Gesellschaft Mit Hörer und Sichel

Nicht nur die Deutsche Telekom agiert wie ein sozialistischer Überwachungsstaat. Viele Konzerne ähneln in der Krise paranoiden Diktaturen.

Die Spitzelaffäre in der Deutschen Telekom hat schon viele Pointen produziert. Aber nichts wirkt so elektrisierend wie die vom Spiegel geäußerte Vermutung, dass sich das Unternehmen mit Hilfe externer Sicherheitsfirmen auch der Expertenschaft ehemaliger Stasi-Leute bedient haben könnte. Wächst da zusammen, was schon lange zusammengehört? Schon der Name Konzernsicherheit, abgekürzt KS, für die zuständige Abteilung der Telekom folgt dem Wortbildungsmuster Staatssicherheit; der Kalauer liegt auf der Hand, dass die Stasi (der DDR) nunmehr für die Kosi (der Telekom) arbeitete.

Aber selbst wenn der Verdacht sich als unzutreffend herausstellen sollte, lenkt er doch das Augenmerk auf den erstaunlichen Umstand, dass viele deutsche Großkonzerne für ihre Sicherheitsabteilungen ehemalige Polizei- und Geheimdienstmitarbeiter beschäftigen. Augenscheinlich sind die Unternehmen in ihrer Selbstwahrnehmung längst Staaten vergleichbar, sie brauchen eine Spionageabwehr nach außen (das kann man bei Hochtechnologien durchaus noch verstehen), aber sie fühlen offensichtlich auch die verschärfte Notwendigkeit einer Aufklärung nach innen, und da sind wir tatsächlich bei der paranoiden Psychologie diktatorischer Regime, die dem eigenen Volk, oft selbst der eigenen Führungsriege misstrauen.

Und wie auch nicht. Firmen sind keine Demokratien, ihre Chefs werden nicht gewählt, sie boxen sich aus eigener Kraft an die Spitze oder werden von einer auswärtigen Macht eingesetzt, und die Intrigen, die dabei zur Anwendung kamen, lehren zugleich die Furcht davor, später ähnlichen Machenschaften zum Opfer zu fallen. Oft ist beklagt worden, dass viele Führungskräfte einen Großteil ihrer Arbeitskraft nicht für das Unternehmen, sondern für die Sicherung der eigenen Macht einsetzten.

Es gibt weitere Parallelen. Der innere Feind, den jede Diktatur mehr als den äußeren fürchtet, kann auch in der Wahrnehmung einer verunsicherten Firma zum Hauptproblem werden; wer weiß, in welcher Maske des vorbildlichen Eifers, eines nur scheinbar wohlmeinenden Konferenzbeitrages er sich gerade verbirgt. Ehrgeiz und Fleiß können zur Quelle des Verdachts werden und mehr noch die selbstlose Aufdeckung von Missständen, wie sie auch in jedem sozialistischen Staat als Subversion galt. Es gibt gewiss wenige Angestellte, die nicht schon einmal einen Chef hatten, der bedenklich an Humphrey Bogart als Kapitän in dem Film Die Caine war ihr Schicksal erinnerte, wie er irren Blicks, mit zwei Stahlkugeln spielend, wegen einer fehlenden Portion Speiseeis eine hochnotpeinliche Inquisition begann.

PR-Abteilungen fürchten kritische Presse wie das Politbüro der DDR

Und dann das Problem mit der Presse. Nachrichten, die nach außen dringen, werden von Firmen mit der gleichen Panik behandelt, wie es die DDR tat, wenn die Westpresse etwas erfuhr. Übrigens müssen es nicht einmal nachweislich interne Quellen sein; der Umstand allein, dass ein Journalist in kritischer Absicht eins und eins zusammenzählt und das Naheliegende schreibt, wird von manchen Unternehmen ebenso wie von Diktaturen als Indiz undichter Stellen gewertet. Auch die Telekom hat wie seinerzeit die DDR misstrauische Dossiers über kritische Journalisten angelegt, wenn nicht sogar Spione ausgeschickt – wie den Maulwurf, den sie tatsächlich in der Redaktion der Zeitschrift Capital zu platzieren versuchte.

