Robert Kagan ist der drittberühmteste Großdeuter der Weltpolitik – nur Francis Fukuyamas Ende der Geschichte und Samuel Huntingtons Kampf der Kulturen sind populärer geworden als Kagans These von 2002: »Amerikaner sind vom Mars, Europäer von der Venus.« Dort die militanten und missionarischen Vereinigten Staaten, hier ein postmodern-pazifistisches Alt-Europa: Der neokonservative Thinktanker und Publizist Kagan hatte die Weltformel für die Zeit des Irakkriegs geliefert. Mit seinem neuen Büchlein erhebt er den Anspruch auf Interpretationshoheit auch für den nächsten historischen Augenblick, für die Zeit nach George W. Bush und nach dem Ende der amerikanischen Übermacht. Die Demokratie und ihre Feinde ist ein glänzend gearbeitetes Stück geistig durchdrungener Geopolitik, freilich im Ergebnis irreführend. Der Verfasser gehört zum außenpolitischen Beraterkreis von John McCain – nicht auszuschließen, dass sich in diesem Band das Weltbild der nächsten US-Präsidentschaft spiegelt.

Kagan ist ein Anti-Fukuyama. Seine Analyse geht davon aus, dass der Optimismus von 1989, der Glaube an den historisch unausweichlichen Sieg der westlichen Ideale von Freiheit und Fortschritt, gescheitert ist. Nicht mehr die Vereinigten Staaten und die EU beherrschen allein die internationale Landschaft, sondern ein Ensemble von alten und neuen Großmächten, darunter das aufsteigende China und das wiedererstarkende Russland, aber auch Indien, Japan und ehrgeizige Regionalmächte wie Iran. Die Wiederkehr der Machtpolitik und Mächtekonkurrenz ist das erste Hauptmerkmal des 21. Jahrhunderts. Darunter jedoch identifiziert Kagan ein tieferes, ideologisches Motiv: den Kampf zwischen Demokratie und Autokratie. China und Russland sind nicht irgendwelche Mächte, sondern antiwestlich und antiliberal, selbst diktatorisch regiert und Schutzpatrone von Diktaturen wie Birma oder Simbabwe. Anders als einst die Sowjetunion sind die neuen Autokratien nicht marode, sondern wirtschaftlich potent; sie haben einen Weg gefunden, Kapitalismus und autoritäre Herrschaft zu verbinden. Die liberalen Demokratien, Amerika und Europa, müssen schleunigst ihre neurotischen Differenzen (vgl. Mars und Venus) überwinden, um den neuen Systemkonflikt zu bestehen.

Das ist wahrscheinlich das Beste und Klügste, was man aus hardcore-amerikanischer Sicht ideenpolitisch aus der Gegenwart machen kann. Aber es liegt immer noch ein Schleier von Selbsttäuschung darüber. Kagan will die Erschütterung der US-Vormachtstellung nicht voll wahrhaben; im Mittleren Osten sieht er nach wie vor eine Pax Americana, während doch in Wahrheit nicht nur Amerikas Gegner wie Iran, sondern auch seine Freunde wie Israel oder Saudi-Arabien längst Politik auf eigene Rechnung machen. Vor allem aber dürfte es eine Illusion sein, dass die Demokratien der Welt unter amerikanisch-europäischer Führung gegen Peking, Moskau oder ihre schurkenstaatlichen Klienten Front machen könnten. Indien und Südafrika, die Philippinen, Indonesien und Brasilien werden für die Eindämmung Chinas oder Russlands kaum zur Verfügung stehen – schon aus Eigeninteresse nicht, aber auch aus antikolonialen Affekten. Die großen Demokratien des Südens gehören zur freien Welt, aber nicht zu einer neuen globalen Nato.