Eine hohe Straßenkriminalität bedeutet: keine Japaner. Kein Nichtraucherschutz bedeutet: wenige Amerikaner. Kein Strand bedeutet: kaum Deutsche und Engländer. Keine Marken-Geschäftspassagen bedeutet: Abwesenheit von Italienern. Keine Küche außer der mexikanischen bedeutet: ohne Franzosen. Keine Wucherpreise bedeutet: uninteressant für Russen. Keine Moscheen bedeutet: keine Schleier. Keiner macht sauber bedeutet: Es gibt keine Schweizer. Und so könnte es weiter gehen, bis keine Nationalität mehr übrig bleibt, außer der, die hier wohnt.

Ich habe das große Glück, einen Ort gefunden zu haben, der vom Tourismus wie von der Globalisierung gemieden wird und trotzdem alles hat, was das Herz eines Großstadtboliden begehrt. Urban, aber unberührt. Besser geht’s nicht für mich. Oder hat es andere Gründe, daß ich mich so fühle wie Olga von der Wolga im goldenen Whirlpool? So entspannt wie schon lange nicht. Drehen sich beim doppelten Jetlag die negativen Eigenschaften des einfachen ins Positive um? Wird aus Erschöpfung Frieden, wenn man doppelt müde, doppelt kaputt, doppelt aus der Zeit geraten ist? Ich weiß es nicht, aber noch nie zuvor auf meinen Reisen ähnelte die Wirkung eines Jetlags der von Opium.

Ich bin am Samstag um 14 Uhr 55 aus Tokio abgeflogen und Samstag um 17 Uhr 20 in Mexiko gelandet. Ich habe einen Tag gewonnen. Vor kurzem noch hätte ich gesagt, na ja, einen Tag mehr für diese Reise zu haben ist nicht unbedingt das, was mich vor Freude Purzelbäume schlagen läßt, aber jetzt ticke ich anders. Jetzt kann ich jede Stunde gebrauchen. Und wenn ich nicht aufpasse, beginne ich mich doch noch zu ärgern: Warum bin ich so lange in Bangkok geblieben? Warum habe ich Shanghai und Tokio nicht wie Hongkong in einem Tag oder einer Nacht durchgezogen? Dann hätte ich jetzt noch vierzig Tage, vielleicht sogar sechzig. Wie es sich anfühlt, könnte ich auch sechzig Monate vertragen. Ich bin endlich angekommen.

Dreck schafft im Straßenbild eine Tönung, die anders nicht möglich ist

Ich sitze auf einem Balkon, der jederzeit abbrechen kann, und warte auf den Morgen. Weil ich gleich nach meiner Ankunft im Hotel aufs Bett gefallen und eingeschlafen bin, wache ich mitten in der Nacht wieder auf. Aber es macht mir nichts aus, daß alles geschlossen ist und ich nichts zu essen habe. Der Bauch ist hungrig, die Seele satt. Was genau sättigt meine Seele? Schwer zu sagen, ich sehe nicht das Detail, ich sehe das Ganze, und das ist eine Straße, die auf mich wie ein Gemälde wirkt: ein unvollendetes Werk, weil jeden Tag weiter daran gearbeitet wird. Seit, ich schätze mal, über zweihundert Jahren. Oder seit über dreihundert. Das ließe sich recherchieren. Die Leute, die diese Häuser gebaut haben, waren die Ersten; sie schafften die Grundlage, den Rahmen und die Leinwand für ein Werk, an dem Generationen von Lebenskünstlern und auch Generationen von Tieren weitergemalt haben.

Nun könnte man der Meinung sein, daß ein Hund, der die Wand anpinkelt, kein großer Künstler ist. Das stimmt. Aber nur bedingt. Fokussiert man seinen Blick auf die Verfärbungen, die Hundeurin, Katzenurin, Mäuseurin und auch Menschenurin an Stein und Holz hinterlassen, ist das natürlich Dreck. Doch in der Gesamtkomposition eines kolonialen Straßenbildes schafft es Tönungen, die anders nicht hinzukriegen sind. Dasselbe gilt für jeden Nagel, den Menschen hier eingeschlagen haben, für jede Flasche, die sie fallen ließen, im Grunde sogar für jeden Schritt, den sie gemacht haben, und leider auch für das Blut, das hier geflossen ist. Jeder Quadratmeter der Straße, jede Tür, jedes Fenster, jedes Dach erzählt Geschichten vom Leben und Sterben in dieser Stadt. Und, ich vergaß, selbstverständlich malten Sonne, Wind und Regen mit sowie der große Meister Zeit. Kurz, ich betrachte ein extrem lebendiges Straßenbild, obwohl noch kein Mensch zu sehen ist. Und ich füge dem Bild etwas hinzu. Mich.

Für ein paar Stunden bin ich Teil des Gemäldes und gehöre dazu, wie die zerbrochene Fensterscheibe in dem Haus gegenüber oder wie die zerknüllte Zeitungsseite unter mir auf dem Bürgersteig. Ein Motor arbeitet sich, immer lauter werdend, durch die Stille, ein grüner VW rattert vorbei. Ein Käfer, das Auto meiner Kindheit, und meine erste eigene Karre. Irgendwo die Straße runter biegt der Spuk wieder ab und wird zur Erinnerung, wie der Schrecken der Azteken, als ihnen hier zum ersten Mal Spanier entgegenritten. Weil sie keine Pferde kannten, glaubten sie, Tier und Reiter seien ein Wesen. Wenn ich auf die Hochhäuser von Tokio und Shanghai blickte, lockte mich nichts hinter ihre verspiegelten Fassaden. Aber hier will ich ab morgen in jede Mauerritze. Hin und wieder tut es gut, die Hemisphäre zu wechseln. Ein doppelter Jetlag, fehlerfrei gelandet, auf einem baufälligen Balkon unter dem Sternenhimmel Mexikos. Und langsam zieht die Morgenröte am Himmel auf. Mein Gott, Morgenröte und Kaffeedurst sind ein perfektes Team.