Politisches Buch Das Ende einer Legende

Eine aufsehenerregende Quellenedition zur Vorgeschichte des Krieges von 1870/71 zeigt zweifelsfrei: Nicht der französische Kaiser Napoleon III., sondern der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck war der Kriegstreiber

Dass Bismarck 1864 und 1866 die Kriege gegen Dänemark und Österreich mit diplomatischem Raffinement vorbereitet hatte, blieb für die Bismarck-Orthodoxie in der deutschen Geschichtswissenschaft 100 Jahre lang unstrittig. Dass Preußen wenig später, obwohl sein König sich im Juli 1870 von der riskanten Kandidatur eines Hohenzollernprinzen in Madrid formell distanziert hatte, von einem dennoch unzufriedenen Frankreich den Krieg erklärt bekam, weil Napoleon III. den Kampf um die Hegemonie in Europa in offener Kraftprobe mit dem aufstrebenden deutschen Machtstaat entscheiden wollte, galt ihr indes als ebenso unerschütterliche Gewissheit. Denn der aufbrausende französische Nationalismus blieb für sie die ausschlaggebende Antriebskraft, welche Preußen einen Verteidigungskrieg aufgezwungen habe.

Diese Version haben vor gar nicht allzu langer Zeit deutsche Historiker, etwa Eberhard Kolb und Klaus Hildebrand, noch immer nachdrücklich vertreten. Der Apologie der angeblichen Defensivpolitik Bismarcks lag nicht zuletzt die Absicht zugrunde, wenigstens im Hinblick auf die Kriegsursachen von 1870 makellos dazustehen, da an der kriegsauslösenden Rolle Deutschlands im Juli 1914 und im September 1939 nicht zu zweifeln war.

Dieser zählebigen Legende hat nun endlich der Augsburger Historiker Josef Becker auf den über 1800 Seiten seiner voluminösen Dokumentensammlung den Garaus bereitet. In asketischer Arbeit hat er über viele Jahre hinweg aus mehr als einem Dutzend Archiven und aus der gesamten einschlägigen Literatur ein umfangreiches Quellenmaterial zusammengetragen, das vor allem zweierlei beweist: Zum einen hat Bismarck frühzeitig die Chance der spanischen Kandidatur genutzt, um Frankreich in eine aggressive Position zu locken. Das verschaffte ihm dann tatsächlich die erhoffte Gelegenheit zu einem »provozierten Verteidigungskrieg«. Zum anderen kann Becker mit dichten Belegen nachweisen, mit welcher Zielstrebigkeit das sorgfältig inszenierte geheime Krisenmanagement Bismarcks seither vertuscht worden ist, sodass die Legende vom attackierten Preußen weiterleben konnte.

Wie Bismarck Frankreich in eine aggressive Rolle hineindirigierte

Nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 herrschte in Europa eine Art von Kaltem Krieg, der schon bald – das war der auch von Bismarck geteilte Konsens in Berlin – in den offenen Hegemonialkampf mit Frankreich übergehen würde. Denn im antagonistischen europäischen Staatensystem schien die »deutsche Frage« nur durch die militärische großpreußische Expansion lösbar zu sein. Angesichts dieser Grundkonstellation war es seit je töricht, einem so exquisiten political animal wie Bismarck die Naivität zu unterstellen, er habe das verlockende politische Potenzial der spanischen Kandidatur nicht frühzeitig erkannt, sei geradezu von ihrer Zuspitzung überrascht und allein durch das provozierende französische Konfliktverhalten zum Defensivkrieg genötigt worden. Bismarck hat durch eindrucksvolle Formulierungen über die allgemeine Offenheit der Zukunft und seine Abneigung gegen Präventivkriege das Seine zur Kaschierung des Realverlaufs beigetragen.

Tatsächlich hatten sich aber die Bedingungen zugunsten einer Erweiterung des 1867 geschaffenen Norddeutschen Bundes zu einem deutschen Nationalstaat deutlich verengt. Die Wahlen zum Zollvereinsparlament im Frühjahr 1868 hatten in den süddeutschen Mitgliedsstaaten eine Mehrheit gegen den Anschluss an den Nordbund ergeben. Die frisch geschlossenen Militärallianzen Preußens mit diesen Staaten waren offenbar nur bei einem vermeintlichen Verteidigungskrieg gegen Frankreich verlässlich zu aktivieren. Der sogenannte Eiserne Heeresetat in Preußen lief im Dezember 1871 aus, und wegen der Verlängerung drohte ein zweiter Verfassungskonflikt mit den Liberalen.

