Als die Erzieherin Astrid Schulzke vor neun Jahren an der Gesamtschule Brachenfeld in der holsteinischen Kleinstadt Neumünster anfing, war sie die Frau für die kleinen Wunden. Sie klebte Pflaster auf blutig geschlagene Knie ballspielender Kinder, aber sie hätte hilflos dagestanden, wenn ihr ein Schüler erzählt hätte, dass man ihn in einem Chatroom als »verficktes Opfer« beschimpft habe. Ein Chatroom? Es gab in der Schule einen separaten Raum, das schon, aber dort berieten sich Eltern mit Lehrern. Das Zimmer ist heute Astrid Schulzkes Zimmer. Sie sagt: »Ich nenne es inzwischen mein Mobbingbüro.« In einer Ecke steht eine orangerote Couch, für Krisengespräche, aber wichtiger sind ihr der Computer und der Internetanschluss.

Über die virtuelle Welt, in die Astrid Schulzke den Schülern heimlich folgt, wissen die meisten Lehrer nichts, die meisten Eltern auch nicht. Die Sozialpädagogin muss nachtaktiv sein, unauffällig hin und her springen und alle paar Tage ihre Identität wechseln, damit sie sich nicht verrät. Sie muss versuchen, alles mitzukriegen, auch wenn ihr das niemals gelingen kann. Von den fast 1200 Schülern sind 1080 beim Internetforum SchülerCC angemeldet, einer großen Schwatzbude. Sogar Zwölfjährige schalten noch abends um elf zu Hause ihren Rechner ein und chatten. Auch das kann Astrid Schulzke auf ihrem Bildschirm sehen.

Vor ein paar Wochen stand eine Schülerin aus der 11. Klassenstufe im Mobbingbüro, Laura Jansen. Sie habe Angst, sagte Laura, sie traue sich nicht mehr zur Schule, sie müsse sich verstecken. Laura war verzweifelt, sie weinte. Die Sozialpädagogin Schulzke war überrascht, obwohl doch so viele persönliche Dramen bei ihr enden. Monat für Monat spitzen sich durchschnittlich zwei Konflikte pro Klasse so zu, dass Astrid Schulzke davon erfährt, und fast immer hat sich der Streit unter den Jugendlichen in den Chatrooms im Internet hochgeschaukelt. Fick dich, du Hure. Fresse, du Fotze. Stirb, du Bastard. »Man merkt es schon an der Sprache«, sagt Astrid Schulzke, »das Internet enthemmt die Kinder, und die Erwachsenen kriegen es nicht mit.« Meist kann die Erzieherin die Angriffe beenden, aber mit Laura geht sie zur Polizei.

Die Hetzjagd auf Laura Jansen beginnt nach einem glücklichen Nachmittag in einem Café, wo sich die 18-Jährige mit einem jungen Schreinergesellen trifft, in den sie sich verliebt hat. Er habe keine Freundin, behauptet er, und Laura fällt darauf herein. Die Freundin des Schreiners bekommt sofort alles heraus, stellt ihn wütend zur Rede, sein Kontakt zu Laura bricht völlig ab. Von nun an braucht man nur noch einen Internetanschluss, um das Geschehen zu verfolgen.

Bis zu zehn Hassbotschaften treffen täglich in Lauras Postfach ein

Lauras Daten auf dem Forum SchülerCC zu finden ist nicht schwer. Jeder Schüler ordnet sich dort seiner Klasse in seiner Schule zu, kürzt manchmal seinen Nachnamen ab, legt aber immer ein Profil von sich an, mit echten Fotos, Angaben über Hobbys und den »Beziehungsstatus«. Jeder, der sich bei SchülerCC angemeldet hat, kann die Profile der anderen lesen und an jeden Nachrichten senden, öffentlich sichtbare Nachrichten, in digitalen Gästebüchern und auf Online-Pinnwänden, auch persönliche Nachrichten, die im privaten Postfach eines Einzelnen landen.

Binnen Sekunden hat die Freundin des Schreiners Lauras Profil vor sich und legt los. Laura, du Hure, du wirst noch sehen. Ich weiß, wo du wohnst. Bis zu zehn Hassbotschaften treffen täglich in Lauras Postfach ein. Nach einer Woche meldet sich Laura bei Schüler-CC ab, aber wenige Tage später meldet sie sich wieder an. Sie fürchtet das unerträgliche Nachrichtenloch, das ihrer Jägerin erlauben könnte, unbemerkt nachzuladen. Laura glaubt, sie gerate in eine Falle, wenn sie einfach den Stecker zieht. Sie hofft, der Postfachterror werde von ihr abfallen wie ein Blutegel. Tapfer müsse sie sein, die Verletzungen ertragen.

