Siebeck Schnitzel für Schlachtenbummler
Auch Fußball-Fans werden mal hungrig. Unser Kolumnist stellt die besten Alternativen zum Stadion-Essen in Wien vor
Die Fußballfans sind um ihren Wienbesuch zu beneiden. Ich habe im Umkreis des Stephansdoms erst jüngst wieder Entdeckungen gemacht, wie ich sie mir für Berlin wünschen würde.
Da hat sich in der Jasomirgottstraße eine Filiale von Wein & Co aufgetan, nur fünfzig Meter von der Wohnung entfernt, in der ich mehrere Winter gewohnt habe. Dieser Laden wäre mein Wohnzimmer gewesen, und ich hätte nichts von Wien gesehen, wenn er damals schon existiert hätte. Einerseits ein Verkaufsgeschäft, wo man so ziemlich alle österreichischen Weine kaufen kann, dann eine Bar, wo sie glasweise ausgeschenkt werden, sodann Stehtische und eine Essecke. Alles in Chrom und hellem Holz und von den Flaneuren der Stadt eifrig besucht. Hier ist die Weinbar mit dem Wiener Kaffeehaus eine glückliche Verbindung eingegangen.
Von den übrig gebliebenen alten Adressen habe ich Rudis Beisl wieder besucht, in dem es zugeht wie bei einer Thomas-Bernhard-Aufführung. Da sitzen Grantler, Dichterinnen, Zimmerwirtinnen und Rentner dicht gedrängt und essen riesige Portionen einer Altwiener Küche, welche dem Koch erstaunlich gut gelingt. Ein ideales Theater für hungrige Ethnologen.
Schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite befindet sich eine weitere beliebte Futterstelle, der Südländer, worunter man hier keinen Italiener zu verstehen hat, sondern einen Kroaten. Der ist ein leutseliger Wirt und ein routinierter Fischkoch. Hier trinkt man Sliwowitz zum Steinbutt.
Unverändert gemütlich, wenn auch weniger urig, ist in der Innenstadt, dem 1. Bezirk, das Ofenloch, wo die Qualität der Wiener Spezialitäten von der jeweils arbeitenden Küchenbrigade abhängt. Die Bedienung ist touristenzahm und überaus freundlich, die Kulisse großes Burgtheater.
So gut wie keine Kulisse braucht der Pfarrwirt in Döbling. Er muss ein kunstverständiger Zeitgenosse sein, denn wein- und schrammelselige Folklore hat er aus den alten, hohen Räumen entfernt und auf den wunderbaren Ausblick auf Wien gesetzt, den man von seinem schönen Lokal aus hat. Ein fast zehn Meter langer Fries von Spörri über der Theke am Eingang ist nicht weniger sehenswert. Das Essen ist ordentlich, wenn auch ohne Höhepunkte.
Ungewöhnlich ist der Erfolg, den ein Selbstbedienungslokal am Minoritenplatz hat. Das Minoritenstüberl ist eigentlich die Kantine für die Beamten des Unterrichts- und des Wissenschaftsministeriums, und der hintere Teil des Kellerlokals ist für sie reserviert. Um die Plätze im vorderen Teil stehen die Passanten Schlange, was auch durch die TV-Präsenz des Kochs zu erklären ist. Was Andreas Wojta seinen Gästen an Altwiener Speisen bietet, mag gut sein (Hauptgerichte 7 bis 11 Euro), ich hatte aber zu wenig Geduld, um auf einen freien Platz zu warten.
Dafür zum Schluss noch einmal ein Ausflug in die Hochküche, denn auch Schlachtenbummler wollen manchmal fein essen. Ein Koch, der durch die Restaurantführer besonders hart abgestraft wurde, ist Reinhold Gerer vom Korso. Ich habe ihn immer für seine Spontanität bewundert, seine Behandlung der Innereien hat meine Liebe zu den verpönten Produkten gefördert. Deshalb habe ich wieder im Korso gegessen und war begeistert wie eh und je. Wenn er ein Menü mit einer deftigen Linsensuppe einleitet, dann Kalbshirn mit Nieren kombiniert und auch die folgenden Gänge furchtlos akzentuiert, dann ist das so überzeugend wie bürgerlich und ein Hochgenuss.
Wein & Co:
Jasomirgottstraße 3–5, A-1010 Wien, Tel. 043-1/5350916
Rudis Beisl:
Wiedner Hauptstraße 88, A-1050 Wien, Tel. 0043-1/5445102
Südländer:
Wiedner Hauptstraße 115, A-1050 Wien, Tel. 0043-1/2083888
Ofenloch:
Kurrentgasse 8, A-1010 Wien, Tel. 0043-1/5338844
Pfarrwirt:
Pfarrplatz 5, A-1190 Wien, Tel. 0043-1/3707373
Minoritenstüberl:
Minoritenplatz 5, A-1010 Wien, Tel. 0043-1/5335281
Korso:
Mahlerstraße 2, A-1010 Wien, Tel. 0043-1/51516546
- Datum 28.05.2008 - 06:38 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 29.05.2008 Nr. 23
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