Genetik
Erbgut in Auflösung
Das Genom galt als unveränderlicher Bauplan des Menschen, der zu Beginn unseres Lebens festgelegt wird. Von dieser Idee muss sich die Wissenschaft verabschieden. In Wirklichkeit sind unsere Erbanlagen in ständigem Wandel begriffen
Vor zwei Jahren saßen an der University of California in Berkeley 25 Genetiker zusammen, um die scheinbar simple Frage zu klären: Was ist ein Gen? Der Versuch, den Grundbegriff ihres Fachgebiets präzise zu definieren, erwies sich jedoch als überaus diffizil. Das Expertentreffen wäre fast im Desaster geendet, erinnert sich Karen Eilbeck, Professorin für Humangenetik in Berkeley und Gastgeberin der Runde: »Wir hatten stundenlange Sitzungen. Jeder schrie jeden an.«
Der Streit in Berkeley hat wenig mit Forschereitelkeiten zu tun. Er war ein erstes Symptom, dass die Biowissenschaften – noch unbemerkt von der Öffentlichkeit – vor einer Zäsur stehen. Was die Rechercheure in den Chromosomensträngen von Menschen oder Tieren zutage fördern, sprengt die bisherigen Denkmuster der Genetik. Ganz ähnlich wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Einstein und seine Mitstreiter ein neues physikalisches Weltbild formten, dämmert womöglich nun das Zeitalter einer relativistischen Genetik herauf.
Vor allem die Medizinforschung steht vor neuen Herausforderungen. In ersten Umrissen wird erkennbar: Körper und Seele, deren Gesundheit, Krankheit, Entwicklung und Alterung unterliegen einem genetischen Wechselspiel, dessen Komplexität alle bisherigen Vorstellungen übersteigt. Die Genetiker müssen sich von ihrem Bild eines stabilen Genoms verabschieden, in dem Veränderungen krankhafte Ausnahmen sind. Das Erbgut eines jeden ist in beständigem Umbau begriffen. Die Folge: Jeder Organismus, jeder Mensch, selbst jede Körperzelle ist ein genetisches Universum für sich.
Die erste Analyse des menschlichen Genoms war noch eine langwierige und kostspielige Angelegenheit, das Ergebnis – im Jahr 2000 von US-Präsident Bill Clinton als »Buch des Lebens« gefeiert – eine Folge von drei Milliarden Buchstaben. Neue Labortechniken, mit deren Hilfe gewaltige Datenmengen erzeugt und analysiert werden können, haben seither eine Flut neuer Befunde zum Innenleben vor allem des Menschengenoms erzeugt. Dabei löst sich das Buch vor den Augen der Leser auf. Das Genom ist kein stabiler Text. Die Erkenntnislage wirft auch philosophische Grundfragen auf wie die nach der genetischen und somit biophysikalischen Identität des Menschen – und verlangt womöglich radikal andere Antworten. Die Genetiker haben ein neues »Projekt Mensch« im Visier – Motto: Alles übers Ich.
»Unsere Annahmen waren so naiv, dass es fast peinlich ist«, sagt Craig Venter
Die jüngsten Ergebnisse zeigen mehr denn je, dass der Mensch ein Produkt genetischer Prozesse ist. Aber auch, dass diese Prozesse mit vielen Freiheitsgraden ausgestattet sind. Sie bilden ein offenes System, in dem keineswegs alles vorbestimmt ist.
Davon ahnten nach der ersten Genomentschlüsselung nur wenige etwas. Wie ein Gen aussieht und funktioniert, welchen Funktionsprinzipien das Erbgut von Mensch oder Mikrobe folgt, glaubten die Fachleute verstanden zu haben. »Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast schon peinlich ist«, sagt Craig Venter, der mit seiner Firma Celera an dem Projekt beteiligt war. Erwartet hatte man eine Sammlung komplizierter, aber verständlicher Kochrezepte für die Lebensprozesse. Nun wird erkennbar: Das Buch des Lebens ist voll verrätselter Prosa.
