Die Chinesen haben einen alten Fluch: »Mögest du in interessanten Zeiten leben!« In diesem Jahr scheint sich dieser Fluch schwer auf das Land zu legen. Ausgerechnet zum chinesischen Neujahr, dem wichtigsten Familienfest, suchte eine nie gesehene Schneekatastrophe den Süden heim. Mitte März erhoben sich die Tibeter gegen die chinesische Herrschaft; von Lhasa breiteten sich die Unruhen auf mehrere Provinzen aus. Die Weltöffentlichkeit ergriff Partei für Tibet, der olympische Fackellauf wurde zum Spießrutenlauf. Am 12. Mai bebte in der Provinz Sichuan die Erde: Mehr als 80.000 Menschen starben, fünf Millionen wurden obdachlos. Die Welt ist aus den Fugen geraten in den Monaten vor den Olympischen Spielen, mit denen China seinen Wiederaufstieg zur Weltmacht feiern wollte.

»So hatten wir uns dieses Jahr nicht vorgestellt«, seufzt ein hochrangiger außenpolitischer Berater von Parteichef Hu Jintao. Es ist ein warmer Frühsommerabend. Wir sitzen auf der Dachterrasse eines eleganten italienischen Restaurants im Pekinger Diplomatenviertel. Es ist eines der Lokale, in denen sich das schicke, moderne China trifft. Und dieses China fühlt sich von der Welt, oder doch vom Westen, nicht mehr verstanden. Was läuft falsch zwischen uns?

Je länger sich der Abend hinzieht, desto deutlicher wird – wie bei vielen Gesprächen zuvor: Der Blick von außen auf die Volksrepublik ist nur schwer mit dem Blick der Chinesen auf sich selbst in Einklang zu bringen. China schaut nach dreißig Jahren Reformpolitik voller Stolz auf das Erreichte; der Westen sieht vor allem die Defizite: bei den Menschenrechten, beim Umweltschutz, beim Flirten mit Diktatoren. Die Chinesen sagen: Wir sind immer noch ein Entwicklungsland, wir brauchen Stabilität im Innern und Ruhe nach außen. Der Westen sagt: Ihr seid längst eine Weltmacht mit all der Verantwortung, die das mit sich bringt. Also macht euren Einfluss geltend bei den Generalen in Birma und bei den Islamisten im Sudan!

Professor Wang Yizhou von der Akademie für Sozialwissenschaften (CASS) in Peking wehrt ab. Nur keine Feinde machen, so laute Chinas außenpolitische Richtschnur seit Beginn der Reformära Deng Xiaopings. Zhong yong nennen dies die Konfuzianer: »Den Weg der Mitte gehen!« Man könnte auch sagen: China macht sich kleiner, als es ist. Das wäre ja nicht das Schlechteste, erwidert Professor Wang. Zu Zeiten des Vorsitzenden Mao habe China die Revolution exportiert. Heute wolle man jedes Land über den eigenen Weg entscheiden lassen. Eigentlich müsste es dem Westen doch gefallen, dass sich China auf die Modernisierung daheim konzentriere.

Aber der Westen fürchtet ja längst nicht mehr den Revolutionsexport. Ihn schreckt die kalte Machtpolitik, etwa zur Sicherung der Rohstoffversorgung, die sich Unrecht und Unfreiheit gegenüber blind zeigt. Pekings Führer sind heute die wahren Erben Metternichs, zumindest die fleißigsten Schüler Henry Kissingers.

An der Ampel hält neben unserem Bus plötzlich ein Maserati

Die Heftigkeit der westlichen Kritik verunsichert die Chinesen. Warum dieses plötzliche China -bashing? Wo bleibt der Beifall für die gigantische Aufbauleistung? Jahr für Jahr ein Wachstum von durchschnittlich zehn Prozent. 300 bis 400 Millionen Menschen aus der Armut geholt. Eine Mittelschicht, die ihre Kinder zum Studium nach Amerika und Europa schickt. Mehr Internetbenutzer als in den USA. Dies alles nach dreißig Jahren. Was wollt ihr mehr?

