Politisches Buch Ein freier Geist, ein großes Buch

Winston Churchills Geschichte des »Mahdi«-Aufstands liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor

Um 1879 kommt es im entlegensten Sudan zu einer feindseligen Begegnung. Ein deutscher »Reiseschriftsteller« trifft auf einen Araber, der wenig später weltweit Aufsehen erregt. Als »Mahdi«, als der von Allah »rechtgeleitete« islamische Messias, wird er zum Heiligen Krieg gegen die türkisch-ägyptische Herrschaft und ihre britischen Protektoren aufrufen und 1885 Khartoum erobern. Das liegt bei der Konfrontation mit dem deutschen Schriftsteller noch in der Zukunft. Aber die Konturen der Mahdi-Gestalt sind schon fixiert: Es handelt sich offensichtlich um einen fanatischen islamischen Fundamentalisten, herrisch im Auftreten, diktatorisch in den Ansprüchen, rachsüchtig im Charakter, korrupt in seiner Allianz mit den brutalsten Sklavenjägern des ausgebluteten Landes und in Bezug auf die Konkurrenz der Religionen und Kulturen voller blindwütiger Ignoranz.

Anders das Porträt, das zwei Jahrzehnte später ein britischer Historiker und Schriftsteller vom Mahdi zeichnet. Da ist der »Rechtgeleitete« eine asketische, genuin religiöse und politische Gestalt. Erst nach der triumphalen Eroberung Khartoums und der Tötung des britischen Generalgouverneurs Gordon Pascha durch seine entfesselten Truppen verfällt er dem Luxus und dem süßen Haremsleben, bevor ihn wenig später der Typhus hinwegrafft.

Die Perspektiven der beiden Autoren könnten kaum unterschiedlicher sein. Der deutsche »Reiseschriftsteller«, der hier wie in fast allen seinen Büchern beansprucht, Selbsterlebtes wahrheitsgemäß zu berichten, ist der deutsche Bestsellerautor Karl May, der in seiner Trilogie Im Lande des Mahdi ein finsteres, seinerseits fundamentalistisches Bild vom Mahdi und von seiner Bewegung entwirft. Das differenzierte Gegenbild stammt von dem späteren Literaturnobelpreisträger und britischen Premierminister Winston Churchill. Es ist umso erstaunlicher, als der 24-jährige Autor zwar dem Mahdi selber nicht mehr begegnen konnte, aber im Gegensatz zu seinem deutschen Antipoden tatsächlich vor Ort und als Offizier einer Kavallerie-Schwadron an dem britischen Rachefeldzug und der blutigen Vernichtung des Mahdi-Kalifats in der Schlacht von Omdurman 1898 unmittelbar beteiligt war.

Jetzt liegt sein auch literarisch bemerkenswertes, überaus spannendes Werk über den Mahdi-Aufstand und seine Niederschlagung, 1899 unter dem Titel The River War in der britischen Erstausgabe erschienen, dann immer wieder neu aufgelegt, erstmals in einer deutschen Übersetzung der Anderen Bibliothek vor. Sie ist kenntnisreich erläutert, editorisch aber leider aus verschiedenen Fassungen kompiliert, ein Flickenteppich. Erstaunlich, um es zurückhaltend auszudrücken, die Tendenz des Herausgebers und Kommentators. Er desavouiert nach Kräften die differenzierte und abwägende Sichtweise des Textes, den er dokumentiert. Allem Anschein nach hat Churchill für ihn völlig erfolglos mit der Objektivität des großen Historikers geschrieben.

Ob es beispielsweise ein guter Einfall war, Churchills sachlich-lakonischen Titel als Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi zu annoncieren? Der Titel legt es nahe, hier ein Exempel für den clash of civilizations des »christlichen« Westens mit dem islamistischen Fundamentalismus zu sehen. In der Tat ist die Geschichte des Mahdi-Aufstandes für ein möglicherweise heraufkommendes neues Zeitalter von Religionskriegen von größter Aktualität. Aber die Sichtweise Churchills ist keineswegs kreuzzüglerisch, jedenfalls soweit er sich mit dem Mahdi selber und der von ihm inaugurierten Massenbewegung befasst. Für Churchill ist der Mahdismus »Erkennungsmerkmal«, »Verstärker«, aber nicht die eigentliche Ursache des Aufstands. Der Mahdi gibt vielmehr einem ausgebeuteten, unterdrückten und erniedrigten, von einer korrupten kolonialen Klasse drangsalierten Land die religionspolitische Stimme, dem Widerstand die Seele. Religiöser Fanatismus ist für Churchill nie der hauptsächliche Grund großer Revolten. Die Europäer mit ihrem penetrant aufdringlichen Willen zur Mission begreifen im Übrigen einfach nicht, dass kein »unterentwickeltes« Volk mit den Segnungen eines ihm fremden Fortschritts zwangsbeglückt werden will. Den Mahdi selber nennt Churchill »einen Mann von unbestreitbar edler Gemütsart«.

