Kultusministerium Blauer Brief für Kultusminister
In einer unveröffentlichten Studie fordern Deutschlands führende Bildungsforscher einen grundlegenden Strategiewandel: Die Schulpolitik muss sich endlich der Sorgenkinder annehmen
Gib kein Gutachten in Auftrag, dessen Ergebnisse du nicht vorher kennst. So lautet Regel Nummer eins für den politischen Umgang mit wissenschaftlichen Expertisen. Wenn sie nicht greift, tritt Regel Nummer zwei in Kraft: Deklariere die Erkenntnisse von vornherein als »nicht zur Veröffentlichung bestimmt«. Diese Strategie verfolgten die Kultusminister von Bund und Ländern Ende vergangenen Jahres, als sie einen Kreis führender Bildungsforscher um Rat baten. Die Professoren sollten die Ergebnisse der jüngsten internationalen Leistungsvergleiche Pisa und Iglu interpretieren und Empfehlungen für die zukünftige Schulpolitik geben.
Die Wissenschaftler nutzten ihre Chance, keine allzu große diplomatische Rücksicht nehmen zu müssen, und formulierten eine Stellungnahme, die sich streckenweise wie ein blauer Brief an die Kultusminister liest. Seit Anfang Januar liegt das Gutachten vor, in dem die Forscher ihre Auftraggeber angesichts ungelöster Probleme zu schnellem Handeln drängen. Doch bislang haben die Kultusminister sich mit dem brisanten Gutachten nicht befasst.
Die Kernforderung des 24-seitigen Papiers, das der
ZEIT
vorliegt, lautet: Die Bildungsgewaltigen in den Ländern müssen endlich beginnen, die leistungsschwächsten Schüler »systematisch und massiv zu fördern«. Unter anderem fordern die Experten für die betroffenen Jugendlichen Unterricht an Nachmittagen, Wochenenden und in den Ferien. Ohne solche zusätzlichen Lerngelegenheiten werde »sich kein Erfolg einstellen«.
Die Pisa-Ergebnisse werden besser – das ist aber kein Erfolg der Politiker
Der Appell zur »Strategiekorrektur« reiht sich ein in die jüngsten Forderungen, die Länder mögen ihrer neuen Verantwortung nachkommen. In der kommenden Woche wird der Ruf wieder lauter werden. Dann erscheint zum zweiten Mal der Nationale Bildungsbericht mit einer Reihe von beunruhigenden Befunden. Seit zwei Jahren haben die Länder in den Schulen allein das Sagen. Bisher allerdings ist die Kultusministerkonferenz (KMK) einen konkreten Plan schuldig geblieben für die größten Probleme der deutschen Schullandschaft: die im internationalen Vergleich hohe Zahl an Bildungsverlierern, insbesondere unter Migrantenschülern, sowie die fehlende Chancengerechtigkeit. Immer wieder etwa haben die Bundesländer versprochen, die Schulabbrecherquote zu halbieren – bislang fast ohne Erfolg.
Seit der Föderalismusreform 2006 kann der Bund solchen Jugendlichen erst dann helfen, wenn es zu spät ist: nach der Schule. Mehrere Milliarden Euro kosten die Reparaturmaßnahmen jedes Jahr. Die Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bundestag, Ulla Burchardt (SPD), will die Länder deshalb verpflichten, für jeden Schulabbrecher einen Ausgleichsbetrag zu zahlen. Arbeitsminister Olaf Scholz möchte die Sache selbst übernehmen und kündigte bei der Veröffentlichung des Armutsberichts einen Rechtsanspruch auf einen Hauptschulabschluss an.
Seine Kabinettskollegin, Forschungsministerin Annette Schavan (CDU), hält sich bislang strikt an die föderale Machtteilung und belästigt die Länder kaum mit eigenen Ideen. Doch auch in ihrem Haus wächst die Ungeduld. Im Oktober wird Kanzlerin Angela Merkel zum nationalen Bildungsgipfel laden; für die Vorbereitungen ist Schavans Ministerium zuständig. Kommen die Länder mit leeren Händen, wird das Treffen in ergebnislosem Palaver enden.
