomatopoetische Spitzenleistung nach wie vor für einen Unfall im Produktionsprozess mit DJ Switch, der ihr ein paar Kate-Bush-Laute entlocken wollte. Die Künstlerin ist noch ganz außer sich: »Das klang eigentlich nicht wie etwas, das ich gemacht habe.« Creator wurde dennoch der erste ihrer Tracks, der Download-Karriere machte.
Ein Teil des Rummels um Santogold verdankt sich auch dem Flurfunk in der vermeintlichen Zielgruppe: Wer auf M.I.A.s Ratter-Beats aus der globalen Mülltonne surfte, wurde geradezu mit der Nase auf Santogold gestupst. Santi White und Maya Arulpragasam (so heißt M.I.A. im bürgerlichen Leben) sind nicht nur Nachbarinnen im New Yorker Kiez Bedford Stuyvesant, sie treten gemeinsam auf und nennen dieselben coolen Produzenten-Typen ihre Freunde. Im Gegensatz zum tribalistischen Gepolter von M.I.A. drehen sich viele Santogold-Songs aber ganz konventionell um Strophe und Refrain. Und Santi White kehrt in ihren Liedern konsequent zu ihrer privaten Emanzipationsgeschichte zurück, nachvollziehbar zwischen den hüpfenden Synthie-Bässen und gepitchten Beats von Unstoppable. Irgendwann lösen sich diese Erzählungen aber in bunte Nebel auf, in die ungeheuerliche Aktualität, die allenfalls von ein paar Gangster-Bildern aus Bed-Stuy flankiert wird.
Mehr Straße bekommt der Santogold-Hörer jedoch nicht verabreicht. Santi White referiert lieber über die Erfahrungen auf der anderen Seite des Rock’n’Roll. »Ich kenne die Agenda der Plattenfirmen, ihre Standpunkte, ich kann meine Vorstellungen heute viel besser gegenüber Plattenfirmen vertreten.« Als ihr aktuelles Label nach Abschluss der Aufnahmen versuchte, die Musik auf Santogold für den Popmarkt zu begradigen, hat Santi White ihr Veto eingelegt. Dokumentiert ist das im Song You’ll find a way: »No way not me, what you got, is not for me«. Ziemlich vorn im Album steht die durchaus gefällige Wave-Pop-Version des Stücks, zum Finale legt Santogold den düsteren Electro-Dub-Remix desselben Tracks auf, der eine vollkommen andere Künstlerin vorstellt. Für einen Markt gedacht, der erst noch erfunden werden muss.
Santi White ist der neue Liebling der Musikpresse. Dabei klingt ihr Album doch so unentschlossen!
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Santogold: Santogold, Lizard King Records/Rough Trade
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- Datum 30.05.2008 - 11:55 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.05.2008 Nr. 23
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Santi White soundslike Blondie, but shes black!
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