Unternehmen, deren vorzügliche Presseabteilungen gewöhnt sind, die Medien professionell zu manipulieren, können meist nicht glauben, dass Medien auch von sich aus und ungesteuert etwas tun, ohne Geld und Hintermänner. Ähnlich haben noch nach 1989 manche Ostintellektuelle angenommen, wenn sie von Westzeitungen kritisiert wurden, dass diese stets im Konzert und gesteuert agierten; die Frankfurter Allgemeine galt ihnen als das Neue Deutschland des Westens, und wenn die Süddeutsche eine verwandte Meinung vertrat, sahen sie darin nur den Mechanismus, mit dem die SED-Bezirkszeitungen dem Kurs des ND zu gehorchen pflegten.

Die Verschwörungslogik, der manche Großunternehmen in der Krise zum Opfer fallen, folgt keiner vergleichbaren Diktaturerfahrung, wohl aber einem vergleichbar dramatisierten Verhältnis von innen und außen. Je unberechenbarer und ungünstiger sich das politische, gesellschaftliche, mediale Umfeld entwickelt, desto größer wird das Säuberungsverlangen nach innen. Man will zumindest dort kehren, wo man kehren kann, und das Misstrauen, das sich vergebens an der Außenwelt abarbeitet, wendet sich den eigenen Fluren, Büros und Akten zu.

Es gibt natürlich Eskalationsstufen des Misstrauens. Wie die DDR das Volk nicht nur bespitzelte, sondern seit Honecker auch mit Annehmlichkeiten bei Laune zu halten versuchte, sind bei VW die Leitungskader und Betriebsräte (damit sie nicht bocken) mit allerlei Lustbarkeiten auf loyalem Kurs gehalten worden. Direkte Vergleiche mit dem prüden Sozialismus verbieten sich; aber in anderen Diktaturen, vor allem eher rechtsgerichteten, sind Geschichten von Ausschweifungen der Junta notorisch. Manchmal ähneln sie dem Tanz auf dem Vulkan: noch kurz vor dem Zusammenbruch feiern, was das Zeug hält.

Die Untergangserwartung, die in Firmen ausschweifende Angstblüten treiben kann, muss sich nicht auf einen Konkurs richten. Es genügt dazu die Erfahrung putschartiger Führungswechsel, die oft bis in untere Leitungsebenen zu Umsetzungen und Säuberungen führen. Sogar das Gemeinschaftsgefühl, das jede Institution braucht, kann auf solchen Untergangsfantasien beruhen.

Weniger katastrophalisch inspiriert sind die Strategien zur Herstellung einer Corporate Identity, und doch erinnern auch sie an die interne Propaganda diktatorischer Regime. Warum genügt es nicht, wenn die Kunden an das Produkt glauben, warum müssen auch die Mitarbeiter zu unbedingter Produktliebe erzogen werden? Das Verlangen nach Identifikation der Angestellten mit der Firma führt nicht immer zu so merkwürdigen Formen wie bei manchen Automobilfirmen, die nicht dulden, wenn andere als die eigenen Autos auf den Firmenparkplatz gefahren werden. Aber im Wunsch der Arbeitgeber, nicht nur für tüchtige Arbeit, sondern auch für eine tüchtige Gesinnung zu bezahlen, steckt doch der Keim zu einer totalitären Inbesitznahme der Mitarbeiter.

Auch Unternehmensphilosophien haben ihr Theorie-Praxis-Problem

Noch stärker an den Sozialismus erinnern die philanthropischen Unternehmensphilosophien, die sich manche Konzerne leisten, einschließlich des Theorie-Praxis-Problems, das damit notwendig einhergeht und jeder Student des Marxismus-Leninismus bestens kennt. Die humanen Ideale sind das eine, die Durchsetzung aber erlaubt keine Sentimentalitäten. Der Abstand zwischen realer Personalführung und den Lehren der betriebswirtschaftlichen Handbücher ähnelt oft dem Abstand des DDR-Alltags zu den geschätzten Klassikern.