»Die Chinesen wissen nichts von der Angst des Westens vor China«, sagt Zhang Ziming, der für die Parteischule von Provinz zu Provinz reist, um die KP-Mitglieder auf die jeweils neue Parteilinie einzuschwören. »Und wenn sie es wissen, dann verstehen sie es nicht.« Sie interessierten sich nicht dafür, wie viele Ausländer ihren Job verlören, weil Unternehmen nun in China produzierten. Sie beschäftige vielmehr, ob sie sich eine Eigentumswohnung oder ein Auto leisten könnten, in welche Schule ihre Kinder gehen sollten.

Eine Eigentumswohnung! Ein Auto! Die Wohnungen wurden den Chinesen vor ein paar Jahren noch zugewiesen; ins Büro oder in die Fabrik fuhren alle mit dem Fahrrad. Und jetzt hält an der Ampel neben unserem Bus plötzlich ein Maserati!

Dreißig Jahre lang hat China nach innen geblickt und ist nun schockiert, wie die Welt das Land wahrnimmt. Die Sympathien für den Dalai Lama, der doch ein »Separatist« ist, wenn nicht gar ein »Terrorist«. Die Zwischenfälle beim Fackellauf. Die Chinesen fassen es nicht. Und niemand gibt ihnen mehr Rätsel auf als die Deutschen.

Im Foyer des Außenministeriums stehen zwei junge Soldaten stramm. Sie flankieren ein Blumengebinde, mit dem das Ministerium die Opfer der Erdbebenkatastrophe ehrt. Besucher können sich in ein Kondolenzbuch eintragen. Der stellvertretende Außenminister Zhang Yesui empfängt an diesem Morgen eine Delegation der Atlantik-Brücke, der auch fünf Bundestagsabgeordnete angehören. Die Begegnung wird zu einer Abrechnung mit der deutschen Chinapolitik. Am Vortag hat in China die dreitägige Staatstrauer für die Erdbebenopfer begonnen. »Während die ganze chinesische Nation trauert, treffen in Berlin Politiker den Dalai Lama«, zürnt der Vizeminister, »einschließlich des Bundestagspräsidenten, der Entwicklungshilfeministerin und des Vorsitzenden des Außenpolitischen Ausschusses.«

Natürlich, jeder deutsche Politiker könne treffen, wen er wolle. Aber: »Wir halten das für eine Einmischung in unsere Angelegenheiten. Wir sollten das in den bilateralen Beziehungen Erreichte nicht gefährden!« Die deutsche Seite widerspricht vorsichtig. Den Vizeminister beirrt das nicht. »Die Treffen deutscher Politiker mit dem Dalai Lama sind für China inakzeptabel. Ich hoffe, die Beziehungen nehmen keinen Schaden.«

Heftiger noch wird die Schelte an der Parteihochschule, einem ausgreifenden Gelände am Pekinger Stadtrand. Als ein SPD-Abgeordneter die Gespräche mit dem Dalai Lama verteidigt, fährt ihm die Professorin Yu Ruixian scharf in die Parade: »Das bestätigt nur, dass Sie China nicht kennen, dass Sie den Willen des chinesischen Volkes nicht kennen. Die Tibetfrage ist eine innere Angelegenheit Chinas. Freunde dürfen die Gefühle des chinesischen Volkes nicht verletzen!« Und wer ist schuld daran, dass die Politiker den Willen des chinesischen Volkes nicht kennen? Es seien die westlichen Medien, ereifert sich Professorin Yang Qing; sie hätten aus Lhasa »nicht die Wahrheit berichtet, sondern nur Lügen produziert«.

Die westlichen Medien! Ihnen sei nicht mehr zu trauen. Das hören wir nicht nur an der Parteihochschule, sondern ein paar Tage später auch an der Tongji-Universität in Shanghai. Früher, sagt Gao Xujun, Professor für Wirtschaftsrecht, in einer Diskussion mit Studenten, hätten die Chinesen »sehr an westliche Medien geglaubt«. Aber die »Manipulationen« bei der Tibet-Berichterstattung hätten sie doch »sehr enttäuscht«. In der Tat sind einige Bilder falsch zugeordnet worden, prügelnde nepalesische Polizisten wurden auch in deutschen Nachrichtensendungen zu chinesischen Volkspolizisten. Aber ein Fehler ist noch keine Lüge. Und doch hat sich das Bild von den manipulierenden westlichen Medien in den Köpfen festgesetzt. Professor Gao jedenfalls bekommt von seinen Studenten lauten Beifall.

