Sechzig Jahre nach Gründung der Bundesrepublik wächst offenbar die Neigung, die Entwicklung im westdeutschen Teilstaat als eine einzige Erfolgsgeschichte zu präsentieren. Zu dieser Konstruktion gehört, als ein wesentliches Element, die Rede von der geglückten Integration der Vertriebenen nach 1945. In überraschend kurzer Zeit, so heißt es, sei es dank gemeinsamer Anstrengungen gelungen, Millionen entwurzelter Menschen aufzunehmen und ihnen eine neue Lebensperspektive zu bieten.

Dieser Lesart tritt nun Andreas Kossert entgegen. Der am Deutschen Historischen Institut in Warschau tätige Wissenschaftler hat sich mit Büchern über Masuren und Ostpreußen als Kenner jener Regionen ausgewiesen, die einst zu Deutschlands Osten gehörten. Dem Schicksal der 14 Millionen Menschen, die bei Kriegsende aus den Ostgebieten flüchteten beziehungsweise später vertrieben und zwangsumgesiedelt wurden, geht er in seinem neuen Werk nach. Es erscheint zu einem Zeitpunkt, da nach viel beachteten Ausstellungen, TV-Dokumentationen und Spielfilmen, nicht zuletzt auch durch den Streit um das Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin eine neue Sensibilität für das Thema zu registrieren ist.

Kalte Heimat – der Titel sagt bereits viel. Denn die Vertriebenen waren alles andere als willkommen. Auf das Unglück von Flucht und Vertreibung folgte die bittere Erfahrung von Ausgrenzung und Diskriminierung. Für die Einheimischen, die ihre Habe über den Krieg hinaus hatten retten können, waren die Heimatlosen, die buchstäblich nichts mehr besaßen, Eindringlinge. Solidarität zu zeigen und freiwillig mit ihnen zu teilen – das kam den wenigsten in den Sinn.

Kossert weist nach, dass sich in der feindseligen Ablehnung, die den Vertriebenen entgegenschlug, alte rassistische Vorurteile gegen die Menschen »aus dem Osten« mischten, die durch die NS-Propaganda verstärkt worden waren. Sie wurden als »Polacken« beschimpft und als Hinterwäldler verunglimpft. Erschütternd zu lesen, was etwa Südschleswiger in einer Petition an den englischen Feldmarschall Montgomery vom Oktober 1945 zu Papier brachten: »Der Strom von Fremden aus den Ostgebieten droht unseren angestammten nordischen Charakter auszulöschen…« Das war, wie das Buch belegt, keine Einzelstimme. Die Angst vor einer »Überfremdung« ging um, und zwar besonders in Ländern wie Schleswig-Holstein, wo sehr viele der Heimatlosen Zuflucht suchten.

Vor allem in ländlichen Regionen, wo siebzig Prozent der Vertriebenen untergebracht wurden, führte das Zusammentreffen von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Konfession und Bildung zu heftigen Spannungen. »Jede Plage, jedes Vergehen kreidete man den Vertriebenen an«, schreibt Kossert. »Sie hatten das Ungeziefer mitgebracht, sie waren verdächtig, wenn etwas gestohlen worden war. Dass Geschlechtskrankheiten und uneheliche Geburten zunahmen, auch dafür wurden sie verantwortlich gemacht.«

Andererseits wirkten die Neuankömmlinge in der bis dahin weitgehend homogenen ländlichen Gesellschaft wie ein Ferment. Sie brachten alteingesessene Milieus durcheinander, stellten eingeschliffene Traditionen und kulturelle Konventionen infrage. Auf diese Weise sorgten sie für eine Entprovinzialisierung des dörflichen Lebens. Darin sieht Kossert einen wichtigen Beitrag zur Modernisierung der Bundesrepublik. Ohne die Mobilität der Vertriebenen, ohne ihren sprichwörtlichen Fleiß und ihre hohe Anpassungsbereitschaft, so die These, wäre das »Wirtschaftswunder« nicht denkbar gewesen.

Der wirtschaftliche Aufschwung wiederum war eine Voraussetzung dafür, dass sich das gesellschaftliche Konfliktpotenzial, das sich nach Ankunft der Vertriebenen angestaut hatte, im Laufe der fünfziger Jahre entspannte. Ausführlich geht Kossert auf die Diskussion um das Lastenausgleichsgesetz von 1952 ein – »die größte sozialpolitische Transferleistung vor der Wiedervereinigung«. Allerdings weist er die Auffassung, dass damit die Vermögensverluste ausgeglichen worden seien, ins Reich der Legende. Die gewährten Entschädigungen linderten die schlimmste Not und waren eine willkommene Starthilfe, mehr nicht. Am Rande vieler Orte entstanden damals die typischen Flüchtlingssiedlungen mit den kleinen Einfamilienhäusern – ein Zeichen dafür, dass sich die Vertriebenen auf eine Zukunft in der neuen Heimat einzustellen begannen. Bei den Einheimischen erregten die Lastenausgleichszahlungen vielfach Neid und Missgunst. »Kommen da aus der Walachei und bauen sich Paläste!«, war eine nicht seltene Reaktion.