Schweiz: Drunter und drüber
Wäsche machte St. Gallen reich. Noch heute findet man hier feinste Spitzen und an den Häusern der Textilbarone prächtige Ornamente
Das Wort »Dessous« benutzt Tobias Forster nicht. Er spricht von »Wösch« – Wäsche. Forster kriecht auf Knien über den Flur des Textilmuseums St. Gallen und tackert kostbare Wäschespitze an die Wand. Spitze, wie sie sonst für die teuersten BHs und Höschen internationaler Designerlabels verarbeitet wird. St. Gallen widmet dem textilen Darunter die Ausstellung Secrets – Dessous ziehen an. Am Abend ist schon Vernissage, darum fasst Forster, der Projektleiter, selbst mit an. Er ist ein schmaler Mann mit einem alterslosen Gesicht und verkörpert das, was man den Ostschweizern im Rest des Landes nachsagt: Sie seien nüchtern und eher kühl.
Mit zarter Ware, wie sie nun, nach den Farben des Regenbogens geordnet, die Wand bedeckt, macht das Familienunternehmen Forster Rohner AG 80 Prozent seines Umsatzes. Außerdem stellt es die wunderschönen, unfassbar teuren Stoffe her, aus denen die großen Couturiers der Welt – Armani, Prada, Yves Saint Laurent – ihre Kreationen schneidern. Forster war Kreativdirektor des Unternehmens, bis er sich vor Kurzem im Alter von 63 zurückzog. 2006 wurde er vom Pariser Bürgermeister als »Créateur de l’Année«, als Modeschöpfer des Jahres, ausgezeichnet. Seine Firma ist eine der letzten, die den sagenhaften Aufstieg der Spitzenindustrie in St. Gallen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts miterlebt und den Niedergang in den 1950er Jahren überlebt hat.
St. Gallen liegt auf 670 Metern zwischen dem Rosen- und dem Freudenberg, nicht weit entfernt beginnt der Bodensee. Im rauen Klima des Hochtals wuchsen im Mittelalter nur Flachs und Hanf, was zu einer ersten Blüte der Textilherstellung führte. Vor dem Ersten Weltkrieg war St. Gallen eine der reichsten Städte der Welt und die Spitzenproduktion der wichtigste Wirtschaftszweig der Schweiz. Das weiß kaum jemand mehr. Dabei hat die Blütezeit der Stickerei um die Jahrhundertwende das Erscheinungsbild der Stadt stark geprägt, und man kann den textilen Spuren bis heute folgen.
Etwas vom Größenwahnsinnigsten in St. Gallen ist der Bahnhof
Eine, die ein Auge dafür hat, ist die St. Gallerin Alexa Lindner. In Anlehnung an Elisabeth Gerters Ostschweizer Industrieroman Die Sticker von 1938 erarbeitete sie vor einem Jahr mit geschichtsinteressierten Freundinnen eine Ausstellung. »Alles, was in St. Gallen interessant ist, sieht man erst, wenn man den Kopf hebt«, sagt Alexa Lindner und zeigt nach oben. Hier, an der Ecke Multer- und Neugasse, wenige Schritte vom Textilmuseum entfernt, ragen in etwa acht Meter Höhe die Skulpturen lebensgroßer Köpfe aus der Sandsteinfassade eines Jugendstilhauses. Ein Afrikaner, ein Asiat, ein Amerikaner und das hagere, strenge Gesicht eines Europäers blicken von oben herab. »Die Textilbarone machten auf der ganzen Welt Geschäfte und brachten von dort Eindrücke mit, die sie an ihren Häusern verewigten.«
In der Altstadt zeugen noch viele Gebäude davon, dass Handel und Leben eng miteinander verbunden waren. Rund fünfzig Prozent der gesamten Weltproduktion an feinen Spitzen und wertvollen Stoffen kamen aus St. Gallen. Sie lagerten in den Räumen der Erdgeschosse, die darum sehr hoch und schmucklos gebaut sind. »Die Geschäfte wurden in der noblen ersten Etage abgewickelt«, erklärt Alexa Lindner. In den Stockwerken über dem »Piano Nobile« residierten die Kaufleute mit ihren Familien. Mit üppigen Friesen, Säulen und Blütenornamenten ließen sie den oberen Teil der Fassaden deshalb schmücken.
Viele Händler zog es auch zum Rosenberg. Der Hang, der direkt hinter den Bahngleisen ansteigt, ist mit kolossalen Jugendstilvillen überzogen, die Namen wie »Wigwam« oder »Bellavista« tragen. Hier herrscht ein für die Schweiz ganz ungewöhnlicher Prunk: Türmchen, Erker und Wintergärten, die ganz offen zeigen, was man hat.
