Klassik Kolumbus mit der Gambe

Wo er auftaucht, sind die Konzertsäle voll: Jordi Savall und seine Erkundungstouren auf vergessenen Pfaden der Alten Musik


        Der Katalane Savall an seiner
        Gambe,
        dem Lieblingsinstrument des Barockadels

Der Katalane Savall an seiner dem Lieblingsinstrument des Barockadels

Es war schon komisch, als einst Gérard Depardieu zur Gambe griff, ausstaffiert mit Schönheitsfleck und Allongeperücke. Reglos ruhte seine Griffhand, während man einen Triller hörte, und wenn er den Bogen hilflos über die Saiten rutschen ließ, ergab das ein markantes Forte. Das Publikum des Barock-Kinofilms Die siebente Saite störte sich nicht daran. Und es ließ dem Ghostplayer, der anstelle des Stars so schön auf der Viola da Gamba spielte, Gerechtigkeit widerfahren. Jordi Savall, 1991 nur unter Kennern eine Größe, gelang mit dem Soundtrack der Publikumsdurchbruch. Der Gambist zählt heute zu den bestverkauften Stars der Alten Musik. »Ich treffe immer noch Leute«, sagt er, »die mit diesem Instrument angefangen haben, weil sie den Film sahen! In Japan, Sydney, Los Angeles, München. Darauf bin ich stolz.«

Aber Savall würde kaum Hunderttausende von CDs verkaufen, wenn er sich auf die solistische Musik für Gambe beschränkte. Die Gambe war das Lieblingsinstrument des barocken Adels, ein Streichinstrument mit Bünden wie eine Gitarre, je nach Größe auf dem Schoß zu halten oder zwischen den Beinen – darum »da gamba«. Das edle Gerät wurde unter Savalls Händen zum Steuerrad eines Schiffs, mit dem er Kontinente und Epochen neu entdeckte und eroberte, das 13. Jahrhundert des spanischen Königs Alfons, die Ufer, zwischen denen Kolumbus segelte, die klingende Umgebung des Romangiganten Cervantes, die jüdischen, islamischen, christlichen Gesänge und Tänze des Mittelmeeres. Drei Ensembles und seine ganze Familie zählen zur Armada des Katalanen, auch ein eigenes Label. Wo immer er und seine Musiker auftauchen, sind die Säle voll.

Europas Bibliotheken durchkämmte er nach vergessener Musik

Die Bildungsbürger und Barockfans hören Lully mit Le Concert des Nations. Die Spirituellen und Makrobiotiker mit Rucksack und Sandalen lauschen dem Ensemble Hespèrion XXI beim Dialog zwischen Orient und Okzident, Improvisationen über Traditionals aus jenem Mittelalter, als in Spanien die Religionen friedlich koexistierten. Wie eine Hohepriesterin steht dann Montserrat Figueras im roten Gewand auf dem Podium und singt zu Perkussion, Psalterium und arabischer Laute, und Jordi Savall, ihr Mann, erklärt dem Publikum, dass Musik auch heute ein Weg zum Frieden sei. Man jubelt ihm zu wie einem Dalai Lama. Eine Gemeinde, die sich für den enormen Aufwand an historischer Recherche, fürs Handwerk kaum interessiert. Doch das ist auch für Savall nicht das Wichtigste. »Ich bin völlig überzeugt von der Kraft der Musik«, sagt er im Gespräch. »Wenn Schönheit, Spiritualität und Kommunikation zusammenkommen, kann Musik die Menschen verändern.« Nicht missionarisch verkündet er das, sondern gelassen und selbstverständlich. Er hat das schon als Kind so erlebt, geboren 1941 in Barcelona, aufgewachsen im repressiven Spanien des Generalissimus Franco. Die Schule war »eine traumatische Erfahrung«, in der es nur einen Lichtblick gab: den Knabenchor. Da sang Jordi mit; nur hier fand er »jeden Tag die nötige Harmonie«. Als er 14 war, lauschte er im Konservatorium einer Probe zu Mozarts Requiem. »Es war das erste Mal, dass ich so was hörte. Es hat mich so beeindruckt, dass ich beschloss, professioneller Musiker zu werden.«

Cello wollte er spielen wie Pablo Casals, sein katalanischer Landsmann. Der 14-Jährige sparte, arbeitete in einer Fabrik, kaufte ein einfaches Instrument, übte ein halbes Jahr allein und fand dann einen Lehrer. Neun Jahre lang studierte er, 1965 lernte er bei einem Kurs einen Cembalisten kennen, der ihn fragte: »Warum spielst du Bachs Gambensonaten nicht auf dem Originalinstrument?« Das war damals unüblich, auch wenn es ein paar Pioniere gab wie August Wenzinger, der schon in den dreißiger Jahren die Schola Cantorum in Basel gegründet hatte, eine Art Hogwarts für Alte Musik, und dort Gambenunterricht erteilte. Zu ebendem ging Savall und wurde so gut, dass man ihn 1973 zu Wenzingers Nachfolger machte. Und er begann, Europas Bibliotheken zu durchkämmen nach vergessener Musik für sein Instrument.

