Kinderzeit Auf eurer Seite

Die ZEIT führt einen Teil nur für Kinder ein. Weil Lesen Spaß macht. Und weil die Demokratie informierte Bürger braucht

In den kommenden zwölf Wochen möchte die ZEIT ein sommerliches Experiment wagen. Auf einer Doppelseite im Ressort Wissen wendet sie sich erstmals an junge Leser zwischen acht und zwölf Jahren – mit Beiträgen zu Politik, Kultur, Geschichte, Sport und Gesellschaft. In dieser Ausgabe beginnen wir mit einer packenden Reportage von den Olympischen Spielen – im Jahr 416 vor Christus. Einen Comicstrip wird es regelmäßig geben, über Bleeker, den elektronischen Katastrophenhund; eine Kindervariante des klassischen ZEIT- Rätsels ( »Ums Eckchen gedacht« ); dazu Buch-, Hörbuch- und Filmtipps. Und unseren Fortsetzungsroman Der Sandelf aus der Feder der britischen Kinderbuchautorin Edith Nesbit (1858 bis 1924).

Warum bietet die ZEIT in den Sommerwochen zwei Kinderseiten an? Die wichtigste und ehrlichste Antwort lautet: Weil wir um Lesernachwuchs werben möchten. Die Zeiten, in denen Jugendliche das ZEIT- Lesen automatisch von ihren Eltern erbten, sind vorbei; junge Leute lassen heute selbst in bildungsbürgerlichen Kreisen eine große Distanz zum gedruckten Wort erkennen. Besonders dramatisch ist der Rückgang der Zeitungslektüre bei den 14- bis 19-Jährigen. Die großen Informations- und Unterhaltungskonkurrenten heißen Fernsehen und Internet.

Ganz egal, ob man dies nun als positive oder problematische Entwicklung für die betroffene Schüler- und Studentengeneration betrachtet – für die Zeitungen ist sie gefährlich. Die Printmedien brauchen eine altersgemischte Leserfamilie, denn Zeitungen mit ihren Lesern sind lebendige Sozialgefüge, ähnlich wie Kirchen, Vereine oder Parteien. Sie leben vom Gespräch der Jungen mit den Mittleren und den Alten, vom gegenseitigen Interesse füreinander. Ihren gesellschaftlichen Auftrag – nämlich den Bürgern in einer Demokratie möglichst objektive, wohlinformierte Argumente für ihre politischen Entscheidungen an die Hand zu geben – können sie nur erfüllen, wenn sie tatsächlich von allen Generationen zur Kenntnis genommen werden. Das versteht sich nicht mehr von selbst.

Uns Zeitungsleuten bekommt es übrigens gar nicht schlecht, wenn wir gezwungen werden, uns mehr als bisher um junge Leser zu bemühen. Schließlich ist guter Journalismus für Kinder und Jugendliche genau das, was guter Journalismus ganz allgemein sein sollte: die klare, verständliche Präsentation eines Gegenstandes ohne Flucht in sprachliche Ambivalenzen (»der Leser wird schon ahnen, was gemeint ist«). Der Verzicht auf Zynismus und Besserwisserei. Neugier auf und Respekt für die beschriebenen Personen. Und immer wieder: das Beharren auf der kritischen Nachfrage. Wenn diese Form der Berichterstattung gelingt, dann wird schnell klar, dass die heute vielfach wahrgenommene Trennung zwischen »ernster« (sprich: langweiliger) Information und »entspannender« Unterhaltung eine künstliche ist: Gute Information macht Freude, weckt innere Anteilnahme und Weltverständnis, liest sich angenehm und vermittelt dem Leser den Eindruck von sinnvoll verbrachter Zeit. Wenn es uns gelänge, den ZEIT- Kindern die Möglichkeit eines Gleichklangs von »sinnvoll« und »angenehm« zu vermitteln, wären wir sehr zufrieden.

Wie soll man für Kinder schreiben? Gewiss nicht pädagogisierend und herablassend – Erich Kästner beschimpfte zu Recht all jene, die dafür gewissermaßen »in die Kniebeuge« gingen. Auch nicht anbiedernd: Mühsam simulierte Jugendsprache wird der Leser auf den Kinderseiten der ZEIT nicht finden. Ebenso wenig den überkritischen Duktus, der viele Kinderbücher und manche Lehrpläne der siebziger Jahre prägte – und die »Kritikfähigkeit« mitunter wichtiger nahm als die genaue Kenntnis des zu kritisierenden Gegenstandes. Zugleich teilen wir keineswegs die rein affirmative, unkritisch-konsumorientierte Haltung mancher heutigen Jugendmedien. Zwar werden Kinder auch bei uns etwas über Sportstars und Popsternchen lesen können – aber nicht ohne die Frage, wie solche Helden gemacht werden, von wem und warum.

