Intellektuelle Diktatoren verstehen
Alice Schwarzer verteidigt die Militärjunta in Birma: So verzagt waren westliche Intellektuelle selten

© Jens Schlueter/ ddp; [M] ZEIT ONLINE
Hat Verständnis für Diktatoren: Die Gründerin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift Emma, Alice Schwarzer
Wenn eine Freiheitskämpferin wie Alice Schwarzer plötzlich Verständnis für eine Militärjunta aufbringt, wird man stutzig. Die Generäle in Birma, schreibt Schwarzer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung , misstrauten »zu Recht der Großmut und dem Pflichtgefühl der internationalen Gemeinschaft«.
Denn in dem Druck auf das Regime, Helfer ins Land zu lassen, damit nicht weitere Hunderttausende an den Folgen des Zyklons sterben, sieht Schwarzer finstere Motive am Werk. Unter dem Vorwand der Hilfe gehe es um einen neuen Kolonialismus: »Versteht sich, dass das kleine Myanmar schon längst vom mächtigen Westen im Namen der Menschenrechte und Demokratie ›befreit‹ worden wäre, würde das mächtige China nicht die Faust darüber halten.« Sicher, auch China verfolge eigene Interessen, gesteht Schwarzer zu. Aber im Vergleich zum westlichen Neoimperialismus, der »einst ehrenwerte Begriffe wie Menschenrechte oder Demokratie« vorschiebt, sei Chinas brüderliche Hilfe das kleinere Übel.
Das Technische Hilfswerk und die GTZ mit ihren Wasseraufbereitungsanlagen als Vorboten eines neuen Kolonialismus? So stellt es gern die Regierungspropaganda der Generäle dar. Deutschlands bekannteste Frauen- und Menschenrechtlerin sekundiert. Wie bitte?
Sie sei viel gereist in dem Land und habe »nie Hunger oder wirkliches Elend gesehen«. Erst in den letzten Jahren, mit der Öffnung für westliche Reisende, »tauchten erste bettelnde Kinder auf: angefixt von Kugelschreiber und Kyats verteilenden Touristen«. Nicht die korrupten Generäle mit ihrem absurden Unterdrückerregime, nein, der Westen ruiniere das »versunkenschöne Land«.
Alice Schwarzers Zwischenruf erinnert an Peter Handkes Reiseberichte aus Jugoslawien – schillernd zwischen Eingeborenenkitsch (»goldhäutig und heiter«) und westlichem Selbsthass, voller Hohn auf Menschenrechte und Demokratie als Alibi der Machtpolitik.
Aus dem Text spricht eine tiefe Verzagtheit, eine Verunsicherung im Herzen des Westens. Was taugen unsere Werte, wenn unsere Politik sie oft genug selbst unterminiert? Sind sie überhaupt für alle Welt geeignet? Und wie können wir für sie eintreten, ohne sie zu beschädigen? Nach einem Jahrzehnt des Interventionismus von Bosnien über Afghanistan bis Irak wachsen die Zweifel. Und sie sind weiß Gott berechtigt.
Doch das hehre Prinzip der Nichteinmischung, zu dem sich Alice Schwarzer bekennt, ist den modernen Autokraten und Tyrannen nicht ohne Grund heilig. In Russland dient es dazu, unbehelligt von der Weltöffentlichkeit Morde an Journalisten zu vertuschen. China benutzt es zur Rechtfertigung der Abriegelung Tibets. Und in Iran findet eine beispiellose Repression der Opposition in seinem Schatten statt. Viele der Opfer des Teheraner Regimes sind übrigens Feministinnen. In Iran sind die Gefängnisse voll mit Frauen, denen man vorwirft, unter dem Vorwand der Menschenrechte einen samtenen Umsturz zu planen. Dass sie mit westlichen Frauenorganisationen zusammenarbeiten, reicht schon für die Verhaftung. Ist Alice Schwarzer, die nicht müde wird, die Geschlechter-Apartheid in der islamischen Welt anzuprangern und den Westen zu mehr Druck aufzufordern, auch hier »strikt gegen jegliche westliche Intervention«? Den Feminismus lehnen die Islamisten übrigens mit den gleichen Argumenten ab, die Schwarzer im Fall Birmas geltend macht: Eine (unmoralische) westliche Lebensweise solle den Muslimen unter dem Deckmantel der Menschenrechte aufgedrückt werden.
