Platte meines Lebens (10) Franz Josef mit dem roten Bart

Schmuddelkinder hat es Mitte der Sechziger in seiner Nachbarschaft kaum gegeben. Dennoch war unser Autor fasziniert von Degenhardts Lied und dem Verbot, das aus ihm klang

Ganz früher hießen die Kinder von Leuten, die nicht waren wie wir, Gassenbuben – eine Bezeichnung, die mir wenig einleuchtete. Solche Gassen gab es gar nicht bei uns, bloß Dorfstraßen, die so wenig befahren waren, dass man darauf Fußball spielen konnte. Viel passender fand ich, was bald darauf ein Mann auf Schallplatte sang: »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder.« Um Dinge, die man besser nicht tun sollte, ging es in dem Lied, um das, was Menschen sagen, die man kennt und deren Wort Gewicht hat in der Welt. »So sprach die Mutter, sprach der Vater, lehrte der Pastor.« Auch ohne Freud-Studium war mir klar, dass Verbote dazu da sind, gebrochen zu werden.

»Er schlich aber immer wieder durch das Gartentor…« Auch die Schmuddelkinder mochte es nicht wirklich geben in einem südwestdeutschen Dorf Mitte der Sechziger, aber – »wecken Sie mich beim ›aber‹«, pflegte ein lustiger Onkel zu sagen – der Gesang passte zu dem, was jenseits der Vorgärten, hinter Bretterzäunen und wackligen Ställen vor sich ging. Er verband sich mit der Art, wie braun gebrannte Bauernkinder Schweinsblasen aufbliesen und zur Fassnacht damit die Straßen unsicher machten. Er erinnerte an den Ruf von Lumpensammlern, die damals noch über die Dörfer zogen und alles einsammelten, was heute in der Wertstofftonne landet.

Manchmal kamen auch Schausteller vorbei, dann wurde allen Ernstes die Wäsche reingeholt. Für ein paar Tage herrschte Ausnahmezustand, die Dorfjugend quetschte sich zu lauter Schlagermusik in elektrische Wägelchen, die nach Gummi rochen und obenrum Funken schlugen, während die Schaustellersöhne lässig aufsprangen und mitfuhren. An den Blicken, die die Mädchen ihnen zuwarfen, konnte man erkennen, wie anders sie waren. Wenn sie verschwanden, war alles wie immer, aber wenigstens konnte man die Platte auflegen. Dann war es wieder wie in dem Lied, »wo man, wenn der Regen rauschte, Engelbert, dem Blöden, lauschte, der auf einen Haarkamm biss, Rattenfängerlieder blies«.

Dass die Schmuddelkinder Teil meines Lebens werden würden, konnte ich mir damals als Achtjähriger nicht vorstellen. Kurz darauf gab es sie aber doch. Wieder wurde gewarnt, vor Gammlern, Hippies, Yippies, und wieder war das eine Aufforderung, es doch zu tun. Ein Verbot nach dem anderen wurde gebrochen, ein Riesenfreizeitspaß. Auch die Stimme war keine Schallplattenstimme mehr, sie gehörte einem Mann namens Franz Josef Degenhardt, der einen roten Bart trug und im Ferrari durch Deutschland fuhr. Die Art, wie vor ihm gewarnt wurde, gefiel mir. Nochmals später hießen die Schmuddelkinder dann Punks, und irgendwann gab es sogenannte Gangsta Rapper. Von Kaninchenställen sangen sie nicht mehr.

Mein Verhältnis zu Kindern von Leuten, die nicht waren wie wir, hat seither diverse Ernüchterungen erfahren. Manche taten bloß so, manche waren ferngesteuert, wieder andere wollten einfach nur dahin, von wo ich unbedingt weggewollt hatte. Die Platte verschwand. Bei irgendeinem Umzug ist sie verloren gegangen, aber in meinem Kopf spielt sie noch immer. Wer einmal über den Zaun geschaut hat, kehrt nie wieder ganz zurück.

Franz Josef Degenhardt: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern (Polydor, 1965)

 
Leser-Kommentare
  1. auch nach vierzig jahren immer noch ein hochgenuss, wie ich vor ein paar wochen, als ich die platte aus der hülle zog, um sie ins digitale archiv zu retten, bemerken musste. einfach wunderbar! danke !

  2. Ich finde es schön dass an diese Platte gedacht wurde. Grossartig.

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  • Quelle DIE ZEIT, 05.06.2008 Nr. 24
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  • Schlagworte Franz Josef Degenhardt | Ferrari | Musik | MIT
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