Es war spät geworden am Montagabend vergangener Woche, als das Parlament in London zum Hammelsprung antrat. Der Fraktionszwang war aufgehoben, je nach Gewissenslage verließen die Abgeordneten das Unterhaus durch die Ja- oder die Nein-Tür. Vorausgegangen war eine hitzige Debatte über Moral, die Grenzen des medizinischen Fortschritts, das Recht des Menschen, in die Schöpfung einzugreifen, und das Leiden der Kranken. Eine Debatte, wie sie auch der deutsche Bundestag mehrmals geführt hat.

Völlig undenkbar ist jedoch, dass die Fragen, die jetzt auf der Insel zur Entscheidung anstanden, demnächst im Berliner Reichstag debattiert werden: Dürfen Eltern ihr zukünftiges Kind mit Hilfe genetischer Testverfahren so auswählen, dass es nach seiner Geburt als lebensrettender Zellspender für ein todkrankes Geschwisterkind dienen kann? Können künstlich gezeugte Kinder auch ohne Vater auskommen? Ist es statthaft, dass Biomediziner menschliches Erbgut in eine tierische Eizelle verpflanzen, um an diesem Mischwesen Forschung zu betreiben?

Die Antwort des britischen Parlaments wäre hierzulande ebenfalls unvorstellbar: Ja, lautete die Entscheidung der Volksvertreter in allen drei Fällen.

Wenige Tage zuvor kam von der anderen Seite des Atlantiks eine brisante Nachricht: Forscher der Cornell University hatten den ersten genetisch manipulierten menschlichen Embryo geschaffen. Sie hatten ein Gen für ein fluoreszierendes Eiweiß in eine Eizelle übertragen, nach drei Teilungen leuchtete der Embryo.

Das Grundgesetz menschlicher Fortpflanzung ist außer Kraft gesetzt

Immer schneller scheinen die natürlichen und moralischen Schranken angesichts des wissenschaftlichen Fortschrittsdrangs zu brechen. Immer tiefer greift der Mensch in die Schöpfung ein. Dass Mann und Frau in der geschlechtlichen Vereinigung ein Kind zeugen und den Nachwuchs der Zufallslotterie der Natur überlassen – dieses Grundgesetz menschlicher Fortpflanzung ist nicht mehr die Regel. Reproduktionsmedizin, Stammzellforschung und Genetik sind dabei, jahrtausendealte Vorstellungen von Elternschaft und Familie zu verändern und die Schicksalhaftigkeit unserer genetischen Ausstattung zu überwinden.

Wie weit ist die Biomedizin auf diesem Weg gekommen? Was sind derzeit realistische Visionen, was utopische Szenarien? Spielt der Mensch tatsächlich Gott – oder machen Wissenschaftler und Mediziner nur, was sie seit je getan haben: die Grenze der Erkenntnis zum Wohle der Menschheit immer ein wenig weiter zu verschieben? Und lässt sich die Entwicklung überhaupt noch stoppen, oder erodieren die bioethischen Maßstäbe seit drei Jahrzehnten unaufhaltsam?

»Mit Louise Brown hat alles angefangen«, sagt Josephine Quintavalle von der britischen Kritikerorganisation Corethics, die vergangene Woche während der Debatte im Londoner Unterhaus auf der Zuschauertribüne saß. »Es wäre besser gewesen, man hätte damals Nein gesagt.« Damals, vor genau 30 Jahren, wurde im nordenglischen Oldham das erste im Labor gezeugte Kind geboren. Dank der In-vitro-Fertilisation (IVF) erblickte Louise Brown das Licht der Welt. Und schon damals provozierte der Coup der Briten Patrick Steptoe und Robert Edwards die bekannten, widerstreitenden Reaktionen: Jubel über die medizinische Leistung und Entsetzen über die Hybris der Forscher, die den menschlichen Zeugungsakt zu manipulieren wagten.