Wie denn überhaupt schwer zu sagen ist, worin die befremdliche Systemkonvergenz zwischen einem kapitalistischen Konzern und dem realsozialistischen Staat besteht. Eine zufällige Analogie? Oder entstehen die Parallelen notwendig, wo es keine Gewaltenteilung gibt, wo äußerer Druck sich in inneres Misstrauen verwandelt und die Psyche der Führenden sich unter dem Gewicht der Erwartungen zersetzt? Manches spricht dafür, dass ein gelernter DDR-Bürger wenig Schwierigkeiten hätte, die krankhaften Prozesse bei der Telekom zu verstehen. Oder umgekehrt: dass ein Beschäftigungsverhältnis bei der Telekom auch dem ahnungslosesten Westbürger ein gewisses Verständnis für die DDR beibiegen würde.

 
Leser-Kommentare
    • Puka
    • 07.06.2008 um 11:28 Uhr

    Ein großartiger Artikel der uns sowohl die Funktion der Konzerne als absolutistische Fürstentümer aufzeigt, als auch einen Blick in die Psyche der Wirtschaftsfürsten gibt. Bei letzterem aber fehlt mir doch die Dimension des fehlenden Unrechtsbewusstseins, der Anmaßung über dem Gesetz zu stehen, denn ausschließlich mit der Angst vor dem Untergang lassen sich die Ausschweifungen mancher Unternehmer nicht erklären. Es bleibt spannend welche Schlüsse die Gesellschaft der Milden letztlich daraus ziehen wird, oder konkreter gefragt: werden Konzerne "bald" demokratisiert?mfg

  1. verehrter Herr Jessen, scheint nun mal das Stilmittel der Gegenwart
    zu sein, in Ihrem Beitrag tragen Sie ja genügend Beispiele aus der
    letzten Zeit zu einem Gesamtbild zusammen und kennzeichnen, nach meinem
    Dafürhalten ganz richtig, die Gründe für die Burgmentalität in der
    Chefetage in Form von Argwohn und äußerstem Misstrauen gegenüber jeder
    und jedem: man weiß noch zu gut, wie man sich selbst auf den Sessel
    gehievt hat, Zitat:
    "Firmen sind keine Demokratien, ihre Chefs werden nicht gewählt, sie boxen
    sich aus eigener Kraft an die Spitze oder werden von einer auswärtigen Macht
    eingesetzt, und die Intrigen, die dabei zur Anwendung kamen, lehren zugleich
    die Furcht davor, später ähnlichen Machenschaften zum Opfer zu fallen. Oft ist
    beklagt worden, dass viele Führungskräfte einen Großteil ihrer Arbeitskraft
    nicht für das Unternehmen, sondern für die Sicherung der eigenen Macht
    einsetzten.
    " (Zitatende)
    Sie sagen es. Sowas konnte man bisher nur im Feuilleton der zeit lesen,
    nun ist es auf der ersten Seite angekommen. Man fühlt sich in mancher
    Hinsicht in die Zeit des französischen Bürgerkönigs Louis-Philippe
    versetzt, richtig, ich meine jenen, den man seiner reichen körperlichen
    Fülle halber im Volksmund  auch "König Birne" nannte. Damals
    - ich spreche vom 19. Jahrhundert - brachte die unmittelbare Anschauung
    bei Honoré de Balzac immerhin noch
    ein über 90-bändiges Romanwerk hervor, das man als Comédie Humaine
    kennt, später in der Zeit Louis-Napoléons noch einmal bei Emile Zola,
    in welchen die moralische Entrüstung der Autoren über das
    Enrichissez-vous der Rothschild und Konsorten immer wieder den Finger
    in die moralischen Wunden seiner Zeit legte, die auch uns wieder als
    "Bereichert Euch" soeben bekannt geworden ist. Es scheint ja der
    einzige Wert zu sein, der uns noch geblieben ist. Was will man
    erwarten? In der Geschichte kehrt alles wieder, alles ist schon mal
    dagewesen, aber, sagt Marx irgendwo, was zuerst als Tragödie
    aufgetreten ist, kommt beim zweiten Mal als Komödie wieder und tritt
    zuletzt nur noch als Farce und Groteske auf. Heute hat man die
    Buchalter auf den Thron gesetzt, und will man ihnen verdebnken, dass
    sie nun Politik mit den Mitteln der Buchhaltung machen? Controlling
    heißt das, glaube ich, in einschlägigen Kreisen. Etwas weiter
    verstanden, wird darunter eben auch die Installation einer Abhöranlage
    zur Kontrolle der Mitarbeiter verstanden, und der Maulwurf, den aus den
    Beständen der DDR und des Verfassungsschutzes recycelt, gehört auch zu
    den Mitteln der Kontrolle. Demokratie und Gemeinsinn gehören dagegen
    nicht zu den Stilmitteln der Buchhaltung. Ich bin mir aber ganz
    sicher: Uns kommt nur noch die Komödie bei.
    Wann schreiben Sie Ihre Groteske, Herr Jessen?
    fragt
    montaigne

