Sommersprossen! In Wahrheit hat sie also Sommersprossen. Wie ein kleines Universum spannen sie sich über ihre Wangen und ihre Nase, die kraus wird, wenn sie lacht. Und Wolke Hegenbarth lacht oft an diesem Morgen, als sie erzählt, wie wenig übrig bleibt von einer Frau, die sich auf ein Zeitschriftencover begibt.

Die kleine Falte unter ihrem linken Auge? Weg. Ihre Muttermale? Weg. Ihre Sommersprossen? Weg. "Na ja", sagt sie, "ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass sie mir dafür einen noch größeren Busen verpassen…" Dann lacht sie wieder dieses helle Lachen, hinter dem sie ihre Verlegenheit versteckt.

Köln , im April. Die Schauspielerin Wolke Hegenbarth, 28, ist ins Büro ihrer Agentin gekommen, um über einen Vorgang zu sprechen, über den in ihrer Branche nur wenige reden, weil er im Einvernehmen von Medien und Model geschieht: das Verschwinden von Pickeln, Falten, Sommersprossen im Laufe einer Fotoproduktion. Aber jetzt, in diesen Tagen, ist das Resultat zu sehen, Wolke Hegenbarth lächelt aus sämtlichen Kiosk- und Tankstellenregalen des Landes. Sie ist auf dem Titel der Fernsehzeitschrift TV Spielfilm. Nur: Sie ist nicht mehr sie. Sie ist eine Airbrush-Fee.

An jenem Wintertag in Hamburg , als sie sich für TV Spielfilm fotografieren ließ, sei eigentlich nichts Ungewöhnliches geschehen, das zu sagen ist ihr wichtig. Das Bemühen um Präsenz und Attraktivität ist Bestandteil ihres Jobs, sowohl die Zeitschrift wie sie selbst haben Interesse an einem schönen Bild. "Ich weiß also, der Push-up-BH darf bei solchen Terminen nicht fehlen, der ist längst normales Arbeitswerkzeug. Und dass ich lache und ein bisschen Wind in den Haaren habe, ist auch normal."

Immer häufiger hat Wolke Hegenbarth jedoch den Eindruck, sich "nur noch hinter ein Kleid mit tiefem Ausschnitt" stellen zu müssen. Beim TV Spielfilm -Shooting, angesetzt für einen Tag, bestand ihre Pose darin, "meine Ellbogen in die Taille reinzudrehen, damit die Schultern eckiger werden, mich vorzubeugen und dazu ins Hohlkreuz zu gehen – mein Po war ungefähr dort", sagt sie und stellt sich hin wie eine Ente. "Es war, als sei das Bild schon fertig, bevor es gemacht wurde. Als müsste ich mich in eine Titelbild-Schablone reinwinden."

Nach einigen Aufnahmen folgte dann wieder mal dieses Schweigen, das Hegenbarth von vielen Shootings kennt – und der peinliche Moment, in dem eine Assistentin aus dem Tross des Fotografen einen Koffer voller Silikonbrustkissen öffnet. Sie hatte die Schablone offensichtlich nicht ganz ausgefüllt. Bislang war an diesem Punkt Schluss für Hegenbarth. "Frauen mit wenig Oberweite", sagt sie, "Models wie Kate Moss, haben mir in der Pubertät Mut gemacht." Nun standen ihre Zweifel gegen die Prominenz des TV Spielfilm- Covers. Hier ihre Überzeugung, da der Koffer. Sie nahm ein Paar Kissen. "Aber die kleinsten."

Den Busen mussten sie ihr also nicht mehr nachträglich vergrößern bei TV Spielfilm . Dafür sind ihre Zähne alpinaweiß, ihre Haut ist wie Samt, ihre Stupsnase begradigt. Irgendwo auf dem Weg in die Zeitschriften ist aus Wolke Hegenbarth ein Pixelwesen geworden, zu schön, um wahr zu sein – und zu unwahr, um schön zu sein. Es sei schon vorgekommen, dass ihre Freundinnen am Kiosk an ihr vorbeigelaufen seien, ohne sie zu erkennen, sagt sie. Einmal hatte sie sogar blaue Augen. "Da fragt man sich schon: Warum waren meine braunen Augen jetzt unzulänglich?"

Vielleicht ist die Frage hinter der Frage, warum Wolke Hegenbarth blauäugig aus Fotos herausschaut, die, wie blauäugig wir Betrachter daraufschauen. Unsere Welt ist voller Bilder, Fotos fluten unseren Alltag und unser Bewusstsein. Manche kommen aus den Randgebieten des Journalismus und sind offensichtlich geschönt, andere gelten noch immer als Beweis.

Wolke Hegenbarth ist die erste Station auf einer Reise, die durch die Welt der Fotografie führen soll: Fotografie in der Kunst, in der Werbung – und eben in den Medien, wo ein Bild noch immer als Beleg verstanden wird. Da, genau da, stirbt ein palästinensisches Kind! Und dort, genau dort unter dem Arm, schwitzt Angela Merkel! "Die Fotografie", behauptete Kurt Tucholsky in den technikbegeisterten zwanziger Jahren, "ist unwiderlegbar", ihre Wirkung sei "durch keinen Leitartikel zu übertreffen". Und: "Der Zeichner kann sich was ausdenken. Der Fotograf nicht."

Ob diese optimistische Auslegung Tucholskys damals noch zutreffend war, sei einmal dahingestellt, jedenfalls starben bald die ersten Kommunisten den Retuschetod. Heute rühren seine Sätze wegen ihrer Naivität, denn wir wissen längst: Ein Bild sagt zwar mehr als tausend Worte, doch manchmal spricht es auch mit gespaltener Zunge. Genauso verhält es sich mit uns: Wir verlangen von Fotos bis heute absolute Wahrhaftigkeit – und lassen uns hin und wieder doch gerne belügen. Wir schummeln auch mit Freuden selbst, und das nicht erst, seit wir am Computer das Rot in unseren Augen löschen können.

Was machen Fotografen mit ihren Bildern? Wie sehr steuern sie durch Bearbeitung unsere Wahrnehmung der Welt? Vor allem im Journalismus, dort, wo Leser zu Recht Redlichkeit einfordern? Fragen – und, zunächst, keine Antworten: Prominente Porträtierte möchten nicht reden, Fotografen wollen nicht zitiert werden, und Bildredakteure in deutschen Verlagen reagieren auf die Bitte um ein Gespräch zum Thema derart wortkarg, als habe man sich in Serbien nach dem Verbleib von Radovan Karadžić erkundigt.