Ihre Mutter weiß davon nichts, weil Laura nur der besten Freundin alles erzählt. Warum, fragt sich die Mutter, geht Laura nicht mehr aus? Warum schaut sie so verkniffen auf den Monitor des gemeinsamen Computers im Wohnungsflur und klickt hektisch die Seite weg, sobald sich die Mutter nähert? Was frisst das Kind in sich hinein?

Die eifersüchtige Freundin des Schreiners holt Verstärkung, weitere junge Frauen aus ihrem Bekanntenkreis beschießen Laura mit gemeinen Botschaften, steigern sich in ein niederträchtiges Spiel, das so absurde Züge annimmt, als hätten sich die Mädchen von einer hysterischen Beziehungs-Soap im Fernsehen das Skript geliehen. »Du bist feige«, schreibt Laura an einem Abend zurück und erhält die Antwort: »Du bist feige, Laura, wenn du nicht mehr ausgehst.«

Es ist viel einfacher, Laura mitten ins Herz zu treffen, wenn man ihr nicht persönlich begegnen muss. Alles schreibt sich so leicht dahin. Alles ist so schwerelos geworden im Zeitalter der Monitore, so bedenkenlos. Nachts um eins ruft eines der Mädchen bei Lauras bester Freundin auf dem Handy an und keift: »Wenn du die Nutte das nächste Mal siehst, sag ihr: Ich bring sie um.«

Laura nimmt jetzt jeden Morgen den Ford Fiesta ihrer Mutter und fährt die zwei Kilometer zur Schule. Der vertrauten Umgebung traut sie nicht mehr, weil sich ihre Verfolgerinnen im Internet tarnen und sich auch draußen nicht zeigen. Laura weiß, wer diese Mädchen sind, Neumünster ist ein großes Dorf, aber Laura begegnet ihnen nicht auf der Straße, nicht in der Schule, nirgendwo. »Du hast das Spiel angefangen«, liest Laura eines Abends in einer Nachricht, »wir werden es beenden.« Und als an einem Sonntagmorgen die Mülltonne vor der Haustür der Familie Jansen brennt, ist die Bedrohung da. Die Mutter rennt entsetzt zu Laura und fragt sie: »Sag mir jetzt: Was geht hier vor?« Endlich weiht sie die Mutter ein, die Sozialpädagogin Schulzke begleitet Laura zum Amtsgericht und macht dem Terror ein Ende.

Heute geht Laura abends wieder aus, aber in ihre Handtasche steckt sie vorher das Papier, das die Richterin unterschrieben hat. Mit der einstweiligen Verfügung fühlt Laura sich gewappnet, ihre Jägerinnen gaben auf. Als ihnen der Beschluss zugestellt wurde, schrieb eines der Mädchen im Chatroom: »Heute war der Gerichtsvollzieher da, hahaha.« Das war der letzte böse Gruß. Mindestens fünf Meter Abstand zu Laura müssen die Verfolgerinnen halten, im stromlosen Leben, aber auch Onlineattacken wurden ihnen verboten. Die Polizei hat eine Akte angelegt, der Spuk ist vorbei.

Seit dem Juli vergangenen Jahres hat die Gesamtschule Brachenfeld allen elektronischen Medien den Krieg erklärt. In den Wochen zuvor hatte die Pausenaufsicht drei Schülern das Handy abnehmen müssen, weil darauf Sexszenen oder solche von Blutbädern gespeichert waren. Die Schüler hatten sie stolz ihren Klassenkameraden präsentiert. Seither sind auf dem Schulgelände alle elektronischen Apparate verboten. Schüler, die mit einem MP3-Player, iPod oder Handy erwischt werden, müssen die Geräte abgeben und bekommen sie erst am Ende der Woche zurück. Wollen die Eltern die Geräte vorher abholen, werden sie zum Gespräch mit einem Lehrer gebeten.

Auch die intelligenten Schüler schrieben plötzlich Fünfen

Die Maßnahmen der Schule wurden im Elternbeirat angenommen, ohne Gegenstimme. Alle Eltern haben einen Brief bekommen, in dem die Schule vor den Gefahren der Elektronik im Kinderzimmer warnt und die Eltern auffordert, Fernsehgeräte und Playstations von den Kindern fernzuhalten. Die angeschriebenen Familien haben unterschrieben. Vom Pausenhof aus dürfen die Schüler bloß noch notwendige Anrufe erledigen, und nur vor der breiten Fensterfront des Schuldirektors, der die Telefonierer im Auge behält.