Am Fuß des Rosenbergs steht das »Haus Washington«: ein verschnörkelter Sandsteintrumm im neubarocken Stil, der im Baujahr 1892 als Sensation galt. Über dem Eingangsportal schneidet ein steinernes Gesicht eine höhnische Fratze. Der Mund ist aufgerissen, die Zunge dem Besucher weit entgegengestreckt. So wohnte man in St. Gallen als erfolgreicher Textilunternehmer in den Blütejahren, wenn man den Mitmenschen zeigen wollte, was sie einen können.
Etwas vom Größenwahnsinnigsten in St. Gallen ist der Bahnhof. Die Halle ist hoch wie ein Kirchenschiff, die schweren, automatischen Holztüren am Eingang wurden mit filigranen Eisengittern verziert, die gestickten Spitzen nachempfunden sind. »Hier lag einst der bedeutendste Verkehrsknotenpunkt der Schweizer Wirtschaft«, sagt Alexa Lindner. »Von hier wurden die Spitzen in die ganze Welt verschickt.« Vor einigen Jahren ist die »Klubschule«, eine Art private Volkshochschule des Migros-Konzerns, eingezogen. Im ersten Stock gibt es eine öffentliche Cafeteria, von deren Terrasse aus man die enormen Ausmaße des Bahnhofs und des gegenüberliegenden Postgebäudes – des größten Postamtes der Schweiz – am besten erkennen kann.
»Um St. Gallen zu verstehen, muss man wissen, dass der Reichtum der Fabrikanten und Exporteure im 19. Jahrhundert nicht ohne das Heer der Sticker möglich gewesen wäre«, sagt Alexa Lindner, die ihre kaufmännische Lehre Ende der fünfziger Jahre bei einem Anwalt absolviert hat. »Der war Sozialdemokrat. Da wurde ich infiltriert.« Seither interessiert sie sich für die Sozialgeschichte der Region: Die Heimarbeiter in den Dörfern lebten in vollkommener Abhängigkeit von den Ferggern, den Zwischenhändlern, die sie mit Aufträgen versorgten, ihnen Musterzeichnungen und Material brachten, die fertige Ware wieder abholten und die Preise drückten.
Einer der letzten Handsticker der Schweiz lebt im Toggenburg, eine halbe Autostunde von St. Gallen entfernt. Je näher man dem Weiler kommt, in dem er wohnt, desto uriger werden die Richtungsangaben der Bauern, die man nach dem Weg fragt: »Hinter der Käserei rechts den Stotz hoch und dann beim Saustall 100 Meter geradeaus.« Bernhard Hollenstein ist 72 Jahre alt, und er freut sich über jeden, der den Weg zu ihm findet. Sein Haus ist 300 Jahre alt, strähnige Holzschindeln bedecken es wie Schuppen einen Fisch. Im Innern sieht fast alles noch so aus wie in Hollensteins Kindheit in den 1940er Jahren. Wie zehntausend andere Kleinbauern in der Ostschweiz kaufte auch Hollensteins Vater damals eine Handstickmaschine. »Wir Kinder mussten einfädeln, weil unsere Hände kleiner waren«, sagt Hollenstein. Kinderarbeit war fester Bestandteil des Gewerbes. Erst im Alter konnte der Sticker Frieden damit schließen, dass er keine höhere Schule besuchen durfte.
Während in der Ferne die Glocken der Kühe bimmeln und die Sonne durch die offenen Fenster scheint, setzt sich Hollenstein an den Pantografen. Das ist eine Art Zeichenbrett am Rand der riesigen Maschine, auf dem das zu stickende Motiv in sechsfacher Vergrößerung aufgezeichnet ist. Mit einem Metallstift fährt er die einzelnen Linien ab und bringt so die aufgespannte Stoffbahn in die richtige Position. Mit einem Handrad bewegt er die Schiene mit Hunderten Nadeln auf den Stoff zu, bis sie mit einem Ruck durch ihn hindurchgetrieben und wieder zurückgezogen werden. Beim Durchstoßen des gespannten Stoffes entsteht ein Geräusch, das wie das Auflodern eines Feuers klingt. »Das ist der Klang des Stickens. Den vergisst man nie, wenn man damit aufgewachsen ist«, sagt Hollenstein. Ansonsten herrscht Stille im Raum. Der Sticker muss hören, wenn ein Faden reißt oder eine Nadel bricht.