Es war nur der erste Höhepunkt des Umsturzes, als vor wenigen Monaten die Überzeugung von der genetischen Uniformität und also Identität der Menschheit zerbrach. Bis dahin galt die Annahme, dass sich das Erbgut zweier beliebiger Menschen nur in etwa einem Promille aller DNA-Bausteine unterscheidet. Doch die Differenzen im Erbgut der Menschen sind in Wahrheit so groß, dass die Wissenschaft nun bestätigt, was der kölsche Volksmund schon länger wusste: »Jeder Jeck ist anders.« Ganz anders!
Zu dieser Erkenntnis hat Craig Venter selbst kräftig beigetragen. Der charismatische Gen-Guru aus Rockville im US-Staat Maryland hat sein eigenes Erbgut entziffern lassen. Fast parallel entschlüsselten Experten des Unternehmens 454 Life Sciences das Genom des Nobelpreisträgers James Watson, Entdecker der DNA-Doppelhelix und Venters Intimfeind. Er wolle doch nicht hoffen, stichelte Venter, dass man zwischen ihm und Watson allzu viele Gemeinsamkeiten entdecken werde.
Nach dem celebrity sequencing der Forscherdiven verkündeten Wissenschaftler in Shenzhen, sie hätten einen anonymen Han-Chinesen komplett entschlüsselt. Vor wenigen Tagen meldete der Genetiker Gert-Jan van Ommen von der Universiteit Leiden die erste Decodierung einer Frau. Es handelt sich um die klinische Genetikerin Marjolein Kriek, Mitglied von van Ommens Team. Die Feinanalysen der Gendaten lassen nun erkennen: Das Erbgut der Menschen ist ebenso vielgestaltig, wie sie an Körper und Psyche verschieden sind.
Anhand von Venters Erbgut war es erstmals möglich, die Unterschiede zu katalogisieren. Das Erbgut der menschlichen Körperzellen besteht je zur Hälfte aus einem vom Vater und einem von der Mutter ererbten Chromosomensatz. Die Forscher hatten damit gerechnet, dass die elterliche Mitgift Unterschiede aufweisen würde; dass es zahlreiche Austausche einzelner Buchstaben im Genom gibt (sogenannte SNPs – single nucleotide polymorphisms), ist seit Langem bekannt. Vom wahren Ausmaß der Differenzen aber waren sie überrascht: In nahezu jedem zweiten Gen des Forschers stießen sie auf Unterschiede zwischen den mütterlichen und väterlichen Genkopien. Bei der Gegenüberstellung detektierten die Experten zudem zuhauf sogenannte Indels: Millionenfach waren ganze Abschnitte in die Erbmoleküle neu eingebaut worden (Inversion) oder einfach verschwunden (Deletion). Andere hatten sich aus ihrer Umgebung gelöst und umgedreht wieder eingefügt.
Unzutreffend ist auch die bisherige Überzeugung, jedes Gen existiere in der Regel nur zweimal im Erbgut (einmal im väterlich, einmal im mütterlich ererbten Satz der Chromosomen). In Wahrheit unterliegen zahlreiche Erbinformationen einem Vervielfältigungsprozess und existieren in bis zu 16 Kopien im Zellkern. Bei mindestens 1500 menschlichen Genen haben verschiedene Forscherteams inzwischen solche Kopievariationen (CNVs, copy number variants) entdeckt; wahrscheinlich gibt es noch weit mehr dieser Xerox-Gene, wobei jeder Mensch ein eigenes CNV-Profil aufweist. Verschärft wird die Brisanz der Befunde durch die Entdeckung, dass die CNV-Muster im Erbgut keineswegs stabil sind, die Kopienzahl der Gene kann sinken oder steigen, selbst die Körperzellen eines einzelnen Menschen unterscheiden sich voneinander.