Als daher durch die Vakanz auf dem spanischen Thron das Interesse auf einen deutschen Prinzen gelenkt wurde – denn Fürsten waren im 19. Jahrhundert wegen der zahlreichen deutschen Dynastien ein Exportschlager –, witterte Bismarck seine Chance. Die französische Reaktion auf einen Hohenzollernkandidaten war klar vorhersehbar, da man auch im Paris Napoleons III. – so lebendig war dort die Erinnerung – eine Wiederholung jenes Zangendrucks befürchten musste, den die Habsburger bereits im 16. Jahrhundert einmal ausgeübt hatten. Das ungleich effizienter organisierte Preußen konnte ihn jedoch mit seinen Verbündeten noch kräftiger geltend machen, so wurde jedenfalls das preußisch-deutsche Drohpotenzial wahrgenommen.

Strukturell befand sich Frankreich schon seit Jahren in der Defensive, daran hatten auch die Abenteuer in Mexiko, Nordafrika und Südostasien nichts geändert. Seit 1866 war es auf die Erhaltung der Mainlinie und damit der neuen deutschen Machtverteilung bedacht. Dieses Ziel war immer wieder von Regierungskreisen betont worden. Wenn daher Preußen den Status quo erneut infrage stelle, sei ein Krieg, so die verbreitete Vorstellung und latente Drohung, geradezu unvermeidlich. Dieser Disposition zu einer harten Reaktion auf eine ungünstige Kräfteverschiebung war sich auch im preußischen Entscheidungszentrum so gut wie jedermann bewusst.

Bismarck sah seit dem Frühjahr 1869 die handfeste Chance aufsteigen, wie Becker nachweist, mit Hilfe der »spanischen Diversion« Frankreich als Offensivkraft, Preußen dagegen als in die Defensive gedrängte Macht aufzubauen, mithin das wahre Verhältnis der Antriebskräfte in sein krasses Gegenteil zu verkehren. Das war nicht nur für die außenpolitische Risikominderung optimal, vielmehr wurde damit auch die Mobilisierung des deutschen Nationalismus für das angegriffene Preußen sichergestellt.

Kam es unter den erwünschten Bedingungen zum Schlagabtausch, stand von dem Krieg, erst recht von dem erhofften Erfolg zu erwarten, dass er mehrere wichtige Funktionen gleichzeitig erfüllte: Als nationaler »Unionskrieg zur Vollendung des preußischen Sezessionskriegs von 1866« konnte er den Nord-Süd-Gegensatz, der sich wider Erwarten stärker als zuvor herausgebildet hatte, endlich überwinden. Als innenpolitischer Integrationskrieg konnte er nicht nur dem Weiterschwelen der »fundamentalen politisch-sozialen Krise der preußischen Militärmonarchie« ein Ende setzen, sondern vor allem auch durch die Aktivierung des Nationalismus eine gesamtdeutsche Staatsbildung immens erleichtern. Ein siegreicher Defensivkrieg gegen den »Erbfeind« vermochte überdies eine neue »Indemnität« für den »Bürgerkrieg von 1866« sowie eine durchschlagende Legitimation der nationalen Einigungspolitik Preußens »von oben« zu verschaffen. Das Problem des umstrittenen Heeresetats würde drastisch entschärft, da ein Kriegserfolg den Liberalen die Lösung ihrer Kardinalfrage, der Durchsetzung parlamentarischer Kontrollrechte, versperren würde.

Sollte Paris jedoch wider Erwarten vor dem Krieg zurückscheuen, bedeutete seine diplomatische Niederlage einen hohen Prestigegewinn für Bismarck selbst und für Preußen als mitteleuropäische Vormacht. Mit einem Hohenzollernkönig in Madrid eröffneten sich zudem zahlreiche neue Möglichkeiten, Frankreich so zu irritieren, dass es zum provozierten Offensivkrieg überging. Zwar trifft es zu, dass der Widerstand gegen den Aufstieg einer preußisch-deutschen Großmacht Paris ebenso kriegsgeneigt machte, wie das labile Herrschaftssystem Napoleons III. aus der Befriedigung des französischen Chauvinismus einen kraftvollen Legitimationszuwachs erwartete. Trotzdem war es nicht Frankreich, das einen riskanten Spannungszustand schuf, vielmehr reagierte es auf ein bedrohlich wirkendes Vabanquespiel Bismarcks mit dem extremsten aller möglichen Gegenzüge.

Eine Linie der Kontinuität – bis hin zu den Kriegen von 1914 und 1939

Die geläufige Annahme, dass der fähigste europäische Berufspolitiker mit der »spanischen Diversion« im Stil einer klassischen brinkmanship ohne eine sorgfältige Kosten-Nutzen-Abwägung bis an den Rand des Krieges vorgerückt sei, war immer schon verfehlt. Die Unterstellung eines krassen Fehlurteils oder auch nur einer echten Überraschung über die Wirkung seines Pokerspiels auf die französische Politik, die er seit vielen Jahren aus erster Hand genau kannte, ist methodisch illegitim. Auf offenherzigen Primärquellen zu bestehen, in denen ein Meister der politischen Manövrierkunst wie Bismarck über das heikle Problem sprach, wie er für den Kontrahenten den offensiven Erstschlag möglichst unvermeidbar gemacht hatte, ist ein naiver Anspruch.

