Frühstudium Ein Erfolgsmodell mit Makel

Ein Frühstudium ermöglicht Schülern schon vor dem Abitur, an Universitäten Seminare zu besuchen und Scheine zu machen. Doch Jugendliche aus nichtakademischen Familien nutzen selten diese Chance, sagt die Schulpädagogin Claudia Solzbacher

DIE ZEIT: Seit einigen Jahren bieten Universitäten begabten Jugendlichen die Möglichkeit, parallel zur Schule zu studieren. Sie haben dieses Programm im Auftrag der Telekom-Stiftung bundesweit evaluiert. Erreicht das Frühstudium seine Ziele?

Claudia Solzbacher: Die Jugendlichen profitieren enorm von den Uni-Kursen. Sie können ihre Interessen vertiefen, lernen, eigenständiger zu arbeiten, und werden selbstbewusster. Da sie ihre Kurse in der Regel als Studienleistung anerkannt bekommen, können einige Schüler nach dem Abitur gleich in höhere Semester einsteigen. Die meisten nutzen das Frühstudium jedoch, um herauszufinden, was sie später studieren möchten – und was nicht. Auch das ist angesichts der recht hohen Abbruchquoten ein großer Nutzen .

ZEIT: Und umgekehrt: Wie fällt das Urteil der Hochschulen über die jungen Studenten aus?

Solzbacher: Ebenso positiv. Die Schüler kommen gut mit und unterscheiden sich in ihren Leistungen nicht vom Durchschnitt ihrer Kommilitonen. Viele Hochschulen bemühen sich wirklich außerordentlich um diese Jugendlichen: Sie bieten Einführungsveranstaltungen an, stellen Tutoren und Paten.

ZEIT: Erscheint den Frühstudenten die Schule nicht langweilig, nachdem sie einmal Uniluft geschnuppert haben?

Solzbacher: Im Gegenteil. Wir finden sowohl die leistungsstarken Schüler im Programm als auch die hochbegabten. Gerade den Hochbegabten, die oft mit Motivationsproblemen oder mit Langeweile in der Schule zu kämpfen haben, kann das Frühstudium neue Lust am Lernen in der Schule geben. Sie haben durch das Schnuppern der Uniluft ein konkretes Ziel vor Augen.

ZEIT: Das Frühstudium ist ein Erfolgsmodell?

Solzbacher: Ganz sicher. Allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: 71 Prozent der Frühstudierenden stammen aus Akademikerfamilien. Bei einem Viertel hat mindestens ein Elternteil einen Doktortitel. Jugendliche aus bildungsferneren oder Migrantenfamilien finden dagegen selten den frühen Weg an die Uni. Die Schulen wählen die Kandidaten für das Studium vor dem Abitur vornehmlich nach Noten aus. Laut unserer Untersuchung haben die Schüler einen Notendurchschnitt von 1,7. Wenn Jugendliche aus Nichtakademikerfamilien diesen Durchschnitt haben, also leistungsstark oder begabt sind, so nehmen sie dennoch oft kein Frühstudium auf.

ZEIT: Wo sehen Sie den Grund dafür?

Solzbacher: In der fehlenden Unterstützung durch die Schulen. In der Regel weisen Lehrer die Schüler nur auf die Möglichkeit des Frühstudiums hin. Die Entscheidung fällt dann in den Elternhäusern, und dort ermutigen Akademikereltern ihre Kinder eher zu einem solchen Schritt. Deshalb brauchten gerade Jugendliche aus Nichtakademikerfamilien besonderen Zuspruch durch die Schule, vor allem wenn man bedenkt, welche Bedeutung für den Lebenslauf ein solches Frühstudium hat.

ZEIT: Diese soziale Benachteiligung kennen wir aus anderen Studien.

Solzbacher: Ja hier setzt sich ein allgemeiner Trend fort: die hohe soziale Selektion unseres Bildungssystems. Dabei könnte gerade das Frühstudium den Übergang in die Uni für Jugendliche aus Nichtakademikerfamilien erleichtern. Doch für solch eine Förderung, sagten die Lehrer in unseren Interviews, fehle ihnen die Zeit. Das Frühstudium scheint für die Schule mit wenig Aufwand verbunden und wird gerade deshalb gerne empfohlen.

ZEIT: Wie empfinden die Schüler, die ein Frühstudium bereits aufgenommen haben, die Unterstützung durch die Schule?

Solzbacher: Sie üben Kritik. Unsere Untersuchung belegt, wie tief der Graben zwischen Schule und Universität immer noch ist. Vor allem die besonders begabten Jugendlichen beklagen, dass sie von ihren Lehrern kaum Hilfe erhalten, dass ihnen teilweise sogar Steine in den Weg gelegt werden. Viele Uni-Kurse finden morgens statt oder am frühen Nachmittag. Den Schülern wird oft nicht erlaubt, dem regulären Unterricht fernzubleiben und den Stoff später nachzuholen.

