Als Francisco Maroto 18 Jahre alt war, verließ er Madrid und wurde Höhlenbewohner. Er ging mit zwei Freunden, mit Rucksack und Schlafsack hinauf in die Provinz Guadalajara, um dort den Hippietraum vom ordentlichen Landleben zu verwirklichen. Im Valle del Ocejón, einem weitläufigen Hochtal der Sierra de Ocejón, bezogen die drei Freunde eine luftige Höhle. In der Mitte der Höhle gab es ein großes Oberlicht, ohne Fensterscheibe natürlich. Da fiel zunächst der Herbstregen hindurch, später der erste Schnee. Nach drei Monaten wurde es den Jungs zu ungemütlich. Bis zum Frühjahr teilten sie sich einen Stall mit Schafen und Ziegen, dann »besetzten« sie ein Haus. Das lag in Matallana, einem leer stehenden, verlassenen Dorf weit abseits der Straße, in dem Strom und fließendes Wasser niemals angekommen waren. Die übrigen Dörfer des Tals wurden zwar besser versorgt, hatten aber auch kaum mehr Einwohner. Die waren längst in die Stadt abgewandert, weil im Valle del Ocejón kein ordentliches Landleben mehr möglich war.

Das ist 25 Jahre her. Maroto hat Matallana längst wieder verlassen, allerdings nicht das Tal des Ocejón. Mittlerweile lebt er als Imker in Campillo de Ranas, dem zentralen Dorf der Gegend, einem Ort mit weniger als 50 ständigen Einwohnern. Dort hat er sich ein bescheidenes Haus gebaut aus dem für die Region typischen schwarzen Schiefer. Dem Schiefer verdanken die verstreuten Siedlungen auch ihren Sammelnamen: Schwarze Dörfer. Aus diesem Namen wird langsam ein Markenzeichen. Immer mehr Ausflügler und Urlauber streifen für ein paar Tage durch die Dörfer und über die Hügel rundum. Und daran ist Francisco Maroto nicht ganz unschuldig.

Gerade ist er aus Turin zurückgekehrt. Jetzt sitzt er in seiner Bauernkate, zwei kleine Fenster mit Häkelgardinen im Rücken, massive Schieferplatten unter den Füßen, und erzählt von seiner jüngsten Reise als Botschafter der neuen Heimat. Maroto war vergangenes Wochenende Gast des Turiner Filmfestivals. Es lief dort eine Dokumentation, in der er eine tragende Rolle spielt. Der Film heißt Campillo sí quiero (»Campillo – ja, ich will«), und Maroto, kurzes schwarzes Haar über einem knuffigen Jungsgesicht, tritt darin vor allem in seiner offiziellen Nebenbeschäftigung als Bürgermeister von Campillo de Ranas auf. Als Bürgermeister darf er Trauungen durchführen. Vergangenes Jahr wurden im Dorf rund 80 Hochzeiten gefeiert, fast doppelt so viele also, wie der Ort Einwohner hat. Dass es so viele sind, hat mit Maroto zu tun – und außerdem, wenn man so will, mit Spaniens Regierungschef José Luis Rodriguez Zapatero. Der boxte 2005 ein Gesetz durch, das homosexuellen Paaren den Weg in die Ehe ebnete. Die konservative Opposition lehnte das Gesetz ab, und aus diversen kritisch gestimmten Rathäusern kam die klare Ansage: Wir trauen weder Schwule noch Lesben! Da stand Francisco Maroto auf und sagte: Wir schon! Maroto hatte aus seiner eigenen Homosexualität nie ein Hehl gemacht und wollte selbst ein kleines Zeichen setzen zur Stärkung des neuen Rechts. Daraufhin begannen sich ein paar Heiratskandidaten das kleine Dorf im verlassenen Tal einmal genauer anzusehen, stellten fest, dass es sehr schön und sein Bürgermeister sehr nett ist und kehrten irgendwann mit großem Anhang zur Hochzeit zurück. So kam der Stein ins Rollen.

