Weltreise Auch schön, so eine Weltreise

Und wo ist es am schönsten? In Mexico City, findet der Reiseschriftsteller Helge Timmerberg. Auf den Spuren von Jules Verne umrundete er in achtzig Tagen den Globus

Eine hohe Straßenkriminalität bedeutet: keine Japaner. Kein Nichtraucherschutz bedeutet: wenige Amerikaner. Kein Strand bedeutet: kaum Deutsche und Engländer. Keine Marken-Geschäftspassagen bedeutet: Abwesenheit von Italienern. Keine Küche außer der mexikanischen bedeutet: ohne Franzosen. Keine Wucherpreise bedeutet: uninteressant für Russen. Keine Moscheen bedeutet: keine Schleier. Keiner macht sauber bedeutet: Es gibt keine Schweizer. Und so könnte es weiter gehen, bis keine Nationalität mehr übrig bleibt, außer der, die hier wohnt.

Ich habe das große Glück, einen Ort gefunden zu haben, der vom Tourismus wie von der Globalisierung gemieden wird und trotzdem alles hat, was das Herz eines Großstadtboliden begehrt. Urban, aber unberührt. Besser geht’s nicht für mich. Oder hat es andere Gründe, daß ich mich so fühle wie Olga von der Wolga im goldenen Whirlpool? So entspannt wie schon lange nicht. Drehen sich beim doppelten Jetlag die negativen Eigenschaften des einfachen ins Positive um? Wird aus Erschöpfung Frieden, wenn man doppelt müde, doppelt kaputt, doppelt aus der Zeit geraten ist? Ich weiß es nicht, aber noch nie zuvor auf meinen Reisen ähnelte die Wirkung eines Jetlags der von Opium.

Ich bin am Samstag um 14 Uhr 55 aus Tokio abgeflogen und Samstag um 17 Uhr 20 in Mexiko gelandet. Ich habe einen Tag gewonnen. Vor kurzem noch hätte ich gesagt, na ja, einen Tag mehr für diese Reise zu haben ist nicht unbedingt das, was mich vor Freude Purzelbäume schlagen läßt, aber jetzt ticke ich anders. Jetzt kann ich jede Stunde gebrauchen. Und wenn ich nicht aufpasse, beginne ich mich doch noch zu ärgern: Warum bin ich so lange in Bangkok geblieben? Warum habe ich Shanghai und Tokio nicht wie Hongkong in einem Tag oder einer Nacht durchgezogen? Dann hätte ich jetzt noch vierzig Tage, vielleicht sogar sechzig. Wie es sich anfühlt, könnte ich auch sechzig Monate vertragen. Ich bin endlich angekommen.

Dreck schafft im Straßenbild eine Tönung, die anders nicht möglich ist

Ich sitze auf einem Balkon, der jederzeit abbrechen kann, und warte auf den Morgen. Weil ich gleich nach meiner Ankunft im Hotel aufs Bett gefallen und eingeschlafen bin, wache ich mitten in der Nacht wieder auf. Aber es macht mir nichts aus, daß alles geschlossen ist und ich nichts zu essen habe. Der Bauch ist hungrig, die Seele satt. Was genau sättigt meine Seele? Schwer zu sagen, ich sehe nicht das Detail, ich sehe das Ganze, und das ist eine Straße, die auf mich wie ein Gemälde wirkt: ein unvollendetes Werk, weil jeden Tag weiter daran gearbeitet wird. Seit, ich schätze mal, über zweihundert Jahren. Oder seit über dreihundert. Das ließe sich recherchieren. Die Leute, die diese Häuser gebaut haben, waren die Ersten; sie schafften die Grundlage, den Rahmen und die Leinwand für ein Werk, an dem Generationen von Lebenskünstlern und auch Generationen von Tieren weitergemalt haben.

Nun könnte man der Meinung sein, daß ein Hund, der die Wand anpinkelt, kein großer Künstler ist. Das stimmt. Aber nur bedingt. Fokussiert man seinen Blick auf die Verfärbungen, die Hundeurin, Katzenurin, Mäuseurin und auch Menschenurin an Stein und Holz hinterlassen, ist das natürlich Dreck. Doch in der Gesamtkomposition eines kolonialen Straßenbildes schafft es Tönungen, die anders nicht hinzukriegen sind. Dasselbe gilt für jeden Nagel, den Menschen hier eingeschlagen haben, für jede Flasche, die sie fallen ließen, im Grunde sogar für jeden Schritt, den sie gemacht haben, und leider auch für das Blut, das hier geflossen ist. Jeder Quadratmeter der Straße, jede Tür, jedes Fenster, jedes Dach erzählt Geschichten vom Leben und Sterben in dieser Stadt. Und, ich vergaß, selbstverständlich malten Sonne, Wind und Regen mit sowie der große Meister Zeit. Kurz, ich betrachte ein extrem lebendiges Straßenbild, obwohl noch kein Mensch zu sehen ist. Und ich füge dem Bild etwas hinzu. Mich.