Es ist aber gar nicht (mehr) der Westen, der die zivile Unruhe in die Autokratien trägt, wie etwa der Mönchsprotest in Birma letzten Herbst gezeigt hat. Das Regime möchte es zwar so erscheinen lassen. In Wahrheit stehen die Machthaber vor dem Problem, dass kein Mensch gern Stiefel im Gesicht hat.
Die Politik des Demokratieexports durch verdeckte Operationen und gewaltsam herbeigeführte Regimewechsel ist gescheitert. Was nun? Raushalten? Zurückziehen und schuldstolze Selbstanklage? Ist das nicht in Wahrheit nur die depressive Kehrseite des kolonialen Auftrumpfens von einst? Genauso narzisstisch-selbstbezogen wie in den Zeiten imperialer Träume. Wieder sind die anderen nur Objekte. Wenn der Westen schon nicht mehr bestimmen kann, wo es lang geht, dann will man wenigstens schuld an allem sein.
Selbsthass kann genauso blind machen wie Sendungsbewusstsein. Die wahre Frage lautet: Wie kann der Westen nach dem Ende seiner Dominanz noch für seine Werte eintreten, ohne in Überheblichkeit oder Appeasement zu verfallen – prinzipienfest, aber nicht auftrumpfend, lernbereit, doch ohne Kotau?
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- Datum 06.06.2008 - 11:57 Uhr
- Serie audio
- Quelle DIE ZEIT, 05.06.2008 Nr. 24
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Frau Schwarzer leidet wohl unter Anti-Westlicher Paranoia wenn Sie Schreibt, dass Großbritannien nur darauf wartet seine "angeblichen" Grundbesitze in Burma wieder zu vereinahmen um das Land wieder zu kolonialisieren.Das ist ja wohl der größte Blödsinn den man verbreiten kann und ist entweder boshaft paranoid oder gewollte Propaganda für eines der schlimmesten Unrechtsregime der Welt, das eigentlich nur noch von Mugabes Zimbabwe übertroffen wird.Frau Schwarzer sollte bei Ihrer eurozentrischen Frauenemanzipation bleiben.
Unterscheiden Sie dabei in Koerperlicher, Matrieller bzw. Geistiger...
Maximus Successus
Seit ungefähr 10 Jahren gibt es in der britischen Presse
(von links bis rechts) und unter britischen „Intellektuelle“ (Robert Cooper, Ex-Berater von Blair sowie
Solana soll hier nur als Beispiel genannt werden) eine gigantische
Propagandawelle über die Wohltaten des britischen Empires für die Menschen in
Asien, Afrika und sonst wo. Oft gipfelt diese Propaganda dann in der
Forderung das Empire wieder aufstehen zu lassen und die Staaten wieder unter
Kontrolle Londons zu stellen. Jeder der sich mit dem britischen Kolonialismus ernsthaft
beschäftigt weiß natürlich, dass die britische Politik aus Massenmord,
maximaler Ausplünderung und purem Rassismus bestand. Somit liegt Frau Schwarzer
mit ihrer Vermutung wohl ziemlich richtig.
Unterscheiden Sie dabei in Koerperlicher, Matrieller bzw. Geistiger...
Maximus Successus
Seit ungefähr 10 Jahren gibt es in der britischen Presse
(von links bis rechts) und unter britischen „Intellektuelle“ (Robert Cooper, Ex-Berater von Blair sowie
Solana soll hier nur als Beispiel genannt werden) eine gigantische
Propagandawelle über die Wohltaten des britischen Empires für die Menschen in
Asien, Afrika und sonst wo. Oft gipfelt diese Propaganda dann in der
Forderung das Empire wieder aufstehen zu lassen und die Staaten wieder unter
Kontrolle Londons zu stellen. Jeder der sich mit dem britischen Kolonialismus ernsthaft
beschäftigt weiß natürlich, dass die britische Politik aus Massenmord,
maximaler Ausplünderung und purem Rassismus bestand. Somit liegt Frau Schwarzer
mit ihrer Vermutung wohl ziemlich richtig.
