Pazifik Besuchen Sie Tuvalu, solange es noch da ist

Das Inselreich im Pazifik wird untergehen, weil der Meeresspiegel steigt. Zeit für eine Reise auf das ganz flache Land

Weiter weg von Westeuropa kann ein Staat kaum sein. Umso leichter lässt sich das Inselreich Tuvalu ins Herz schließen: So klein, so lieb! So bedroht vom Untergang! So symbolisch!

Tuvalu, das ist der Knut unter den gefährdeten Staaten dieser Welt. Still, einsam und flach liegt dieses Ländchen im Pazifik, so etwa auf halbem Wege zwischen Australien und Hawaii. Der Ozean ringsum steigt (und steigt), und irgendwann wird eine letzte Welle über das letzte tuvaluische Sandhäufchen schwappen.

Wann genau, das kann niemand so recht sagen. Wenn es mit dem Klima und dem Meeresspiegel so weitergeht: in hundert Jahren. Oder, weil alles ja immer noch schlimmer wird, bereits in fünfzig? Oder gar schon beim nächsten Taifun? Der höchste Hügel dieser Inselgruppe erhebt sich gerade mal fünf Meter über den derzeitigen Meeresspiegel, da stellt sich dem Ozean nicht mehr viel in den Weg. Und so gibt es wenigstens eine Gewissheit: Vor dem Weltuntergang wird die Menschheit den Tuvalu-Untergang erleben.

Ein modernes Atlantis also, nur sehr viel besser dokumentiert. Seit Tuvalu – Al Gore sei Dank – zum Symbol des Klimawandels wurde, wandelte es sich zum Reiseziel für Menschen aus aller Welt, die mit ihren Digitalkameras noch schnell alles Vorsintflutliche festhalten wollen. Eine neue Form des Ökotourismus ist im Gange. Nicht nur auf Tuvalu: » Places to visit before 2020« lautet die ominöse Überschrift einer Liste, die eine Londoner Denkfabrik namens The British Centre for Future Studies erstellt hat. Neben einem Trip nach Tuvalu wird dort auch ein Abschiedsbesuch auf den ebenfalls sehr flachen Malediven nahegelegt, letzte Blicke auf die Gletscher Alaskas und die verschneiten Alpen empfohlen.

Tuvalus Tourismusbehörde stellt das Land auf seiner Website als unbeschwerte Südsee-Idylle dar (Strände, Hotels, Bars!), doch sind Erholung suchende Touristen dort selten. Stattdessen eilen Wissenschaftler herbei, Dokumentarfilmer, Katastrophengucker – Untergangstouristen, die ihre letzte Chance nicht verpassen wollen.

Was finden sie am Ziel ihrer langen Reise (via Neuseeland und Fidschi-Inseln)? Zunächst wenig Platz. Tuvalu ist – nun ja: noch – der viertkleinste Staat auf diesem Planeten, 26 Quadratkilometer verteilen sich auf neun Inseln. „Tuvalu« heißt aus dem Tuvaluischen übersetzt zwar so viel wie »Acht Inseln«, doch vor knapp fünfzig Jahren wurde eine neunte besiedelt und eingemeindet. (Eine Namensänderung wurde damals erwogen – »Neun Inseln« hieße »Tuiva« – und in weiser Voraussicht verworfen.) Neben dem steigenden Meerespegel knabbert auch die Erosion der Strände am Territorium, immer wieder gibt es Überschwemmungen. Die Pfützen, der Schlamm, das Brackwasser machen Tuvalu ungemütlicher, im Laufe der Jahrzehnte wird es allmählich unbewohnbar werden – und dann untergehen.

Die Bevölkerung ist auf rund 12.000 Staatsbürger angewachsen, von denen – jetzt schon – etwa 4000 in Neuseeland leben. Viele fahren zur See, andere fangen Fische für den Eigenbedarf. Kokosnüsse und Bananen wachsen auf Tuvalu, zu den wenigen einträglichen Exportartikeln gehören: Briefmarken (wegen ihrer Exotik und dosierten Seltenheit begehrt bei Sammlern). Zwei davon zelebrierten das landeseigene Internetkürzel tv, das Tuvalu zur Jahrtausendwende plötzlichen Reichtum und eine gewisse Bekanntheit bescherte. Etliche TV-Sender auf dem verrückten Festland da draußen wollten genau so eine Online-Adresse und waren bereit, sich den Spaß einiges kosten zu lassen. Dreißig bis fünfzig Millionen unverhoffte US-Dollar landeten so im Inselstaatshaushalt. Damit finanzierte Tuvalu unter anderem die Aufnahmegebühr der Vereinten Nationen, deren 189. Mitglied es wurde. Von den UN könnte demnächst wieder Geld zurückfließen. Derzeit beraten sie über die Verteilung eines 100-Millionen-Dollar-Hilfspakets für 14 bedrohte Pazifikstaaten.

Tuvalu hat von allen die stärkste Lobby. Ein japanischer Künstler porträtiert in einem Langzeitprojekt 10.000 tuvaluische Gesichter. Ein französisches Filmteam ( Trouble in Paradise ) hat eine Stiftung gegründet, die den Tuvaluern ökologisches Verhalten beibringen soll. Und Tuvalus Politiker und Diplomaten engagieren sich gegen die Klimaerwärmung und für Subventionen; je düsterer die Szenarien, desto stärker die Argumente. Bis zu einer gewissen Grenze: Den radikalen Vorschlag, die Bevölkerung sofort zu evakuieren, lehnt Tuvalus Regierung ab, das habe »in den nächsten 30 Jahren« keine Priorität. Für die Zeit danach plant sie angeblich, ihren Schäfchen ein trockenes Stück Land in Neuseeland oder Australien zu kaufen.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 12.06.2008 Nr. 25
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