Vielmehr hat Becker aus dem Urteil kenntnisreicher Persönlichkeiten in der unmittelbaren Nähe der Berliner Entscheidungszentrale sowie aus der inneren Logik der Kriseninszenierung, zu der auch die geheime Mission von Bismarcks vertrautem Mitarbeiter Lothar Bucher in Madrid gehörte, überzeugend geschlossen, dass an der dominierenden Rolle des zum Erfolg verurteilten Berliner Regierungschefs kein Zweifel mehr aufkommen kann. Es ist schon enthüllend, wie viele intime Kenner der Politik Bismarcks in jener Zeit Becker gefunden hat, die dessen Risikobereitschaft bis hin zur Provozierung Frankreichs mit der einkalkulierten Folge des Krieges bestätigen. Der Großherzog von Baden, seine Außenminister von Roggenbach und von Freydorf, Kanzleramtschef von Delbrück, Albrecht von Stosch im preußischen Kriegsministerium, der sächsische Außenminister von Friesen, der bayerische Graf Lerchenfeld – sie alle teilten die Überzeugung, dass es Bismarck gelungen sei, »den Krieg zu provozieren«. Generalstabschef von Moltke und Bucher frohlockten wohlwissend, dass Paris in die sorgsam aufgestellte Falle gelaufen sei. Bismarck selbst mokierte sich nach seiner Entlassung über jene zeitgenössischen Historiker wie Heinrich von Sybel, die ihn im Bann der Verteidigungslegende naiver darstellten, als er damals oder je gewesen sei.

Bismarck hat diesen Krieg nicht auf lange Sicht oder exakt zu diesem Zeitpunkt geplant. Doch da er von einem französisch-preußischen Kollisionskurs ausging, konnte er 1869/70 angesichts der pressierenden Umstände mit der »spanischen Thronfrage« jene kühn kalkulierte Weichenstellung herbeiführen, die Preußen die optimale Ausgangslage eines »provozierten Defensivkriegs« verschaffte. Sogar noch über alle optimistischen Erwartungen hinaus erwies dieser sich dann in der Tat als nationalpolitischer Unionskrieg, innenpolitischer Integrationskrieg und einigungspolitischer Legitimationskrieg.

Der Krieg von 1870/71 ist der letzte Krieg gewesen, den Deutschland gewonnen hat. Mit Beckers Dokumentation steht fest, dass er in die Kontinuität der 1864, 1866, 1914, 1939 von Deutschland provozierten Kriege gehört, mithin keineswegs das Ausnahmebeispiel eines aufgezwungenen Verteidigungskriegs darstellt. Becker hat die letzte große Legende aus dem Umfeld dieser Kriege zwischen 1864 und 1945 mit empirisch erdrückenden Beweisstücken endgültig ad acta gelegt. Das ist eine imponierende Leistung quellengesättigter historischer Argumentation.

Autor : TitelInfo €Bismarcks spanische »Diversion« 1870 und der preußisch-deutsche ReichsgründungskriegPolitisches Buch3 Bände, Bd. I: 538 S.; Bd. II: 633 S.; Bd. III: 638 S.Hrsg. von Josef Becker unter Mitarbeit von Michael SchmidPolitisches BuchBuchFerdinand Schöningh Verlag2003/2008Paderborn138,00

 
Leser-Kommentare
    • LJA
    • 23.06.2008 um 11:56 Uhr

    Nun ja, das Bismarck um sein Haus einen grossen Zaun gezogen hatte, auf dass er von diesem ab und zu einen Krieg brechen konnte, ist bekannt. Auch seit dem die Entwicklung der sog. "Emser Depesche" bekannt ist (also seit gut 100 Jahren) dürfte niemand noch ernsthaft Illusionen über mögliche pazifistische Tendenzen des damaligen Reichskanzlers oder gar der übrigen preussischen Führung hegen. Insgesamt ist das zeitgenössische Vorgehen im Kontext des 19. Jahrhunderts zusehen, in dem Krieg immer noch als weitgehend legitimes Mittel des Umgangs zwischen Staaten gesehen wurde. Damit handelt es sich bei den Erkenntnissen dieses neuen Buches doch bestenfalls um die Klärung einiger Detailfragen, als um wirklich sensationelle Entdeckungen.
    Befremdlich ist dabei jedoch die Wortwahl des ZEIT-Kommentares. "Endlich" sei es gelungen die ganze Wahrheit über die Vorgeschichte des Krieges von 1870/71 aufzudecken. Mal abgesehen davon, dass der Neuigkeitsgehalt eben doch überschaubar ist, stellt sich mir die Frage: Wer hätte darauf gewartet ? Und was nutzt es ? Soll die heutige Deutsche Bevölkerung noch mehr Zeit damit verbringen, sich für seine eigene Vergangenheit zu schämen ? Sollte man die Existenz Deutschlands generell in Fage stellen, da dieses Land doch in der Vergangenheit immer der Aggressor war ? Sollen wir uns in Zukunft nur noch selbst kasteien und alle äußeren Angriffe und Bedrohungen mit gefälliger Demut ertragen, damit der von uns so gequälten Aussenwelt endlich Gerechtigkeit widerfährt ? Nein ? Also was soll´s dann ?
    Wer die Rolle einer Nation oder bestimmter handelnder Personen im geschichtlichen Kontext negativ darstellen möchte, der findet immer Ansatzpunkte dafür, wenn er denn nur lange genug sucht und die Perspektiven variiert. Leider wird die ganze Sache zwangsläufig etwas einseitig, da anderen Nationen diese Tendenz zur Selbstverzwergung vollkommen fremd ist. Bedauerlich möglicherweise, aber es ist so.
    Bei uns werden schlichte Gemüter durch diese Einseitigkeit allerdings den rechten Parteien in die Arme getrieben.