Nach dem Ende des ersten, des »Mahdi«-Teiles, beginnend mit dem Aufbau eines »Reiches der Derwische«, scheint sich freilich auch die Perspektive Churchills den vertrauten Fronten des clash of civilizations anzupassen. Je näher er selber als militärisch unmittelbar Beteiligter dem Geschehen rückt, desto mehr wird er vom vorurteilslosen Beobachter einer religionspolitischen Bewegung zum parteiischen britischen Militärhistoriker, der keinerlei Zweifel an der Gerechtigkeit des britischen Feldzugs hat. Nun wird der Mahdismus in der Tat zu jener »scheußlichen« Demonstration eines blindwütigen Fanatismus, den westliche Antiislamisten lieber von Anfang an in ihm sehen. Eine überaus grausame Massenbewegung, angetrieben von rasenden Derwischen, einer Horde von Blutsäufern, instrumentalisiert von den Propagandisten des Heiligen Krieges, läuft in der Schlacht von Omdurman den Maschinengewehren der überlegenen europäischen Militärtechnologie und Logistik todessüchtig ins Feuer. Es ist mehr eine Schlächterei als eine Schlacht. Zehntausend Derwische werden in wenigen Stunden niedergemacht. Für Churchill ist das indessen der »bemerkenswerteste Triumph der Waffen der Wissenschaft über das Barbarentum«, der »Zivilisation« über die »Unzivilisierten«, die »Wilden«, die, schon »rassisch gehandicapt«, »auf niedrigen Entwicklungsstufen« stehen geblieben sind. Die Passagen über die Unterschiede der »Rassen«, über »Barbarei« und »Zivilisation« sind der schwächste Teil des Buches, pure Ideologie.

Aber noch, gerade dem geschlagenen Gegner lässt Churchill Gerechtigkeit widerfahren. Selbst der Mahdi-Nachfolger Abdullahi ist nicht jener »Tyrann, der Unterdrücker, die Geißel des Sudans, die Verkörperung sämtlicher Laster«, zu dem ihn die europäische Berichterstattung machen will. Churchills Fairness riskiert sogar eine gewisse Nestbeschmutzung. Er räumt ein, dass »es in jeder Armee einen beträchtlichen Anteil grausamer Männer« gibt und auch britische Soldaten – selbst die seiner eigenen Einheit – auf dem Schlächtereifeld von Omdurman das getan haben, was um dieselbe Zeit Kaiser Wilhelm II. dem deutschen Expeditionsheer gegen die chinesischen Barbaren des »Boxer-Aufstandes« befiehlt: keinen Pardon zu geben und keine Gefangenen zu machen. Churchill zögert nicht, die »Rache für Gordon«, den »Triumph von Omdurman« als »absurde Floskeln« einer propagandistischen Kriegsmaschinerie zu brandmarken. Und als auf Befehl des Oberkommandierenden Kitchener das Grabmal des Mahdi zusammengeschossen und »entweiht«, seine Leiche von den christlich »Zivilisierten« enthauptet wird, rühmt er in grimmigem Sarkasmus die »Ritterlichkeit der Eroberer«. Er weiß von der »dunklen Seite« des Krieges. Ein freier Geist. Ein großes Buch.

 
Leser-Kommentare
  1. ...wurde in Afrika lange vor 1914 praktiziert - diese neue Dimension der maschinellen Leichenproduktion herausgearbeitet zu haben (waehrend die offiziellen Schlachtengemaelde selbst Omdurman noch als einen Kampf Mann gegen Mann darstellten) ist der Hauptverdienst von Churchills Kriegsbericht.Zitat: (nach Sven Lindqvist) "... Die Soldaten gaben sich grosse Muehe. Allerdings ermuedete sie die rein mechanische Arbeit mit der Zeit. Die Gewehre wurden heiss, so heiss, dass sie ausgetauscht werden mussten gegen die der Reservekompanie...Die leeren Patronenhuelsen, die auf den Boden klimperten, bildeten kleine Haufen um die einzelnen Soldaten herum. Waehrenddessen bohrten sich die Kugeln auf der anderen Seite des Feldes in menschliches Fleisch und zerfetzten Knochen." Kein Sudanese kam naeher als 250m an die britischen Stellungen heran.  Dass Churchill spaeter zusammen mit seinem willigen Vollstrecker Bomber-Harris zum Erfinder des Gaskriegs aus der Luft wurde (Irak 1925) sollte freilich auch nicht vergessen werden. 

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  • Quelle DIE ZEIT, 05.06.2008 Nr. 24
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