Unter der Wucht der Befunde zerbröselt nun die Idee, das Genom stelle eine naturwüchsige Konstante dar, einen fixierten Quellcode des Menschen. Der US-Genetiker Matthew Hahn verglich das Erbgut bereits mit einer Drehtür: »Ständig kommen Gene, andere gehen.«
Diese Erkenntnis liefert erstmals eine plausible Erklärung für die Verschiedenartigkeit der Menschen. Erst derart dynamische Prozesse können in ihrem Zusammenspiel so machtvoll auf psychische und körperliche Eigenschaften des Menschen durchschlagen. Denn diese werden nicht von einzelnen Genen, sondern von Netzwerken aus oft Hunderten von Erbanlagen gesteuert. Schon auf subtile Änderungen einzelner Gene reagieren diese Gensysteme oft hochsensibel. Vervielfältigen sich darin etwa Gene für Signalstoffe oder deren Empfängermoleküle, verändern sich die Kommunikationssysteme des Organismus. Die Kopiermechanik im Erbgut dürfte daher für körperliche Besonderheiten des Individuums verantwortlich sein, aber auch für komplexe Krankheiten wie Diabetes, Autoimmunleiden oder Herzerkrankungen.
Vor allem die Hirnfunktionen scheinen betroffen: CNVs stellen die Hauptursache für verschiedene Formen geistiger Behinderung dar, für Autismus, Schizophrenie und weitere organische Hirnfunktionsstörungen. Vermutlich regeln sie im Zusammenspiel mit anderen genetischen Prozessen aber auch die Ausprägungen gesunder psychischer Eigenschaften. »Das ist einer der aufregendsten und fruchtbarsten neuen Bereiche der Humangenetik«, sagt der US-Genetiker David Haussler von der University of California in Santa Cruz. Die genomweite Suche nach solchen Genvariationen habe bereits erstaunliche Ergebnisse gebracht. Die Medizin der Zukunft, prophezeit der Forscher, werde durch die Ergebnisse ultraschneller Genomsequenzierung und massiver Rechenleistung geprägt sein: »Wir müssen Hunderte, vielleicht Tausende Gene gleichzeitig im Blick haben, um Krankheiten zu verstehen.«
Eineiige Zwillinge entwickeln sich schon als Embryonen genetisch auseinander
Um den wahren Umfang der Baumaßnahmen im Genbestand zu ermitteln, wurde nun das 1000 Genomes Project gestartet. Im Verlauf von drei Jahren will das Konsortium aus Sequenzierzentren in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und China das Erbgut von 1000 Menschen aus aller Welt sequenzieren und dabei die Varianz der Erbdaten aus diversen Bevölkerungsgruppen der Welt protokollieren.
Das Wechselspiel im Menschengenom vermag nicht nur die individuellen Eigenheiten des Einzelnen zu erklären, es produziert auch das genetische Sortiment, aus dem die Evolution den Menschen weiter formt. Das macht einen weiteren verstörenden Befund verständlich: Die Spezies Homo sapiens unterliegt offenbar einer Turboevolution. Hunderte Bereiche im Erbgut haben sich weit schneller gewandelt als bei anderen Primaten. Neue Untersuchungen kommen sogar zu dem Schluss, dass die Zivilisation seit Beginn der Jungsteinzeit die menschliche Evolution um das 100-Fache beschleunigt haben muss.
Das Magazin Science kürte die Entdeckung dieser genetischen Variationen zum Durchbruch des Jahrs 2007. Nicht einmal ein Jahr zuvor, sinnierte das Fachblatt, habe man die Aussicht gefeiert, demnächst durch den präzisen Genomvergleich von Mensch und Schimpanse jene Faktoren zu destillieren, die den evolutionären Weg zum Homo sapiens markieren. Doch noch bevor die Frage beantwortet sei, was in unserer DNA uns menschlich mache, stehe bereits die nächste im Raum: »Was in meiner DNA macht mich zu mir?«
Eine der ersten Einsichten der neuen Genetik macht auch diese Frage fast obsolet. Alles deutet auf eine bestürzende Antwort: Ich bin viele.