  1. "... vielmehr reagierte es (Frankreich) auf ein bedrohlich wirkendes Vabanquespiel Bismarcks mit dem extremsten aller möglichen Gegenzüge."
     
    Mit anderen Worten hat Napoleon der III. im politischen Machtspielchen schlicht und ergreifend die Nerven verloren!
     
    Daraus schließen die Vertreter der "Vergangenheitsbewältigungsindustie" das "Die Deutschen" und alle ihre Staaten seit über 200 Jahren böse waren, im Gegensatz zu Ihren Nachbarn.
    Dieser hahnebüchene Unsinn wird aber vom vom größten Teil unseres "machthungrigen und angriffslustigen Volkes" bestenfalls nur noch mit Kopfschütteln quittiert. Bestenfalls, denn besonders unter den jüngeren Jahrgängen macht sich mitlerweile Aggressivität breit, ob solcher offenbar karriereorientirten Argumentationsketten auf Basis zweckselektierter Fakten.

    • Anonym
    • 23.06.2008 um 16:47 Uhr

    Wo ist der Neuigkeitswert ?
    Und was ändert das in Beurteilung der Geschichte ?
    Eine Deutsche Einigung konnte selbstverständlich nur unter Widerstand Frankreichs entstehen, schließlich hat aus den selben Interessen heraus Frankreich jahrhundetelang die Zersplitterung des deutschen Reiches betrieben.
    Nicht zuletzt fand dasselbe Szenario zu Beginn des 1. Weltkrieges mit umgekehrten Vorzeichen statt.
    Als Frankreich und England Deutschland provozierten (nach dem Mord in Sarajevo)  in dem sie die Generalmobilmachung befahlen und auf deutsche Anfragen hinsichtlich einer Stellungnahme bei einem Vorgehen gegen Serbien bewußt nicht reagierten, blieb Deutschland nur die Erstschlagsoption, um einen 2 Frontenkrieg zu vermeiden, jedenfalls hat diesmal Wilhelm II und seine Regierung die Nerven verloren.
    Im Sinne seiner Zeit jedenfalls nimmt das der Größe Bismarcks gar nichts, ebenso wenig wie der Revanche des 1. Weltkrieges.
    Die Eskalation der realen Kriegsführung des 20. Jahrhunderts hat diese Politik erst diskrediert.
    In geschichtlichen Sinne kritikwürdig ist also ein solches Vorgehen erst nach den Erfahrungen des 1. Weltkrieges. Es gilt sich davor zu hüten mit heutigen Maßstäben einseitig die Geschichte zu bewerten!
     