Peter Spilok, der Direktor, unterrichtet seit 34 Jahren Mathematik und Physik und ist alles andere als ein autoritärer Typ. Er ist ein Pädagoge der siebziger Jahre, der den Schülern zugewandt und liberal begegnet. Wandert er während der großen Pausen durch die Schule, kommt er kaum voran – von allen Seiten wird er laut gegrüßt, angesprochen und bestürmt. Meistens sind es Jungs, die den Termin fürs nächste Fußballtraining wissen wollen. Wer Fußball spielt, erliegt nicht dem einschläfernden Sog der Bilder, die dem Fernseher entströmen wie süßes Gift, so sieht es Spilok.

Die Gesamtschule Brachenfeld in Neumünster ist eine der größten Schulen in Deutschland. Es gibt hier Kinder, die sich morgens von ihren Müttern in schweren Limousinen vorfahren lassen. Es gibt auch Kinder, die morgens hungrig kommen, weil zu Hause niemand ans Frühstück denkt. Aber das sind die sozialen Ränder, die nicht den Alltag bestimmen, nicht in der Schule, nicht in der Stadt. Ein Drittel der Gesamtschüler hatte eine Empfehlung zur Hauptschule, ein Drittel zur Realschule, ein Drittel zum Gymnasium. Eine ganz normale Schule in einer ganz normalen Stadt.

Schleichend war sie über das Lehrerkollegium gekommen, die Erkenntnis, dass etwas nicht mehr stimmt mit den Kindern. Es begann bei den Jungs: Seit einigen Jahren lassen ihre Leistungen dramatisch nach. Rege, intelligente Kinder schrieben plötzlich Fünfen und gaben zu, dass sie bis in die Morgenstunden in ihre Computerspiele versunken waren. Die fehlende Nachtruhe holten sie im Unterricht nach. Was plötzlich zählte, war nicht mehr der Aufstieg in die höhere Klasse, sondern in den höheren Level der Games.

Der Direktor erzählt, dass er vor zehn Jahren an seiner Schule noch selbst eine »Lan-Party«, eine Nacht der Computerspiele veranstaltet habe, um »am Puls der Zeit zu bleiben«. Schon damals beschlich ihn eine Ahnung: »Wie im Fieber« hätten seine Schüler in Kriegsspielen aufeinander losgeschlagen, »wie Besessene« auf ihren Maschinen gelegen. Als der Morgen graute, graute auch dem Direktor.

Bei den Mädchen war es das Fernsehen: Viele von ihnen kamen den Lehrern plötzlich fremd und ferngesteuert vor, bedienten sich aufgesetzter Gesten und frühreifer Reden. Zehnjährige verbrachten ihre Nachmittage bei Autogrammstunden von RTL-Kreaturen. Elfjährige tanzten auf dem Schulhof die Tänze der MTV-Lolitas nach. Zwölfjährige saßen grell geschminkt und tief ausgeschnitten im Unterricht.

Man kann Schulen in Bayern fragen, in Sachsen oder im Rheinland: Überall kämpfen Lehrer gegen die Handy-Epidemie auf Pausenhöfen und in Klassenräumen. Überall ähneln sich die Sorgen. Überall werden Verbote gegen das Mitbringen von elektronischen Medien verhängt, weil man sich anders nicht zu helfen weiß. Überall werden Klassenkonferenzen einberufen, weil Schüler ganz ohne Argwohn peinliche Fotos ihrer Klassenkameraden und Lehrer ins Netz gestellt haben. Es folgen Ermahnungen, Tadel, Schulverweise. Grenzen setzen – das ist an deutschen Schulen ein neuer Tenor in Zeiten des grenzenlosen Internets. Vielen Lehrern fällt das nicht leicht, weil sie das Gefühl haben, sich von einem Ideal zu entfernen: der liberalen Schule. Mit einem Mal sehen sie sich gezwungen, autoritärer zu werden, um ihren Ort der Freiheit zu verteidigen. Seither sind auf dem Schulgelände in Neumünster alle elektronischen Apparate verboten, nur im Computerraum, unter Aufsicht von Lehrern, sitzen Jugendliche weiterhin vor Bildschirmen.

Die elektronischen Medien richten nicht viel an, solange die Kinder nicht in einer digitalen Parallelwelt versinken. Solange das zweite Leben nicht das erste verschlingt. Solange sich Eltern um ihre Kinder kümmern. Aber wie regelmäßig geschieht das? Leider, sagen die Lehrer der Gesamtschule Neumünster, seien die sozial schwachen Kinder von der Deformation viel härter betroffen. Ihre abgearbeiteten Eltern seien oft froh, die Kleinen von elektronischen Babysittern abgelenkt zu wissen.

