Klassik Ein baltischer Hitzkopf

Wien, Los Angeles, Birmingham: Der junge Lette Andris Nelsons ist auf dem Sprung zu einer großen Dirigentenkarriere. Ein Porträt

Der Mann hat eine Engelsgeduld. Flughafen Birmingham, Sicherheitskontrolle, Andris Nelsons lässt in seinem Notengepäck wühlen und zieht aus, was auszuziehen ist. Es piepst weiter. Geld, Messer, Sicherheitsnadeln? No Sir. Gerade dass man ihm das silberne Kreuz, das er um den Hals trägt, nicht abknöpft. Da steht er nun, gottergeben, der designierte Chef des City of Birmingham Symphony Orchestra, The Leader of the Band, wie der Evening Standard titelte, auf Socken und mit zerrauftem Hemd – und strahlt übers ganze morgenblasse Gesicht. Das Leben ist leicht, sagt der Blick, man muss sich ihm nur hingeben. Einem Security-Check ebenso wie der Rosenkavalier-Suite.

Ausgerechnet dieses plump Fallen stellende Machwerk dirigiert er tags zuvor so, dass sich Böhm, Karajan & Co. gewünscht hätten, sie wären es gewesen: Mit jener aristokratischen Prise Bittermandel im Zuckerguss (ohne die Süße an die Blausäure zu verraten und umgekehrt), mit allem Schmäh der Vorstädte und heiser juchzenden Geigen, mit einer unvergleichlichen Herzenshelle im Duett und einem Schlussterzett, das jede Hoffnung aufs falsche, rettende Gefühl gleich im Anfangsakkord erstickt. Man reibt sich Augen und Ohren: Steht da tatsächlich ein Lette vor einem mittelenglischen Orchester, das seit Simon Rattles Tagen auf seine zeitgenössische Tradition hält, aufs unprätentiöse, coole Musizieren? Die Letten, sagt Nelsons, sind ein schüchternes Volk, doch wehe, wenn sie aus sich herausgehen. Er zupft an seinem Sicherheitsgurt, wir fliegen nach Düsseldorf, Nelsons hat Flugangst und rote Flecken im Gesicht. Für den Jetset prädestiniert ihn das nicht gerade.

Seit er als junger Musikchef am Opernhaus von Riga Wagners Ring mitstemmte, gilt Andris Nelsons, heute 29, neben Gustavo Dudamel, Yannick Nézet-Séguin und Kristjan Järvi als eine der Begabungen der nachwachsenden Dirigentengeneration. Das Anachronistische daran: Bei ihm gibt es auf den ersten Blick nichts Vermarktbares, nur die Musik. So wie er das Wienerische nicht auf den Rosenkavalier appliziert, vom Klischee oder vom Hörensagen her, sondern aus der Partitur schöpft. Während Dudamel seine Entdeckung der staatlichen Musikförderung in Venezuela verdankt und der jüngste Järvi-Spross eine ganze Dirigentendynastie in seinem Rücken weiß, hat Nelsons eine normale Biografie und ist nicht einmal überdurchschnittlich fotogen. Die baltischblauen Augen unterm schwarzen Haar mögen ihm noch etwas Alabasternes, Madonnenhaftes geben; die Körperlichkeit seines Dirigierens aber, dieses irre sich Verausgaben, dürfte im Bild kaum einzufangen sein: mal Derwisch, mal Traumtänzer, feenlang die Arme, mit denen er Orchester, Bühnen, Welten umspannt. Er habe nie Maestro sein wollen, Nelsons belustigt sich über ein Foto in der Birmingham Post, das ihn in Raubtierpose zeigt, als wolle er dem Konzertmeister den Kopf abreißen: »Sobald ich dirigiere, fühle ich mich frei. Dann vergesse ich alle Unsicherheiten und Komplexe.« Die Zeitung steckt er vorsorglich ein, das glaubt ihm zu Hause keiner.

Nelsons stammt aus einem Musikerhaushalt, seine Mutter gründete das erste Alte-Musik-Ensemble Lettlands, die erste Oper des kleinen Andris ist Wagners Tannhäuser. Der Fünfjährige soll dabei unablässig auf den Dirigenten gestarrt und noch Tage später geweint haben. Eine Initiation? »Ich wollte von Anfang an mit Musik zu tun haben, mit Musik als Ganzem.« Er studiert Gesang, heimst als Bassbariton Preise ein und begegnet eines Tages einem Klang, der ihn wiederum ergreift und nächtelang verfolgt: Er lernt Trompete. Wenig später auch Dirigieren (unter anderem bei Alexander Titov in St. Petersburg) und ein bisschen Cello.

