Dieses Buch ist ein Angriff auf Herrschaften wie Sie und mich. Auf Leute, die Bücher lesen, ins Theater gehen und nur ausnahmsweise bei McDonald’s verkehren. Auf Eltern, die aus dem staatlichen Schulsystem flüchten oder zumindest dafür sorgen, dass der Nachwuchs in einer akzeptablen Einrichtung unterkommt. Sprich: auf keinen Fall in einer Problemschule, auf keinen Fall mit allzu vielen Kindern aus schwierigen Verhältnissen. Als da sind – das Migrationsmilieu und jene »bildungsfernen Schichten«, in deren Namen Bruno Preisendörfer uns die Leviten liest.

Die frühe Verteilung der Schüler auf Haupt-, Real- und gymnasiale Oberschule beschädigt die Bildungsmöglichkeiten derer, die unter erschwerten Bedingungen die Schulbank drücken, für die Deutsch keine Muttersprache ist oder ein Lautbrei Marke Teletubbies. Und sie zementiert den Vorsprung jener Abc-Schützen, die schon vor dem ersten Schultag das Alphabet beherrschen.

»Unser Bildungssystem ist immer noch grundgesetzwidrig«, stellt der Germanist Preisendörfer dazu fest. Denn es sortiert, klassifiziert und prämiert Kinder nach Maßgabe ihrer Herkunft. Dass die Abkömmlinge von Arbeitern auf den Gymnasien und Universitäten dieses Landes wenig vertreten sind, hat nichts mit ihrem IQ, aber sehr viel mit dem Prozedere der Leistungsbemessung zu tun. Das Recht auf Chancengleichheit, das allen Kindern zusteht, ist ein leeres Versprechen.

Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen: Was geht das mich an, und war das nicht immer so? Die Schüler von heute sind aber die Gesellschaft von morgen; sie wachsen in ein soziales Gefüge hinein, das, falls die bestehenden Differenzen fortgeschrieben werden, ein enormes Aggressionspotenzial heranzüchtet. Dass die Minderprivilegierten sich in Zeiten ubiquitärer Wohlstandsverheißungen – »mein Haus, mein Auto, mein Boot« – klaglos in ihr Schicksal fügen werden, können nur eingefleischte Optimisten oder Zyniker erwarten.

Bruno Preisendörfers Streitschrift macht Schluss mit dem Schwarzer-Peter-Spiel. Denn sie stellt klar, dass wir allesamt die Bildungsmisere und ihre »institutionalisierte Verantwortungslosigkeit« verschuldet haben und munter weiter unterhalten: die Privilegierten mit ihrer Abschottungsstrategie; die Behörden, die herrenreiterlich und planlos eine Reformlawine nach der anderen lostreten; die Politiker, die das föderale Chaos verteidigen, Innovationen blockieren und den Rotstift schwingen; die Lehrer, die resignieren, statt lauthals aufzubegehren; und schließlich jene »bildungsfernen Schichten«, die ihre festgefahrene Opferhaltung umstandslos der nächsten Generation vererben.

Was tun? Preisendörfer belässt es bei der Philippika, die Wind entfacht, aber wenig Wirkung zeitigen wird. Dafür hat der Frankfurter Kultur- und Erziehungswissenschaftler Sven Sauter jene »Nahtstellen« zwischen Schule und Elternhaus, zwischen Primar- und Sekundarstufe untersucht, an denen viele Bildungslaufbahnen scheitern. Die Crux ist demnach, dass auffällige Kinder ohne jede Steuerung durch Fördermaßnahmen geschleust werden: Die rechte Hand weiß nicht, was die linke tut. Deshalb fordert Sauter eine Vernetzung aller Beteiligten – Lehrer, Therapeuten, Sozialpädagogen, Eltern – und eine intensive Erhellung des familiären Umfelds. »Rede nicht, traue nicht, fühle nicht«: Nach dieser Regel verhalten sich Kinder aus Zuwandererfamilien, denen Deutschland fremd geblieben ist. Hier sind Mentoren gefragt, Hausaufgabenbetreuer etwa, die jenseits aller Leistungszwänge verlässliche Bindungen aufbauen, ohne die Eltern auszubooten. BILD

Insgesamt ist ein Umbau unserer Bildungslandschaft unvermeidlich. Vorbilder gibt es, nicht nur bei den Pisa-Siegern. Warum landen beim Deutschen Schulpreis auffällig oft die viel geschmähten Gesamtschulen auf Platz 1? Weil sie soziales Lernen, individuelle Förderung und Leistung miteinander verbinden und auf die übliche »Auslese« als Nadelöhr der »gesellschaftlichen Platzanweisung« (Sauter) verzichten. Man muss kein Bildungsbolschewist sein, um das zu begrüßen, sondern nur zweierlei gutheißen: Vielfalt und Solidarität.