Maroto ist nach wie vor stolz auf seine Initiative und deren Erfolg. Aber eins möchte er doch klarstellen: »Von den Paaren, die in Campillo heiraten, ist höchstens ein Viertel schwul oder lesbisch.« Nicht dass jemand auf die Idee kommt, er sei einseitiger Lobbyist. Als Bürgermeister freut er sich über jede Hochzeit: »Mich kostet die Zeremonie fünf Minuten, die Gemeinde bekommt dafür 200 Euro. Das nützt allen.« Überhaupt glaubt Maroto, dass nur der Tourismus – mit oder ohne Zeremonie – Campillo lebendig und die Bewohner beschäftigt hält. »Vor zwei Jahren haben wir die Schule neu aufgemacht, nach 27 Jahren. Das Dorf hat wieder eine Zukunft.« Auch der Bürgermeister selbst profitiert von den auswärtigen Besuchern. Sie kaufen ihm die gesamte Ernte aus 80 Bienenstöcken ab. Maroto schraubt ein Glas seiner persönlichen Reserve auf und zeigt den fast schwarzen Honig. Abzugeben hat er allerdings schon seit Januar nichts mehr: alles ausverkauft. Sollte er also nicht für die kommende Saison die Produktion steigern? »Ach was. So denken die Städter. Mir ist es wichtiger, gut zu leben.«

Wer durch Campillos holprige Gassen geht, zwischen den schwarzgrauen Häusern entlang, die aus Tausenden einzeln behauener Schieferstücke aufgerichtet sind, der mag die Rede vom guten Leben nicht ohne Weiteres glauben. Der massive Stein, die trutzigen Wände, die winzigen Fenster, das alles erinnert noch an Zeiten, in denen man sich einigeln musste, um einigermaßen durch den Winter zu kommen. Und das Land ringsum, von Eichen bestanden, von Brombeer- und Zistrosensträuchern übersät, macht auch eher einen spröden, der Landwirtschaft wenig zugeneigten Eindruck. Nicht umsonst ließen die Dörfler vor 40, 50 Jahren ihre Grundstücke im Stich und zogen der »Zivilisation« entgegen: Weder gab es genug guten Boden noch Weiden und ein günstiges Klima für massenhaft Vieh. Kein Alteingesessener wird das Tal je als Idyll erlebt haben. So schuf die Emigration langsam Platz für die spätere Immigration von Hippies und anderen neo-rurales . Die konnten manches leer stehende Anwesen übernehmen. Oder sie respektierten, wo des fortgeschrittenen Verfalls wegen ein Neubau nötig war, die Maßgaben der alten Bauweise, wenigstens äußerlich. An den rauen, rustikalen Fassaden, an den traditionellen Satteldächern und den eisenbeschlagenen Holztüren der Schieferhäuser hat sich deshalb kaum etwas geändert. Nur die Bewohner sind nicht mehr dieselben.

Manche der Alten schauen noch alle halbe Jahre mal vorbei – wie das rüstige Paar, das gerade Campillos einzige Kneipe La Garduña betritt. »Wie sieht’s aus?«, ruft der Mann den Wirtsleuten Alberto und Julián zu. »Das Dorf ist immer noch an derselben Stelle«, gibt Julián hinter der hölzernen Theke zurück. Das stimmt so weit. Allerdings ist die Kneipe selbst erst vor zwei Jahren aus einem ehemaligen Ziegenstall entstanden. Und die Wirtsleute leben auch noch nicht viel länger im Ort. Sie stammen, wie Maroto und mancher andere, aus Madrid. Und sie sind hier, weil sie wussten, dass vor ihnen schon andere gekommen waren. »Wäre dies noch eins der traditionellen Dörfer des hinterwäldlerischen Spaniens«, grummelt Alberto aus seinem silbergrauen Vollbart hervor, »dann hätten wir womöglich nach zwei Minuten auf die Schnauze gekriegt.«

Er und Julián sind ein schwules Paar. Mit der »Öffentlichkeitsarbeit« ihres Bürgermeisters sind sie trotzdem unzufrieden. Denn Maroto hat auch ein paar Mal Schätzungen über den homosexuellen Anteil von Campillos Bevölkerung angestellt. Die Zahl war hochgegriffen und wurde in der Presse weiter aufgebauscht. Plötzlich sollten unter den 300 Einwohnern des Tals 40 homosexuelle Pärchen leben. Von einem »Schwulen-Mekka« war die Rede. Daraufhin suchten Ausflügler – vergeblich – Szenetreffs in Campillo und rechneten jeden Moment mit einer farbenfrohen Straßenparade. »Ein Jammer«, sagt Alberto, »jetzt sind wir eher als Schwulendorf bekannt als für die Schönheit der arquitectura negra.« Der korrigierten Schätzung zufolge leben in den acht übers Tal verstreuten Orten derzeit 20 Homosexuelle. BILD