Film Kino im Einsatz

In seinem herausragenden Dokumentarfilm »Eisenfresser« begleitet Shaheen Dill-Riaz die Arbeiter einer Abwrackwerft in Bangladesch.

Wenn man in den achtziger Jahren in Bangladesch an der Kadettenschule erzogen worden war, wo sich alles um Disziplin drehte und nicht um »unmännliche« Poesie, dann empfand man als sensibler Mensch einen starken kulturellen Nachholbedarf. Beinahe rauschhaft, sagt Shaheen Dill-Riaz, habe es ihn als Student durch die Theater und Kinos der Hauptstadt Dhaka getrieben. Auf diesen Streifzügen kam der Fluss seines Lebens im Land der Ströme und Deltas eines Tages an eine entscheidende Biegung. An diesem Tag spülte es den heute 39-Jährigen und seine kinobegeisterte Clique in eine Wim-Wenders-Retrospektive des Goethe-Institutes. Bald waren sie sich einig: Im Lauf der Zeit oder Der amerikanische Freund sind tolle Filme, aber die Untertitel – miserabel! »Und spontan haben wir beschlossen: Lasst uns rasch Deutsch lernen!«, sagt der Bengale schmunzelnd. »Dann können wir Wenders auch im Original verstehen.« Bei den Freunden war die Begeisterung bald wieder abgeflaut, doch der Architektensohn bekam ein deutsches Kulturstipendium, studierte nach Umwegen über »vernünftige« Informatik und Kunstgeschichte endlich Kamera in Potsdam-Babelsberg und macht jetzt als globaler Pendler wie Wim Wenders selbst Filme: »Dabei habe ich nach einer langen Zeit der Suche mehr innere Ruhe gefunden.«

Arbeiter ziehen die bleischweren Trümmer der zerlegten Ozeanriesen

Dass Dill-Riaz’ jüngste dokumentarische Erzählung Eisenfresser auch international mit Preisen überhäuft wurde, verdankt er also neben Filmförderung und Fernsehsendern, seiner Produzentin Kathrin Lemme und dem Cutter Andreas Zitzmann ein wenig auch der Auswärtigen Kulturpolitik. In diesen Tagen kommt der herausragende Film ins Kino, der von der Ausbeutung der Tagelöhner am untersten Ende der Weltgesellschaft handelt.

Shaheen Dill-Riaz ist nicht der Erste, der sich von der Symbolkraft der wie mächtige Wale gestrandeten und ausgeweideten Frachter auf einer Abwrackwerft nahe der Hafenstadt Chittagong bewegen ließ. Schon der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado hat gezeigt, wie die Allerärmsten oft unter Lebensgefahr den Schrott der Reichen zu Rohmaterial für ungezählte Verwendungen in den Improvisationsökonomien Pakistans oder Bangladeschs zerlegen. Doch so nahe wie Dill-Riaz ist noch keiner den Menschen in dieser Company Town gekommen. Fünf Monate lang drehte er bei den Trupps der Schweißer, Seilträger und Schlepper auf einer Werft mit dem euphemistischen Namen Peace, Happiness and Prosperity (PHP). Meist schuften dort Bauern aus dem Norden des Landes, deren Familien während der Dürremonate oft hungern müssen. Aus ihren Dörfern begleitet der Regisseur die Männer auf der erzwungenen Migration an die Küste; in den engen Verschlägen ihrer Unterkünfte hört er ihren Hoffnungen zu. Er zeigt ihre wachsende Verbitterung über das kalt verwaltete Zusammenspiel der Werftbesitzer, Subunternehmer und Lebensmittelhändler, das die Verdammten dieses Strandes am Ende oft selbst noch um ihre Hungerlöhne bringt. Schließlich folgt er den Gescheiterten auf ihrem bitteren Weg mit leeren Taschen zurück ins Dorf.

