Angra dos Reis, drei Autostunden südwestlich von Rio de Janeiro. Das Gewimmel der Großstadt ist in diesem Hafenstädtchen weit weg. Grüne Hügel umschließen menschenleere Buchten. Kleine Inseln liegen im tiefblauen Meer, ein Jachthafen lockt die Segler. Es könnte ein tropisches Idyll sein, doch mittendrin thront ein Stahlkoloss.

In einer Werft gleich neben dem Jachthafen lässt der brasilianische Ölkonzern Petrobras eine riesige schwimmende Förderplattform bauen. P-51, so lautet ihr Name, ist 125 Meter hoch, 110 Meter breit und 125 Meter lang. »Eine der größten Plattformen der Welt«, sagt ein Sprecher des Konzerns. Und eine der modernsten. Auf vier dicken stahlgrauen Säulenbeinen ragt sie aus dem Hafenwasser, darüber eine Handvoll Decks und ein Gerüst, über das eines Tages überschüssiges Gas abgefackelt werden wird. Ein Aufzug hievt Arbeiter nach oben, angezogen mit Kitteln und Overalls in Grau und Warnorange, ausgerüstet mit Schutzhelmen, Schutzbrillen und Ohrstöpseln. Überall wird eifrig geschweißt. Im September soll P-51 aufs offene Meer gezogen werden, um in der Tiefsee Öl und Gas zu fördern.

Tiefsee-Bohrplattformen wie P-51 sind der Stolz des Ölkonzerns Petrobras. Und das Wissen der Brasilianer, wie man so weit vor der Küste kilometertief unter dem Meeresspiegel bohren kann, macht Ölexperten auf der ganzen Welt Hoffnung. Schließlich gehen Öl und Gas zur Neige, und in ein paar Jahrzehnten könnten die bisher bekannten Vorräte aufgebraucht sein. Schon jetzt kommt die Förderung aus den bekannten Lagerstätten nur noch schleppend voran. Das ist ein Grund dafür, dass der Preis für ein Fass Rohöl am vergangenen Wochenende kurz auf rund 140 Dollar emporschnellte. Es gab Krisensitzungen bei der Opec, Krisensitzungen bei den Industriestaaten. Die Weltkonjunktur ist in Gefahr. Nichts läuft ohne das schwarze Gold.

Im vergangenen Herbst war eine aufrüttelnde Nachricht aus Rio de Janeiro um die Welt gegangen: Im Santos-Becken des Südatlantiks, mehr als 5.000 Meter unter Meereswasser und Salzkruste und etwa 300 Kilometer von der brasilianischen Küste entfernt, sollen gewaltige neue Reserven verborgen sein. Erst hörte man von einem neuen Feld namens Tupi, in dem fünf bis acht Milliarden Barrel lagern sollen – das würde die bescheidenen brasilianischen Reserven immerhin um mehr als ein Drittel erhöhen. Ähnlich groß ist offenbar das Feld Jupiter direkt daneben.

Anfang April plauderte der Chef der staatlichen Erdölagentur ANP, Haroldo Lima, dann am Rande einer Konferenz aus, dass in einem Nachbarfeld namens Carioca angeblich 33 Milliarden Barrel Erdöl stecken sollen. Das wäre mehr als die gesamten Reserven der USA, die größte Entdeckung seit mehr als 30 Jahren. »Wie Popstars« seien Petrobras-Mitarbeiter auf Branchentreffen gefeiert worden, erzählen Vertreter der Ölindustrie. Präsident Lula da Silva meldete sein Land schon mal vorsorglich für den Beitritt zur Opec an. Und auch international war die Hoffnung groß: War sie womöglich doch noch nicht vorbei, die Zeit der großen Ölfunde?

Die Jubelmeldungen aus Brasilien haben jedoch einige Haken. Mario Carminatti gehört zu denen, die um diese Haken wissen. Jetzt sitzt der Petrobras-Manager in seinem Büro im 18. Stock der Unternehmenszentrale und möchte am liebsten gar nicht über Details reden. Drunten, im Zentrum Rio de Janeiros, wälzt sich der Verkehr. Aus Klimaanlagen fällt feiner Sprühregen auf die Passanten. Brasilien, dieses hoch industrialisierte Land mit neuen, gewaltigen Ambitionen, wird in den kommenden Jahrzehnten eine Menge Energie verbrauchen. Und Carminatti, der als Fachmann für die Exploration neuer Ölfelder zuständig ist und sich Tag für Tag mit der Lösung dieses Energieproblems befasst, mag sich nicht recht zum allgemeinen Jubel über den angeblichen Riesenfund von »Carioca« äußern.

P-51: Stolz von Petrobras, Hoffnung für die Welt