»Marais, Forqueray, Dowland, Purcell – sie waren damals alle noch unbekannt! Und wer kannte die großen Vokalkomponisten Monteverdi, Gesualdo? Sprechen wir gar nicht erst von Machaut! Tausend Jahre Musikgeschichte waren begraben unter Romantik und Moderne. Totale Amnesie!« In Deutschland habe es immerhin mit Mendelssohn schon früh einen gegeben, der Bach neu entdeckte. »Aber in Spanien…« Bis heute habe man in diesem Land nicht begriffen, welche Schätze zu heben seien, vor allem aus der Zeit vor 1700, noch immer gebe es keine Gesamtausgabe eines der größten Renaissancekomponisten, Tomás Luis de Victoria: Sie ist vorbereitet, wurde aber nie gedruckt. Nicht nur Victorias Musik hat Savall aufgenommen mit seiner Capella Reial de Catalunya, einem Vokalensemble. Ihn interessiert ganz Spanien, vom Mittelalter an.

Dazu gehört aber auch die blutbefleckte Geschichte der Kolonisation. Als Savall auf Gran Canaria darüber recherchierte, hatte man vor seinem Eintreffen eine ganze Bibliothek leer geräumt; vermutlich wünschte der katholische Klerus keine Auseinandersetzung mit dem Thema. Erst auf polizeilichen Druck tauchten die Bände wieder auf, und der hartnäckige Gambist stieß auf Schätze: Lieder von Seefahrern des Kolumbus, von Mönchen, die mit ihm reisten, von Indios der Neuen Welt. All das fügte Savall zu einem Gesamtkunstwerk zusammen, zwei CDs und 260 Seiten in acht Sprachen umfassend. Man gerät tief hinein in die Zeit des Kolumbus, in die Paraísos Perdidos, jene Paradiese in Spanien und der Neuen Welt, die die Christen weder Juden, Mauren noch Azteken gönnten. Musik aber gibt es von ihnen allen. Sie verbindet sich mit rezitierten Dokumenten und Gedichten zum Hörtheater, verdichtet sich zum Aroma einer Gegenwart. Ebenso hat Savall auch sein neuestes Großprojekt konzipiert: In Ruta de Oriente folgt er dem Missionar Francisco Javier ins Japan des 16. Jahrhunderts. Zum frühbarocken Instrumentarium kommen da fernöstliche Klänge.

Je weiter man zurückgeht in der Musikgeschichte, desto weniger ist notiert, desto mehr muss improvisiert werden. »Das bedeutet nicht, irgendwas zu machen. Stil und Sprache müssen stimmen, man braucht sehr viel Vorbereitung, um zu improvisieren.« Das muss jeder können, der mit Savall arbeitet – während der Meister selbst vom Improvisieren schon wieder beim Komponieren gelandet ist und das späte 16. Jahrhundert um einige kleine Werke ergänzt hat. Als er nämlich für ein Konzeptalbum dem dramatischen Leben des Malers Caravaggio nachspürte, schrieb er Instrumentals, die wie eine Kreuzung aus Monteverdi und Morricone anmuten, betörende Hybriden, kitschig fast und doch voll Zauber.

Die ganze Familie von Savall wirkt im Ensemble mit

Savall nahm seine erste Platte mit 36 Jahren auf. »Wer heute nicht gleich nach dem Studium eine Platte macht, denkt, die Karriere wird ein Desaster. Was für eine Beschleunigung! Casals hat zehn Jahre lang Bachs Cellosuiten studiert, bevor er ein Konzert damit gab.« Wie es Savall allerdings schafft, rund sechs Platten pro Jahr aufzunehmen fürs eigene Label Alia Vox, drei Ensembles auf Tourneen zu koordinieren, Recherchen und Proben für immer neue historische Konzeptalben zu betreiben, ebenso aber mit einschlägigem Repertoire von Monteverdis Marienvesper bis zu Mozarts Requiem zu überzeugen – das wüsste man gern.

Wahrscheinlich kommt viel Energie aus dem Familienbetrieb, denn neben seiner Frau Montserrat, der Sängerin, gibt es noch Tochter Arianna, die Harfenistin, und Sohn Ferran, den Sänger. Und vom flexiblen Zeitmanagement des Chefs wissen manche zu seufzen, die mit ihm musizierten: Da kann eine Probe schon mal fünf Stunden später als geplant beginnen, aber dafür bis nach Mitternacht dauern…

Man erzählt sich auch, Savall werde von der stolzen Provinz Katalonien mit märchenhaften Summen unterstützt, als lebender Nationalheld neben toten Größen wie Gaudí und Dalí und Casals. Da kann er nur müde lächeln: »Unsere Capella Reial ist eines der wenigen Ensembles, die unterstützt werden, das ja. Aber ich habe immer noch keinen festen Platz, in jeder neuen politischen Situation muss man bei null anfangen. Auf den entscheidenden Posten glaubt man, dass eine Stadt ein großes Orchester haben muss, für Mozart und Beethoven; unsere Musik können sie nicht verstehen.« Das Publikum selbst ist anders. Nach Franzosen, Amerikanern und Deutschen stellen die spanischen Plattenkäufer mittlerweile die viertgrößte Fangruppe dieses Außensaiters.

Ausgewählte Aufnahmen mit Jordi Savall:

Christophorus Columbus – Paraísos Perdidos (Alia Vox 9850, 2 CDs/Begleitbuch)
Gambenmusik von Marin Marais und Mr. Sainte Colombe Le Fils, (Alia Vox 9829, 3 CDs)
Lachrimae Caravaggio – Musik von Jordi Savall (Alia Vox 9852)
La Ruta de Oriente – Francisco Javier (Alia Vox 9856, 2 CDs)


Plattenrezensionen, Künstlerporträts und Bildergalerien gibt's auf zeit.de/musik »

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier , und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service