Kritik aus Berlin konnten die Kultusminister bislang als unstatthafte Übergriffe auf ihr Terrain abwehren. Die Aufforderung der Bildungsforscher zum Strategiewechsel lässt sich dagegen schwer ignorieren. Sind sie doch Mitglieder eines Gremiums, das die Schulverantwortlichen explizit bei der »Feststellung der Leistungsfähigkeit im internationalen Vergleich« beraten soll, wie es offiziell heißt. An der Spitze der Expertengruppe steht Jürgen Baumert, Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft und Doyen der empirischen Bildungsforschung in Deutschland.
Gerade Baumert hatte sich immer wieder anerkennend über die schnelle und einmütige Reaktion der Kultusminister nach der ersten Pisa-Pleite im Jahr 2001 geäußert. Die Begeisterung scheint inzwischen deutlich abgekühlt. Zwar lobt der Beirat in seinem Papier das hohe Niveau, auf dem hiesige Grundschüler mittlerweile lesen. Auch erkennen die Professoren erfreut an, dass Deutschland bei der dritten Pisa-Studie im Länderranking in allen Fächern nun über dem internationalen Durchschnitt liegt.
Für diese Erfolge dürfen sich die Kultusminister jedoch keinesfalls selbst feiern. Es sei nicht gerechtfertigt, »positive Entwicklungstrends als Ertrag bildungspolitischer Entscheidungen zu interpretieren«, heißt es in dem Gutachten. Das ist schon deshalb unstatthaft, weil die Politik die Schulen zwar mit vielen Neuerungen überzieht, jedoch selten überprüft, was die Reformen bewirken. Als »schwer zu vermitteln« bezeichnen die Professoren zum Beispiel die Tatsache, dass bislang niemand kontrolliere, ob das vier Milliarden Euro schwere Bundesprogramm für die Errichtung neuer Ganztagsschulen seine wichtigste Zielgruppe überhaupt erreicht: die sogenannten Risikoschüler.
Hilfe für Risikoschüler gibt es kaum, gefördert wird »breit und unspezifisch«
Diese Jugendlichen können gerade einmal auf Grundschulniveau lesen und rechnen (siehe Kasten). Ihre Zahl hat sich seit der ersten Pisa-Erhebung 2001 nur minimal verringert. Insgesamt gehören 20 Prozent der deutschen Neuntklässler zur Gruppe der Zukunftslosen, unter den Hauptschülern ist es gar die Hälfte – im nationalen Durchschnitt, wohlgemerkt. Wie hoch der Anteil in den einzelnen Bundesländern ausfällt, weiß man im Herbst, wenn der Ländervergleich Pisa E veröffentlicht wird. »Dann kommt das wahre Desaster ans Licht«, prophezeit einer der am Gutachten beteiligten Erziehungswissenschaftler. Denn in einigen Regionen gehören schon Hauptschüler, die es auf ein mittleres Leistungsniveau schaffen, zu den positiven Ausnahmen in ihrer Klasse. »Da lernt fast niemand mehr irgendetwas«, analysiert der Bildungsexperte.
Das Gutachten benennt schon einmal die Katastrophenkandidaten: die Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin sowie Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Diese Länder, heißt es, müssten die »offensichtlichen Probleme in ihren Haupt- und teilweise auch Gesamtschulen viel entschiedener als bisher angehen«. Fraglich ist, ob sie dies allein schaffen oder ob die Ländergemeinschaft insgesamt oder der Bund helfen sollte – quasi aus nationalem Interesse. Denn es sind diese Schulen, die »maßgeblich zum ungünstigen Erscheinungsbild Deutschlands« im internationalen Vergleich beitragen. Im Klartext: Sie sind es, die den deutschen Pisa-Schnitt kaputt machen.
Bisher ist die Sorge der Politiker um die Risikoschüler in erster Linie Rhetorik. Breit angelegte Programme – zur Sprachförderung der Schüler, der Fortbildung ihrer Lehrer, zur besseren Ausstattung von Schulen mit vielen Migrantenkindern – fehlen weitgehend. Selbst an den Ganztagsschulen finden die Risikoschüler zwar Betreuung, aber selten zusätzliche Lernangebote. Das wichtigste Förderinstrument der Kultusminister ist bislang die Gießkanne. Das Geld fließt mal hierhin und mal dahin, immer in der Hoffnung, dass ein Teil davon zu den Bedürftigen durchsickern möge. Doch statt »breit und unspezifisch« zu fördern, solle die Politik ihre Anstrengungen »auf die Problemgruppen fokussieren«, mahnen die Bildungsforscher. Sie regen zum Beispiel an, ein »Bildungsminimum« zu definieren, das von keinem Kind oder Jugendlichen verfehlt werden darf.
