Vor Kurzem waren sie das erste Mal in ihrem Leben in einer normalen Schule. Zur Probe gewissermaßen. Eine Woche lang verbrachten sie Stunden in geschlossenen Räumen. Sie saßen in geordneten Reihen. Sie hörten Lehrer lange reden. Gefallen hat es ihnen nicht. »Irgendwie ungemütlich«, fand Marleen. Die Klassenräume sahen alle gleich aus. Außerdem habe es Schüler gegeben, berichtet Rabea erstaunt, die »im Unterricht kein einziges Wort sagten«. Die beiden Mädchen sind in der zehnten Klasse. Die Schnupperwoche an der fremden Schule verbrachten sie, weil sie bald an ein solches »normales« Gymnasium wechseln werden, um ihr Abitur zu machen. Wenn die beiden 15-Jährigen darauf zu sprechen kommen, hört sich das ein wenig so an, als stünde ihnen die Vertreibung aus dem Paradies bevor.

Ihr Paradies liegt am Rand des Teutoburger Waldes und trägt einen seltsamen Namen: Laborschule Bielefeld. Rein äußerlich ein hässlicher Zweckbau auf dem Campus der Universität, die noch größer und hässlicher ist, zusammengebaut aus Beton, Stahl, Asbest. Hier haben Marleen und Rabea ihre bisherigen Schuljahre verbracht und dabei an einem Experiment teilgenommen, das seit Jahrzehnten zu den ambitioniertesten bildungspolitischen Reformprojekten der Bundesrepublik gehört. Es ist noch heute so kühn und ungewöhnlich, dass die beiden Mädchen Nachbarkindern ihre Schule immer wieder erklären mussten. Die wollten nicht glauben, dass dort niemand sitzen bleiben kann, die Rektorin von allen geduzt wird und es sogar einen Zoo gibt.

Der Gründer der Laborschule, Deutschlands Altmeister der Pädagogik Hartmut von Hentig, wollte hier den Traum einer Schule wahr machen, in der Kinder gerne lernen und leben und wo sie an eigenen Erfahrungen wachsen, statt von Erwachsenen belehrt zu werden. Die Schüler sollen das Tempo, in dem sie sich die Wirklichkeit erschließen, selbst bestimmen, statt im Gleichschritt dem Lehrplan hinterherzulaufen. Die Laborschule sollte eine Art Polis im Kleinen sein, wie der Altphilologe von Hentig es nannte, ein »Zipfel besserer Welt« – und damit ein Gegenentwurf zu den anderen Lehranstalten im Land, in denen den Kindern die natürliche Neugier eher abtrainiert als nahegebracht werde. So war das vor mehr als 34 Jahren in den bildungsbewegten Siebzigern. Und so ist es heute, wo die Zeichen in Schulen und Universitäten erneut auf Wandel stehen. »Viele der Hentigschen Prinzipien sind moderner denn je«, sagt die heutige Schulleiterin Susanne Thurn. Das stimmt. Und es ist gleichzeitig falsch.

Nichts in der Schule ist so alt wie der Ruf nach Neuerungen

Denn kaum etwas im modernen Unterrichtswesen ist so alt wie der Ruf nach Neuerungen. Bildung und Reform sind gerade in Deutschland in doppelter Weise eng verknüpft. Die Gesellschaft durch Bildung zu verbessern in Institutionen, die dieser Aufgabe nicht gewachsen sind und selbst der Verbesserung bedürfen: Diese Vorstellung findet man schon bei Friedrich Schleiermacher Ende des 18. Jahrhunderts. Wilhelm von Humboldt (1767 bis 1835) machte sie zu konkreter Politik und legte in Preußen die organisatorischen Fundamente für Schulen und Universitäten.

Seither sind Bildungsreformen das Lieblingsthema der deutschen Nation. Kaum ein anderes Land hat so viele Reformpädagogen hervorgebracht: Friedrich Wilhelm August Fröbel (Kindergarten), Rudolf Steiner (Waldorfschulen), Peter Petersen (Jena-Plan-Schulen). Durchsetzen konnte sich keiner. Vielmehr haben sich die Bildungsinstitutionen in erstaunlicher Weise als resistent gegen Veränderungen erwiesen. Das Lernen im 45-Minuten-Takt, die Kategorisierung der Welt in Fächer (siehe Interview), die Hierarchie von einfachen Schulen bis zur »höheren« Schule, dem Gymnasium, das zum Studium führt: Sie gab es damals wie heute. Und würde man verschiedene Berufsgruppen – Ärzte, Architekten, Ingenieure, Lehrer – mit einer Zeitmaschine aus der Vergangenheit ins Jahr 2008 beamen, Lehrern käme ihr Arbeitsplatz am vertrautesten vor.

Es sei denn, sie landeten an der Laborschule. Lisa hat sich heute zuerst mit krakeligen Buchstaben ins Gruppenbuch eingetragen. Kerim kam zuletzt und setzte seinen Namen in schöner Schrift daneben. Nun sitzen sie mit der »Gruppe grün« versammelt auf dem Teppich – einige in Socken, andere in Hausschuhen – und besprechen den Vormittag. Die fünfjährige Lisa möchte Buchstaben ausschneiden, Kerim die Rechenaufgaben fortsetzen, bei denen er gestern nicht besonders weit gekommen ist. Kurze Zeit später sucht sich jeder aus der Runde einen Platz. Die einen am großen Gruppentisch, die anderen auf dem Sofa.