Welternährung Verkannte Knollen
Die Vereinten Nationen haben 2008 zum »Internationalen Jahr der Kartoffel« erklärt. Die uralte Kulturpflanze aus Peru soll die weltweite Hungerkrise lindern
Der Raum ist kalt und steril. Auf einer weißen Kunststofftischplatte zerlegen Biologen bei grellem Neonlicht haselnussgroße Kartoffelfrüchte. Behutsam entnehmen sie ihnen mit feinen Pinzetten die Samen, sie dürfen vor dem Einfrieren keinen Schaden nehmen oder von Bakterien infiziert werden. Deshalb arbeiten die Forscher des Internationalen Kartoffelzentrums (Centro Internacional de la Papa, kurz: CIP) im peruanischen Lima mit Mundschutz. Nahezu jede Woche retten sie auf diese Weise eine wiederentdeckte alte Kartoffelsorte. In ihrer Genbank sind inzwischen mehr als 4350 Sorten archiviert.
Eine Laborassistentin bringt die Proben in eine Kammer, in der die Samen bei minus 196 Grad Celsius mehr als hundert Jahre lang aufbewahrt werden können. Werden sie benötigt, lassen sie sich auftauen und wiederbeleben. Die Suche nach und Archivierung von »Urkartoffeln« sei lebenswichtig, betont Charles Crissman. Er ist stellvertretender Forschungsleiter des CIP, des größten Kartoffelforschungszentrums der Welt.
In den kommenden 20 Jahren wird die Weltbevölkerung nach Schätzungen der Vereinten Nationen (UN) jährlich um 100 Millionen Menschen wachsen, überwiegend in den Entwicklungsländern. Dort sind die Ernährungsprobleme ohnehin schon erschreckend groß. Deshalb werden einfache und günstige Lösungen dringend gesucht – eine könnte der verstärkte Anbau von Kartoffeln sein. Die UN haben die Knollen ausgespäht, um »Nahrungssicherheit zu gewährleisten und die Armut zu verringern«. Sie hat 2008 zum Internationalen Jahr der Kartoffel erklärt. Ihre Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO will die Produktion, Kultivierung, Arterhaltung und Erforschung der schmackhaften Erdäpfel global vorantreiben.
Doch warum sollen ausgerechnet südamerikanische »Papas« den Welthunger lindern? »Weil sie schneller wachsen als jede andere Kulturpflanze, weniger Platz brauchen und in anderen Klimazonen gedeihen als Mais, Getreide oder Reis«, sagt Crissman. Der amerikanische Agrarökonom gerät förmlich ins Schwärmen, wenn er über die Vorteile der Kartoffel referiert. »Über 85 Prozent der Pflanze sind für den menschlichen Verzehr geeignet, während es beim Getreide beispielsweise nur 50 Prozent sind.« Das alles mache die Kartoffel »zur idealen Kulturpflanze gerade für Kleinbauern in armen Entwicklungsländern«.
Solanum tuberosum, so nennen Botaniker die Pflanze. Sie zählt zur Familie der Nachtschattengewächse. Neben Weizen, Reis, Mais, Maniok, Zuckerrohr und Sojabohnen gehört sie zu den sieben pflanzlichen Grundnahrungsmitteln.
Die Knollen bestehen bis zu 80 Prozent aus Wasser. Daneben ist Stärke ihr Hauptbestandteil. Mit etwa zwei Prozent Eiweiß ist sie auch ein wichtiger Proteinlieferant. Fett ist in ihr praktisch nicht enthalten, dafür reichlich Kalium, Kalzium, Magnesium und Phosphat. Die Erdäpfel enthalten viermal mehr Vitamin C pro Gewichtseinheit als Äpfel oder Birnen. Hinzu kommt eine Vielzahl von Vitaminen (A, B1, B2, B3, B6 und K). Ihr wichtigstes Kohlehydrat ist die Stärke, die aber erst durch Kochen zur leicht verdaulichen Energiereserve wird. Dank solcher Qualitäten hat sich die Kartoffel schon in den vergangenen Jahrhunderten als Retter vor Hungersnöten bewährt.