Zumindest physisch erscheint der Mensch nicht länger als Individuum, sondern als Verband egoistischer Zellkolonien. Bei bis zu zehn Prozent aller Erbanlagen – und vielleicht weit mehr – ist entweder nur die mütterliche oder die väterliche Variante aktiv. Dieses Muster, im Fachjargon »autosomale monoallelische Expression« genannt, wird bereits im Embryo festgelegt. Und dort trifft jede Zelle ihre eigene Entscheidung. »Wir glauben, dass dies geschieht, wenn sich der Embryo einnistet«, sagt der Genetiker Andrew Chess von der Harvard University. Die Folge: Der erwachsene Organismus gleicht einem Flickenteppich von Zellverbänden, deren genetische Netzwerke unterschiedlich gestrickt sind.
Ob einzelne Erbinformationen in diesen Genkaskaden von Vater oder Mutter stammen, hat entgegen der bisherigen Einschätzung drastische Auswirkungen. Ihr Informationsgehalt kann feine Unterschiede aufweisen, die aber in den hochkomplexen Netzen, die menschliche Eigenschaften steuern, profunde Konsequenzen haben. Aus dem Harvard-Labor von Andrew Chess stammt ein weiterer faszinierender Befund: Von monoallelischer Expression sind besonders häufig Gene betroffen, die im Verlauf der Menschwerdung einer beschleunigten Evolution unterlagen, und solche mit wichtiger Funktion im zentralen Nervensystem. Was das für die Arbeitsweise des Gehirns und die Konstruktion der Psyche bedeutet, ist derzeit nicht einmal im Ansatz abzuschätzen.
Passé ist seither der Glaube, zumindest der gesunde Organismus stelle ein harmonisches, mit sich selbst im Einklang arbeitendes System dar. Stattdessen zeichnen die Forschungsbefunde das Bild eines fragilen Puzzles aus biologisch disparaten Einheiten. Gesundheit wäre demnach ein instabiler Zustand, in dem die Egoismen der Mosaiksteine in Schach gehalten werden. In jedem Fall aber gilt: Selbst die biologische Identität des Individuums steht wohl zur Disposition. Was für viele erschreckend klingt, ist für den amerikanischen Genetiker Steven Henikoff eine begeisternde Vorstellung: »Ich mag die Idee, dass wir Mosaiken sind.«
Im Kern bedroht ist damit auch die Arbeit jener Wissenschaftler, die den Einfluss der Umwelt auf das Werden des Menschen messen wollen. Seit Jahrzehnten versuchen sie beim Vergleich von ein- und zweieiigen Zwillingen, den Einfluss der Umwelt gegen das Diktat der Gene abzugrenzen. Dabei galten ihnen die Unterschiede zwischen eineiigen Zwillingspaaren als Maß für den Umwelteinfluss auf die Eigenschaften des Menschen – schließlich seien die mit vollkommen identischen Genen ausgestattet. Deshalb müssten alle Unterschiede kulturell und nicht biologisch bedingt sein.
Doch davon kann, wie sich jetzt erweist, keine Rede sein: Es sei eine Tatsache, dass eineiige Zwillinge genetisch nicht identisch sind, sagt Chess, »das ist ein wirklich aufregendes Resultat«. Nicht nur im ausschließlich mütterlichen oder väterlichen Aktivitätsmuster ihrer Gene, auch in ihrem CNV-Muster finden sich klare Differenzen. »Wir haben uns immer gefragt, wieso es Unterschiede zwischen eineiigen Zwillingen gibt, zum Beispiel bei der Anfälligkeit für komplexe Erkrankungen«, sagt Chess. »Unsere Entdeckung ist eine Erklärung.« Auch soziale und materielle Außenfaktoren können einen Menschen auf dem Umweg über die Biologie prägen – indem sie seine Genfunktionen verändern. Durch sogenannte epigenetische Prozesse können offenbar Stress oder Folter, Ernährungsmangel oder Liebesentzug bis in den Zellkern hinein wirken.