In dem Deutschlehrer Reinhard Wallmann ist der Unterhaltungsindustrie ein Erzfeind erwachsen. Das mag daran liegen, dass sich Deutschlehrer, die Feuilletonisten unter den Lehrern, von Natur aus als Bewahrer der Kultur verstehen und darum gegen Oberflächlichkeit und Unernst zu Felde ziehen müssen. Wallmann tut es schon körperlich weh, wenn er Jugendliche »mit Steckern in den Ohren« träumerisch durch die Straßen ziehen sieht, während ihr Gehirn in einer musikalischen Wohlfühlsoße schwimmt. Erst jetzt, da die Kinder der Gesamtschule »abgestöpselt sind«, wie er es ausdrückt, und die Pausen nicht mehr in der Zweisamkeit mit dem iPod verbringen dürften, seien sie überhaupt wieder für Gefühle und Regungen anderer Menschen empfänglich.

»Was heute als Deutscharbeit abgegeben wird«, sagt Wallmann, »ist mit den Leistungen von vor 20 Jahren gar nicht mehr vergleichbar.« Die meisten Kinder hätten kein Gefühl mehr für die Möglichkeiten der Sprache, sie verarmten rhetorisch und in ihren Gedanken. Lesen? Eine Zumutung. »Die Kinder kennen zwar die Kinderbuchklassiker wie Pippi Langstrumpf und Heidi noch, aber als Zeichentrickfilm aus dem Fernsehen.«

Wallmann öffnet eine Schublade und nimmt einige Schulbücher heraus: klassische Theaterstücke und Novellen, Heinrich von Kleist, Theodor Storm, Theodor Fontane. Im Unterricht wird sie Wallmann sicher nicht verwenden. Der Cornelsen Verlag hat die Werke gekürzt, umgeschrieben, von schwierigen Wörtern und anspruchsvollen Redewendungen gesäubert und als Light-Versionen auf den Markt gebracht. Meisterwerke müssen jetzt Meisterwerke der Umgangssprache sein. BILD

Wallmann brauchte einen Übersetzer, wenn er aus dem Wortsalat in den Endlosgesprächen auf SchülerCC schlau werden wollte. Aia, alles im Arsch. Hdl, hab dich lieb. Hdgdl, hab dich ganz doll lieb. Wb, dumm wie Brot. Bdb? Bist du bescheuert? Wtf, what the fuck. Kp, kein Plan. FO, Fuck off. !«§$%, ich bin traurig. Von Menschen aus der Generation Wallmann will bei SchülerCC niemand verstanden werden. Aber auch die User scheitern an ihresgleichen. »Man versteht sich im Internet ständig falsch«, sagt die 17-jährige Gesamtschülerin Marie, die verkrüppelte Onlinesprache entstelle jeden Zusammenhang. Schreibt sie einer Freundin im Chatroom nur »Tschüss«, weil sie es eilig hat, kommt prompt die verstörte Antwort: »Tschüss, warum nur tschüss? Hast du was?«

Kurz nach der Geburt des Sohnes wurde der Fernseher abgeschafft

Ihre Beziehung zu einem jungen Mann, erzählt Marie, bahnte sich durch kleine zärtliche Botschaften in Chatrooms an und ging auch wieder im Internet zugrunde. Dazwischen hat sie ihn ein paarmal getroffen. Marie fand im Internet heraus, dass ihr Freund einem anderen Mädchen die gleichen süßen Sätze geschrieben hatte, da war es aus. Noch heute spioniere sie seinen Wortspuren im Netz hinterher, ohne Anlass, aus einer ziellosen Neugierde heraus, weil ihr das Internet das Schnüffeln so leicht mache.

»Einfach widerstehen können, das wäre es«, sagt Marie. »Wie schön wäre das, wenn ich mal einen Jungen kennenlernen würde, der keinen Computer hat und keine SMS schreibt.« Ein solcher Junge könnte keine elektronische Fährte hinterlassen, durch nichts könnte er sein Vorleben verraten, keine peinlichen Fotos könnten das Vertrauen untergraben, ein solcher Junge wäre ein digitales Nichts, ein seltsam unbeschriebenes Wesen. Aber gibt es so was überhaupt noch?