Beim Anblick der gestickten Höschen seufzen die Ausstellungsbesucherinnen
Bernhard Hollenstein hat sein Stickerhaus im Toggenburg zu einem Refugium gemacht. Jeden Morgen taucht er dort ein in eine frühindustrielle Vergangenheit, deren letzte Ausläufer er noch erlebt hat. Abends fährt er mit dem Auto zurück in die Gegenwart nach St. Gallen, wo er mit seiner Frau wohnt. »Sie denkt nicht daran, aufs Land zu ziehen.«
Die Stadt zeigt kaum noch Spuren vom ärmlichen Leben der Sticker und Textilarbeiter, die in den Quartieren zwischen Marktplatz und Bahngleisen arbeiteten und wohnten. Manche der Gässchen – nur wenige Schritte vom prunkvollen »Haus Washington« entfernt – sind so eng, dass zu keiner Tageszeit ein Sonnenstrahl eindringt. Heute treffen sich hier die jüngeren St. Galler in den Restaurants und Bars zwischen Kirch- und Engel-, Augustiner- und Metzgergasse. Doch exzessiv wird die Nacht in einer traditionell so arbeitsamen Stadt nicht begangen. Man nimmt einen Aperitif, wählt zum Abendessen zwischen ein paar alternativ oder japanisch-stylisch angehauchten Lokalen, trinkt danach vielleicht noch ein Bier. Um 23.30 Uhr ist Polizeistunde, am Wochenende eine Stunde später. Protestantisch streng geht es in St. Gallen zu.
Im Textilmuseum ein paar Fußminuten weiter wird inzwischen die Dessous-Ausstellung eröffnet. Die Damen sind im strengen Hosenanzug erschienen. Nichts an ihnen lässt auf den Wunsch schließen, die textile Tradition der Stadt am eigenen Körper zu würdigen. Angesichts der historischen BHs, der fein gestickten Höschen und zart durchbrochenen Nachthemden seufzen sie dann aber doch sehnsüchtig: »Ach, sind die schön!«
Früher einmal hieß der Beischlaf in St. Gallen »Mörgele«: das, was man am Morgen tut. Vornehmlich am Sonntag, wenn man nicht zur Arbeit muss. Diese Sitte scheint überlebt zu haben. Weil morgen ein ganz normaler Wochentag ist, werfen die Herren nur kurze verstohlene Blicke auf die Exponate und sammeln sich dann abseits, um übers Geschäftliche zu reden. Ein aufreizendes Stück »Wösch« kann sie an diesem Abend nicht in Versuchung führen.
Information
Anreise:
Der nächste Flughafen ist Zürich. Vom Zürcher Flughafen und Hauptbahnhof fahren alle halbe Stunde Züge nach St. Gallen
Unterkunft:
Erstes Haus am Platz ist das Viersternehotel Einstein. In dem historischen Gebäude war einst eine Textilveredelung untergebracht. Heute gehört es der Familie, die das einzige St. Galler Haute-Couture-Label Akris führt. Vor allem im neuen Trakt gibt es sehr geräumige, mit edlen Hölzern und viel Marmor eingerichtete Zimmer und Suiten. DZ ab 244 Euro. Berneggstrasse 2, Tel. 0041-71/2275555,
www.einstein.ch
Etwas preiswerter ist das Hotel am Ring. Die Zimmer sind charmant und individuell eingerichtet. DZ ab 86 Euro. Unterer Graben 9, Tel. 0041-71/2232747,
www.hotelamring.ch
Essen:
Typisch für St. Gallen sind die »Erststockbeizli« – rustikale Lokale, die im ersten Stock der Altstadthäuser liegen. Zum goldenen Schäfli etwa bietet die typische Sankt Galler Bratwurst mit Rösti und zahlreiche Spezialitäten aus Innereien. Das Lokal ist im letzten Zunfthaus der Stadt untergebracht. Über die Jahrhunderte ist das Haus durch den veränderten Grundwasserspiegel so schief geworden, dass die Höhenunterschiede im Gastraum fast dreißig Zentimeter betragen. Metzgergasse 5, Tel. 0041-71/2233737,
www.zumgoldenenschaefli.ch
Von der Stickgardine auf dem WC bis zur Kürbissuppe ist im Bar-Café Stickerei alles handgemacht. Oberer Graben 44, Tel. 0041-71/2226232,
www.cafebarstickerei.ch
Kultur:
Einen guten Überblick über das tägliche Angebot findet man in dem sehr empfehlenswerten Kulturmagazin »Saiten«. Erhältlich an größeren Kiosken im Raum St. Gallen oder direkt bei der Redaktion. Oberer Graben 38. Tel. 0041-71/2223066,
www.saiten.ch
Textilmuseum:
Die Ausstellung »Secrets – Dessous ziehen an« ist bis zum 30. Dezember 2008 täglich von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Eintritt 12 Franken (8 Euro). Vadianstrasse 2. Tel. 0041-71/2221744,
www.textilmuseum.ch
Auskunft:
St. Gallen-Bodensee Tourismus, Tel. 0041-71/2273737,
www.st.gallen-bodensee.ch
, bietet Arrangements, die eine Übernachtung mit Frühstück, den Eintritt ins Textilmuseum und eine Stadtführung beinhalten. Ab 65 Euro






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