Kolumne Wörterbericht
Currywurst
Warum berichten deutsche Zeitungen eigentlich so gern über kriminelle Ausländer? Warum so ungern über gelungene Integration? »Dummheit, die man bei andern sieht, wirkt stets erhebend aufs Gemüt«, hat ein Dichter gesagt, und das gilt erst recht für fremdländische Bosheit, angesichts deren wir Einheimischen uns moralisch überlegen fühlen. Es ist wie in der Sprachkritik: Böse Anglizismen werden allenthalben gegeißelt, aber keiner lobt schöne Wörter mit Migrationshintergrund. Tollpatsch! Currywurst! Engel! Chaos! Pantoffel! Schmetterling! Schokolade! Sex! Man kann sie nicht laut genug lobpreisen, die etwa 100.000 derzeit gebräuchlichen Einwanderer in den deutschen Sprachraum, denn sie haben uns unerhörte Dinge schmecken und denken gelehrt. Anfang dieses Jahres kürte das Goethe-Institut 141 positive Integrationsbeispiele. Nahezu unbemerkt sind sie jetzt in dem Buch Eingewanderte Wörter (Hueber Verlag) erschienen. Darin erfahren wir, dass »Schokolade« aus dem Aztekischen stammt und Integration auch ohne Assimilation gelingen kann, zum Beispiel in der tamilisch-portugiesisch-englisch-deutschen »Currywurst«. Es ist in der Etymologie nämlich wie im richtigen Leben: Nicht jedes Fremdwort bedeutet Sprachverfall, und die meisten Migranten sind kein Integrationsproblem. Evelyn Finger
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- Datum 05.06.2008 - 10:58 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.06.2008 Nr. 24
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