Wer südlich von Neumünster die alte B4 verlässt und einen ungeteerten Waldweg nimmt, gelangt am Ende auf das abgelegene Gehöft der Familie von Bodelschwingh. Männer laden Kartoffeln auf Traktoren, aus dem Stall muht das Vieh. Die von Bodelschwinghs sind studierte Landwirte, sie leben von ihrer Scholle, die Kartoffeln und Getreide wachsen lässt, sie leben von der Milch und den Kälbern der »Mädels«. So nennt Meike von Bodelschwingh ihre 64 schwarzbunten Milchkühe. Hier in der grünen Abgeschiedenheit wächst ihr Sohn, der 11-jährige Moritz, heran. An den Vormittagen besucht er die 5c der Gesamtschule Neumünster. Nachmittags geht er schwimmen oder fischen oder Fußballspielen, fährt auf dem Traktor herum, hilft im Stall, lernt für die Schule, spielt mit dem Hund, macht mit den Nachbarskindern Lagerfeuer.

Es gibt auch ein paar Dinge, die Moritz nicht macht: Er sieht nicht fern, er hört keine Musik vom iPod, er surft nicht im Internet, er chattet nicht und er versinkt in keinem Computerspiel. Wie auch? Im Haushalt der Familie gibt es keine Playstation, nicht einmal einen Fernseher. Der einzige Computer mit Internetanschluss steht in Mamas Büro, für Moritz tabu, nur für geschäftliche Zwecke. Was los ist in der Welt, erfährt die Familie aus der Zeitung oder dem Deutschlandfunk, der in der Küche murmelt. Niemand erfüllt das von der Schule geforderte Soll an Medienabstinenz so gründlich wie diese Familie.

Wer die dauerbeschallten Kaufhäuser der Großstädte gewohnt ist, fühlt sich bei Familie Bodelschwingh wie bei den Amish People, die das Fortschreiten der Zeit ignorieren. Doch das täuscht. Die Bodelschwinghs sind nicht von gestern, weder im Berufsleben noch privat. Sie sind vielleicht sogar von morgen – Bürger einer mediensatten Gesellschaft, die ihre knappe Freizeit gegen alle elektronischen Zudringlichkeiten verteidigt.

Kurz nach der Geburt des Sohnes wurde der Fernseher abgeschafft. Moritz’ Eltern fürchteten, als Bauern könnten sie besonders versucht sein, sich abends abgekämpft vor die Mattscheibe fallen zu lassen und dort liegen zu bleiben. »Es gibt viele gute Sendungen«, räumt Meike von Bodelschwingh ein, »trotzdem ist das für uns kein Grund, den Fernseher einzuschalten. Fernsehen frisst die Familie.«

Der Arbeitstag der Bodelschwinghs endet gegen 19 Uhr, dann wird geduscht und gemeinsam mit den Mitarbeitern, Lehrlingen und Praktikanten gegessen. Um den großen Tisch versammeln sich immer acht bis zehn Leute. Man bleibt lange sitzen und spricht miteinander, dann gehen alle ins Bett.

Moritz ist der Einzige in seiner Klasse, der keinen Fernseher zu Hause hat. Aber sein Schmerz scheint sich in Grenzen zu halten. Er kann zwar manchmal auf dem Schulhof nicht mitreden, aber seine Mutter sagt, das stecke er weg, er habe ein gesundes Selbstbewusstsein. Auf die Frage, ob er denn gar nichts vermisse, zuckt Moritz bloß die Schultern und sagt: »Die Sportschau.« Die guckt er bei Nachbarskindern, seine Eltern haben nichts dagegen.

Auch sie schleichen manchmal nachts hinüber ins Haus zu den Großeltern und schauen sich einen Film an. »Dann fragen wir uns hinterher: War es das wert, einen ganzen Abend verpasst zu haben?«, erzählt Meike von Bodelschwingh, »und meistens kommen wir zu dem Ergebnis: nein«. An ihrem Kind erkenne sie, dass sie es wohl richtig mache: Moritz nehme andere Menschen und ihre Nöte wahr. »Was brauchen Kinder?«, fragt die Mutter und antwortet gleich selbst: »Sie brauchen gute Eltern und andere Kinder zum Spielen. Fernsehen und Computer brauchen sie nicht«.

Für Sarah, die in Neumünster wohnt, trifft das nicht zu. Für sie dürfte der Medienkonsum inzwischen eine Überlebensstrategie sein. Vor zwei Jahren hat der Vater ihre Mutter und ihre zwei Brüder verlassen, vor einem Jahr ist Sarahs vierjähriger Bruder Marius in einem Gartenteich ertrunken. Seither rettet sich die 16-Jährige vor dem Kummer, der ihre Umgebung schwarz anlaufen ließ, in die grellen Farben der Unterhaltungselektronik.