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    • Anonym
    • 07.06.2008 um 13:52 Uhr

    Ich kenne noch die Zeit in der Buchhalter, welche zu Finanzbuchhaltern rekrutiert wurden, die später zum Steuerberater mutierten. Die Steigerung, es sind dies heute die sogenannten "Controller" und noch schöner, die "Fall-Manager". Wozu braucht man jemand, der einem sagt, wer welchen Fall bearbeitet, was normalerweise aus jedem Schriftstück des Amtsschimmels ersichtlich? Potemkin vielleicht?Wenn Sie diese direkt ansprechen wollen, dann folgt direkt die Aussage, geht nicht, gibt's nicht, gerade in einer Besprechung. So wird das deutsche Volk zum Fußvolk geradezu erzogen. Ach ja, Dienstleistung, die sieht anders aus. Man muß keine Reisen bis nach Neuseeland veranstalten, eine Reise zu unserem Nachbarn, die Niederlande, besser bekannt unter dem Namen Holland, einer Provinz des Landes, würde manchem die Augen öffnen und den Horizont erweitern.Schönes Wochende - Gute ZEIT mit der ZEIT!
    Isaac Ben Laurence Weismann

    http://kommentare.zeit.de...

    • Anonym
    • 07.06.2008 um 13:52 Uhr

    Ich kenne noch die Zeit in der Buchhalter, welche zu Finanzbuchhaltern rekrutiert wurden, die später zum Steuerberater mutierten. Die Steigerung, es sind dies heute die sogenannten "Controller" und noch schöner, die "Fall-Manager". Wozu braucht man jemand, der einem sagt, wer welchen Fall bearbeitet, was normalerweise aus jedem Schriftstück des Amtsschimmels ersichtlich? Potemkin vielleicht?Wenn Sie diese direkt ansprechen wollen, dann folgt direkt die Aussage, geht nicht, gibt's nicht, gerade in einer Besprechung. So wird das deutsche Volk zum Fußvolk geradezu erzogen. Ach ja, Dienstleistung, die sieht anders aus. Man muß keine Reisen bis nach Neuseeland veranstalten, eine Reise zu unserem Nachbarn, die Niederlande, besser bekannt unter dem Namen Holland, einer Provinz des Landes, würde manchem die Augen öffnen und den Horizont erweitern.Schönes Wochende - Gute ZEIT mit der ZEIT!
    Isaac Ben Laurence Weismann

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    • phil24
    • 07.06.2008 um 11:54 Uhr