Im Idealfall werden auch Erwachsene die Kinderseiten gern zur Hand nehmen. Kinderbücher, Kinderfilme und Kinderzeitschriften taugen in aller Regel nichts, wenn sie nur auf Kinder zielen. Dann ist nämlich meist die Entscheidung zwischen »kindgerecht« und »kindisch« zugunsten des Kindischen gefallen – weil die Macher sich gar nicht wirklich um Kinder scheren und sie aufs Unhöflichste unterschätzen. Das Verächtlich-Kindische aber widerspricht dem aufklärerischen Imperativ, dass in jeder Erziehungsbemühung – und wir glauben eben: auch in jedem Medienangebot für Kinder – alles aufgehoben sein muss, was der erzogene, der erwachsene Mensch einmal werden soll und kann. Sprich: Auch das Kind hat eine zu achtende Würde und darf nicht aus Überheblichkeit intellektuell verzwergt werden.

Edith Nesbit, die Schöpferin des Sandelfen , hatte höchsten Respekt vor Kindern, nicht zuletzt vor dem Kind in sich selbst. Niemals hätte sie darum ihre Leser von oben herab belehrt, gelangweilt oder mit schlechter Grammatik beleidigt. Augenzwinkernd stand sie auf der Seite der Kinder, wenn ihr zauberkräftiger Sandelf Wünsche nur mit Tücke erfüllte, missgünstig über das abscheuliche Benehmen moderner Kinder herzog und den guten alten Zeiten nachjammerte.

Wir stehen an Nesbits Seite und zwinkern mit.


 
Leser-Kommentare
  1. Beruflich bedingt beschäftige ich mich dem Thema, wie man junge Zielgruppen als Zeitungsleser gewinnen kann. Deshalb habe ich auch gespannt auf den Start der Serie gewartet.Eigentlich kann ich nur gratulieren: Gut gemacht! Einem ausführlichen Erfahrungsbericht sowie meinen kleinen Kritikpunkte habe ich einen eigenen Blogeintrag gewidmet:http://relevantmedianow.w...Weiter so!

    • klaeff
    • 13.06.2008 um 21:13 Uhr

    Ich überlege gerade ob ich die Kinderseiten meinen Kindern überhaupt vorstellen soll. Was erkläre ich denen denn, wenn das nach nur 12 Wochen schon wieder zu Ende sein soll?

    • tinne
    • 27.06.2008 um 12:20 Uhr

    Schon nett. Nach meinen Erfahrungen muss ich die Kinder eh jede Woche neu motivieren, da reinzugucken, daher ist das mit den 12 Wochen erst mal nicht so schwierig. Außerdem finde ich das ehrlich, Experimente befristet anzukündigen. Ich abonniere die SZ ja schließlich auch erst wieder, wenn der Ruhrgebietsteil zurückkommt.Wieso können denn ausgerechnet die Kinder die Lösung zum Preisrätsel nur per Postkarte einschicken? Das ist ja schon haptischer, aber Internet wäre irgendwie praktischer ...

  2. Glückwunsch zu Idee und Mut der Umsetzung hoffentlich nicht nur für 3 Monate.Ich hoffe auf Erfolg, weil  für Kultur und Gesellschaft diese Art der Information unverzichtbar ist --und "was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr."Ich habe die Seite auf der Reise nach Banda Aceh gelesen  und bin dort mit einer völlig anderen "Kinderwelt" konfrontiert worden .Aber diese Welt bietet auch viele Geschichten ,die für unsere Jugend sehr inrteressant sein sollten.Die Leiterin der Communication -Abtlg. dort ist eine deutsche Journalistin ,die sicher über und von Kindern und Jugendlichen in dieser Welt viel erzählen kann,vielleicht auch die Kinder selber.Gute Idee??dann  Kontakt aufnehmen mit :Anna Stechert - (astechert@unicef.org)-

  3. glückwunsch ! unser 10 jähriger sohn hat den artikel mit den minensuchenden ratten mit begeisterung gelesen u. 1 woche später gleich nach seiner seite gefragt ! super idee, bitte für immer !

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