Ihren schlechten Ruf als »Dickmacher« bekam sie erst in der Überflussgesellschaft, durch heiße Bäder im Fett und den steigenden Konsum von Chips und Pommes frites, garniert mit Mayonnaise, Saucen und anderen kalorienreichen Beilagen. Gekochte Kartoffeln halten vielmehr schlank, mit 72 Kalorien pro 100 Gramm bergen sie fünfmal weniger Energie als etwa Reis oder Nudeln.
Das Problem: In Afrika sind die Kartoffeln nur begrenzt lagerfähig
Warum aber müssen die Vereinten Nationen die Kultivierung der Kartoffel überhaupt fördern, wenn 2006 bereits mehr als 315 Millionen Tonnen produziert wurden? Auch hat sich ihr Konsum in den Entwicklungsländern in den vergangenen 40 Jahren beinahe verdoppelt. Aber er liegt (mit durchschnittlich 21 Kilo pro Kopf und Jahr) immer noch weit unter dem von Ernährungswissenschaftlern empfohlenen Niveau der Industriestaaten. Laut FAO integrieren die asiatischen Entwicklungsländer die Kartoffel zu langsam in ihre traditionelle Reisernährung. In Afrika konnten sich die Knollen vor allem wegen ihrer begrenzten Lagerfähigkeit noch nicht durchsetzen, sagt Ibrahim Elmadfa, Leiter des Instituts für Ernährungswissenschaften an der Universität Wien.
In Mitteleuropa hingegen hat sich der Kartoffelkonsum in den vergangenen 50 Jahren etwa halbiert, das einstige Armeleuteessen wurde durch prestigeträchtigere Lebensmittel wie Fleisch ersetzt. Das förderte Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Störungen des Fettstoffwechsels.
Aber trotz des Konsumrückgangs wird in Europa immer noch die Hälfte aller Kartoffeln weltweit geerntet. Größter Produzent war 2006 mit 70 Millionen Tonnen allerdings China, gefolgt von Russland, Indien und der Ukraine. Die weltweite Ernte hat in den vergangenen zehn Jahren um 4,5 Prozent zugelegt, der Konsum stagniert.
Die Hälfte der Kartoffelernte wandert in industriell verarbeitete Produkte wie Knabbergebäck, Fritten, Püreepulver oder Tiefkühlgerichte. Ein Großteil dient jedoch nicht der Ernährung, sondern der Industrie. Allein in Deutschland landen jedes Jahr etwa 650000 Tonnen Kartoffelstärke in der Papier-, Textil- und Klebstoffindustrie. Die Stärke dient zur Herstellung von Tierfutter, Alkohol, Folien, Druckpapieren, Zahnpasta, Puder, Trockenshampoo, Seife, Waschpulver, Klebstoff, Wäschestärkemittel und Wellpappe.
Auch Chinesen und Inder nutzen das Nachtschattengewächs weniger zu Ernährungszwecken als vielmehr zur Produktion von Biosprit und Textilien. Der industrielle Anbau führt jedoch verstärkt zu Monokulturen, der damit verbundene Rückgang der Artenvielfalt wird zum Problem. Die FAO warnt, die Überzüchtung der Kartoffelsorten zur Produktivitätssteigerung habe deren Widerstandskraft gegen Krankheiten stark reduziert. Fachleute schätzen, dass mittlerweile ein Drittel der Welternte Schädlingen zum Opfer fällt – Tendenz steigend. Allein die Kraut- und Knollenfäule befällt jährlich über drei Millionen Hektar und verursacht Ernteausfälle in Milliardenhöhe.