Als sein Landsmann Mariss Jansons mit den Osloer Philharmonikern in Riga gastiert und der Solotrompeter krank wird, springt Nelsons kurzerhand ein – der Beginn einer Künstlerfreundschaft. Er wird Jansons’ Privatschüler, debütiert, als es so weit ist, bei dessen Orchestern: vergangene Saison beim Bayerischen Rundfunk, diesen August beim Amsterdamer Concertgebouw. Und auch die Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst scheint er mit ihm zu teilen: Jansons, 65, Vertreter eines erdigen Klangs und exzessiven Dirigierstils, hat zwei Herzinfarkte hinter sich. Nelsons wiegt den Kopf, das Silberkettchen um seinen Hals hüpft von links nach rechts, er glaube, dass mit den Jahren die Angst nachlasse. Die Angst, die Musik könne unter den eigenen Händen einfach stehen bleiben.

Der Erfolg ist ein gutes Mittel gegen Schüchternheit. Wusste er nach der Rigaer Walküre-Premiere 2007 kaum mehr zu stammeln als »I’m just full of music«, so ist er ein Jahr später beim Post-Concert-Talk in Birmingham nicht wiederzuerkennen: Scherzt, kontert, lacht, verspricht Zeitgenössisches und Lettisches und konzertante Opern und überhaupt alles. Ein glücklicher Mensch. Bei der Probe scheint es, als würden sich der Dirigent und die Musiker vor Arbeitswut förmlich ineinanderstürzen: Mit immer neuen Notenblättern wird gewedelt und hantiert, Nelsons flitzt zwischen den Pulten hin und her – nicht nur bei Olga Neuwirths Trompetenkonzert, auch bei Schostakowitschs Sechster und dem Rosenkavalier. Nelsons Vorgänger, der stille Finne Sakari Oramo, pflegte einen anderen Stil. Eine solche Bilderbuchkarriere indes fällt nicht vom Himmel. Als Trompeter kennt Nelsons den Orchesteralltag, und anstelle der üblichen Ochsentour durch die Opernprovinz erarbeitet er sich seit 2006 bei der Nordwestdeutschen Philharmonie Herford sein Repertoire. Große Stücke in mäßigen Sälen zwischen Detmold und Bad Salzuflen – eine harte Schule. Ob er sich mehr den Rhetorikern oder mehr den Klangfetischisten zugehörig fühle? Fragen wie diese machen ihn ratlos. Er hoffe, sibyllinische Antwort, er sei ein sensitiver Musiker und Mensch. Wie Gustav Mahler es gewesen sein muss, dem er sich gerade vorsichtig nähert. Wie Carlos Kleiber es war, den er heiß bewundert. Und dass »accelerando« und »ritardando« doch keine freihändig zu exekutierenden Begriffe seien.

Muss man sich um dieses Talent sorgen? Fürchten, dass der blutsaugerische Markt sich seiner bemächtigt? Ende des Monats debütiert Andris Nelsons mit Pique Dame an der Wiener Staatsoper, im Juli folgen die USA (Los Angeles, Cleveland), Mitte September sein offizielles Antrittskonzert in Birmingham. Und vielleicht wird es immer ein bisschen so sein, dass die Musik in seinem Körper und Kopf noch schöner spielt als auf den schönsten Podien. Und dass er um dieser Diskrepanz willen zu viel »macht«, zu wild stürmt. Er wisse, sagt Nelsons, der meist nach zwanzig Minuten schon von Kopf bis Fuß nass geschwitzt ist, dass das nicht gesund sei. Seine liebste Anweisung aber lautet »Gefühl sparen!«, »Keep emotions!« wie um den bösen Zauber zu bannen. Damit das Thema im Kopfsatz von Tschaikowskys Pathétique, wenn es zum ersten Mal erklingt, nicht illustriert wird, sondern atmet, singt. Das Herz, lächelt Nelsons, schlägt innen. In solchen Momenten schaut er über alle Musikerköpfe hinweg in weite Fernen. Um nur ja ans Unberührbare nicht zu rühren. Im Großen Sendesaal des NDR Hannover, wo er die Pathétique unlängst dirigierte, bricht sich dieser Blick an einer Akustikdeckenverschalung aus den frühen achtziger Jahren. Das Leben ist leicht!

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    • Quelle DIE ZEIT, 12.06.2008 Nr. 25
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    • Schlagworte Musik | Klassik | Dirigent
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