Für ein paar Stunden bin ich Teil des Gemäldes und gehöre dazu, wie die zerbrochene Fensterscheibe in dem Haus gegenüber oder wie die zerknüllte Zeitungsseite unter mir auf dem Bürgersteig. Ein Motor arbeitet sich, immer lauter werdend, durch die Stille, ein grüner VW rattert vorbei. Ein Käfer, das Auto meiner Kindheit, und meine erste eigene Karre. Irgendwo die Straße runter biegt der Spuk wieder ab und wird zur Erinnerung, wie der Schrecken der Azteken, als ihnen hier zum ersten Mal Spanier entgegenritten. Weil sie keine Pferde kannten, glaubten sie, Tier und Reiter seien ein Wesen. Wenn ich auf die Hochhäuser von Tokio und Shanghai blickte, lockte mich nichts hinter ihre verspiegelten Fassaden. Aber hier will ich ab morgen in jede Mauerritze. Hin und wieder tut es gut, die Hemisphäre zu wechseln. Ein doppelter Jetlag, fehlerfrei gelandet, auf einem baufälligen Balkon unter dem Sternenhimmel Mexikos. Und langsam zieht die Morgenröte am Himmel auf. Mein Gott, Morgenröte und Kaffeedurst sind ein perfektes Team.

Die Kellnerin legt die Hand auf meine Schulter, als wäre sie meine Mutter

Ich gehe zum Hotelrestaurant runter, aber es hat noch eine Viertelstunde geschlossen. Ich setze mich ins Foyer. Der Nachtportier, der hinter der Rezeption geschlafen hat, erhebt sich, räumt seine Decken weg und lächelt mich an. In seinen Augen ist Phlegma und Gutmütigkeit. »Buenos días, amigo«, sagt er. Ein Wachmann kommt rein und stellt sein Gewehr ab. Der Koch erscheint, dann zwei Frauen, die in dem Restaurant arbeiten, sie alle sind klein und rund und schlecht gekleidet. Die Kellnerin, die mir ein wenig später eine Jumbokanne Kaffee, frischen Orangensaft, Bohnen, Bratkartoffeln und Eier bringt, legt mir ihre Hand auf die Schulter, als wenn sie meine Mutter wäre. Oder meine Schwester. Für einen Moment ist sie das auch. Die Mutter aller Reisenden, die Schwester aller Frühstückenden. Danach kann ich schlafen.

Stimmen wecken mich, Rufe, Lachen, Musik, Hupen. Mittagssonne liegt auf dem Bett. Ich rolle mich raus und gehe auf den Balkon. Das Bild von heute nacht ist mehr als lebendig geworden, und es hat an Farbe gewonnen. Jeder trägt hier etwas Buntes, jeder etwas anderes, und das, was sie verkaufen, ist ebenfalls farbenfroh. Das ist kein Straßenbild, das ist ein schwer bewegter Flickenteppich in Indianerfarben. Verglichen mit den Ameisenstädten Asiens kommt mir das hier wie eine Maikäfermetropole vor. »Wie geil ist das denn«, sage ich laut zu mir selbst und lege mich wieder hin.

Ich schaffe es erst am Nachmittag, auf die Straße zu gehen. Ich komme nicht weit. Ist es der doppelte Jetlag oder die Sogkraft der Eindrücke? So muß sich eine Biene fühlen, die im Honig versinkt. Und Spazierengehen wird zu Spazierenstehen, wenn man nicht aufpaßt, auch schnell zu Spazierensitzen. An einem Fruchtsaftstand, zwanzig Meter vom Hotel, und sie bieten auch Kaffee an. Das Mädchen, das ihn für mich kocht, bräuchte nur den Finger reinzutippen, und der Kaffee wäre süß, ohne dick zu machen. Zum Stand gehört ein Ghettoblaster, der uns mit Latinorock beschallt. Vor einer Woche habe Shakira hier direkt um die Ecke ein Konzert gegeben, erzählt das Mädchen, vor dreihunderttausend Menschen. Wo um die Ecke? Hier um die Ecke.

Ich bin im Zentrum des Zentrums von Mexico City, im Kern der historischen Stadt. Gleich links und hundert Meter weiter steht die große Kathedrale, wo vorher der Palast der Aztekenkönige gestanden hat und davor der Kaktus. Huitzilopochtli, was für ein Name, hieß der Gott, der seinen Priestern den Auftrag gab, einen Kaktus zu suchen, auf dem ein Adler sitzt und eine Schlange verspeist. Dort sollte die Hauptstadt des Aztekenreiches errichtet werden. Sie fanden Kaktus, Adler und Schlange um 1325 und, wie gesagt, gleich um die Ecke. Der Name der Stadt geht übrigens auch nicht leicht von der Zunge. Tenochtitlán. Die Spanier haben, man kann es verstehen, die Stadt sofort umbenannt. Und umgebaut. Erst zeigten sie sich von den prächtigen Bauten und nach strengen Mustern angelegten Wohnvierteln der Aztekenhauptstadt überwältigt, dann rissen sie alles bis auf die Grundmauern ab und bauten ihre Kirchen und Häuser drauf.

