Johannes Prinz sitzt in seinem Gästezimmer, das zugleich sein Wohn- und Schlafraum ist. Seine kahle Einzimmerwohnung in Berlin-Neukölln ist noch kahler, seit Kurt weg ist. Die Einrichtung besteht nur aus dem Nötigsten: Bett, Schrank, Schreibtisch, Sofa. Die Parterrewohnung wird durch eine Doppeltür geschützt. »Einbruchssicher«, sagt Johannes und muss darüber lachen, denn den Dieb hat er selbst in die Wohnung gelassen. Mit Kurt verschwanden Johannes’ Kleider, der Schlafsack, die CDs. »Er hat sogar meine Zahnbürste geklaut«, sagt der 21-Jährige.

Johannes ist Mitglied im Couchsurfing-Netzwerk. Das ist ein Zusammenschluss von meist jungen Leuten, die das Internet nutzen, um auch im echten Leben ungehindert zu reisen. Sie lassen Fremde, die sympathisch klingen, umsonst bei sich wohnen und wissen umgekehrt, dass fast überall auf der Welt auch für sie ein Sofa frei ist. Es geht ihnen nicht nur darum, Übernachtungskosten zu sparen. Sie suchen auch eine Nähe zur fremden Kultur, die Hotels nicht bieten.

Nach einer Woche verschwand er und mit ihm die Digitalkamera

Das Netzwerk war die Idee des US-Amerikaners Casey Fenton. Er war jung, er wollte die Welt kennenlernen – und zwar abseits von Touristenbussen und Reisehandbuch-Tipps. Deshalb gründete er im Januar 2004 zusammen mit Freunden das Couchsurfing-Portal. Der Idealismus, an den Couchsurfing anknüpft, reicht zurück in eine Zeit vor dem Massentourismus, als Reisende einander noch für verwandte Seelen hielten, verstreute Mitglieder einer weltumspannenden Gemeinschaft, die bloß noch zusammenfinden musste. Über eine halbe Million Couchsurfer gibt es mittlerweile. Viele von ihnen sind lieber Gastgeber als Gast. Sie wären vielleicht selbst gern öfter unterwegs und freuen sich über Besuch, der ihnen das Fremde ins eigene Heim bringt. Gespannt lauschen sie Schilderungen von Erfahrungen, die sie selbst nicht machen können.

Auch Kurt verstand sich auf Geschichten – nur dass seine nicht stimmten. »Erzählen war das Einzige, was er wirklich gut konnte«, sagt Johannes. Er besitze drei Staatsbürgerschaften, erzählte Kurt seinem Gastgeber, er sei das in Kanada geborene Kind eines australischen Aborigines und einer Belgierin. Und ehe er Johannes die Wohnung ausräumte, gab er sich selbst als Bestohlener aus: »Er sagte, dass er im Zug eingeschlafen ist.« Und als er aufwachte, sei sein Rucksack verschwunden gewesen. Deshalb brauche er einen Schlafplatz für ein paar Nächte, er müsse ja zu drei Konsulaten gehen.

Kurt hatte reichlich Zeit, um an seinen Geschichten zu feilen. Seit zwei Jahren schon schläft er in halb Europa auf den Sofas anderer Leute, und fast überall geht er mit mehr Gepäck, als er mitgebracht hat. Er ist der Inbegriff des Fremden, den man nicht in die Wohnung lassen sollte. Wer sich unter den Couchsurfern umhört, kann Kurts Weg weit zurückverfolgen. Als er im Frühling 2006 bei Carmen in der Nähe von Gent auftauchte, nannte er sich Colin O’Brian. Er sagte sein Sprüchlein auf und durfte bleiben. Carmen wohnte damals noch bei ihren Eltern. »Er hat eine Woche lang ausspioniert, wo unsere Sachen liegen.« Im Schutz der Nacht verschwand er dann – und mit ihm die Digitalkamera, Geld und die Lieblingsjacke von Carmens Vater. Als Abschiedsgruß ließ er im Haus die Lichter an und drehte die Heizung auf höchste Stufe. Er tat also genau »das, von dem wir gebeten hatten, dass er es nicht tut«, sagt Carmen. Sie erstattete Anzeige und schickte eine Nachricht an den Administrator von Couchsurfing.com. Die Antwort: Da könne er leider nichts machen.

Couchsurfing ist ein Netzwerk, das zu einem großen Teil auf Vertrauen basiert. Wer sich als Mitglied anmeldet, füllt eine Art Steckbrief aus – das sogenannte Profil. Dort berichtet der Couchsurfer über sich, seine Hobbys und sein Sofa. Manche zeigen auch gleich noch ein paar Fotos. Die meisten ignorieren die Mittel, die Couchsurfing zur Verfügung stellt, um das Netzwerk sicherer zu machen. So ist es zum Beispiel möglich, seine Adresse überprüfen zu lassen. Das aber kostet Geld und wird selten genutzt. Ein zweites Mittel sind Bürgschaften, die bewährte Mitglieder für andere übernehmen können. Verbreiteter aber ist das dritte Mittel: Die meisten Mitglieder schreiben ihren Gastgebern oder Gästen Kommentare ins Profil. So haben sie im Prinzip die Möglichkeit, andere zu warnen. Viel üblicher aber ist es, die Besucher überschwänglich zu loben. Die Einträge gleichen eher einem Spruch im Poesiealbum als einer Kurzkritik.