Es ist ein Versprechen, ein ziemlich fabelhaftes noch dazu: »Lass dich entdecken« steht in großen Buchstaben auf der Internetseite younect.de. Nein, es geht nicht um Dieter Bohlens Sängerwettstreit, auch Models werden nicht gesucht. Gesucht werden ganz normale Azubis. Weil sie gebraucht werden, dringend: In diesem Jahr wird es erstmals mehr Lehrstellen als Bewerber geben, etwa 30000 Jugendliche weniger als noch im vergangenen Jahr verlassen im Sommer die allgemeinbildenden Schulen. Es wird also eng auf dem Ausbildungsmarkt. Der passende Zeitpunkt für die Macher von younect.de, ihre Lehrstellenbörse zu starten. Das Prinzip ist einfach und logisch: Auf younect.de geben Schüler ihr Profil ein, sie beantworten Fragen zum Allgemeinwissen und zu ihrer Person, zu Hobbys, Fähigkeiten, Wünschen und Träumen. Kostenlos. Potenzielle Arbeitgeber schicken dem younect-Team ihre Stellengesuche und bekommen gegen Geld geeignete Bewerber vorgeschlagen – wenn diese zustimmen. »So werden die Unternehmen nicht mehr mit Bewerbungen überschwemmt, die gar nicht zum Profil der Stelle passen«, sagt Martin Gaedt, Geschäftsführer von younect. »Und sie wissen: Die Bewerber haben sich Gedanken gemacht, ein Profil ausgefüllt, Fragen beantwortet. Die Lehrstelle ist für sie keine Notlösung, sondern stimmt mit ihren Fähigkeiten überein.«

Tierpflege statt Banklehre: Viele kennen gar nicht ihren Traumberuf

Zehn Jahre hat Martin Gaedt als Ideenentwickler gearbeitet, hat einem Fruchtgummihersteller geholfen, mit Gelatine-Sehenswürdigkeiten den Gewinn zu steigern, und immer wieder gemerkt: Die Unternehmen haben Schwierigkeiten, passende Lehrlinge zu finden. Ehrenamtlich betreute Gaedt Jugendliche beim Schüleraustausch – und war schockiert, wie ahnungslos diese mitunter waren, wenn es um ihre berufliche Zukunft ging. So entwickelte der 39-jährige Berliner die Idee zur eigenen Firma: Younect soll Abhilfe schaffen, auf beiden Seiten. Den Unternehmen sollen Lehrlinge vermittelt werden, den Jugendlichen eine Ausbildung – und Wissen: Welche Berufe haben mit Fotografie zu tun? Was haben ein Bäcker und ein chemisch-technischer Assistent gemeinsam? Es gibt einen Mitgliederbereich, in dem sich die Schüler austauschen können – erzählen, wie das Praktikum in der Bank war, warum sie ihre Lehre als Floristin abgebrochen haben, von welchem Beruf sie träumen. Und so vielleicht auch Lust auf Berufe machen, an die andere noch gar nicht gedacht haben.

»Dass Schüler sich über ihre Erfahrungen austauschen, ist sinnvoll«, sagt der renommierte Bildungsexperte und Professor am Institut für Technik und Bildung der Universität Bremen, Felix Rauner. »Das grundlegende Problem aber kann ein einzelnes Internetangebot nicht lösen: die fehlende Ausbildungsreife vieler Schüler.« In Deutschland sei die Berufsorientierung drastisch unterentwickelt, der Übergang von der Schule in den Beruf sehr schwer. Rauners Wunsch: aus dem Übergangsproblem endlich ein funktionierendes Übergangssystem zu machen, mit Schulen, die Mittelpunkte unseres Lebens sind, an die Unternehmer, Arbeiter und Angestellte gehen, ganz selbstverständlich, um über ihre Berufe zu sprechen, die Jugendlichen an die Arbeitswelt heranzuführen. Und mit Lehrern, die den lokalen Arbeitsmarkt kennen, ihre Schüler beraten, einschätzen, unterstützen. »Schon im letzten Schuljahr sollten Schüler, die sich für eine Berufsausbildung entscheiden, an zwei Tagen der Woche mit der Lehre beginnen«, fordert Rauner. So hätten auch Jugendliche eine Chance, deren Bewerbung sonst aussortiert wird – weil sie gezeigt haben, dass sie gut sind.

Rund 300000 sogenannter Altbewerber gibt es derzeit in Deutschland, Jugendliche also, die in den vergangenen Jahren keine Lehrstelle gefunden haben. Meist, weil die Noten zu schlecht waren, elementare Rechen- und Schreibfähigkeiten fehlen. Und: Jede fünfte Ausbildung wird inzwischen abgebrochen. Am häufigsten, weil die Jugendlichen mit falschen Vorstellungen gestartet sind.

So ging es auch Wenke, heute 20. Weil die Eltern es wollten, fing sie eine Lehre als Bankkauffrau an. Dem Druck aber war sie nicht gewachsen. Sie wollte Kunden beraten, es wurde aber erwartet, dass sie »Abschlüsse macht«, den Kunden Produkte verkauft, erzählt sie. Und sie musste mit Zahlen umgehen – was ihr schwerfiel. Wenke fiel durch die Prüfung, war arbeitslos, machte ein Freiwilliges Ökologisches Jahr. Im September wird sie eine Ausbildung als Tierpflegerin anfangen: »Ich habe mehr als 40 Bewerbungen geschrieben, niemand wollte mich. Eine nicht abgeschlossene Ausbildung kommt nicht so gut an.« Die neue Lehrstelle hat sie über younect.de ergattert: »Meiner Chefin hat gefallen, was ich über mich geschrieben habe, wie ich von meinen Hunden erzählte habe und von unserem Bauernhof«, erzählt Wenke.

Ein Problem bleibt die fehlende Ausbildungsreife von Schülern