Angesichts der Flut dieser noch weithin mysteriösen Befunde ergeht es den Genforschern ganz ähnlich wie Kosmologen, die seit einigen Jahren nach der geheimnisvollen »dunklen Materie« im Universum forschen. Auch die Biowissenschaftler rätseln nun über thedark matter of the genome, die dunkle Materie des Erbguts.
Unser Genom legt nicht fest, was für ein Mensch aus ihm wächst
Finden könnten sie das dunkle Geheimnis in jenem Teil des Erbguts, den sie bisher als Müll abgetan haben, als »Junk-DNA«. Relevant waren für sie nur jene wenigen Prozent des Genoms, die als Gene herkömmlicher Definition die nötigen Informationen für den Aufbau der Eiweiße in den Zellen enthalten. Der Rest galt als evolutionärer Schrott. Allenfalls als stabilisierendes Element konnte man sich diesen Teil des Genoms vorstellen, gleichsam als verbindenden Kitt zwischen den eigentlich wichtigen Erbinformationen.
Nun aber zeigt sich: Es ist vor allem die dunkle DNA-Materie in den Chromosomen, in der sich viele der neu entdeckten Prozesse abspielen. Offenbar steckt der »Schrott« voller unbekannter Gene, bevölkert von Steuerungsmodulen. Vor allem die sogenannten microRNAs, eine bis vor Kurzem unbekannte Klasse von Erbinformationen, regeln eine Vielzahl von Entwicklungs- und Krankheitsprozessen.
Der Schluss aus all diesen neuen Erkenntnissen kann nur sein: Zwar sind die Eigenschaften eines Menschen in seinem Genom begründet, gleichwohl aber ist im offenen System des embryonalen Erbguts keineswegs determiniert, welcher Mensch einmal aus ihm wächst. Selbst wenn man einen bis ins letzte Molekül exakt duplizierten Embryo unter identischen Umständen im Mutterleib heranwachsen lassen könnte – »es käme dennoch ein anderer Mensch heraus«, versichert der Berliner Genetiker Nikolaus Rajewsky. Und das auch ohne einen Einfluss durch Erziehung und Kultur.
Angesichts der Komplexität und Unbestimmtheit der genetischen Prozesse entlarven sich nun viele Visionen vom optimierten Designmenschen, aber auch manche Warnungen vor den Gefahren der Genforschung als arg vereinfachter Vulgärbiologismus. Das Basteln am Genom erweist sich als wesentlich komplizierter als gedacht. Und die Fantasie, man könne durch Klonen begnadete Künstler, geniale Forscher oder einfach nur einen geliebten Menschen in identischer Form wiederauferstehen lassen, wird wohl auf ewig Wunschdenken bleiben.
- Datum 12.6.2008 - 13:09 Uhr
- Serie -
- Quelle DIE ZEIT, 12.06.2008 Nr. 25
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"Alles deutet auf eine bestürzende Antwort: Ich bin viele."--> Vielleicht ist es doch wahr: Ich bin Emergenz.Danbke für den höchst aufschlussreichen Artikel - sehr lesenswwert und auch serh beunruhigend, denn: Umwelt scheint Mensch zu prägen bis in die genetik hinein - von daher: inwieweit lassen sich 'erfahrung' als Umwelteinfluss über eine mögliche veränderung der Gene(-sequenzen) vererben und somit eine Präposition für bestimmtes Verhalten darstellen?Zumindest nach Ansicht der Soziobiologie hat (u. a. menschliches) Sozialverhalten als auch damit einhergehend Moralverhalten eine spezifisch biologische Grundlage. Die Frage nach Varianz als auch Veränderbarkeit derselbigen ist damit nicht mehr allzuweit entfernt - und sehr nahe an Positionen, die zumindest der klassische Rassismus des späten 19 Jh. und des frühen 20. Jh. einnahmen (Haeckel).Nicht, dass dies das selbesei - nur, wenn Ähnlichkeiten bestehen, dann lässt sich in einem auf popularwissenschaftlicher Grundlage geführten politischen Diskurs entsprechende (Pseudo-)Begründungen daraus ableiten, die leicht zu echtem rasssistischen Verhalten führen könnten auf dieser Basis..Ein sensibler und vorsichtiger Umgang mit den Daten und Aussagen ist hier ganz besonders geboten - verbunden mit einer hohen Aufklärung für eine möglichst sachliche Diskussion, falls dies politisch von entsprechenden Kreisen aufgegriffen wird..ASnsonstens sieht das mir persönlich nach einer wissenschaftlichen Revolution aus - die sich ja gerade dadurch oft ausdrückt, wenn Fachbegriffe neu belegt werden; man denke nur an die Neubelegung des physikalischen Begriffes "Atom" durch die Entdeckung der Quantenmechanik mit ihrer weitreichenden Umstruktuierung des "Atom"-Modells.