    Berthold Grabe 

  2. Das sind ja wirklich sensationelle Enthüllungen! Die Einordnung der Emser Depesche als gezielte Provokation Frankreichs ist doch seit Ewigkeiten ausgelutscht. So wenig neu die entscheidenden Fakten sind, so böswillig und unhaltbar sind die Interpretationen des Autors Hans-Ulrich Wehler. Hierzu hat LJA bereits alles gesagt. Dem kann ich mich voll anschließen.
    Absolut keine Ahnung scheint Wehler vom Vorspiel des deutsch-dänischen Krieges von 1864 zu haben, sonst würde er nicht so fahrlässig und undifferenziert von einer Kontinuität von Deutschland provozierter Angriffskriege von 1864 bis 1939 schwadronieren:
    Bereits 1848 war es nach dem Anschluss des Herzogtums Schleswig an das Königreich Dänemark zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Preußen, das im Auftrag des Deutschen Bundes handelte, und Dänemark gekommen. Nach dem auf Druck Russlands und Englands erzielten Waffenstillstand wurde im Londoner Protokoll von 1852 der Vertrag der Schleswig-Holsteinischen Stände mit dem Dänischen König von 1460 bestätigt, dass der dänische König in Personalunion Herzog der auf ewig ungeteilten Herzogtümer Schleswig und Holstein ist, die Herzogtümer aber nicht zum Königreich Dänemark gehören.
    Folglich musste der Versuch Dänemarks, die Gültigkeit der dänischen Verfassung im Jahre 1863 auf Schleswig auszuweiten, auf den Widerstand Preußens treffen, zumal dieses Vorgehen im klaren Widerspruch zum Londoner Protokoll von 1852 stand. Preußen und Österreich verlangten von Dänemark die Aufhebung der Verfassung von 1863. Dänemark lehnte ab, Preußen und Österreich erklärten Dänemark den Krieg. Durch die explizite Anerkennung des Londoner Protokolls hatte Bismarck das Stillhalten von Russland und England erreicht. Dänemark verlor den Krieg und musste Schleswig und Holstein abtreten.
    Von einem von Deutschland provozierten Angriffskrieg kann beim deutsch-dänischen Krieg im Lichte der historischen Fakten keine Rede sein. Der erwachende Nationalismus in allen europäischen Ländern musste zwangsläufig zu Konflikten führen. Letzlich muss man konstatieren, dass die Ausweitung des Königreichs Dänemark auf das Herzogtum Schleswig eine Verletzung des Londoner Protokolls war. Dänemark musste nach der Schleswig-Holstein-Krise von 1848 klar sein, dass es einen militärischen Konflikt mit Preußen riskierte, zumal es auch eine deutsche Bevölkerungsmehrheit in Südschleswig zu dänischen Untertanen machte.

    • BKant
    • 23.06.2008 um 19:51 Uhr

    Ich bin mit der Story von einer Provokation Frankreichs durch Bismarck durch die Verkürzung der Emser Depesche aufgewachsen. Auch ich frage mich also: Was ist neu?Wenn man allerdings die Argumentation Wehlers ernst nimmt und auf 1914 übertragen würde, so ergäben sich ungeahnte Rechtfertigungsmöglichkeiten des deutschen Vorgehens gehen die Triple Entente.

    • loup
    • 23.06.2008 um 19:53 Uhr

    klimpert ein wenig mit den Augenlidern und findet sich, wenn man die Kommentare zur Rezension Wehlers liest, auf einmal in den Jahren 1863/64, 1870ff und - natürlich (!) - 1914.
     
    Wie schaffen es die Kommentatoren nur, sich in den deutschen Durchschnittsbürger der jeweiligen Zeiträume zu versetzen? Zeitmaschinen gibt es also doch? Insofern vielen Dank, meine Herren (es kann sich nur um Herren handeln!), dass Sie uns den authentischen Hirninhalt des deutschen Spießers der 2. Hälfte des 19.Jahrhunderts mitteilen:
     
    Sollen "WIR alle äußeren Angriffe und Bedrohungen mit gefälliger Demut ertragen?" (LJA). Nein! Sehr geehrter Herr Kommerzienrat. Zurückschlagen! Was denn sonst?
     
    Die Fakten sind "zweckselektiert" (Das unheiml...). Na, da finden Sie sich aber in unheimlicher Gesellschaft. Stört Sie das, Herr Hauptmann?
     
    "Fankreich und England provozierten Deutschland durch Genralmobilmachung." (BGrabe). Die Bösen! Macht man nicht! Man lässt sich von den Deutschen einfach überrennen! Lernen die Franzmänner und das perfide Albion denn nie?! Und dann die britischen Mimosen, die Deutschland mit Krieg drohen, wenn diese völkerrechtswidrig durch Belgien marschieren und angebliche Franctireurs massakrieren! Was erzählen Sie denn da, Herr Oberst?
     
    Und für Herrn Heir greifen die größenwahnsinnigen Dänen einfach den Deutschen Bund an. Und die deutsche Minderheit in Südschleswig sollte dänisch werden. Dänisch! Unglaublich, Herr Oberstleutnant!
    Und dieser Stuss, weil ein weltweit anerkannter Fachmann in einer Rezension eine wissenschaftlichen kriterien genügende Quellenedition lobt. Träume ich? Albträume ich?

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    Man muss nicht alle Kommentare gutheißen, in der Tat finden sich dort neben Apologie auch krasse Fehler (wie z.B. die angebliche Generalmobilmachung der Briten und Franzosen als Provokation der Deutschen). Dennoch ist für Überheblichkeit kein Platz. Auch Wehler begibt sich gewissermaßen auf eine Zeitreise und erlaubt sich Interpretationen von Zeugnissen der Vergangenheit. Dass diese Interpretationen Wehlers ideologisch gefärbt sein könnten, auf den Gedanken kommen Sie hingegen nicht. Die Thesen, die Becker aufstellt und von Wehler geteilt werden, sind seit Jahren mit gutem Recht und überzeugend durch international anerkannte Fachhistoriker wie Eberhard Kolb, Klaus Hildebrand oder Lothar Gall in Frage gestellt worden. Man sollte nicht alles gutgläubig schlucken, nur weil Herr Wehler das Menü zusammengestellt hat!

