Wer seiner Geldgier einen seriösen Anstrich verleihen möchte, gibt eine Studie in Auftrag. Da leitet dann das Geschäftsinteresse die Erkenntnis. Mit Hilfe eines Tricks, der unter dem Fremdwort Statistik firmiert, wird Wahrscheinlichkeit in eine neue Form der Wirklichkeit transformiert. Und plötzlich ist alles möglich. Das kann man mit Wissenschaft verwechseln. Ungekrönte Weltmeister dieser Spiegelfechterei sind die Pharmakonzerne, aber die sogenannte Ernährungswissenschaft holt mächtig auf. So veröffentlichte jüngst die Universität Cambridge eine Studie, die beweisen will, Hunger mache aggressiv. Aus dieser sensationellen Erkenntnis folgern die Forscher, der Satte sei besser für das Geschäftsleben geeignet. Endlich kann nun mit der überholten These aufgeräumt werden, die Schwäche Afrikas müsse mit den negativen Folgewirkungen des Kolonialismus zusammenhängen. Der Hunger ist es, der Afrikaner in das ökonomische Abseits getrieben hat, und deshalb bleibt einer wohlgenährten Gesellschaft keine andere Wahl, als den Hungerleidern dieser Erde aus dem Weg zu gehen. Weitere bahnbrechende Ergebnisse aus der skurrilen Welt der Essensforscher werden hoffentlich nicht lange auf sich warten lassen. Man hört, dass die Auswirkungen von Durst bereits untersucht werden. Wetten, dass sich herausstellt, der Durstige neige eher dazu, nachteilige Verträge abzuschließen? Man sollte jedoch einen Vertragspartner nicht allzu lange dürsten lassen, denn Flüssigkeitsmangel kann zum Ableben führen, und ein toter Geschäftspartner stört das Geschäft doch erheblich.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben