Nahost Die Golanhöhen? Niemals!

Israel sehnt sich nach Frieden – aber nicht so sehr, dass es zur Rückgabe von Land an Syrien bereit wäre

Es gilt als Binsenweisheit, dass sich die große Mehrheit der Israelis nach Frieden sehnt. So sehr wollten sie Frieden, dass sie sogar bereit seien, Territorien aufzugeben und ihr Misstrauen gegenüber den Absichten der Araber herunterzuschlucken. Buchstäblich jede diplomatische Initiative sei den Israelis recht, sofern sie nur irgendwie zum Ende des Nahostkonflikts beitragen könne. Schließlich habe eine Mehrheit der Israelis bis jetzt noch jeden Rückzug unterstützt: von der Räumung der Wüste Sinai im Jahr 1982 bis hin zur Aufgabe des Gaza-Streifens vor drei Jahren. Heute wiederum sind die Israelis Umfragen zufolge mehrheitlich bereit, das Westjordanland aufzugeben und die Schaffung eines Palästinenserstaates hinzunehmen.

Aber diese Bereitschaft, Land preiszugeben, um Frieden – oder auch nur eine Atempause – zu erlangen, findet ihre Grenze an den Golanhöhen. Über die Zukunft dieses Gebiets, das im Jahr 1967 während des Sechstagekrieges erobert wurde, verhandelt Israel derzeit mit Syrien. Die israelische Gesellschaft lehnt die Rückgabe des Golan mit überwältigender Mehrheit ab – und zwar auch für den Fall, dass Damaskus im Gegenzug Frieden versprechen sollte. Eine Mehrheit des israelischen Parlaments und die meisten Mitglieder der regierenden Kadima-Partei haben sich ebenfalls gegen einen solchen Schritt ausgesprochen.

Hier in Israel glaubt kaum jemand, dass sich das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad an Zusagen halten würde. Kein anderer arabischer Staat steht Israel traditionell so feindselig gegenüber wie Syrien. Die palästinensische Terroristenorganisation Hamas hat ihr Hauptquartier in Damaskus. Zudem ist Syrien der engste Verbündete des Iran. Sofern es den Syrern nicht gelingt, die israelische Öffentlichkeit von ihren guten Absichten zu überzeugen, wird jeder Versuch von Premierminister Olmert, die Golanhöhen an Assad abzutreten, scheitern. Und Aussichten auf ein überzeugendes syrisches Angebot existieren kaum.

Der Nahostkonflikt hat zwei Arten von arabischen Friedensmachern hervorgebracht. Für den ersten Typus stand Anwar al-Sadat. Der frühere ägyptische Präsident hatte begriffen, dass der Schlüssel zur Konfliktlösung in der Psychologie lag. Die israelische Öffentlichkeit musste davon überzeugt werden, dass ihr Land im Gegenzug für konkrete Zugeständnisse in der arabischen Welt an Legitimität gewinnen werde. Darum flog Sadat 1977 nach Jerusalem. Darum sprach er vor dem israelischen Parlament und verkündete, dass Ägypten Israel im Nahen Osten willkommen heiße. Das Ergebnis war, dass sich Israel bis zum letzten Quadratzentimeter von der Sinaihalbinsel zurückzog.

Den zweiten Typus verkörperte Jassir Arafat, der verstorbene Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde. Statt seine Leute auf den Frieden vorzubereiten, redete er ihnen ein, Israel sei ein unrechtmäßiger Staat, der irgendwann wieder verschwinden werde. Und als Israel den Palästinensern einen eigenen Staat anbot, war Arafats Antwort ein Krieg, der mit Selbstmordattentaten geführt wurde.

Baschar al-Assad ist missgünstig und argwöhnisch. Damit erinnert er die Israelis viel eher an Arafat als an Sadat. Bis jetzt hat es der syrische Präsident sogar abgelehnt, direkte Verhandlungen mit Israel zu führen. Stattdessen zieht er türkische Vermittler vor. »Gebt mir den Golan«, lautet seine unausgesprochene Losung, »dann werden wir schon sehen, welche Art von Frieden sich zwischen uns entwickelt.«

Aber die Israelis haben es nicht eilig damit, ausgerechnet eines derjenigen Gebiete ihres Landes herzugeben, das ihnen am meisten ans Herz gewachsen ist. Für sie sind die Golanhöhen mit ihren kahlen Hügeln und Weinbergen eher Provence als Gaza-Streifen. Im Unterschied zum Westjordanland und zum Gaza-Streifen werfen die Golanhöhen außerdem auch keine moralischen oder demografischen Probleme auf. Hier wird nicht das Land eines anderen Volkes besetzt gehalten. Gerade einmal 20.000 Drusen und ebenso viele Juden teilen sich die knapp 2000 Quadratkilometer dieses Gebiets.