Das Wohnzimmer der Familie füllt ein gewaltiger Flachbildschirm, daneben im Eck ein Ort der Trauer: eine Art kleiner Altar, den die Mutter für den verlorenen Marius errichtet hat. Ein Foto des toten Jungen, seine Spielsachen, ein Gedenkbuch. Auch das Zimmer des Kindes ist unverändert seit dem Tag seines Todes. Sarahs Mutter, eine attraktive Frau um die 40, kennt nur noch ein Thema. Umtanzt von einem hektisch kläffenden Hündchen, spricht sie von ihrem toten Sohn. Sie erzählt, wie schlagfertig und schlau er war, was er schon fertigbrachte, trotz seiner vier Jahre, wie lustig er spielte und wie gern er bei Mama im Bett schlief. Und sie erzählt, wie er starb. Sie muss es erzählen und erzählen und erzählen – der Gram zwingt es aus ihr heraus. Sie weint, sie fragt: Warum, warum, warum? Er war doch mein Liebling, mein Alles.

Da aber haben Sarah und ihr jüngerer Bruder das Wohnzimmer schon längst verlassen. Vielleicht können sie diese grausame Geschichte nicht noch einmal mehr ertragen. Wie sollen Kinder Not in solcher Dimension verkraften?

Sarah geht in die achte Klasse der Gesamtschule und ist immer irgendwie online. Stets hat sie ihr Handy bei sich, auf dem sie Anrufe ihrer Freundinnen empfängt oder SMS verschickt. Von der Schule heimgekehrt, checkt sie zuerst die E-Mails, macht Hausaufgaben, dann startet sie das Ablenkungsprogramm. »Seit mein Bruder tot ist, komm ich selten nach Hause«, sagt sie. Zunächst geht es zum Freund, sie zappen sich durch die Programme, dazwischen auch einmal eine Horror-DVD. Gegen 19 Uhr kommt sie heim, setzt sich an ihren PC, besucht ihre Chatrooms, SchülerCC, Netlock, ICQ, und knüpft Kontakte zu wildfremden Leuten. Gegen halb zehn, zehn schaltet Sarah den Computer aus und den Fernseher in ihrem Zimmer an, um sich von den Action- und Mystery-Serien auf Sat.1, RTL und ProSieben betäuben zu lassen. Öffentlich-rechtliche Sender meidet sie.

Im Zimmer nebenan läuft der Fernseher von Sarahs jüngerem Bruder – etwas zu laut, er hört auf einem Ohr nicht gut. Beim vorletzten Weihnachtsfest hat er von Mama die lange ersehnte Playstation bekommen, von Oma und Opa den Fernseher dazu. Damals war er zwölf. In Sarahs Augen ist er ein Spätzünder. Kinder, die keinen Fernseher im Zimmer haben, kennt sie gar nicht. Ihre Cousine, sagt Sarah, bekam schon einen, als sie drei oder vier Jahre alt war.

Die Einzige im Haus, die nicht mehr fernsieht, ist Sarahs Mutter. Nur manchmal, tief in der Nacht, wenn ihr die Erinnerungen den Schlaf rauben, lässt sie ein Zufallsprogramm an sich vorüberplätschern. Aus dem Fernseher kommt kein Trost, kein Rat und keine Anteilnahme. Er hat ihr nur Ablenkung zu bieten, aber die richtet gegen so viel Traurigkeit nichts mehr aus.

Man könnte das Dilemma auch so zusammenfassen: An einer Schule in Neumünster versuchen die Erwachsenen eine Mauer aufzubauen gegen die böse virtuelle Welt da draußen. Diese Art von Realität möchte man nicht haben. Der Feind ist klar definiert: mörderische Computerspiele, menschenverachtende Chatrooms, eklige Handybilder. Die Erwachsenen sehen ihre Kinder in Gefahr. Deshalb die Mauer.

Im Falle von konkreten Beschwerden schreiten Onlinekontrolleure ein

Einwenden könnte man, dass sich Mauern für Problemlösungen nicht eignen. Und man könnte fragen, ob es nicht sinnvoller wäre, sich etwas genauer zu beschäftigen mit dieser neuen Welt, auch mit denen, die verantwortlich sind für die Programme. Einer der Verantwortlichen wohnt und arbeitet im hessischen Bad Nauheim. Jens Abke heißt er, 24 Jahre alt, seine Firma nennt sich Lotum, Unterzeile: Eine Ideenschmiede. Er sagt, der Firmenname solle eine Mischung aus Novum und Lotusblüte ausdrücken. Abke muss kein bisschen schmunzeln, als er das sagt. Ein ernster junger Mann. Die Firmenräume sind in einem kleinen Mietshaus untergebracht. Eine eher bescheidene Wohngegend, daneben ist ein Wirtshaus, das auf einer Kreidetafel mit einem Obstler für 90 Cent wirbt.