Feindbild westliche Presse. CNN – das übersetzen die Chinesen heute mit »Chinese Negative News«. Und nachdem der Spiegel auf seiner Titelseite Olympische Ringe aus Stacheldraht zeigte und nach dem Erdbeben die heroisch inszenierten Einsätze der Hilfskräfte nicht würdigte, wurde er zur allgemeinen Beschimpfung freigegeben. Sogar der China-Geschäftsführer des Bertelsmann-Konzerns wurde vorgeladen, gehört der Spiegel doch zu 25,5 Prozent der Bertelsmann-Tochter Gruner+Jahr. »Der Spiegel«, fasst Zhang Ziming von der Parteihochschule das Urteil der KP über das Nachrichtenmagazin zusammen, »ist jetzt der gemeinsame Feind des chinesischen Volkes.«

Aber noch wichtiger als die Medienschelte ist den Funktionären die Kritik an der Chinapolitik der Regierung Merkel. Sie wollen nicht glauben, dass die Kanzlerin mit dem Empfang des Dalai Lama nur ein Zeichen setzen wollte, dass es ihr ernst sei mit den Menschenrechten, so wie sie es ja auch Wladimir Putin gegenüber getan hat.

Unter Angela Merkel, resümiert der Berater von Parteichef Hu Jintao auf der Terrasse des italienischen Restaurants, hätten sich die deutsch-chinesischen Beziehungen drastisch verschlechtert. Auf Deutschland habe China immer bauen können. Heute aber sei sogar das Verhältnis zu Bush besser als das zu Merkel. Werde die Kanzlerin nur schlecht beraten? Oder habe sich in der deutschen Chinapolitik eine strategische Wende vollzogen? Nein, er verstehe die Kanzlerin nicht. Wieso gehe sie wegen des Dalai Lama auf Konfrontationskurs zu China? »Sie hat doch einen Eid geschworen, die Interessen Deutschlands zu vertreten!«

»China war nie in einer psychologisch so schwierigen Situation wie heute«

Die Frage nach einer »strategischen Wende« macht sich in China an einem Papier fest, das die CDU/CSU-Bundestagsfraktion im vergangenen Herbst zur deutschen Asienstrategie verabschiedet hat. Darin heißt es: »Wir sollten die guten Beziehungen zu unseren traditionellen Freunden in Asien weiter entwickeln, insbesondere mit den gefestigten Demokratien, allen voran Japan, Indien und Südkorea (…). Auf diese Weise können wir gemeinsam mit den USA dazu beitragen, dass der Aufstieg Chinas und anderer Mächte in Asien nicht zu einer Destabilisierung dieses Kontinents führt, was unweigerlich erhebliche globale Konsequenzen hätte.« Diese Formulierung wird in Peking als antichinesische Kehrtwende empfunden. Und dem Papier wird damit mehr Bedeutung zugemessen, als ihm nach Ansicht der Diplomaten im Auswärtigen Amt zukommt.

Vertritt Angela Merkel die deutschen Interessen nicht im gleichen Maße wie ihre Vorgänger? Fragt man deutsche Firmenvertreter in Peking und Shanghai, erhält man ausweichende Antworten. Sie seien für Merkels Chinapolitik bisher nicht direkt »bestraft« worden, heißt es. Allenfalls bei den Banken sei politischer Druck zu spüren gewesen. Ansonsten geben sich die Vertreter von Siemens, Daimler und Co. selbstbewusst: »Wir setzen uns mit der Qualität unserer Produkte durch.«

Wäre es anders, der Schaden wäre gewaltig. Deutsche Firmen haben Milliarden in China investiert. Wer rechtzeitig dabei war, erntet nun die Früchte. Für Volkswagen etwa, seit 1978 im Land, ist China inzwischen der größte Markt weltweit. Die Wolfsburger verkaufen in der Volksrepublik mehr Autos als in Deutschland. Sechs chinesische Produktionsstätten hat VW bisher. Demnächst kommt eine siebte in Chengdu hinzu, Hauptstadt der vom Erdbeben schwer getroffenen Provinz Sichuan. Chengdu hat elf Millionen Einwohner, rechnet ein VW-Manager vor, »mehr als Belgien«.

