Schrift Zeichen der Identität

Noch ist das Schreiben die wichtigste Form unserer Kommunikation. Aber wie entwickeln sich Schriften, welche Zukunft haben sie? Ein Interview

DIE ZEIT: Wie kam die Schrift in die Welt?

Harald Haarmann: Nach neueren Erkenntnissen entfaltete sich der frühe Schriftgebrauch in einer Reihe von Gesellschaften ohne staatliche Organisation. In diesen Kulturen ohne Staatswesen (Alteuropa, Indus-Zivilisation, Altchina, olmekische Zivilisation im präkolumbischen Amerika) stand die Schrift nicht im Dienst eines Verwaltungsapparates, sondern im Verbund mit religiösen Funktionen.

ZEIT: Wann kamen die Buchhalter hinzu?

Haarmann: Noch bevor es in Mesopotamien die Schrift gab. Die erste funktionelle Gabelung sehen wir beim frühen Schriftgebrauch in der Zeit vor Entstehung des ägyptischen Einheitsstaates unter dem Pharao. Die Schreibkunst behält ihre symbolische Funktion (beschriftete Grabstatuen) und übernimmt zugleich praktische Aufgaben (Siegelinschriften auf Warenbehältern).

ZEIT: Warum spielt die Kalligrafie in Asien immer noch eine viel größere Rolle als bei uns?

Haarmann: Der erste Schriftgebrauch in China galt ausschließlich dem Orakelwesen. Man nahm den Panzer einer Schildkröte oder den Schulterblattknochen eines Hirsches und schrieb darauf die Fragen, die man von den Ahnen beantwortet haben wollte. Die Knochen wurden ins Feuer geworfen, und aus dem Verlauf der Risse las man den Rat der Ahnen. Bis in die Neuzeit wurde den Schriftzeichen magische Kraft zugeschrieben. So hat sich die Tradition des sorgfältigen Schreibens bis heute gehalten.

ZEIT: Ist bei uns der Sinn für Schönschrift verloren gegangen?

Haarmann: Schrift und insbesondere Handschrift sind Teil der Identität. Welche Beziehung ich zum eigenen Schriftgebrauch entwickele, ist Teil meiner Individualität. Wenn Schönschrift nicht mehr unterrichtet wird, verwehrt man dem Individuum den Zugang zur Identitätsfindung.

ZEIT: Welche Zukunft hat die Schrift?

Haarmann: Das Computerwesen ist der beste Beweis, dass der Mensch gar nicht in der Lage ist, sich von seiner traditionellen Informationstechnik zu lösen. Seine begrenzte Kapazität macht die Schrift nicht überflüssig, sondern zum unverzichtbaren Transformator der elektronischen Informationsverarbeitung in »humane« Symbolik.

 
Leser-Kommentare
  1. Haarmann: Schrift und insbesondere Handschrift sind
    Teil der Identität. Welche Beziehung ich zum eigenen Schriftgebrauch
    entwickele, ist Teil meiner Individualität. Wenn Schönschrift nicht
    mehr unterrichtet wird, verwehrt man dem Individuum den Zugang zur
    Identitätsfindung.
    Ich kann mich zwar nur noch halbwegs ungenau an meinen Grundschulunterricht erinnern, jedoch weiß ich mit Sicherheit, dass es in "Schönschrift" sicherlich nicht um Individualität oder Identitätsfindung ging; es ging eher darum, dass alle gleich schrieben, wobei der Lehrkörper den Standard vorgab.

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    • ohno
    • 24.06.2008 um 17:49 Uhr

    ... und außerdem ist es ja wohl eine gnadenlose Überschätzung der Schrift, sie als (womöglich auch noch als einzigen) "Zugang zur Identitätsfindung" zu betrachten.

    • ohno
    • 24.06.2008 um 17:49 Uhr

    ... und außerdem ist es ja wohl eine gnadenlose Überschätzung der Schrift, sie als (womöglich auch noch als einzigen) "Zugang zur Identitätsfindung" zu betrachten.

    • ohno
    • 24.06.2008 um 17:49 Uhr

    ... und außerdem ist es ja wohl eine gnadenlose Überschätzung der Schrift, sie als (womöglich auch noch als einzigen) "Zugang zur Identitätsfindung" zu betrachten.

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    Einst liebte ich
    meine Schrift. Ich war stolz auf meine koketten i-Tüpfelchen, die sich zu
    regelrechten Tümpeln ausgewachsen hatten, aber mehr noch war ich stolz auf mein
    kunstvolles 'A', das ich in einem einzigen gewagten Schwung zeichnete, wobei
    ich den Stift unten links ansetzte, ihn dann in einem gewagten Rechtsschwung
    nach oben führte nur um ihn anschließend nach links abknicken zu lassen und,
    ein tollkühnes Rund vollführend, den Stift schnurstracks wieder nach unten zu
    führen. Zwischen 'n' und 'u' machte ich keinen Unterschied, was meinen
    Französischlehrer oft genug zum Wahnsinn trieb aber ich konnte ihn versöhnen
    mit meinen 'z', das ich in deutscher Schrift schrieb, ähnlich dem wie die Kinder
    es heute in der vereinfachten Schulausgangsschrift lernen und es in Frankreich
    gang und gäbe ist.. Damals gab es die Vereinfachte Ausgangsschrift noch nicht;
    meine Schreibweise des 'z' war also ziemlich exotisch und das sollte sie auch
    sein, denn auch ich wollte so gesehen werden. Mit der Zeit unterließ
    ich solch pubertäre Auswüchse meiner Schrift und begrenzte die Zahl der
    Exotismen auf ein erträgliches Maß; meine i-Tüpfelchen schmolzen wieder zu
    i-Punkten und mein 'z' wurde wieder lateinisch. Meine Schrift war jetzt leicht
    nach rechts geneigt, phantasievoll und bereit, etwas zu wagen.Dann forderte
    die MS meine Schrift und ich war bereit, sie ihr kampflos zu überlassen. Ich
    wollte nicht um meine Schrift kämpfen, denn jeder misslungene Aufstrich, jede Ligatur,
    die ich nicht mehr zusammenhängend schreiben konnte, demütigte mich ungemein.
    Lieber schrieb ich überhaupt nichts mehr von Hand, nicht einmal mehr Tagebuch,
    nur um nicht mit dem Sieg meiner Wiedergängerin konfrontiert zu werden. Ich
    schrieb keine Briefe mehr von Hand, Einkaufszettel nur unter Verwendung von
    Großdruckbuchstaben. Bis heute ist mir das Ausfüllen von Formularen zuwider.
    Aber dennoch hat sich etwas verändert. Inzwischen bin ich nicht mehr bereit,
    auf Handgeschriebenes zu verzichten. Ich schreibe auch wieder Tagebuch von
    Hand. Ich fand es nämlich viel zu unbequem, immer das Notebook mit ins Bett
    nehmen zu müssen, nur um mir ein paar wenige Notizen zu machen. Inzwischen kann
    ich auch die Veränderungen in meiner Handschrift auf die Veränderungen in
    meinem Leben zurückführen. Natürlich ist meine Handschrift heute nicht mehr
    dieselbe wie vor zwanzig Jahren und welchen Einfluss die MS auf sie hatte … nun
    ja, das weiß niemand ich will es gar nicht wissenP.S. Übrigens
    ist meine Handschrift durch den ständigen Gebrauch wieder leserlich geworden!
    Hab' ich doch auch mal gewonnen!

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  • Serie Bildungskanon
  • Quelle DIE ZEIT, 19.06.2008 Nr. 26
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