ZEIT: Gibt es Positivbeispiele?

Solzbacher: Ja, es gibt durchaus Schulen, welche die Begabtenförderung systematisch in den Schul- und Unterrichtsalltag integrieren. Deren Lehrer sind in der Lage, besondere Begabungen zunächst einmal zu erkennen. Sogenannte Underachiever…

ZEIT: …Hochbegabte, die im Unterricht nicht mehr mitmachen, weil sie sich unterfordert fühlen und deshalb schlechte Noten haben…

Solzbacher: …findet man im Frühstudium deshalb selten. Gerade sie könnten aber dadurch wieder motiviert werden. Zudem verfügen diese Schulen meist über einen Lehrer, der die Frühstudenten besonders betreut. Er hält auch den Kontakt zu den Universitäten. Das ist deshalb wichtig, weil einige Frühstudenten zum ersten Mal Misserfolge erleben. Sie muss man auffangen. Sonst bewirkt das Programm das Gegenteil: Die Schüler behalten das Fach oder das ganze Studium in schlechter Erinnerung.

ZEIT: Ist die spezielle Förderung begabter Schüler gerechtfertigt? Unsere Schulen haben doch viel größere Probleme mit den schlechten Schülern.

Solzbacher: Das eine muss das andere nicht ausschließen. Die professionellen Fähigkeiten der Lehrer, die sich mit Begabtenförderung auskennen, kommen auch den Lernschwachen zugute. Sie verfügen über vielfältige Methoden der Diagnostik und der individuellen Förderung. Dies ist eine Frage von Aus- und Fortbildung und einer bestimmten professionellen Haltung.

Das Gespräch führte Martin Spiewak .

Mehr zur Schüleruniversität unter: www.telekom-stiftung.de/fruehstudium

 
Leser-Kommentare
    • FaTe
    • 11.08.2008 um 9:56 Uhr

    Ich bin nun 17 Jahre alt und 'studiere' seit 2 Semestern Mathematik als Frühstudent. Meine Eltern sind keine Akademiker. Als ich vor etwas mehr als anderthalb Jahren etwas von einem Schüler hörte, der mit seinem Abitur auch den Magistertitel verliehen bekam und ein wenig nachforschte und als ich las, dass das Konzept eines Frühstudiums verbreiteter ist, als ich dachte (damals hieß es, glaube ich, es gebe ca. 1000 Frühstudenten deutschlandweit), entschloss ich mich, soetwas auch einmal zu probieren, doch bis dahin dauerte es noch etwas.Zuerst möchte ich anmerken, dass durch die Möglichkeit dieses Schülerstudiums/Frühstudiums meine Motivation in der Schule tatsächlich stark gestiegen ist und dass ich nun weiß, dass ich Mathematik studieren möchte, dass also die erwähnten positiven Konsequenzen eines solchen Studiums wenigstens bei mir eintraten.Meine Eltern haben mich quasi sofort unterstützt, ermutigt habe ich mich selber :)Das Problem war nur, wie im Artikel auch schon angesprochen, die Schule.Da Mathematikvorlesungen (wenigstens in den ersten Semestern) grundsätzlich morgens stattfinden, war von vornherein klar, dass für das Frühstudium ein paar Schulstunden ausfallen müssten. Die Schulleitung meiner alten Schule hatte dafür kein Verständnis und so musste ich die Schule wechseln, um diesen Plan verwirklichen zu können (es lief natürlich nicht so ab, dass ich die Schule direkt verließ, es war vielmehr ein wochenlanger 'Kampf' mit der Schulleitung um die Erlaubnis, studieren zu dürfen). Die Leitung der neuen Schule zeigte sich dort ungleich kooperativer; ich hatte sogar Einfluss auf die Gestaltung meines Stundenplanes, so dass möglichst wenige Stunden für die Universitätsveranstaltungen drauf gingen. Nachholen musste ich trotzdem den versäumten Schulstoff, was aber eigentlich recht gut geklappt hat. Meine Noten sind (durch die gesteigerte Motivation?) noch besser als noch vor einem Jahr.Ab dem nächsten Semester möchte ich zusätzlich noch Physik studieren, wenn es sich so ergibt, wie ich mir das vorstelle.Ich kann jedenfalls jedem Schüler/jeder Schülerin nur raten, sich ein solches Studium anzusehen, wenn Interesse besteht und er/sie sich zutraut, mit dem zusätzlichen Stoff fertig zu werden.Gruß,FaTe

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  • Quelle DIE ZEIT, 12.06.2008 Nr. 25
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