VW ist einer der Hauptsponsoren der Olympischen Spiele. Der Fackellauf wird ausschließlich von VW-Fahrzeugen begleitet. Hat man nach den Protesten in Paris, London und San Francisco nie erwogen, sich als Sponsor zurückzuziehen? »China ist unser wichtigster Markt«, lautet die Antwort. »Wenn wir aus dem Fackellauf ausgestiegen wären, hätten wir hier kein Auto mehr verkauft.«

Am 23. Mai erreicht der Fackellauf Shanghai. Tausende versammeln sich zur Mittagszeit am Fernsehturm, der am Ufer des Huangpu-Flusses den hypermodernen Stadtteil Pudong überragt. Ein Fahnenmeer: Chinas Staatsflagge weht über allen Köpfen. Es ist ein heißer Tag, die Bauarbeiter auf den Hochhausbaustellen schwitzen unter ihren Schutzhelmen genauso wie die Hotelangestellten in ihren schwarzen Anzügen. Alle haben ihre Arbeit unterbrochen, applaudieren am Straßenrand. Dann setzt sich spontan ein Demonstrationszug von Schülern und Studenten in Bewegung. China-T-Shirts über der Brust, Fähnchen in beiden Händen, die Nationalflagge und rote Herzen auf die Wangen geklebt, ziehen sie durch die breiten Straßen von Pudong. »Zhong guo, jia you!«, rufen sie: »China, gib Gas!«

China geht in diesem Jahr durch einen Wirbel der Gefühle. »Das Land war nie in einer psychologisch so schwierigen Situation wie heute«, sagt ein europäischer Botschafter in Peking. Es ist nicht leicht, die richtigen Antworten zu geben im Umgang mit diesem China, das ein Wirtschaftswunder ohnegleichen entfesselt hat und dabei eine Diktatur geblieben ist. China ist zum Lehrstück geworden für den Konflikt zwischen werteorientierter und interessengeleiteter Außenpolitik.

Dabei sollte eigentlich klar sein, dass die Verteidigung der Menschenrechte und die Wahrung politischer und wirtschaftlicher Interessen kein Gegensatz sein dürfen. Die Globalisierung hat ja beides hervorgebracht, eine immer enger verflochtene Weltwirtschaft und eine ebenso schnell zusammenwachsende Weltgesellschaft. In der aber kann man nicht länger nach Belieben Dissidenten drangsalieren und Minderheiten kujonieren.

Dies alles hat die deutsche Chinapolitik nicht klar zu artikulieren vermocht. Und deshalb ist das Rätselraten in Peking groß über das demonstrative Umarmen des Dalai Lama durch die Führungsriege der Union. Deshalb wächst der Verdacht, es müsse mehr dahinterstecken. Eine Strategie, um den Aufstieg Chinas zur neuen Weltmacht des 21. Jahrhunderts zu stoppen? Der Aufbau einer gegen China gerichteten »Liga der Demokratien«, wie sie dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain vorschwebt? Oder doch nur Populismus, der auf die Beliebtheit des Dalai Lama bei den Wählern daheim schielt?

Ein Abend in Chongqing, der Acht-Millionen-Metropole am Oberlauf des Jangtse. Die Krankenhäuser der Stadt sind voller Verletzter aus dem Erdbebengebiet. Am Flussufer lassen Jugendliche Papierlaternen mit flackernden Kerzen in den Nachthimmel steigen. I love you haben sie auf Englisch und Chinesisch auf das dünne rote Papier geschrieben. Der Fremde, der ihnen eine kleine Spende für die Erdbebenopfer gibt, bekommt eine Kerze in Form einer Lotusblüte überreicht. Er setzt sie auf die trüben Fluten des Jangtse. Die Strömung treibt das Licht rasch davon.

Daheim in Deutschland ist die Chinakritik nach dem Erdbeben etwas abgeklungen. China hat lauter richtige Gesten der Bitten um Hilfe und der Dankbarkeit gezeigt. Und das Ausland hat großherzig reagiert, Deutschland zum Beispiel mit einem bewegenden Benefizkonzert in Chongqing.

Das Gespräch miteinander hat wieder begonnen. Die Berliner Chinapolitik würde allerdings noch besser verstanden, sprächen die Kanzlerin und der Außenminister, der in dieser Woche nach China aufbricht, mit einer Stimme. Mindestens die beiden sollten sich doch einig sein, wird uns auf der Pekinger Dachterrasse lächelnd bedeutet, was in der Welt des 21. Jahrhunderts Deutschlands Interesse sei.