Fest steht: die Vererbungslehre ist älter als die Molekulargenetik, aber nichts desto trotz empirisch bestätigt. Zwillinge sind und bleiben sich verdammt ähnlich. Die verschiedenen Hunderassen sind durch Züchtung, also praktische Anwendung der Vererbungslehre entstanden.
Insofern kann ich das revolutionäre an dem präsentierten Inhalt nicht so recht erkennen. Wenn Basensequenzen nicht immer mit Genen korrelieren, dann heißt das ja nur, dass man nicht versteht, wie Gene in der DNA genau verschlüsselt sind. Die Vermutung, dass die DNA mehr ist als nur eine Reihe von Schaltern, die bestimmte Eigenschaften eines Individuums festlegen, ist soweit mir bekannt ist, nicht gerade neu.
Ich wage sogar zu behaupten, dass der Mehrheit der Molekulargenetiker ihre erschreckende Naivität die ganze Zeit bewusst war, doch der Wunsch als Vater des Gedanken war stärker, und nun ist die Seifenblase schließlich geplatzt.
Schließlich kann man Genforschung auch viel besser verkaufen, wenn damit das Versprechen verbunden ist, irgendwann ein paar Schalter umlegen zu können, um so alles (biologisch bedingte) Übel aus der Welt zu tilgen.
Wenn man es sich recht überlegt, klingt es ja auch wirklich unwahrscheinlich, dass zufällige Mutation eines der Milliarden Basenpaare und die nach folgende Auslese ausreichen, um in ausreichender Zeit, an neue Bedingungen angepasste Arten hervor zu bringen. Was wenn ein Lebewesen mit einer genialen Mutation wegen einem schlimmen "Unfall" stirbt bevor es sich reproduzieren kann?Es müssen noch wichtige Teile des Puzzels fehlen, z.B. letztens gelesen: die Art der aufgenommen Nahrung findet auch Eingang in das Genom und besonders interessant auch in das Genom des Fötus bei Schwangeren..Mit jedem weiteren gefunden Puzzelstück wird auch die Basis für die unerträgliche Lehre der Kreationisten kleiner, die ja höchst betrüblicherweise ihre Anhängerschaft kontinuierlich vergrößern können.
Das fiel mir schon beim Lesen des gedruckten Artikels auf: Bei einem Autor, der mit Sätzen wie "Nun wird erkennbar: Das Buch des Lebens ist voll verrätselter Prosa." über Genetik schreibt, wünsche ich mir eine "über den Autor"-Infobox, damit ich abschätzen kann, ob sich der Text, mit der Absicht des Erkentnissgewinns, zu lesen lohnt.Da mich das Thema tatsächlich inhaltlich interessiert, sollte ich vielleicht bei Science direkt nachgucken, da habe ich dann den gleichen Inhalt, nur klar formuliert, halb so lang und ohne menschelnden Füllstoff.
Ich finde diesen materialistischen Pessimismus unlogisch.
Wie kann man einerseits felsenfest an die Allgestaltungsmacht eines mysteriösen, ewig andauernden Evolutionsprozesses glauben - und andererseits enttäuscht oder überrascht sein, wenn man feststellt, daß Lebewesen sich tatsächlich ständig verändern?
