Was für VW der Golf, das ist für ihre Plattenfirma die britische Band Coldplay: ein kostbares Gut. Ihre Hits laufen und laufen und laufen im Radio, jede Modellpflege des soliden Produkts wird behandelt wie ein Staatsgeheimnis. Selbst wenn es mal nichts zu melden gibt, kommt der Sänger Chris Martin noch immer regelmäßig in den Klatschspalten vor – als Mann an der Seite von Gwyneth Paltrow. Als Coldplay 2004 das Erscheinen einer neuen CD auf das folgende Geschäftsjahr verschieben mussten, brach der Aktienkurs der Plattenfirma dramatisch ein – was freilich den ideellen Aktienkurs des britischen Quartetts in immer neue Höhen trieb. Als X & Y dann endlich erschien, schoss das Album von 0 auf 1 in den Charts von 22 Ländern.

So viel Erfolg könnte sich allerdings als Hypothek für Viva La Vida or Death And All His Friends erweisen, das aktuelle Album mit zehn neuen Songs der bislang erfolgreichsten Band unseres jungen Jahrhunderts: Was macht man, wenn man in Zeiten wie diesen Coldplay ist? Wenn man sich alles Erdenkliche leisten könnte, einen radikalen Bruch mit den Erwartungen ebenso wie deren vorschriftsmäßige Erfüllung? Die Gruppe hat sich sozusagen für die Golf-Option entschieden, also eine behutsame Erweiterung und Verfeinerung ihres Produkts – nicht ohne diesen Mittelweg von gleich zwei der vielleicht besten professionellen Klangveredler pflegen zu lassen: dem großen Brian Eno , einem Halbheiligen der Zunft, und dem unbekannteren Markus Dravs, einem Mann fürs Praktische, der zuvor mit seiner hemdsärmeligen Arbeitsweise schon Arcade Fire zu einem überraschend vielschichtigen Sound verholfen hatte.

So gesehen ist Viva La Vida eine echte Produzentenplatte geworden. Das Ergebnis ist hübscher, aber auch etwas berechenbarer Pop mit soliden Rockverstrebungen, dezent erweitert um schlechterdings alles, was derzeit in Mode zu sein scheint. Da wird mit federndem Afrobeat gespielt, Balkanpop zitiert oder auf einer Basslinie geritten, die sich am Ende als Didgeridoo herausstellt. Streichersatt pulst das Titelstück über einem tanzbaren Viervierteltakt, bevor es sich im Refrain in orchestralen Wohlklang auflöst. Mal vermählen sich die Beatles mit T. Rex, ein andermal sakrale Orgeln mit profan programmierten Beats. Vom simplen Händeklatschen über melancholische Pianoklänge bis zu nordafrikanischen Tablas hat hier alles Platz, was dem gewohnten Sound mehr Farbe und Opulenz verleiht.

Wohlklang ist der Zweck dieses eleganten Eklektizismus, und wo der Rock mal druckvoller wird, lädt er nur nachdrücklich zum beschwingten Schwelgen ein. Coldplay stehen seit Parachutes für Hymnen, die verlässlich wie ein Metronom zwischen Melancholie und Euphorie pendeln, dabei stets von E-Gitarren-Soli lyrisch ornamentiert. Wenn das Schwelgerische nach wie vor ihr Kerngeschäft ist, dann ist das männliche Falsett das eigentliche Betriebsgeheimnis von Coldplay: dieser Augenblick wunderbarer Verwundbarkeit, wenn Chris Martin manchmal seine helle Stimme noch ein wenig höher hebt. Diese Band kann man lieben oder hassen, es hilft nichts: Ihre neue Platte wird zum Sommer 2008 gehören.

Coldplay: Viva La Vida or Death And All His Friends

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