Auch schön, die andalusisch-maurischen Hinterhöfe mit Brunnen und Balustraden. Die Spanier haben sich gewiß nicht beliebt gemacht auf diesem Kontinent, aber ihre Häuser sind klasse, und auf mexikanisch sieht das aus wie in JEDEM Western, den ich kenne. Präziser, wie in jedem, in dem sympathische US-Verbrecher über die Grenze nach Mexiko fliehen, um in Häusern wie diesen auf die Maria ihres Lebens zu treffen, umgeben von Blumen, Papageien und Banditen. Auch schön, die alten Buchläden und der Staub, der zwischen den Regalen in den Strahlen der Sonne tanzt, als wäre jedes einzelne, jedes noch so kleine Staubpartikel eine Schutzfee für Wörter. In Leder gebunden, in Regalen versenkt, auf Tischen gestapelt, am Boden verstreut, wünschen sich versunkene Welten, daß man sie aufklappt. Auch schön: die Omnipräsenz der Heiligenscheine und daß so viele Schaufensterpuppen Hochzeitskleider tragen. Auch schön, alles schön, wunderschön, vor allem aber macht mich das Flirren dieses energetisch aufgeladenen Unsichtbaren an, das man Atmosphäre nennt. Oder Spirit. Oder den Geist einer Stadt. Sind es die Indioseelen? Sechzig Prozent der Bevölkerung Mexikos sind Mestizen, halb Indios, halb Spanier. Von wem haben sie die Lässigkeit? Und von wem die kriminelle Energie? Vorsicht vor Taschendieben, Vorsicht beim Taxifahren, Vorsicht am Geldautomaten, Vorsicht in dunklen Straßen. Jugendbanden metzeln Touristen ab, die sich in ihnen verlaufen haben. Von wem haben sie das? Und von wem das andere? Die Musik, die Wärme und diesen unambitionierten Lebensstil, der wie Faulheit aussieht, aber eigentlich Weisheit ist. Was war in dem Kaktus, auf dem der Adler saß und die Schlange fraß? Viele Fragen und nur eine Antwort: Ich weiß es nicht.

Ich fühle mich wie neu geboren in einem schönen und wilden Leben

Beide Völker waren extrem grausam seinerzeit. Die Spanier töteten oder versklavten jeden, der kein Spanier war, und nannten das Reisen. Die Azteken schnitten Menschen bei lebendigem Leib mit einem Steinmesser das Herz heraus und nannten das Gottesdienst. Die Leichen warfen sie anschließend von ihren Pyramiden. Aber sie waren gerechter als die Spanier. Die Adeligen der Azteken wurden für ein Verbrechen härter bestraft als der einfache Mann. Und einen Mörder verurteilten sie entweder zum Tode oder übergaben ihn der Witwe des Opfers als Sklaven. Nein, ich weiß nicht, was Mexico City von wem hat. Ich weiß nur, daß es in der 18-Millionen-Stadt noch viele Straßen gibt, die ich lieben werde. Und hinter der Stadt sind die Berge, Haciendas, Räuberbanden und die Strände von Acapulco. Außerdem ist Guatemala gleich um die Ecke, El Salvador und Nicaragua.

Ich sitze an der Fruchtsaftbar unweit des Platzes, wo mal der heilige Kaktus stand, und träume wieder vom Reisen, und das ist das Schönste an diesem Tag. Und am nächsten. Und übernächsten. Drei Tage kommt das Paradies auf meine Landkarte zurück, als wäre nichts gewesen, außer dem Irrtum, daß man zu alt für diesen Quatsch werden kann. Der Geruch, der Sound, das Licht der Stadt versetzen mich in Trance, und ich docke an Erlebniswelten an, die ich längst verloren glaubte. Ich habe die Reise wiedergefunden und damit alles, was einmal meine Antwort auf alles gewesen ist. Das ist mehr als Glück. Ich fühle mich wie neu geboren in einem schönen und wilden Leben, in einem schönen und wilden Land. Mit dem letzten Drittel meiner Spesen und nur noch zwei Wochen bis zum achtzigsten Tag. Aber wer weiß, vielleicht sage ich auch: Scheiß drauf. Bleib doch so lange, wie du willst. Gern auch für immer. Open end, die alte Magie, der alte Geist! Das Piraten-Gen wird munter in Mexico City, und das ist doch schon mal was.

Helge Timmerbergs Buch »In 80 Tagen um die Welt« erscheint am 2. Juni bei Rowohlt Berlin, 288 S., 19,90 Euro. Unser Text ist ein leicht gekürzter Auszug des siebzehnten Kapitels: Mexico City

 
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