Von wegen Straßenkunst. Viele Graffiti-Künstler zieht es mit Macht in die Museen, und die Museen sind glücklich, wenn sie sich mit ihnen schmücken dürfen. Am Wochenende gab die Tate Modern in London sogar ihre gewaltige Fassade für die Sprayer frei, sechs ausgewählte Street-Art-Künstler durften die ehemalige Turbinenhalle bemalen – mit marschierenden Soldaten, gefolterten Menschen, verbrannten Leichen. Es ist ein Affront, und es soll einer sein: Auf einem der Bilder zielt ein junger Schwarzer mit seiner Waffe auf die Besucher, die ins Museum strömen. Erst auf den zweiten Blick erweist sich die großkalibrige Waffe als Videokamera. Tausende kamen am Wochenende, standen und starrten hoch.

Was als Untergrundkunst begann, scheint sich nun für ein Massenspektakel zu eignen. Die Tate Modern bietet auch Stadtführungen zu ausgewählten Graffiti an, Kinder können auf der Internetseite des Museums das Sprühen virtuell üben. Und neben Journalisten und Museumskuratoren interessieren sich auch die Händler und Sammler immer leidenschaftlicher für die Sprühkunst – mit zum teil grotesken Folgen. So hatte der britische Street-Art-Künstler Banksy vor mehreren Jahren ein kleines Graffito an der Mauer des Berliner Garnisonsfriedhofs hinterlassen, eine Ratte, die ein Anarchiezeichen malt. Einem Sammler schien das Bildchen so viel wert zu sein, dass er den Restaurator Carsten Hüttich beauftragte, der sich normalerweise mit alten Mosaiken und Klosterwänden beschäftigt. Er sägte das Graffito aus dem Putz heraus, vorsichtig, fachgerecht.

Seit zwei Jahren nun sorgt Banksy, von dem man nicht viel mehr weiß, als dass er aus Bristol stammt, für große Aufregung auf dem Kunstmarkt: Seine Sprühbilder werden für mehrere Hunderttausend Euro auf Auktionen versteigert, Brad Pitt und Angelina Jolie gehören zu seinen Sammlern, seine Bildbände sind Bestseller. Auch in der Universität etabliert sich die Straßenkunst gerade: Früh schon hatten sich Soziologie und Cultural Studies mit Graffiti beschäftigt, dabei ging es noch um das Studium von Subkulturen. Nun aber ist die Street Art ein Gegenstand der Kunstgeschichte. Handelt es sich bei dem Phänomen gar um eine eigene Kunstgattung? Und für welchen Namen soll man sich entscheiden: Street Art, Cult Art oder doch besser Urban Art?

Ilaria Hoppe von der Humboldt-Universität in Berlin hat im vergangenen Wintersemester ein sehr gut besuchtes Seminar zum Thema veranstaltet, Studenten mit Siegelringen debattierten engagiert die Methoden und Techniken der klandestinen Künstler. Man unterschied zwischen dem klassischen Graffito, also dem aus der Hip-Hop-Kultur stammenden »Writing« von Schriftzügen mit Filzmarkern oder Sprühdosen, und der neuerdings so populären Street Art, die oft figurativ und allgemein zugänglicher ist: Da kotzt eine stilisierte Papierfliege auf eine Klingelleiste, da fordert ein Hase auf einem öffentlich entsorgten Kühlschrank: »Kill Christmas!«

Street Art ist Sachbeschädigung – und sorgt doch für spontanes Glück

Die Tiefenanalyse, sagt Ilaria Hoppe, die sich ansonsten mit Raumvorstellungen in der frühen Neuzeit beschäftigt, sei dann bei vielen dieser Straßenkunstwerke ein wenig enttäuschend gewesen. Street Art gehorcht eben eigenen Kriterien, die sich daraus ergeben, dass diese Kunst nur für die flüchtige Wahrnehmung im Stadtraum entstanden ist – und zwar gegen den Willen des Gesetzes. Street Art ist meist Sachbeschädigung, die Straßenkünstler müssen also im Dunklen, im Anonymen arbeiten, es drohen ihnen Geldstrafen in fünfstelliger Höhe. Da die Straßenkünstler aber gleichzeitig die höchstmögliche Sichtbarkeit suchen, sich für ihre Kunst möglichst stark frequentierte Orte auswählen, greifen sie zu Hilfsmitteln. Sie setzen aufwendig ausgearbeitete Schablonen ein, mit denen man schnell eine Ratte auf eine Friedhofsmauer sprühen kann. Oder sie malen ihre Kunst daheim auf große Papierbögen und Pappen, basteln Cutouts, überdimensionale Scherenschnitte, die sie dann mit Hilfe von Leim hastig an ausgewählte Hauseingänge kleben.

So ist die Straßenkunst eher plakativ und nicht detailliert ausgearbeitet, transportiert eher einen hintergründigen Witz als komplizierte Geschichten. Street Art muss laut sein, damit man sie sieht, und sie ist vergänglich, auch das macht ihren Reiz aus. Der gigantische Scherenschnitt wird vom Regen abgewaschen oder von neuen Plakaten überdeckt, die Schablonenkunst mit neuen Bildern übermalt oder übersprüht. Und so ist die gelungene Straßenkunst ein spontanes Glück für den Passanten, ein kurzlebiges Geschenk eines anonymen Künstlers an die Stadt.