Die Kernaussage dieses Artikels lautet für mich: "Unsere Annahmen waren so naiv, daß es schon fast peinlich ist!"
Meine Bewertung: Zehn Punkte plus einen Bonuspunkt für Klarheit!
Aber warum so pessimistisch, liebe Materialisten und Objektivisten?
Kann es vielleicht sein, daß dem pragmatischen Homo Oeconomicus ludens gerade die gute alte, naive, peinliche, materialistische, geradezu infantile Pseudo-Newton'sche Sichtweise der Welt als zufälliges Konglomerat kleiner, objektiv existenter Kügelchen, unter den Händen wegstirbt? Merken es jetzt etwa auch die letzten "Schriftgelehrten", daß diese Welt so einfach nicht ist?! Glückwunsch!
Das Beobachten macht Freude in einem neuen Jahrtausend! :)
Nehmt die Evolution doch einfach ernst.
Dann muß es aber korrekterweise heißen: "Erbgut in Entwicklung!"
und haben wir nicht allen Grund uns zu freuen, daß wir uns heute so schnell weiterentwickeln?
Die "neue" Erkenntnis der Rückwirkung der Umwelt auf das Genom - letztlich der Noosphäre auf die Biosphäre - eröffnet dem modernen, aufgeklärten Menschen unvorstellbare Freiheitsgrade - und das auf ganz natürlichem Wege ;-)
Herzliche Grüße,
RudraChakrin
Ein hochinteressantes Thema, nur leider arg reißerisch präsentiert. Man hätte sich etwas mehr Präzision gewünscht. Bei neuen wissenschaftlichen Befunden sollte man (als Außenstehender) stets cool bleiben und kritisch beobachten und berichten - und schauen, was später daraus wird.An manchen Stellen vermittelt der Text den Eindruck, als würde unter dem Einfluss der Umwelt das "Erbgut" verändert ("Erbgut in Auflösung", "Umweltbedingungen können sich im Erbgut niederschlagen" "In Wirklichkeit sind unsere Erbanlagen in ständigem Wandel begriffen"). Von Erbgut und Erbanlagen wird vor allem - eigentlich fast nur - im Zusammenhang mit den Zellen der Keimbahn gesprochen, wenn es also um das Vererben von Eigenschaften geht. Das wäre ja nun wirklich eine Sensation, wenn dieses Erbgut im Laufe der Individualentwicklung einem ständigen, umweltbedingten Wandel unterläge. Doch von Keimzellen ist nirgendwo die Rede. Auswirkungen auf die Evolution einer Spezie infolge dieser dynamischen Strukturänderungen der somatischen DNA wären demnach nur indirekt möglich (über die natürliche Selektion bzw. den Fortpflanzungserfolg).Apropos Evolution, ich zitiere: "Die Spezies Homo sapiens unterliegt offenbar einer Turboevolution. Hunderte Bereiche im Erbgut haben sich weit schneller gewandelt als bei anderen Primaten. Neue Untersuchungen kommen sogar zu dem Schluss, dass die Zivilisation seit Beginn der Jungsteinzeit die menschliche Evolution um das 100-Fache beschleunigt haben muss." (Hvm)Das ist sehr bemerkenswert. Wenn man sich vorstellt, dass der Beginn der Jungsteinzeit gerade mal 10000 Jahre zurück liegt, und dass sich zu diesem Zeitpunkt der Mensch, von Afrika kommend, schon weltweit verbreitet hatte, fragt man sich, ob von dieser Evolutionsbeschleunigung alle Menschen gleichermaßen profitiert haben. Zumal ja die "Zivilisation" offenbar die treibende Kraft war. Ich vermute mal, dieser Befund wird uns in Zukunft noch viel beschäftigen...;-)Weiteres Zitat:> "Die jüngsten Ergebnisse zeigen mehr denn je, dass der Mensch ein Produkt genetischer Prozesse ist. Aber auch, dass diese Prozesse mit vielen Freiheitsgraden ausgestattet sind. Sie bilden ein offenes System, in dem keineswegs alles vorbestimmt ist."Richtige, beinharte Biologen waren schon immer der