    Sie erlauben eine geringfügige Korrektur Ihrer Zusammenfassung:In Südschleswig findet sich eine deutsche Mehrheit und eine dänische Minderheit, in Nordschleswig ist es umgekehrt. Diese Mehrheitsverhältnisse finden sich so auch in der Volksabstimmung von 1920 wieder, wonach Nordschleswig zu Dänemark kam und Südschleswig bei Deutschland blieb mit weitreichenden Sonderrechten für die jeweilige Minderheit.Auf dänischer Seite wird die Erinnerung an den deutsch-dänischen Krieg durch das Geschichtszentrum in Dybbøl (Düppel) wachgehalten, was m. E. etwas zu viel Wert auf das militärische Geschehen legt, aber sonst durchaus sehenswert ist: http://www.1864.dk/tysk-index.htmIm übrigen bin ich seit je und ununterbrochen friedlicher Zivilist.

    Man muss nicht alle Kommentare gutheißen, in der Tat finden sich dort neben Apologie auch krasse Fehler (wie z.B. die angebliche Generalmobilmachung der Briten und Franzosen als Provokation der Deutschen). Dennoch ist für Überheblichkeit kein Platz. Auch Wehler begibt sich gewissermaßen auf eine Zeitreise und erlaubt sich Interpretationen von Zeugnissen der Vergangenheit. Dass diese Interpretationen Wehlers ideologisch gefärbt sein könnten, auf den Gedanken kommen Sie hingegen nicht. Die Thesen, die Becker aufstellt und von Wehler geteilt werden, sind seit Jahren mit gutem Recht und überzeugend durch international anerkannte Fachhistoriker wie Eberhard Kolb, Klaus Hildebrand oder Lothar Gall in Frage gestellt worden. Man sollte nicht alles gutgläubig schlucken, nur weil Herr Wehler das Menü zusammengestellt hat!

    Sie erlauben eine geringfügige Korrektur Ihrer Zusammenfassung:In Südschleswig findet sich eine deutsche Mehrheit und eine dänische Minderheit, in Nordschleswig ist es umgekehrt. Diese Mehrheitsverhältnisse finden sich so auch in der Volksabstimmung von 1920 wieder, wonach Nordschleswig zu Dänemark kam und Südschleswig bei Deutschland blieb mit weitreichenden Sonderrechten für die jeweilige Minderheit.Auf dänischer Seite wird die Erinnerung an den deutsch-dänischen Krieg durch das Geschichtszentrum in Dybbøl (Düppel) wachgehalten, was m. E. etwas zu viel Wert auf das militärische Geschehen legt, aber sonst durchaus sehenswert ist: http://www.1864.dk/tysk-index.htmIm übrigen bin ich seit je und ununterbrochen friedlicher Zivilist.

