Deutsche Teilung Checkpoint Erinnerung

Warum Berlin nicht auch noch ein Museum des Kalten Krieges braucht

Kaum irgendwo ist die Erinnerung an die Teilung Berlins so lebendig wie am südlichen Ende der Friedrichstraße, kurz bevor sie die Kochstraße kreuzt. Dort befand sich einst die alliierte Kontrollstelle »Checkpoint Charlie«. Dort stießen, mitten in Berlin, die Weltreiche aneinander, und dort standen sich, kurz nach dem Mauerbau, russische und amerikanische Panzer gefechtsbereit gegenüber, nur Augenblicke von einer Katastrophe entfernt.

Zu Tausenden strömen jeden Tag die Touristen dorthin. Allerlei Folklore hat sich eingenistet, nachgebaute Wachhäuschen, Schauspieler in Uniformen der Alliierten, Straßenhändler, die Pelzmützen der Roten Armee verkaufen. Eine künstlerische Installation gibt es auch, und ein sehr erfolgreiches, privat betriebenes Museum.

Jetzt hat eine Gruppe von Elder Statesmen gefordert, am Checkpoint Charlie solle ein weiteres Museum eingerichtet werden, ein »Museum des Kalten Krieges«. Ganz so, als gäbe es in Berlin nicht längst schon Mauerreste, Mauergedenkstätten, Mauerparks und Mauerpfade ohne Zahl, die ohne den Kalten Krieg gar nicht zu denken wären.

Schon, schon, erwidern die Museums-Initiatoren, unter ihnen der ehemalige tschechische Staatspräsident Havel, die früheren Außenminister Deutschlands und Polens, Genscher und Bartoszewski, der einstige US-Botschafter in Berlin, Kornblum, und der SPD-Abgeordnete Meckel. Den bestehenden Einrichtungen fehle aber die »internationale Dimension«. Ihnen schwebt daher ein »Lernort über die Mechanismen von Eskalation und Deeskalation« vor, an dem über die Gründung der Militärblöcke, über Luftbrücke und Kubakrise, aber auch über Entspannungspolitik und Friedensbewegung informiert werden soll.

Es herrscht wieder einmal große Erinnerungslust in Berlin. Nach den Mahnmalen für die Opfer der NS-Diktatur, mit deren Errichtung sich die Berliner Republik ihres Willens versichert hat, auch in Zukunft den braunen Terror nicht zu vergessen, ist jetzt die Nachkriegszeit dran. Und die bietet, anders als die zwölf furchtbaren Jahre, eben auch Anknüpfungspunkte für eine positive Traditionsbildung. Die Idee für das Museum des Kalten Krieges ist da nur eine unter vielen. Das »Sichtbare Zeichen«, das an die Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern soll, wird auch von der weithin gelungenen Integration der Vertriebenen in die Bundesrepublik handeln; die SED-Gedenkstätten, deren Förderung die Bundesregierung am Mittwoch beraten hat, erzählen stets auch von der Überwindung der Diktatur in Ostdeutschland.

Pünktlich zum 17. Juni, dem Jahrestag des Arbeiteraufstands in Ost-Berlin, hat Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse zudem angeregt, einen Platz in Berlin nach dem Datum der Revolte zu benennen, tapfer ignorierend, dass es bereits eine nicht ganz kleine »Straße des 17. Juni« gibt. Meckel und Thierse gehören übrigens auch zu den Initiatoren eines Denkmals, das auf dem Berliner Schlossplatz Deutschlands »Einheit und Freiheit« feiern soll. Dessen Besichtigung wäre vermutlich für alle Berlinbesucher obligatorisch, Abschluss und Höhepunkt der neuen Symbolsetzung: durch die Kälte zur Freiheit.

Dass jede dieser Initiativen den Initiatoren nebenbei ein wenig politische Aufmerksamkeit bescheren soll – geschenkt. Auch das Anliegen, der Republik einige ihrer Erfolge und Errungenschaften sichtbar vor Augen zu führen, ist keineswegs anrüchig, solange dadurch nicht die Erinnerung an die Katastrophen übertüncht werden soll. Tatsächlich braucht die Demokratie positive Symbole und Traditionen eher noch dringlicher als andere Staatsformen.

Geradezu unheimlich ist aber die Ballung der Denkmalsprojekte. Nicht nur, weil Berlin, würden sie tatsächlich allesamt realisiert, zu einem Freilichtmuseum der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts geriete. Sondern weil sie in ihrer Kleinteiligkeit und Spezialisierung, in ihrem Aktionismus und ihrem Misstrauen gegen die klassischen Formen der geschichtlichen Bildung, das Buch und den Schulunterricht, gerade das zu zertrümmern drohen, was sie zu schaffen versprechen: die historische Übersicht, den großen erzählerischen Bogen.

Denkmale, das weiß jeder, der gelegentlich an einem vorbeiläuft, verschwinden im Alltag. Wir würdigen sie keines Blickes mehr. Sie werden buchstäblich vor unseren Augen unsichtbar. Aber nie war die Halbwertzeit der Monumente kürzer als heute. Auch das zeigt das Beispiel des 17. Juni. Just auf dem Platz vor dem Bundesfinanzministerium, dem einstigen Haus der Ministerien der DDR, den Wolfgang Thierse jetzt für eine Umbenennung vorgeschlagen hat, wurde erst vor wenigen Jahren ein ambitioniertes Denkmal für den Arbeiteraufstand errichtet. Heute schon genügt das nicht mehr. Selten hatte die »Inflationierung der Erinnerung« einen derart drastischen Effekt.

 
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