Für Frauen wie Julia ist im Olymp des Kinos eigentlich kein Platz. So würdelos und eingequetscht, wie sie da auf der Rückbank irgendeines Autos liegt, mit einer Alkoholfahne, die man lieber nicht in die Nase bekommen möchte. Begraben vom schweren Leib irgendeines Kerls und immer noch betäubt von einer durchzechten Nacht. Mit einem pappigen Geräusch gehen ihre Lippen auf und zu. Ein Goldfisch, der aus seinem Glas gefallen ist. Und die Kamera schaut dieser verschwitzten, etwa vierzig Jahre alten Frau zu. Sieht zu, wie der Tag mit grausam hellem Licht zum Seitenfenster hineinsteigt und ein Loch in den Vorhang ihrer Bewusstlosigkeit reißt.

Es sind Szenen wie diese, die den Film des französischen Regisseurs Erick Zonca für einige Augenblicke riesengroß machen. Dabei ist es eigentlich ganz allein Tilda Swintons Film. Ihrer schauspielerischen Tour de Force hat Zoncas Julia kaum etwas hinzuzufügen. Swinton weicht der hässlichen Körperlichkeit einer Alkoholikerin nicht aus. Im Gegenteil, mit jeder Faser ihres langen, schmalen Leibes spielt sie den Exzess aus – bis zum Erwachen in Gestank und Jämmerlichkeit. Die ätherische Schönheit mit dem Renaissance-Gesicht, die künstlerische Komplizin, Weggefährtin und Muse des britischen Filmemachers Derek Jarman, die auch nach seinem Tod 1994 mit dem Herzen einer Löwin für die Wertschätzung seines Werkes kämpft, trat schon in Filmen wie The War Zone und Young Adam aus dem vermeintlich für sie vorgesehenen Rahmen. In Tim Roths Inzest-Film präsentierte sie unerschrocken ihren von der Zwillingsschwangerschaft buchstäblich malträtierten und ausgebeulten Leib. In dem Thriller von David Mackenzie stapfte sie als Kapitänsfrau mit geröteten Augen und fleckiger Haut über heruntergekommene Frachtschiffe.

Doch Julia ist die Rolle ihres Lebens. Und bei diesem Gedanken mögen manche erzählerische Schwächen des zunehmend ausfasernden Films, der viel zu schwer am Vergleich mit seiner Vorlage, John Cassavetes’ Gloria , zu tragen hat, in den Hintergrund treten. Julia ist die Geschichte einer eigenwilligen, alkoholkranken Frau, die immer wieder ihren Job verliert. Für die Nächte takelt sie sich auf, tanzt verführerisch und selbstverloren zu New-Wave-Musik und amüsiert sich mit dem Nächstbesten. Eigentlich macht sie nichts anderes als manche Weiberhelden, und dass in ihren nüchternen Momenten pure Verzweiflung zum Vorschein kommt, ist nicht etwa einer zerbrechlichen Weiblichkeit, sondern allein ihrem Alkoholismus geschuldet.

Sie selbst betrachtet die eigene Not lieber von der materiellen Seite. Julia braucht Geld – und ihre ziemlich durchgeknallte Nachbarin will um jeden Preis ihren zehnjährigen Sohn zurückhaben. Die beiden Frauen, die bei den Anonymen Alkoholikern erstmals aufeinandertreffen, werden handelseinig. Und damit wechselt der Film vom stimmigen Porträt einer exzessiven Frau zu einer holprigen Kindesentführung, schließlich zu einem Roadmovie, das die Protagonistin von Kalifornien durch die nordamerikanisch-mexikanische Grenzwüste bis ins drogenverseuchte Tijuana schleift.

Der Film, der in seiner eher spröden und provisorischen Optik der einzigartigen erzählerischen Atemlosigkeit von Gloria nacheifert, wirkt in diesen wechselnden Settings mit immer wieder neuen kriminellen Formationen und Fronten mindestens so verloren wie das Entführungsopfer und seine Kidnapperin im Niemandsland. Immer ist es Tilda Swinton, die alles zusammenhält. Erst durch ihr körperliches Spiel begreift man, dass es Julias Alltag, zwischen Suff und gespielter Normalität, ist, der ihren Überlebenstrieb und ihre instinkthafte, ja geradezu animalische Cleverness so gut trainiert hat. Diese Frau muss weder gut noch trocken werden, um es mit einer ganzen Fußballmannschaft von Gaunern aufnehmen zu können.

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