    Die Parallelen zwischen diktatorischen Regimes und Wirtschaftsunternehmen liessen sich auch auf den Bereich der Universitäten ausdehnen: Wenn sich die Bewertungsmaßstäbe von Wissenschaft und "Bildung" denen der Ökonomie immer stärker anähneln, sind vergleichbare Auswüchse in diesem Bereich zu erwarten und z.T. schon jetzt sichtbar- man erinnere sich nur an den "Maulkorb-Erlass" der Präsidentin der Hamburger Uni. Anzuregen wäre deshalb eine Debatte über die Angemessenheit eines sich an der Wirtschaft orientierenden Leitbildes direkter Anwendbarkeit universitärer (Aus)Bildung und der "Messung" von Forschung auf Basis quantitativer Kategorien  (Drittmittel, Zitierhäufigkeit usw.). Wenn Universitäten dem wirtschaftlichen Paradiga folgen sollen (Exzellenz! Wettbewerb! Clusterbildung!) sollte man sich über die "betriebsinternen" Folgeerscheinungen -wie sie sich gerade bei der Telekom zeigen- im Klaren sein, ebenso wie über die Negativeffekte, die durch den Druck auf die i.d.R. nicht marktkonformen Geisteswissenschaften auch nach außen entstehen.  

  2. Dass Unternehmen keine Demokratien sind, ist viel zu lange verdrängt worden. Einerseits waren die Gewerkschaften mit ihrem Modell der Sozialpartnerschaft und Mitbestimmung an der Schaffung dieser Demokratieillusion beteiligt, andererseits speisten die Unternehmen über ihre "Unternehmenskulturen" und Propagandaabteilungen dieses irreführende Bild.

    Es wurde in den Konzernen wie im 3. Reich oder z.B. im verhassten "Realexistierenden Sozialismus" plakatiert Leitlinien von größtem Schwachsinn hingen an allen Wänden.

    Anscheinend musste nicht der Kunde vom Produkt überzeugt werden, sondern noch viel stärker der Mitarbeiter. Das kann man auch in den Büros der Telefonunternehmen sehen.
     Spiele wurden veranstaltet, um die Teamfähigkeit zu stärken. Überhaupt das Team als Zelle des wirtschaftlichen Gedeihens. Der Führer des Teams, früher Gruppen- oder Abteilungsleiter, jetzt "primus inter pares". Es war ja alles so "demokratisch".  

    Was war in der Realität. Die Hierarchien in den Konzernen sind wie in Diktaturen undurchdringlich und fast ohne jede Kontrolle. Sie sind deutlich mächtiger. korrupter und brutaler als vor etwa 20 Jahren. Der einfache Mitarbeiter gilt ihnen gar nichts.  Selbst konstruktive Kritik führte zur Entlassung. Es darf nur jede noch so schwachsinnige Entscheidung bejubelt werden. Schnauze halten. Schleimen auf primitivstem Niveau führt zum Erfolg. Nur die Mitarbeiter können aufsteigen, denen es nichts ausmacht einen alleinverdienenden Familienvater so zu verleumden, dass seine Entlassung unausweichlich ist. Das kommt gut, solche brutalen Charakterschweine kann man gebrauchen. So als Chef auch mal ruhig einen besonders fähigen Mitarbeiter ohne Grund entlassen. Das schafft Unsicherheit und Angst und empfiehlt einen nach oben. Ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit kommt auch gut. Willkür wie in Diktaturen erleichtert ja auch das Herrschen im Betrieb. Als Chef nie irgendeine Sache schriftlich anweisen, macht man in Diktaturen ja auch nicht. Transparenz vermeiden. Den Flurfunk als Führungsinstrument benutzen. Ruhig mal öfters mündliche  Zusagen an den Mitarbeiter brechen, der kann sich ja eh nicht wehren.

    In einigen Betrieben ist das Denken des Wortes "Gewerkschaft" jetzt schon ein Entlassungsgrund. Löhne und Gehälter von denen man weder eine Familie ernähren kann, noch jemals eine ausreichende Altersvorsorge erhält.

