Es kommt auf den erfahrenen Blick an. Diesen nach innen geweiteten, nach außen verengten Blick. Der nicht sieht, was sichtbar ist. Der nur betrachtet, was auch in Betracht kommen soll. Bishoj kneift die Augen zu einem schmalen Spalt zusammen. Nur nicht ablenken lassen. Nicht von der steilen Mittagssonne, die die Welt ohne Schattenwurf ausleuchtet, nicht von den zerfledderten Kadavern toter Ratten, die selbst von den mageren Hunden verschmäht werden, und auch nicht von dem säuerlichen Geruch, der den Magen reflexhaft krampfen lässt.

Nur den Fokus halten, den Abstand zwischen der eigenen Position und dem Ziel abschätzen, zwischen dem Strich am Boden, den der Fuß nicht übertreten darf, und den schillernden Murmeln im dunklen Staub der Gasse. Diesen schönen Murmeln, die so nah liegen, dass die blau-gelben Marmorierungen im Inneren genau zu erkennen, so weit entfernt, dass sie nicht zu greifen sind.

Der Achtjährige streicht sich über die kurz geschorenen Haare und konzentriert sich vor dem Wurf, um alles außer den leuchtenden Glaskugeln aus dem Gesichtsfeld verschwinden zu lassen: die aufgerissenen Mülltüten rings um ihn herum, auf den Dächern der Häuser, in den offenen Innenhöfen, in den Gassen, die Stapel noch zu verarbeitender Säcke und Beutel, dieses Meer aus Abfall, in dem die Frauen aus seinem Slum waten, von dem sie überschwemmt werden, jeden Morgen, wenn die Männer aus der Stadt mit den Eselsfuhrwerken und Lastwagen hierherkommen und sie ausschütten, die nächste Welle, den Auswurf der Metropole Kairo.

Bishoj schiebt den linken Fuß etwas dichter an die markierte Grenze heran und hebt die Hand, um Maß zu nehmen. Dann sieht er wirklich nicht mehr, was nicht im Radius der begehrten Objekte liegt: die Mütter mit den aufgerissenen Händen, die Küchenabfall, Batterien, Plastikspritzen, Shampootuben aus den Tüten pulen, die Geschwister, die auf dem verseuchten Boden mit aufgerissenen Ölkanistern spielen und an verformten Zipfeln alter PVC-Beläge lutschen.

Vielleicht hat ihm das jemand beigebracht, diese Balance zwischen Aufmerksamkeit und Unaufmerksamkeit. Vielleicht hat er sie erworben in seinen acht Lebensjahren: die Fähigkeit, auszublenden, was ihn abhalten könnte von seinem Wurf, von dem Gewinn der Murmeln, die abspringen, mit diesem leicht klirrenden Geräusch, wenn er sie trifft, und die er dann in seine ausgebeulte Hosentasche stecken darf, nicht ohne sie vorher noch einmal gegen das Licht gehalten zu haben. Nicht einmal das Kreischen der braun-schwarzen Schweine um ihn herum, die sich wund beißen im Kampf um die weggeworfenen Brocken galliger Lebensmittel, kann ihm das nehmen: diesen flüchtigen Moment des Glücks.

Sie scheinen sie zu sammeln, diese Augenblicke, die so unwahrscheinlich wie unmöglich wirken in einem Slum an der östlichen Peripherie von Kairo, in dem doch eigentlich nur der Müll gesammelt und sortiert werden sollte. Viele kann es davon nicht geben. Wie viele geglückte Tage können in einem solchen Leben enthalten sein?

Seit 40 Jahren leben sie an diesem Ort, Zugewanderte, die immer noch nicht angekommen sind. Seit 40 Jahren sind sie unerwünscht, die koptisch-orthodoxen Christen aus Oberägypten, die nach dem Krieg gegen Israel mit ihren Schweinen geflohen waren vor dem Chaos und der Armut in ihren Dörfern und die nun hier in Chaos und Armut leben. Seit 40 Jahren sammeln sie das, was andere wegwerfen, sortieren und reinigen sie das, was andere aussortiert und verunreinigt haben. Sie arbeiten nicht in einer Fabrik, sondern bei sich zu Hause, nicht mit einer Maschine, sondern mit der Hand.