  3. Eine "große Edition korrigiert unser Geschichtsbild" heißt es einleitend zu Hans-Ulrich Wehlers "Rezension" über Josef Beckers umfangreicher Quellenedition zur Vorgeschichte des Deutsch-Französischen Krieges 1871/71. Doch was heisst "große Edition" und "Korrektur unseres Geschichtsbildes?
    Ohne jeden Zweifel ist die Edition eine außerordentliche Fleißarbeit, die in jahrelanger Forschungsarbeit entstanden ist. Sie trägt eine Vielzahl von Dokumenten zusammen, die einen tiefen Einblick in die diplomatische Vorgeschichte des DFK bieten. Kernthese Beckers ist dabei die seit Jahrzehnten von ihm vertretene These, dass niemand anderes als Otto von Bismarck der eigentlich Verantwortliche für den DFK gewesen sei, indem er die Kandidatur des Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen spätestens seit dem Frühjahr 1869 aktiv betrieben haben soll, um Frankreich in die Rolle eines Aggressors zu zwingen und somit durch den dadurch ausgelösten Krieg zwischen Frankreich und dem Norddeutschen Bund die angeblich ins Stocken geratene Einigung zwischen Nord- und Süddeutschland auf militärischem Wege zu erreichen. Weiterhin diente nach Becker der DFK zur Lösung innenpolitischer Probleme (Militäretat im Norddeutschen Reichstag).
    Doch wurde diesen Thesen in der Forschung massiv - und zu recht - widersprochen. Insbesondere Eberhard Kolb hat mehrere ausgezeichnete Studien zu diesem Thema vorgelegt. Kolb weist daraufhin, dass bei Becker (und auch hier bei Wehler, wie noch zu zeigen sein wird) die französischen Reaktionen in dem Konflikt kaum Beachtung finden. Dass Wehler anstatt mit Argumenten mit Apologievorwürfen kommt, überrascht bei Wehler niemanden mehr.
    Dass Becker auf derartige Kritik bzw. auf die Sachargumente seiner Kritiker nicht eingeht, ist für den Leser, zumal den kritischen Leser, ein Ärgernis.
    Beckers Quellenedition krankt vor allem daran, dass keines seiner Dokumente seine These von dem "provozierten Defensivkrieg" (was bei Becker, Wehler und Co. aber im Grunde heißt: Preußen war der Aggressor, nicht das Second Empire) belegen kann. Keines der Dokumente stützt die Annahme, Bismarck habe bewusst seit 1868/69 ein Krisenszenario herbeigeführt, um schließlich Krieg gegen Frankreich zu führen, um die deutsche Einheit zu vollenden.
    Mitnichten hat Becker mit einer "zählebigen Legende" aufgeräumt, eben weil er keinen schlüssigen Nachweis für seine o.g. These liefern kann. Die Behauptung, Bismarck habe langfristig daran gearbeitet, Frankreich in die Rolle eines Aggressors zu manövrieren, die spanische Thronkandidatur dafür nutzend, setzt eine geradezu übermenschliche manipulatorische und hellseherische Fähigkeiten Bismarcks voraus, denn Bismarck hätte zur Erreichung seines angeblichen Zieles nicht nur die heimische Bühne politisch beherrschen, sondern auch noch die französische und die spanische Regierung, die öffentliche Meinung samt Parteien etc. in seinem Sinne manipulieren und jeden möglichen Schritt bzw. jede mögliche politische Maßnahme der jeweiligen Staaten vorhersehen müssen. Dass dies selbst für einen im großen und ganzen gut über die Abläufe in den europäischen Hauptstädten informierten Bismarck zuviel der Ehre wäre, versteht sich von selbst.
    Ärgerlich an Wehlers Rezension ist die Übertragung von Begrifflichkeiten wie "Kalter Krieg" oder "antagonistisches Staatensystem" auf das Europa der Mitte des 19. Jahrhunderts, die schlicht nicht zutreffend sind. Weder herrschte zwischen Preußen und Frankreich ein "kalter Krieg" noch standen sich die europäischen Mächte in antagonistischen Bündniskonstellationen gegenüber, wie es nach 1900 der Fall war. Wie Wehler darauf kommt, dass für die europäische Mächte die deutsche Frage nur durch eine militärische Expansion "Großpreußens" lösbei sei, bleibt sein Geheimnis. Wehler hat indes Recht, wenn er schreibt, dass Bismarck nicht so naiv gewesen sein kann, die politischen Möglichkeiten zu erkennen, die die spanische Thronfolgefrage bot. Aber daraus zu schließen, dass Bismarck diese nutzen werde, um einen Krieg anzuzetteln, geht fehl. Wie hätte Bismarck jegliche Maßnahmen Frankreichs oder Spaniens vorhersehen können, wo doch die franzöische Regierung noch kurz vor der Kriegserklärung Mitte Juli 1870 sich nicht darüber einig war, ob sie Preußen nun den Krieg erklären solle oder lieber nicht? In Wirklichkeit hat sich Bismarck nie festgelegt, sondern alle Eventualitäten in sein Kalkül mit einbezogen. Er konnte nie sicher sein, dass Frankreich wirklich Krieg führen oder doch zurückschrecken werde.
    Mittlerweile ebenso widerlegt ist Wehlers Behauptung, der Spielraum für eine friedliche Einigung Deutschlands habe sich nach 1867 "deutlich verengt". Lothar Gall und Rolf Wilhelm haben indes schon vor geraumer Zeit darauf hingewiesen, dass trotz des ungünstigen Wahlergebnisses bei den Wahlen zum Zollparlament 1868 ausreichend Möglichkeiten bestanden, auf friedlichem Wege und ohne "Pression" seitens der preußischen Regierung das Einigungswerk weiter voranzutreiben und dass Bismarck keinesfalls unter massivem inneren Druck stand, obwohl die deutsche Nationalbewegung versuchte, die Einigung voranzutreiben und entsprechend bemüht war, Druck auszuüben. Bismarck hatte es mit der Vereinigung von Norddeutschem Bund und süddeutschen Staaten nicht eilig; er hoffte auf eine ruhige und friedlich Entwicklung in Richtung deutscher Einheit.