Immer spürt man den Kameramann im Regisseur: Dill-Riaz kommt mit einem sparsamen Offtext aus, und unvergesslich sind die mit großer Ruhe und Poesie montierten Bilder. Zum Beispiel das vom hageren Djabor Ahmed, der sich, immer wieder im Schlick versinkend, in brüllender Hitze damit abkämpft, bleischwere Trümmer der zerlegten Ozeanriesen auf den Strand zu ziehen. Er ist nur ein Glied in der endlos langen Kette von Arbeitern am Tau. Doch eine Ewigkeit ist Ahmed allein zu sehen, wie er mit einem Volkslied seiner Erschöpfung Herr zu werden sucht: »Mein lieber Bootsmann«, singt er in den Gegenwind, »wenn ich das gewusst hätte, ich wäre nicht auf dein sinkendes Boot gestiegen«

Dill-Riaz’ Hommage an die Eisenfresser macht das Besondere dieses Angriffs auf die Menschenwürde ebenso sichtbar wie das Universelle. Jeden Tag geschieht Ähnliches in indischen Kohlebergwerken, chinesischen Sweatshops oder afrikanischen Minen. Dabei entgeht der Autor der Verführung zu plattem Agitprop ebenso wie der manchmal aufscheinenden Versuchung, das spektakulär Kathedralenhafte der Wracks und das rostfarbene Elend der Arbeiter hohl zu ästhetisieren. Deren lakonische Kommentare, Klagen und Fluchtfantasien lässt er bewusst nicht synchronisieren, sondern um der Authentizität willen untertiteln. Doch bar jeder Exotik ermöglicht Dill-Riaz dem Zuschauer eine selbstverständliche, von Respekt und Empathie getragene, zugleich hochpolitische menschliche Begegnung.

Vielleicht muss man für diesen komplexen Zugang selbst an diesem einstmals weißen Strand aufgewachsen sein. »Ein Teil der Geschichten, die ich erzähle, hat immer mit mir zu tun«, sagt Dill-Riaz. So war es auch bei jener Studie der London School of Economics, die auf dem Spitzenplatz einer globalen Skala des Glücksempfindens ausgerechnet die Bewohner Bangladeschs ermittelte. Dill-Riaz nahm sie zum Anlass, Freunde und Bekannte nach ihrem alltäglichen Überlebenskampf in der Megacity Dhaka und der Kraft ihrer Träume zu befragen; daraus wurde 2004 der lebensprall widersprüchliche Dokumentarfilm Die glücklichsten Menschen der Welt.

Dill-Riaz bestaunt die unglaubliche Anpassungsfähigkeit des Menschen

Am Beginn seines Erstlings Wasser und Sand stand die Neugierde auf das Leben der Chauras im Norden Bangladeschs, mit denen Dill-Riaz als Kind wegen seiner Unstetigkeit verglichen wurde. Diesen Reisbauern raubt der launische, sein Bett ständig verändernde Fluss Jamuna während der Regenzeit immer wieder ihre Felder. Dann steht den Chauras das Wasser buchstäblich bis zum Hals – bis sich dasselbe Delta für den Rest des Jahres in eine Wüste verwandelt. Flut und Dürren: Heute sieht man den Film auch wie ein Menetekel des Klimawandels. Er erzählt von Bedrohung und Ausgeliefertsein, bestaunt aber zugleich die unglaubliche Anpassungsfähigkeit des Menschen und die Intensität der Beziehungen dort, wo sonst nichts von Dauer ist.

Derzeit arbeitet Dill-Riaz an einem Dokumentarfilm über den Islam in Bangladesch; wieder ein brisantes Thema in seinem Herkunftsland, wieder läuft er beinahe über vor Recherchewissen. Doch er sei »kein Bengale, der in Deutschland bloß Post-Produktion macht«, betont der Filmemacher, wie meist sehr ernst. Auch dieser Film wird geprägt sein vom globalen Blick. Schließlich verbringt Dill-Riaz schon beinahe ein halbes Leben lang die meiste Zeit in Deutschland. Heute wohnt er inmitten der Prenzlauer-Berg-Boheme und pendelt überdies nach Warschau zu seiner Freundin, einer Filmkritikerin, mit der er einen Sohn hat. In Zukunft wolle er auch Geschichten aus Berlin erzählen und sich in der Form des Spielfilms erproben, sagt Dill-Riaz. Es klingt ebenso zielstrebig wie ungewiss; das Leben ist ein langer, unruhiger Fluss.

 
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