Auffassung, "dass der Mensch ein Produkt genetischer Prozesse" sei, und zwar total (weil Reaktionsmuster auf Umwelteinflüsse auch der genetischen Steuerung unterliegen). Das zeigt sich zum Beispiel in Buchtiteln wie: Das egoistische Gen (Dawkins, 19xx), oder: Das intelligente Genom (Heschl, 1996, wenn ich nicht irre). Letzterer ging sogar soweit zu behaupten, ein echter Erkenntnisfortschritt könne nur über genetische Veränderungen erfolgen (solche, die vererbbar sind, denn sonst bliebe der wahre Zuwachs an Erkenntnisvermögen ja auf das Individuum beschränkt). Aber das ist ein anderes Thema...;-)
@ Balanus" ...dass die Zivilisation seit Beginn der Jungsteinzeit die menschliche Evolution um das 100-Fache beschleunigt haben muss." (Hvm)Das ist sehr bemerkenswert. Wenn man sich vorstellt, dass der Beginn
der Jungsteinzeit gerade mal 10000 Jahre zurück liegt, und dass sich zu
diesem Zeitpunkt der Mensch, von Afrika kommend, schon weltweit
verbreitet hatte, fragt man sich, ob von dieser
Evolutionsbeschleunigung alle Menschen gleichermaßen profitiert haben.
Zumal ja die "Zivilisation" offenbar die treibende Kraft war."So, und das nehmen wir nun und schwups - fällt uns ein Beispiel ein für eine genetische veränderung eines teils der menschheit aufgrund eines Kulturellen Faktores - nämlich Lactose-verträglichkeit bei manchen afrikanischen Hirtenvölkern und bei den Völkern um das Mittelmeer herum - vor ca. 40 Generationen und basierend auf Rindertierhaltung. Und siehe da - schon steht die Frage im Raum, ob es da nicht andere Veränderungen gegeben haben könnte - und dies ist durchaus vorstellbar - und ob nicht ein Teil vielleicht etwas mit umgangssprachlich 'intellektuellen' oder 'moralischen' Befähigungen zu tun haben könnte ... - basieren diese ja auch auf biologischen Präpositionen zumindest.Eine andere Möglichkeit für solch eine Veränderung - klag sogar hochinteressant - führt Jared Diamond ins Feld - nämlich, dass sich ein sehr starkes Immunsystem bei Bevölkerungen (genetisch) ausgebildet hätte, die in großen Massen zusammenleben wie z. b. in Europa - und dass deshalb ein Grund für den Erfolg vieler Eroberungen gerade zum Beginn der Kolonialisierung war - für europäer harmlose Krankheitserreger, die in Länder eingeschleppt wurden, die eine bevölkerung hatte,, die keine abwehr gegen dieselbige gehabt hätte und deshalb da viel, viel schlimmer wütete als jede martiale Eroberung.Das, was mich dabei zuerst einmal als laien interessieren würde wäre, inwieweit diese veränderbarkeit und Anpassungsbefähigungen dann vererbbar werden, oder ob doch irgendeine art Grundgerüst oder Grundprozess vererbt wird, der nur eine große spannbreite von möglichen Veränderungen einschließt ohne dass sich dabei die zugrundeliegende Mechanik mit ihrer Variabilität verändert.Denn die bleibende, die vererbbare Veränderung ist ja der Punkt, an dem es erst wirklich zu einer Auseinanderdiverenzierung kommt zwischen Menschen und da erst taucht die Frage nach Veränderbarkeit von basalen genetischen Grundlagen für intellektuelle und moralische Befähigungen auf.
Ich habe als Laie, der ich bin, leider inhaltlich nichts hinzuzufuegen, aber ich moechte Sie zu diesem sehr interessanten Artikel beglueckwuenschen. Es ist leider selten, aber ich glaube ich hatte einen echten Erkenntnisgewinn.- In der Hoffnung, dass das Geschriebene auch sachlich richtig ist.
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