Eine Tür wie zu einem Tresor. Aus schwerem Eisen, eingelassen in Beton. Dahinter ein mit Bambus bewachsener Hof. Sophie Calle wartet vor ihrem Atelier. Silberne Bluse, grasgrüner Satinrock. Sie hat sich richtig fein gemacht. Neben ihr steht ein Gartenzwerg.

Wie begegnet man jemandem, von dem man Intimstes weiß? Zum Beispiel, dass ihre Großeltern, als Sophie Calle 14 war, mehrere Schönheitsoperationen für sie planten, die schließlich ausfielen, weil sich der plastische Chirurg das Leben nahm. Man weiß auch, dass ihr Ehemann zwei Monate nach der Hochzeit einer anderen einen Liebesbrief schrieb, den Sophie Calle fand und sich von ihrem Mann trennte. Ihr Leben taucht unverfremdet in ihrer Kunst auf.

Die zierliche Frau Mitte 50 – man kennt sie sogar nackt. Das kam so: Anfang der Achtziger hatte Sophie Calle ein Adressbuch gefunden. Sie rief bei den darin Verzeichneten an und fragte sie über den Besitzer des Buches aus. Es entstanden Kurzporträts, die die Zeitung Libération abdruckte. Der Besitzer fühlte sich so entblößt, dass er ein Nacktfoto von Sophie Calle auftrieb, aufgenommen in einem Club, in dem sie ein paar Jahre zuvor als Stripperin aufgetreten war, und es Libération zum Abdruck gab. Eine tolle Geschichte. Sie machte Sophie Calle schlagartig auch jenseits der Kunstkreise bekannt. Doch der Preis war hoch – Libération zeigte das Foto tatsächlich.

Sophie Calle schaut skeptisch. Als wäre es völlig abwegig, sich daran zu stören, unbekleidet in einer Zeitung abgebildet zu sein. "Ich bitte Sie: Ich war damals Stripperin!", sagt sie, während sie ein paar Stufen zu ihrer kleinen Küche hinunterläuft. Sie will sich ein Ei braten.

Warum, fragt man, haben Sie eigentlich als Stripperin gearbeitet? "Weil ich es genoss, auf einer Bühne zu stehen."
Sie genießen es, auf Bühnen zu stehen?
"Zu jener Zeit."

Sie ist ein wenig einsilbig, wenn auch nicht unfreundlich. Sie hat eine Flasche Weißwein aufgemacht. Auf dem Esstisch stehen Pfingstrosen. In der Ecke liegt ein ausgestopfter Tiger. Außerdem befinden sich im Raum: eine Madonnenstatue, zwei ausgestopfte Flamingos sowie Originale unter anderem von Cindy Sherman, Erwin Wurm und Annette Messager.

Sophie Calle isst ihr Ei und raucht dabei. Mit der Kunst habe sie begonnen, um ihren Vater, einen Kunstsammler, zu verführen. Sie sagt wirklich: verführen. Als sie von einer langjährigen Reise nach Paris zurückgekehrt war, fühlte sie sich einsam. Damals hat sie sich Fremde ausgeguckt und ist ihnen durch die Straßen hinterhergelaufen. "Ich nutzte die Energie der Menschen, um die Stadt neu kennen zu lernen", sagt sie. Sie dokumentierte ihre Observationen mit Fotos und Berichten. Der Vater war begeistert.