    Der grottenschlechte Arbeitsmarkt macht das alles möglich. Der jetzige Abbau der Arbeitslosigkeit ist nicht mehr als dummes Gelaber. Wäre der Aufschwung am Arbeitsmarkt wirklich da, hätten viele Chefs den so sehnlich gewünschten Einmannbetrieb ruckzuck verwirklicht. Aber wer will denn schon wirklich einen für die Arbeitnehmer guten Arbeitsmarkt, doch nicht die Unternehmen?
     
     

    • Anonym
    • 07.06.2008 um 13:42 Uhr

    aber neuer Wein in alten Schläuchen, schmeckt auch nicht anders. Fürwahr, die "Demokratur", die gibt es in den Betrieben schon lange. Schleichende Selektion für solche, die zu allem JA und AMEN sagen. Nur hat es in und seit den 80ern solche Ausmaße angenommen, wie sie heute fast als normal betrachtet werden. Ob da in irgendeiner Phase die Dinge mit dem rechten Augenmaß vorgenommen wurden, daran darf man zweifeln. Das AMEN wurde als Grundvoraussetzung für die Einstellung vorgegeben.Und genau hier wird der Nährboden für allerlei Spielchen vorbereitet, die in der Regel so gedeutet werden könnte, selbst die schönste Revolution frisst ihre Revolutionäre. Schön wenn es einmal anders funktionieren wird. Denn im Grund genommen, wer will in Deutschland gar eine Revolution vom Zaune brechen, bei dem aufrechten Gang?Mut zur Veränderung, den kann jeder in seinem eigenen Umfeld im täglichen Umgang mit anderen Menschen üben, so nach dem Motto: Ein Euro-Jobs, nein danke, schafft Arbeitsplätze, die euren Mitarbeitern Freude bereiten, das sollte die Botschaft an Unternehmen sein. Die Rahmenbedingungen dazu sollten wieder neu erfunden werden können. Die Macht der Gewerkschaft, sie muß das Pendel wieder zurückschlagen lassen dürfen. Also, macht als Arbeitnehmer die Gewerkschaften wieder so stark, damit ihr bzw. diese auf Augenhöhe verhandeln kann. Und an die Gewerkschafter die Bitte, bleibt bei euren Leisten, der Vertretung eurer Klientel und spielt nicht Unternehmer und Arbeitnehmer-Vertretung in einem Zug, wie dies zum Teil in der Vergangenheit geschah und eure Mitgliederzahlen reduzierte. Wie gesagt eine Bitte. Müssen, das müßt ihr selbst wollen.Schönes Wochende - Gute ZEIT mit der ZEIT!
    Isaac Ben Laurence Weismann

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    • Anonym
    • 07.06.2008 um 13:52 Uhr

    Ich kenne noch die Zeit in der Buchhalter, welche zu Finanzbuchhaltern rekrutiert wurden, die später zum Steuerberater mutierten. Die Steigerung, es sind dies heute die sogenannten "Controller" und noch schöner, die "Fall-Manager". Wozu braucht man jemand, der einem sagt, wer welchen Fall bearbeitet, was normalerweise aus jedem Schriftstück des Amtsschimmels ersichtlich? Potemkin vielleicht?Wenn Sie diese direkt ansprechen wollen, dann folgt direkt die Aussage, geht nicht, gibt's nicht, gerade in einer Besprechung. So wird das deutsche Volk zum Fußvolk geradezu erzogen. Ach ja, Dienstleistung, die sieht anders aus. Man muß keine Reisen bis nach Neuseeland veranstalten, eine Reise zu unserem Nachbarn, die Niederlande, besser bekannt unter dem Namen Holland, einer Provinz des Landes, würde manchem die Augen öffnen und den Horizont erweitern.Schönes Wochende - Gute ZEIT mit der ZEIT!
    Isaac Ben Laurence Weismann

