Die Biohühner auf dem Gallina-Hühnerhof bei Göttingen haben ein feines Leben. Sie scharren und picken artgerecht unter freiem Himmel auf der Wiese, ruhen nachts fuchssicher auf Stangen in luftiger Höhe und legen gesunde Eier für die Ökobewussten im Land.

Die Idylle trügt jedoch. 40 Millionen Küken sterben jährlich allein in deutschen Vermehrungsbetrieben, weil sie das falsche Geschlecht haben. Denn bei der Vermehrung von Legehennen für die Eierproduktion ist naturgemäß die Hälfte der ausgebrüteten Küken männlich. Die Hähne, von der Natur nicht zum Eierlegen bestimmt, taugen auch nicht zur Fleischmast, weil das Federvieh auf Legeleistung getrimmt ist. Die Hahnenküken sind für die Brütereien schlicht Abfall. Sie werden mit Kohlendioxid vergast oder lebendig im »Homogenisator«, einer Maschine mit rotierenden Messern, zu Brei zermatscht. EU-weit entsorgen Legehennen-Produzenten so jährlich rund 300 Millionen »Eintagsküken«.

Doch inzwischen gibt es eine Reihe von Projekten, die das Problem lösen könnten. Forscher des Friedrich-Löffler-Instituts für Nutztiergenetik (FLI) in Braunschweig haben eine Früherkennungsdiagnostik ersonnen, die das Geschlecht von Küken im frisch gelegten Ei bestimmbar macht – noch vor dem Bebrüten. »Damit ließe sich das Töten vermeiden und die Eier wären verwertbar«, sagt die Projektleiterin, Sabine Klein – ein Gewinn für den Tierschutz wie für die Wirtschaft.

Die Methode ist zwar noch zu teuer, aber technisch ausgereift. Die Forscher lokalisieren mittels Kernspintomografie den Keim im Ei, aus dem sich der spätere Embryo entwickelt. Durch ein kleines Loch in der Schale entnehmen sie ein paar Zellen, deren Erbsubstanz sie auf das Geschlecht untersuchen. Die Frühdiagnostik beeinträchtigt weder die Legeleistung noch das Brutergebnis der späteren Hennen.

Die Gendiagnostik ist zu teuer, der Hormontest kommt zu spät

Bislang harrt das Verfahren zur Kükenrettung allerdings der Realisierung. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), das die Früherkennung sieben Jahre lang bis zur Entwicklungsreife finanzierte, sitzt auf den Erkenntnissen wie die Henne auf dem Ei. »Es müssen Wege zur kostensenkenden Automatisierung gefunden werden«, sagt Franz Ellendorff, der die Methode mit entwickelt hat.

»Eine Umsetzung findet nicht statt«, bestätigt Gerhard Seemann von Lohmann Tierzucht in Cuxhaven. Die Firma gehört zum größten Konzern der Welt, der deutschen Wesjohann-Gruppe, die beide Hochleistungslinien entwickelt: schnell Fleisch ansetzende Masthühner mit geringer Eierproduktion sowie leichte Turbohennen mit Spitzenlegeleistung. Die Tiere werden an Brutbetriebe verkauft, die bei der Vermehrung von Legehennen die männlichen Küken töten. Keiner wisse, sagt Seemann, »was die Geschlechtserkennung mit Kernspintomografie im Großeinsatz kosten wird«.