Vor nicht einmal ganz zwei Jahren gründeten Abke und drei Freunde die Internetplattform SchülerCC. Die Idee war einfach: Schüler sollen sich miteinander austauschen, Jungs und Mädchen, über Musik, über Sport, andere Hobbys, über alles, was sie möchten. »Das Besondere war«, sagt Abke, »wir setzten auch auf die kleinen Subkulturen, also auf die einzelnen Schulklassen. Man kann bei uns bundesweit mit anderen Schülern über bestimmte Themen diskutieren, man kann auch mit den Schülern der eigenen Klasse unter sich sein.«

Seine Rechnung ging auf, mehr als 600.000 Schüler sind registriert, täglich mehrere Millionen Besucher auf den SchülerCC-Seiten keine Seltenheit. Eine Computerfirma ist inzwischen als Teilhaber eingestiegen, eine Marketingagentur verschafft Einnahmen durch Werbung. »Wir sind sicher nicht reich«, sagt Abke, »aber das Geschäft läuft gut.«

Ein großer Marktplatz der Eitelkeiten ist da entstanden. Mädchen und Jungs stellen ohne jeden Sinn für Privatheit Fotos und Details ihres Lebens ins Netz, buhlen um nichts mehr als um Beifall und Anerkennung. »Die wichtigste Währung«, sagt Abke, »ist die Aufmerksamkeit. Wer die meisten Einträge im Gästebuch hat, fühlt sich am besten.« Der 24-Jährige spricht von der Freude an Netzwerken, am Sammeln von Freunden, die in Wahrheit natürlich keine sind. Viel Schein bei der Darstellung des eigenen Lebens, eine Menge Trug, sagt Abke.

Früher gab es die Poster im Kinderzimmer, heute wird alles öffentlich im Internet präsentiert. Früher passierte es in den Klassen und auf Schulhöfen, heute müssen immer möglichst viele Leute zuschauen. Abke nennt es eine Art neuer Jugendkultur. Zu Jugendkulturen gehöre es, dass Erwachsene sie nicht verstehen und nicht mögen.

Da sind sie wieder, die Mauern der Erwachsenen. Die Gesamtschule Brachenfeld steht auf Platz sechs in den bundesweiten Charts von SchülerCC, weil so viele Jugendliche dieser Schule auf der Internetplattform angemeldet sind, und trotzdem kennen sie sich gar nicht: die Verantwortlichen in Bad Nauheim und die Verantwortlichen in Neumünster. Keine E-Mail, kein Telefongespräch, nicht einmal ein zaghafter Versuch, miteinander ins Gespräch zu kommen. Der Schulleiter in Neumünster und der Chef von SchülerCC hätten einander bestimmt viel zu sagen, aber es herrscht totale Funkstille – seltsam im Zeitalter der pausenlosen Kommunikation.

Abke sagt, er selbst habe erst spät, mit knapp 18 Jahren, zur virtuellen Welt gefunden, seine Eltern hätten gar nichts am Hut gehabt mit Computern. Sie wären nie auf die Idee gekommen, dass es ihrem Sohn binnen weniger Jahre gelingen werde, das Leben von Kindern über Monitore laufen zu lassen, das Leben und den Tod. Jens Abke erzählt von den ersten Onlinefriedhöfen: Jugendliche, die nach einer Krankheit oder einem Unfall gestorben sind, behalten bei SchülerCC ihre persönlichen Profile. Die Freunde der Toten schreiben oft täglich etwas rein, »eine schöne Sache«.

Aber wie findet er die Hetzkampagnen, Beleidigungen und die ätzende Sprache, die zum Alltag von SchülerCC gehören? Die niederen Instinkte, denen er ein Forum bietet? Abke antwortet eher nüchtern. Sie hätten etwa 35 Onlinekontrolleure, meistens Studenten, die konkreten Beschwerden nachgingen. In besonders schlimmen Fällen schalte man die Polizei ein, ansonsten schließe man solche Übeltäter aus. Es wird schnell klar, dass sich Abke nicht wirklich verantwortlich dafür fühlt, in welcher Weise die Jugendlichen miteinander umgehen. Er hat den Marktplatz geschaffen, nichts weiter.