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    Antwort auf "Die Groteske,"
  3. Nach einer Groteske braucht der Vorredner nicht zu suchen, genügt ihm der Artikel als solches denn nicht. Mein Lieber Herr Jessen, Indoktrinationen scheinen bei Ihnen ja auf fruchtbaren (furchtbaren?) Boden gefallen zu sein. Sie konnten einfach nicht umher die alte Kamelle des sozialistischen Überwachungsstaates hervorzuholen und mit der DDR "aufzutrumpfen". Ihre Verlgeiche sind ja sowas von veraltet, sollen aber immer noch die gängigen Klischees bedienen, warum lohnt es sich nicht auch die gesamte Vergangenheit zu beleuchten? Nein, es hat in der BRD ja niemals die Überwachung des Bürgers stattgefunden, das  haben nur die DDR-Ossis erfunden. Lächerlich. Mit heutigen, aber auch gestrigen Möglichkeiten erscheint die DDR-Clique wie eine handzahme Altersheimbesatzung. Was es drüben gab, gabs bei uns auch, nur besser, mit weniger Leuten, aber immer noch effizienter. Trauen sie sich etwa nicht darüber zu schreiben, mal dort anzuecken wo es sich wirklich lohnt. Sie haben eben nur jene Möglichkeiten, die man ihnen erlaubt, ohne dass sie auch nur ansatzweise merken, dass dies so ist. Denn das Perfide an der Geschichte ist die Überzeugung, in einem Gefängnis frei zu sein. Die Überwachung ist doch schon längst dort angekommen, wo Sie sie nie erwarten würden, in ihren Gedanken. 

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    als ich diesen Artikel las: Der Berg kreißte und gebar eine Maus.
    Die Seitenhiebe auf die Stasiherkunft, auf der Herr Jessen herumreitet,
    hat mich ebenfalls gestört, Ihr schöner Vergleich dieser Truppe mit
    einer Altersheimbesatzung im Gegensatz zu den Spitzeln aus Pullach
    erscheint mir da weit treffender. Die ja ebenfalls zum Zweck des
    mentalen Controllings recycelt werden, was er aber immerhin nicht
    verschweigt.
    Vielmehr will er wohl unser Vertrauen in investigativen Journalismus
    stärken, nach dem Motto: Es gibt sie noch, die guten alten Dinge:
    (Zitat)
    "Übrigens müssen es nicht einmal nachweislich
    interne Quellen sein; der Umstand allein, dass ein Journalist in kritischer
    Absicht eins und eins zusammenzählt und das Naheliegende schreibt, wird von
    manchen Unternehmen ebenso wie von Diktaturen als Indiz undichter Stellen
    gewertet."
    (Zitatende)
    Genau da habe ich aber Zweifel: Zuviel ist in den letzten 18 Jahren
    hinter unserem Rücken vorbeigemogelt worden, um Politik ohne Wissen des
    Souveräns zu machen, tatsachen zu schaffen, was nicht ging, ohne, wie
    weiß es Herr Jessen so trefflich auszudrücken? - (Zitat)"Unternehmen, deren vorzügliche Presseabteilungen
    gewöhnt sind, die Medien professionell zu manipulieren, können meist nicht
    glauben, dass Medien auch von sich aus und ungesteuert etwas tun, ohne Geld und
    Hintermänner."
    (Zitatende)
    Eben. Nur in enger, äh, nennen wir es: Kooperation mit den
    PR-Abteilungen waren gewisse, äh, Deregulierungen, wie die schöne neue
    Wortschöpfung
    die Tatsache umkleidet, dass einfach Rechte abgebaut
    wurden, indem der Staat sich aus seiner sozialen Verantwortung
    schleichen
    und sein Vertrauen bekunden konnte, die Unternehmen werden mit dem in
    sie gesetzten Vertrauen verantwortungsbewusst umgehen, es nicht
    missbrauchen, mit dem Zwecke der Wertschöpfung aus Gemeinbesitz, für die man in den
    PR-Abteilungen eigens den Neologismus "Privatisierung" erfand, möglich:
    Nix mit zu tun, Herr Jessen? Nun sehen Sie mich überrascht und erstaunt.
    Investigativer Journalismus? Kommt heute noch vor? Gestatten Sie, dass ich leise zweifle,
    Ihr
    montaigne