Als sich der Golan vor 1967 in syrischem Besitz befand, lag genau hier Israels verletzlichste Grenze. Viele Menschen in der Region erinnern sich noch daran, wie syrische Soldaten regelmäßig von den Golanhöhen herunter auf israelische Zivilisten im niedriger gelegenen Galiläa schossen.

Nach dem Krieg im Jahre 1967 wurde der Golan zum ruhigsten Abschnitt der Landesgrenzen. In Israel überwiegt das Gefühl, um des lieben Friedens (wenn auch nicht einer formalen Friedensregelung) willen sei es weitaus besser, wenn israelische Soldaten von den Golanhöhen hinab nach Syrien schauten, als wenn umgekehrt erneut syrische Soldaten nach Galiläa herabsähen.

Israelische Befürworter eines Golanabzugs argumentieren, dieser Schritt könne helfen, Syrien im Rahmen eines formalen Friedensabkommens dazu zu bringen, sich von Iran abzuwenden. Tatsächlich würde es für Israel einen enormen Vorteil bedeuten, wenn in einem künftigen Nahostkrieg – etwa gegen Iran – die syrische Front neutralisiert wäre. Deshalb zählen auch viele Militärstrategen in Israel zu den Befürwortern von Verhandlungen mit Assad. Doch Syrien pocht weiterhin auf den Vorrang seines Bündnisses mit Iran.

Zwei israelische Staatsmänner, Jitzchak Rabin und Erud Barak, versuchten in den neunziger Jahren vergeblich, eine Einigung mit Baschars Vater, dem verstorbenen syrischen Präsidenten Hafis al-Assad, zu erzielen. Sowohl Rabin als auch Barak waren zu einem vollständigen Rückzug von den Golanhöhen bereit.

Doch die Syrer verlangten mehr, nämlich mehrere Hundert Meter Uferlinie an Israels wichtigster Frischwasserquelle, dem See Genezareth. Diese hatten die Syrer vor 1967 von Israel erobert. Die syrisch-israelischen Verhandlungen scheiterten damals, als Rabin und Barak einhellig deutlich machten, dass Hafis al-Assads erklärter Traum, seine Füße im See Genezareth zu baden, mit ihrer Hilfe nicht in Erfüllung gehen werde.

Dass auch die aktuellen Verhandlungen scheitern werden, ist so gut wie sicher. Die Golanhöhen zu besitzen ist im Grunde auch gar nicht Assads oberste Priorität. Der syrische Präsident verfolgt zwei andere vorrangige Interessen: Zum einen will er verhindern, dass es zu einem internationalen Tribunal kommt, das die Rolle der syrischen Regierung bei der Ermordung des libanesischen Premierministers Rafik Hariri im Jahr 2005 untersuchen würde. Zum anderen will Assad die Aufmerksamkeit der Welt davon ablenken, dass der Libanon immer stärker unter die Kontrolle eines syrisch-iranischen Bündnisses mit Hisbollah gerät. Verhandlungen mit Israel, ob erfolgreich oder nicht, helfen Assad, weil sie die Weltöffentlichkeit von der Zerstörung der libanesischen Souveränität ablenken. Zugleich helfen sie Assad, die Rolle des Parias abzulegen und sich als Mann des Friedens darzustellen.

Israels Premierminister Olmert setzt seinerseits darauf, dass Friedensverhandlungen seine ganz persönlichen Kümmernisse in den Hintergrund drängen werden: Korruptionsvorwürfe, die sich teilweise auf seine Amtszeit als Bürgermeister von Jerusalem beziehen. Derweil fragen sich andere Israelis, wie es im nationalen Interesse ihres Staates liegen könne, Assad dabei zu helfen, zugleich den Libanon zu zerstören und sich der juristischen Verfolgung zu entziehen.

Aus dem Englischen von Tobias Dürr

 
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