Man könnte, wenn man den FAZ-Artikel im Schnelldurchgang liest, schon zu dem Eindruck gelangen, Alice Schwarzer könne in der Myanmar / Birma-Problematik eine ähnliche Rolle wie seinerzeit der berühmte Jean Paul Satre bezüglich der RAF spielen. Seinerzeit ließ sich Satre über die Köpfe der RAF informieren. Wahrscheinlich sogar ziemlich einseitig. Und er warf dann das ganze Gewicht seiner Berühmtheit gegen die damals geltenden deutschen Gesetze. War er immer noch ein Unbequemer - oder war er nur noch ein älterer, senil gewordener Mann? Frau Schwarzer hat sich in der Birma-Frage nicht einseitig informiert, dass merkt man ihren Überlegungen an. Aber sie hat davor gewarnt - zu Recht - sehr vorschnell auch für dieses uns weitgehend unbekannte Land nur amerikanische oder europäische Perspektiven zum Maßstab zu wählen. Meines Erachtens befindet sie sich darin in völliger Übereinstimmung mit dem Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, der in der Tibet / China-Frage ebenfalls vor zu schnellen Vorverurteilungen gegenüber Chinas gewarnt hat, ohne die Auseinandersetzungen in Tibet runterspielen zu wollen.___ Mit einer Fußnoten-Frage würde ich gern wissen wollen: Gab es einen Dissenz zwischen Lisa Ortgies und Alice Schwarzer in der Myanmar-Haltung?
... über die Person Schwarzer parlieren, unser Thema sollte hier Herr Lau sein. Herr Lau ist ein sehr gefährlicher Mensch, da er seine eigene Unkenntnis zum Nabel der Welt erklärt und öffentlich bekennt, sich mit eben dieser nicht auseinandersetzen zu wollen. Sein Nichtwissen ist scheint's sein Stolz. Er weiß nicht, wie sich so manche Hilfsorganisationen in Krisenregionen aufspielen, welchen "Preis" sie für ihre Unterstützung verlangen, welche westliche (kapitalistische und/oder christliche) Propaganda sie tatsächlich im Gepäck tragen. Er sollte sich vielleicht mal auf einen Kaffee mit einem Reporter treffen, der in ähnlichen Situationen vor Ort war, (entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/jk) - so ein Kollege könnte ihm vielleicht einen Eindruck vermitteln, warum ein paranoides System, wie das in Birma, keinen Bock auf überhebliche Fatzkes mit Milchpulver im Gepäck hat, die (aus der Sicht der Junta) sich nicht scheuen politische Agitation zu betreiben und diese dann als freie Meinungsäußerung zu betiteln. Diktatoren verstehen? Ja, bitte. Die Welt verstehen? Dito. Ja, Herr Lau, sich einfach mal Gedanken machen und sich auch in die bösen Menschen hineinversetzen - das ist kein Teufelswerk. Probieren Sie's einfach mal, vielleicht entsteht daraus ja die ein oder andere Erkenntnis. Das kann oft sehr spannend sein, zu denken. Und man kann es üben, jeden Tag ein bisschen mehr - und bald fällt es gar nicht mehr so schwer.(Anmerkung: Bitte bleiben Sie mit Ihrer Kritik sachlich und verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Die Redaktion/jk)
Wunderbar richtig. Wenn Kritik berechtigt ist dann doch mit Respekt, auch wenn die Gegenseite Ihn nicht einhaelt. Ansonsten ist man auf gleichem Level und hat keinen Grund sich zu beschwaeren.
Man steht mit Waffen vor den Menschen und moechte ihnen sagen das man keine Waffen benutzt darf. Sowas nennt sich schizophraen
Maximus Successus
Wunderbar richtig. Wenn Kritik berechtigt ist dann doch mit Respekt, auch wenn die Gegenseite Ihn nicht einhaelt. Ansonsten ist man auf gleichem Level und hat keinen Grund sich zu beschwaeren.
Man steht mit Waffen vor den Menschen und moechte ihnen sagen das man keine Waffen benutzt darf. Sowas nennt sich schizophraen
Maximus Successus
Gelungener Beitrag von Jörg Lau,
der in bewundernswerter Weise die Problematik auf den Punkt bringt.
Die Frage für mich bleibt allerdings, ob da nicht eine
Gemeinsamkeit der Werte unterstellt wird, die auch bei uns im Westen
gar nicht vorhanden ist.