Bislang wollen Bund und Länder von einer solchen »Bringschuld staatlicher Schulsysteme«, wie es im Gutachten heißt, wenig wissen. In den Empfehlungen für eine künftige Bildungspolitik, die die Kultusminister im März formulierten, taucht der Vorschlag nicht auf. Zwar übernehmen die Minister in Teilen das Vokabular ihrer Berater. Konkrete Pläne, wie sie den leistungsschwächsten Schülern zu helfen gedenken, fehlen hingegen weitgehend.
Stattdessen preisen sie Ideen an, die sie längst zur Lösung anderer Probleme verkauft haben: So sollen mit Hilfe der Initiative »Haus der kleinen Forscher« 10000 Kindergärten ihre Schützlinge für Naturwissenschaften begeistern. Doch inwiefern nützt das Basteln und Tüfteln speziell den Bildungsverlierern? Jedes Kind unter drei Jahren hat im Jahr 2013 Anspruch auf einen Krippenplatz. Mindert dies tatsächlich den starken Einfluss der sozialen Herkunft auf die Leistungen von Schulkindern? Immerhin starten die Bundesländer in diesem Jahr ein Programm (ProLesen), das Deutsch in allen Unterrichtsfächern als wichtigste Kompetenz fördern soll – beschlossen hatte es die KMK allerdings schon 2005.
Angesichts des Fortbestehens der bisherigen Probleme habe man den Eindruck, »dass die Zeit knapp wird«, mahnen die Bildungsforscher die Kultusminister. Diese jedoch scheint das bislang nicht zu belasten. Man habe die Mahnungen vernommen, heißt es inoffiziell aus dem Kreis der KMK. Konkreteres wolle man jedoch erst im Herbst beschließen, wenn der Ländervergleich Pisa E erscheint. Vielleicht aber wird zur Klärung des Sachverhalts auch erst einmal ein neues Gutachten in Auftrag gegeben.
- Datum 07.06.2008 - 04:21 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.06.2008 Nr. 24
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die "Wissenschaftler" haben also wieder mal was rausgefunden. Z.B. mehr Förderung für Migrantenkinder.Und wenn die irgenwann anlaufen wird, werden die gleichen "Wissenschaftler" der auswitzigen Leistungdruck mit den ebenso harten Worten kritisieren wie die Zwangsgermanisierung, die schlimmer als Völkermord (oder ähnliche Kraftausdrücke).Und so haben Sie immer was zu tun, unsere wackeren "Wissenschftler".
Die lange Kette des völligen Versagens auf allen Gebieten muß doch endlich zu Konsequenzen führen! Wenn diese Leute wenigstens nicht arbeiten würden und die Schulen nicht mit albernen Vorschriften aus der Steinzeit der Pädagogik beglücken würden! Wie bei der Kernenergie kann auch hier jede Hausfrau besser argumentieren:Macht kleinere Klassen, die Kinder zu eigener Arbeit/Forschung anhalten, weniger Wissen pauken, den Kindern die Wahl für Themen lassen. Kinder sind von Natur aus wißbegierig, warum treibt ihr es ihnen aus?Mit welcher Hingabe Frau Schavan längst überwunden geglaubtes Denken vertritt, ist schon deprimierend.Können wir es wirklich verantworten, den Kindern aus ideologischen Gründen (drittklassiges Schulsystem) und parteipolitischen (Pöstchen für PGs) die Zukunft zui versauen?
Das Hauptproblem der Risikogruppen ist, dass sie sich im Prinzip einen Dreck um die Schule scheren.
Man geht hin wenn man will, tut nichts, und es hat keine Konsequenzen:
Die "Expertenin den Ministerien" stammen aus der Generation der 68er die den Staat als den Feind der Bürger betrachtet haben und entsprechend ist die Mentalität und die Anerkennung des Staates an den öffentlichen Schulen heute.