    als ich diesen Artikel las: Der Berg kreißte und gebar eine Maus.
    Die Seitenhiebe auf die Stasiherkunft, auf der Herr Jessen herumreitet,
    hat mich ebenfalls gestört, Ihr schöner Vergleich dieser Truppe mit
    einer Altersheimbesatzung im Gegensatz zu den Spitzeln aus Pullach
    erscheint mir da weit treffender. Die ja ebenfalls zum Zweck des
    mentalen Controllings recycelt werden, was er aber immerhin nicht
    verschweigt.
    Vielmehr will er wohl unser Vertrauen in investigativen Journalismus
    stärken, nach dem Motto: Es gibt sie noch, die guten alten Dinge:
    (Zitat)
    "Übrigens müssen es nicht einmal nachweislich
    interne Quellen sein; der Umstand allein, dass ein Journalist in kritischer
    Absicht eins und eins zusammenzählt und das Naheliegende schreibt, wird von
    manchen Unternehmen ebenso wie von Diktaturen als Indiz undichter Stellen
    gewertet."
    (Zitatende)
    Genau da habe ich aber Zweifel: Zuviel ist in den letzten 18 Jahren
    hinter unserem Rücken vorbeigemogelt worden, um Politik ohne Wissen des
    Souveräns zu machen, tatsachen zu schaffen, was nicht ging, ohne, wie
    weiß es Herr Jessen so trefflich auszudrücken? - (Zitat)"Unternehmen, deren vorzügliche Presseabteilungen
    gewöhnt sind, die Medien professionell zu manipulieren, können meist nicht
    glauben, dass Medien auch von sich aus und ungesteuert etwas tun, ohne Geld und
    Hintermänner."
    (Zitatende)
    Eben. Nur in enger, äh, nennen wir es: Kooperation mit den
    PR-Abteilungen waren gewisse, äh, Deregulierungen, wie die schöne neue
    Wortschöpfung
    die Tatsache umkleidet, dass einfach Rechte abgebaut
    wurden, indem der Staat sich aus seiner sozialen Verantwortung
    schleichen
    und sein Vertrauen bekunden konnte, die Unternehmen werden mit dem in
    sie gesetzten Vertrauen verantwortungsbewusst umgehen, es nicht
    missbrauchen, mit dem Zwecke der Wertschöpfung aus Gemeinbesitz, für die man in den
    PR-Abteilungen eigens den Neologismus "Privatisierung" erfand, möglich:
    Nix mit zu tun, Herr Jessen? Nun sehen Sie mich überrascht und erstaunt.
    Investigativer Journalismus? Kommt heute noch vor? Gestatten Sie, dass ich leise zweifle,
    Ihr
    montaigne

  4. Ein ausgezeichneter Artikel, Herr Jessen. Es herrscht in zahlreichen Unternehmen vom einfachen Angestellten bis hin zum Vorstand hinein die pure Angst. Nicht das Produkt zählt mehr - früher galt der Grundsatz Marktführer könne nur der sein, der in seinem Segment Qualitätsführer sei - nein: heute zählt das drumherum: die Corporate Identity, die immer öfter durch irgendwelche Phantasie-Uniformen der Mitarbeiter zum Ausdruck gebracht werden soll, die Haltung, wenn man selbst ein grottenschlechtes Produkt nicht veraufe, dann verkauft es eben ein anderer - etc..Die Angst in den Unternehmen erreicht regelmäßig kurz vor der Abgabe der Quartalszahlen ihren Höhepunkt. Man weiss ja nicht, wie die Börsianer reagieren - Daumen rauf oder Daumen runter - und da ist es egal, wie gut die Zahlen ausfielen. Und dann ist da immer noch diese gewaltige Angst vor irgendwelchen Wühlern im eigenen Unternehmen, die es möglicherweise zwecks einer geplanten feindlichen Übernahme ausspähen oder die ganz einfach als investigative Journalisten recherchieren und dann für schlechte PR sorgen.

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  • Quelle DIE ZEIT, 05.06.2008 Nr. 24
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