Jörg Lau diagnostiziert Alice Schwarzer "westlichen Selbsthass" und liegt damit richtig. Sie steht damit in einer langen Tradition der Schwärmerei für Länder, die von der westlichen Zivilisation noch nicht so verdorben und mit Dekadenz infiziert sind:
Luise Rinser schwärmt in ihrem "Nordkoreanischen Reisetagebuch" für Kim Il Sungs Untertanen, Karl May für Indianer, der römische Historiker Tacitus für germanische und britannische Barbaren ("Germania" und "Agricola"). Doch dieser Selbsthass ist, auch wenn er blind macht, nicht krankhaft, sondern fließt aus innerer Größe: aus Einsicht, dass der american (oder roman) way of life dekadent ist.
Besser wäre es, Frau Schwarzer würde sich mit öffentlichen Beiträgen auf ihre feministische Marktlücke beschränken, anstatt angesichts des Elends in Birma einen solch zynischen Unsinn von sich zu geben. Intellektuelle und solche, die sich dafür halten, haben offenbar immer wieder mal ein Problem damit, das wahre Leben zur Kenntnis zu nehmen.
Unterscheiden Sie dabei in Koerperlicher, Matrieller bzw. Geistiger...
Maximus Successus
Kürzlich sprach ich mit Bekannten, die vergangenes Jahr in Burma/Birma/Myanmar ihren Urlaub verbrachten. Dabei erzählten sie mir eine interessante Geschichte:Mutter, Tochter und Sohn standen an der Rezeption des Hotels, wobei ein Dokument unterschrieben werden sollte. Der Hotelangestellte verweigerte jedoch die Unterschrift durch die Mutter, sondern verlangte, dass entweder das Familienoberhaupt (also der gerade nicht anwesende Vater) oder dessen (fünfzehnjähriger) Sohn das Dokument signieren müsse.Oder: Die Familie saß im Restaurant, und ganz im Gegensatz zum westlichen Brauch, den Damen zuerst die Essenskarte zu überreichen, wurden Mutter und Tochter völlig ignoriert: Sie bekamen die Karte nicht und waren gezwungen, ihre Bestellung über den Vater abzuwickeln, weil sich der Kellner einem direkten Gespräch mit Mutter oder Tochter "abgeneigt" erwies.Hat sich Frau Schwarzer nun von einer radikalen Feministin zu einer leidenschaftlichen Fürsprecherin eines patriarchalischen Systems gewandelt? Ja, für wen - um alles in der Welt - mag dieser offensichtliche Widerspruch auch nur annähernd verständlich sein?Ich glaube jedoch, dass sich Frau Schwarzer bezüglich ihres unsäglichen Kommentars von ganz anderen - im ZEIT - Artikel bereits angesprochenen - Motiven leiten hat lassen: dem seit Ende des Krieges geradezu pathologischen Selbsthass der Westeuropäer, insbesondere der Deutschen. Das grundlegende Problem ist, dass wir die Geschichte als ein Thema tiefen Bedauerns begreifen - durchsetzt von einem unerträglichen Pessimismus und einem Hang zur Apathie.Wir sehen den Kolonialismus, aber nicht die Entkolonialisierung (die geistigen Werkzeuge zur Befreiung - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - lieferte der Westen mit der Kolonialisierung gleich mit), wir sehen den Sklavenhandel, aber nicht den Abolitionismus, wir sehen den Faschismus, aber nicht dessen Untergang, wir sehen den Kommunismus, aber nicht dessen Überwindung.Zum Abolitionismus sei unbedingt noch angemerkt: Das erste Land, das den Sklavenhandel abschaffte, war Großbritannien (1806), gefolgt von Dänemark und Frankreich.Im Osmanischen Reich beispielsweise wurde dieser erst Ende es 19. Jahrhunderts illegalisiert, im Jemen und in Saudi-Arabien erst 1962 (!) und im nordafrikanischen Mauretanien rang man sich gar erst 1990 zu einem entsprechenden Gesetz durch.Wann endlich fassen wir unsere Geschichte als eine "Quelle des Vertrauens und der Zuversicht" (Pascal Bruckner) auf? Wann hören wir endlich auf, uns in die Höhle von Gram und Scham zu verkriechen, uns in Selbstsucht und einem pervertierten Überlegenheitsgefühl der Verantwortung zu entziehen, deren Folgen uns im Jugoslawienkrieg der Neunzigerjahre vor Augen geführt wurde?Die USA sind verletzlicher, als sie glauben, und Europa ist stärker, als es meint.Lernen wir voneinander.
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