Dass die 15-jährige Katharina die Gesamtschule in Neumünster bald verlassen will, obwohl ihre Noten in Richtung Abitur weisen, könnte man damit erklären, dass sie eine Lehre als Systemgastronomin ungeheuer reizt. Man könnte auch behaupten, dass sie nur deshalb nicht mehr zur Schule ging und einen Psychologen aufsuchte, weil sie ein verunsicherter Mensch ist, weil ihre Anstrengungen, in der Klasse Anschluss zu finden, erschreckend oft vergeblich waren, weil sie krank wurde an sich selbst, bevor die Meute über sie herfiel. Weil sie es war, die den Argwohn provozierte. So könnte man es sehen, wenn man die Feststellung fürchtet: Katharina wurde krank, weil ihre Mitschüler sie über Monate auf dem Internetforum SchülerCC beleidigten und sie zu einer verachteten Außenseiterin machten.

Eltern verwechseln die Lautlosigkeit des Internets mit Harmlosigkeit

Sie habe doch angefangen, das war ein beherrschender Satz, als die Konferenz begann, die Katharinas Klassenlehrer einberufen hatte, um den Mobbingfall Katharina mit den Eltern der Angreifer und den beteiligten Kindern zu klären. Da saßen dann lauter brave Bürger im Klassenzimmer, mehrere Elternpaare, Akademiker, die reflexhaft ihre Sprösslinge in Schutz nahmen, ihre G-Schüler, die mit der Empfehlung G auf die Gesamtschule gekommen waren. G wie Gymnasium. G wie gutbürgerlich. Katharina, die Außenseiterin, wollten diese Eltern ein zweites Mal zum Opfer machen, indem sie das Mädchen in die Rolle der Täterin drängten. Sie habe doch auch andere Mädchen weggebissen, sobald es ihr gelungen war, einmal die Sympathie einer Klassenkameradin auf sich zu ziehen.

Als sich die Runde schließlich auflöst, sind die Lehrer froh, dass Katharina den Mut aufbrachte, sich in der Konferenz zu äußern. Aber warum verhielten sich die Eltern der Mobber so kaltherzig? Waren die Zitate aus dem Chatroom, die gerade vorgelesen wurden, nicht eindrucksvoll genug? Die Schüler hatten Katharina verhöhnt und ihr geschrieben, niemand wolle mit ihr etwas zu tun haben. Die Eltern der Angreifer waren kurz überrascht, gingen nun aber ihrerseits zum Angriff über.

»Ich lege doch für meine Kinder nicht die Hand ins Feuer«, sagte eine Mutter, die Einzige, die bereit war, Katharinas Verletzungen anzuerkennen. Aber eine Mitschuld? Als viel beschäftigte Mutter? Als gestresster Vater, der abends Besseres zu tun hat, als seinen Kindern hinterherzuschnüffeln? So schlimm war es nun auch wieder nicht, Lehrer übertreiben gerne. Unsere Kinder sind doch keine Verbrecher!

Fragt man die Lehrer an der Gesamtschule, warum sich viele Eltern für die Medienwelten ihrer Kinder nur halbherzig interessieren, dann ähneln sich die Antworten: Weil Eltern vom Internet oft nichts verstehen. Weil sie sich auf ihrem Unwissen ausruhen, um sich vor Sorgen zu schützen. Weil man sich ja zum Handeln gezwungen sieht, sobald man tiefer blickt. Weil Eltern keine Erzieher mehr sein wollen, sondern die besten Freunde ihrer Kinder. Weil Eltern oft nur noch ein einziges Kind haben und fürchten, seine Liebe zu verlieren, sobald sie sich in etwas einmischen, was der Teenager seine »Privatangelegenheit« nennt. Weil Einmischen anstrengend werden kann, sobald ein ernsthafter Streit beginnt. Weil Eltern die Lautlosigkeit, die das Internet so sympathisch erscheinen lässt, mit Harmlosigkeit verwechseln. Oder weil auch die Eltern ein zweites Gesicht haben.

Trifft man eine der Mütter, die im Mobbingfall Katharina wegen ihrer beschuldigten Tochter zur Klassenkonferenz musste und sich dort wie eine Löwin vor ihr Kleines warf, dann ist man erstaunt über die elegant verkleidete Doppelmoral. Sie hat studiert, sie hat mehrere Kinder, einen angesehenen Beruf, setzt sich in der Schule für viele sinnvolle Projekte ein. Sie kann überzeugend darüber reden, wie schlimm es sei, wenn sich Jugendliche im Internet »gegenseitig beleidigen, und alle Welt schaut zu«. Spricht man sie aber darauf an, dass ihre eigene Tochter in einem virtuellen Rudel auf eine Schwache losging, wird die Mutter giftig. »Kein Wort über meine Tochter, ich sage kein Wort!«