Als die Erzieherin Astrid Schulzke vor neun Jahren an der Gesamtschule Brachenfeld in der holsteinischen Kleinstadt Neumünster anfing, war sie die Frau für die kleinen Wunden. Sie klebte Pflaster auf blutig geschlagene Knie ballspielender Kinder, aber sie hätte hilflos dagestanden, wenn ihr ein Schüler erzählt hätte, dass man ihn in einem Chatroom als »verficktes Opfer« beschimpft habe. Ein Chatroom? Es gab in der Schule einen separaten Raum, das schon, aber dort berieten sich Eltern mit Lehrern. Das Zimmer ist heute Astrid Schulzkes Zimmer. Sie sagt: »Ich nenne es inzwischen mein Mobbingbüro.« In einer Ecke steht eine orangerote Couch, für Krisengespräche, aber wichtiger sind ihr der Computer und der Internetanschluss.

Über die virtuelle Welt, in die Astrid Schulzke den Schülern heimlich folgt, wissen die meisten Lehrer nichts, die meisten Eltern auch nicht. Die Sozialpädagogin muss nachtaktiv sein, unauffällig hin und her springen und alle paar Tage ihre Identität wechseln, damit sie sich nicht verrät. Sie muss versuchen, alles mitzukriegen, auch wenn ihr das niemals gelingen kann. Von den fast 1200 Schülern sind 1080 beim Internetforum SchülerCC angemeldet, einer großen Schwatzbude. Sogar Zwölfjährige schalten noch abends um elf zu Hause ihren Rechner ein und chatten. Auch das kann Astrid Schulzke auf ihrem Bildschirm sehen.

Vor ein paar Wochen stand eine Schülerin aus der 11. Klassenstufe im Mobbingbüro, Laura Jansen. Sie habe Angst, sagte Laura, sie traue sich nicht mehr zur Schule, sie müsse sich verstecken. Laura war verzweifelt, sie weinte. Die Sozialpädagogin Schulzke war überrascht, obwohl doch so viele persönliche Dramen bei ihr enden. Monat für Monat spitzen sich durchschnittlich zwei Konflikte pro Klasse so zu, dass Astrid Schulzke davon erfährt, und fast immer hat sich der Streit unter den Jugendlichen in den Chatrooms im Internet hochgeschaukelt. Fick dich, du Hure. Fresse, du Fotze. Stirb, du Bastard. »Man merkt es schon an der Sprache«, sagt Astrid Schulzke, »das Internet enthemmt die Kinder, und die Erwachsenen kriegen es nicht mit.« Meist kann die Erzieherin die Angriffe beenden, aber mit Laura geht sie zur Polizei.

Die Hetzjagd auf Laura Jansen beginnt nach einem glücklichen Nachmittag in einem Café, wo sich die 18-Jährige mit einem jungen Schreinergesellen trifft, in den sie sich verliebt hat. Er habe keine Freundin, behauptet er, und Laura fällt darauf herein. Die Freundin des Schreiners bekommt sofort alles heraus, stellt ihn wütend zur Rede, sein Kontakt zu Laura bricht völlig ab. Von nun an braucht man nur noch einen Internetanschluss, um das Geschehen zu verfolgen.

Bis zu zehn Hassbotschaften treffen täglich in Lauras Postfach ein

Lauras Daten auf dem Forum SchülerCC zu finden ist nicht schwer. Jeder Schüler ordnet sich dort seiner Klasse in seiner Schule zu, kürzt manchmal seinen Nachnamen ab, legt aber immer ein Profil von sich an, mit echten Fotos, Angaben über Hobbys und den »Beziehungsstatus«. Jeder, der sich bei SchülerCC angemeldet hat, kann die Profile der anderen lesen und an jeden Nachrichten senden, öffentlich sichtbare Nachrichten, in digitalen Gästebüchern und auf Online-Pinnwänden, auch persönliche Nachrichten, die im privaten Postfach eines Einzelnen landen.

Binnen Sekunden hat die Freundin des Schreiners Lauras Profil vor sich und legt los. Laura, du Hure, du wirst noch sehen. Ich weiß, wo du wohnst. Bis zu zehn Hassbotschaften treffen täglich in Lauras Postfach ein. Nach einer Woche meldet sich Laura bei Schüler-CC ab, aber wenige Tage später meldet sie sich wieder an. Sie fürchtet das unerträgliche Nachrichtenloch, das ihrer Jägerin erlauben könnte, unbemerkt nachzuladen. Laura glaubt, sie gerate in eine Falle, wenn sie einfach den Stecker zieht. Sie hofft, der Postfachterror werde von ihr abfallen wie ein Blutegel. Tapfer müsse sie sein, die Verletzungen ertragen.