Im Kampf gegen die Schädlinge kommen Biotechnikexperten zum Einsatz, auch beim CIP in Lima. Mit gentechnischen Verfahren züchten sie gegen bestimmte Krankheiten resistentere Kartoffelsorten, entwickeln neue Anbautechniken und Methoden zur Schädlingsbekämpfung. Die bereits in den Pflanzen enthaltenen natürlichen Abwehrgene gegen gewisse Krankheiten werden biotechnisch verstärkt.
Vor allem aber archivieren die Wissenschaftler alte Kartoffelsorten, die beständiger gegen Krankheiten und Umweltbelastungen sind als die überzüchteten neuen. Sie sollen die Grundlage für weitere Züchtungen bieten. Hierfür sind die Samen aus den Früchten gefragt.
Von den über 3000 Kartoffelsorten weltweit sind nur wenige Dutzend wirtschaftlich bedeutsam. »Sieglinde« kennt jeder. Aber wer hat schon von »Tannenzapfen«, »Early Rose« oder »Odenwälder Blauer« gehört? Sie können violett, blau, rosa oder weiß, haselnussklein, länglich wie eine Banane oder gewellt sein.
So suchen Forscher heute in den entlegensten Winkeln der Erde nach Pflanzen, die noch nicht überzüchtet sind, sich aber als Nahrungsmittel kultivieren lassen. Vor allem die Länder Südamerikas, die Ursprungsländer der Kartoffel, durchforsten Wissenschaftler regelmäßig nach widerstandsfähigen »Ursorten«. Die Suchteams bestehen aus Archäologen, Biologen, Chemikern, Gentechnikern und Ernährungswissenschaftlern.
Vor allem auf ganz alten Sorten ruhen die neuen Hoffnungen der Forscher
Ideologische Berührungsängste haben die Forscher nicht. Die grüne Gentechnik könne bei »wohlüberlegter Anwendung durchaus Vorteile bringen, die ernährungsphysiologischen Qualitäten der Kartoffel aufwerten und Mängel ausgleichen«, sagt Ernährungswissenschaftler Ibrahim Elmadfa. Molekularbiologische Techniken könnten beispielsweise die begrenzte Lagerfähigkeit in trockenen Regionen verlängern oder den Proteingehalt verbessern. Sinn mache auch die Erhöhung des Gehalts gewisser Inhaltsstoffe, die als Vorstufen für Vitamin A dienen. Der Mangel an Vitamin A ist eines der größten Gesundheitsprobleme der Dritten Welt. In Indien wurde zur Bekämpfung der Unterernährung eine gentechnisch veränderte Kartoffelsorte namens Protato entwickelt. Sie enthält ein Drittel mehr Proteine als andere Knollen.
Nicht alle Wissenschaftler setzen auf Gentechnik. Charles Crissman läuft durch die Laborräume des CIP und beobachtet die Biologen beim Präparieren der alten Kartoffelsorten. Sie wurden, wie die meisten, nicht weit von Lima in den Anden gefunden. Gibt es so etwas wie eine Urkartoffel? »Ja, die Pitikiña«, sagt er, eine ursprüngliche Wildkartoffel der Spezies Solanum bukasovii. Jüngste molekularbiologische Untersuchungen legen nahe, dass alle heute kultivierten Kartoffeln von ihr abstammen. Sie hat ihren Ursprung in einer Region nördlich des Titicacasees im Süden Perus. Das, sagt Crissman, sei die Zukunft: alte, virusfreie und widerstandsfähige Urkartoffeln.
- Datum 20.06.2008 - 09:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.06.2008 Nr. 26
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Vor allem in Norddeutschland wird die Kartoffel geschaetzt und gerne gegessen .Ich kann mich erinnern dass es fast taeglich irgendwas mit Kartofflen gab bevor Pasta in Mode kam.Es gibt ja nicht nur die Kartoffel,die wir kennen sondern auch die suesse Kartoffel,die auch vielseitig ist und sehr gut schmeckt.
Au weia Zeit-Redaktion; die Inkas lebten zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert. Nach Christus.
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