Es bedarf einer strengen Erziehung und Bildung, mit Fördern und vor allem Fordern, und vor allem mit Konsequenzen.
Wer nicht erscheint, wird bestraft und vorgeführt (Geldstrafe, bereits möglich, wird aber selten durchgeführt).
Wer nichts tut, bekommt durch sofortigen, verpflichtenden Zusatzunterricht immer neue Chancen.
Man darf auf keinen Fall die Mißachtung des staatlichen Schulsystems (oft durch Migranten, die hier einen großen, schlechten Einfluss auf andere haben) ohne Konsequenzen durchgehen lassen.
Auch hier gilt der Grundsatz: Wir werden mißachtet, weil wir unsere eigenen Grundsätze nicht durchsetzen, sondern dulden, dass sich nicht beachtet werden.
ist, dass Sie 100% Recht haben - und das niemand interessiert.
Es gibt nichts was die sogenannten Bildungs"wissenschaftler" ´weniger interessiert als der Bildungserfolg der Kinder. Im Gegenteil, je schlechter die Kinder aus, ähem, bildungsfernen Schichten abschneiden, um so besser für die "Wissenschaft". Die haben so Gelegenheit, wieder mal die Diskriminierung zu erforschen und zu "beweisen" - ganz wissenschaftlich, wie wir das gewohnt sind.
Sobald jemand ernsthaft daran geht ihre Vorstellungen umzusetzen, wird der von der linken Meute zu tode gehetzt. Die gleichen "Wissenschaftler" beweisen dann in den sattsam bekannten "wissenschaftlichen" Arbeiten, dass es ganz schlimme Diskriminierung sei, Kinder in die Schule zu schicken.
Wenn wir was für die Kinder tun wollen, müssen wir das Übel an der Wurzel packen. In diesem Fall würde das bedeuten, die "Wissenschaft" und die "Wissenschaftler" abzuschaffen. Je gründlicher, desto besser.
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So, und jetzt kann der linke Mob die Minuspunkte verteilen.
durch eine vollkommen irrsinnige verfehlte Einwanderungspolitik überhaupt erst massenweise geschaffen hat....Es ist richtig: wir sind KEIN Einwanderungsland - weil DIESE "Einwanderer" in einem RICHTIGEN Einwanderungsland (USA, Kanada, Australien) NIEMALS akzeptiert worden wären....
Ich bin mal zynisch:Die einfachste Lösung, die Problemgruppe der leistungsschwachen 15-Jährigen bei PISA loszuwerden, wäre, sie frühzeitig von der Schulpflicht zu entbinden. Dann fällt sie statistisch auch gar nicht mehr auf. Funktioniert in anderen Ländern ganz gut.
Es wäre so einfach, diese Probleme zu lösen.Eltern, Arbeitslose, Rentner, Pensionäre - es gibt viele Menschen, die solchen Schülern gern freiwillig und ehrenamtlich Nachhilfeunterricht geben würden.Nur muß das eben organisiert werden. Schulen, Arbeitsämter, beide haben die Räumlichkeiten und die logistischen Möglichkeiten dies im großen Stil umzusetzen. Und eine Webseite mit Kontaktformular kann ja jeder 3 Schüler selber basteln.Ich sehe kein Versäumnis auf Landesebene, ich sehe eines vor Ort.
Wo bitte gibt es heute noch Leute die sich mit Fragen auseinander setzten? Nicht nur in der Schule wird einem das heute regelgerecht ausgetrieben. Jene Lehrer und "Experten" glauben einem Risikoschüler die richtige Antwort mit gewisser Förderung rausquetschen zu können ohne sich seiner lebenserhaltenden alltäglichen Fragen anzunehmen. Denen geht doch das Ein-mal-Eins meilenweit am Arsch vorbei. Und hier wird über drakonische Maßnahnem diskutiert wie man Menschen zum lernen zwingt. Beantwortet doch erstmal deren Fragen wenn sie denn welche bilden können und DÜRFEN. Und genau das lässt nicht nur unser Bildungswesen zu wünschen übrig.
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