    In Wirklichkeit bot die spanische Thronkandidatur für Preußen die Möglichkeit, mit Spanien einen Verbündeten zu gewinnen, der den französischen Druck auf die Rheingrenze abmildern helfen sollte. Diese Überlegungen Bismarcks sind freilich nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Wehlers Behauptung, dass die französische Reaktion "klar vorhersehbar" gewesen sei, hält der näheren Untersuchung der Quellen nicht stand. Trotz aller martialischen Rhetorik von Napoleon III., vielmehr aber noch vom franz. Außenminister Herzog von Gramont, einem erklärten Preußengegner, war keinesfalls eindeutig vorhersehbar, wohin Frankreich steuern werde. Bismarck richtete sich allerdings, daran besteht auch kein Zweifel, auf die Möglichkeit eines kriegerischen Konfliktes ein, dem er auch nicht auszuweichen gewillt war.
    Richtig ist, dass Frankreich in den 60er Jahren außenpolitische Schlappen hatte hinnehmen müssen, die auch die innere Position des Kaisers ins Wanken brachte. Dies führte zu einer schrittweisen, aber wohl eher vordergründigen innenpolitischen Phase liberaler Reformen: das Empire autoritaire wandelte sich zum Empire liberal. Die diplomatischen Schlappen, insbesondere seit 1866 gegen Preußen, mussten aber wettgemacht werden. Nachdem der Ankauf Luxemburgs und die Versuche, den Einfluss in Belgien massiv auszuweiten, gescheitert waren, stand die kaiserliche Regierung in der massiven Kritik von Regimegegnern auf der einen und von bonapartistischen Ultras auf der anderen Seite. Das bedeutete, dass Preußen, dem die kaiserliche Regierung und Teile von Parlament und öffentlicher Meinung die Schuld an den diplomatischen Niederlagen zuschoben, jeglicher weiterer Machtzuwachs in Deutschland zu verweigern sei.
    Wehler geht darauf ein und stellt zu recht fest, dass eine Veränderung des Status quo durch Preußen eine Reaktion Frankreichs nach sich ziehen musste. Dass dies jedoch automatisch Krieg bedeuten müsse, konnte niemand vorhersehen, zumal es in Paris keinen derartigen Automatismus gab. Richtig ist hingegen, dass ein Rückzieher der Franzosen für diese einen Prestigeverlust, für Preußen hingegen einen Prestigegewinn bedeutet hätte.
    Die Hinweise auf die angebliche "politisch-soziale Krise der preußischen Militärmonarchie" ignorieren wieder einmal das in der Forschung zu recht deutlich gemachte Eigengewicht außenpolitischer Überlegungen. Bei Becker/Wehler feiert der mittlerweile schon längst angestaubte Primat der Innenpolitik auf strapaziöse Weise fröhliche Urständ. Richtig ist vielmehr, dass Bismarck keinesfalls zu diesem Zeitpunkt in einer innenpolitischen Krise steckte und somit auch nicht auf Krieg als Ausweg daraus angewiesen war.
    Zudem müssen sich Becker und Wehler die Frage gefallen lassen, mit welchem Recht eigentlich Frankreich auf die "prépondérance légitime", also die aus französicher Sicht selbstverständliche Vorrangstellung Frankreichs in Europa pochen durfte? Mit welchem Recht konnte Frankreich für sich in Anspruch nehmen, was der Status quo war und wer diesen zu beachten hatte? Wieso durfte sich Preußen nicht nach einem Verbündeten gegen das sich aggressiv gebärende Frankreich umsehen?
    Geradezu auf den Kopf stellt Wehler die historischen Fakten, wenn er behauptet, nicht Frankreich habe "einen riskanten Spannungszustand" geschaffen, sondern Preußen. Diese Behauptung entbehrt jeglicher Grundlage. Vielmehr war es Frankreich, dass mit der massiven Einmischung in die inneren Angelegenheiten Spaniens und seiner Kriegsdrohung in der Kammererklärung vom 6. Juli 1870, die die franz. Regierung selbst unter Zugzwang setzte, das Szenario eines drohenden Krieges an die Wand malte. Frankreichs unfähige und überforderte Diplomatie, Streitigkeiten innerhalb der Regierung etc. verschärften diese Krise noch. Nicht Bismarck spielte "Vabanque", sondern das Kabinett Olliver/Gramont in Paris.
    Abschließend ist zu sagen, dass Beckers Schlussfolgerungen keinesfalls, wie Wehler behauptet, "überzeugend" sind. Dass Bismarck einen Krieg in der Julikrise und auch davor mit einkalkulierte, ist keine neue Erkenntnis, sondern passt zu einem Politiker, der sich alle Optionen offen hielt. Allerdings arbeitete er nicht zielstrebig auf einen militärischen Konflikt mit Frankreich hin. Er ging ihm aber auch nicht aus dem Weg. Dies kann man ihm durchaus zum Vorwurf machen.
    Ähnliches gilt für die Regierung in Paris. Trotz aller Kriegsrhetorik fiel die Entscheidung für den Krieg sehr spät und war zutiefst umstritten. Auch Paris arbeitete keinesfalls planmäßig auf einen Krieg hin. Vermutungen Dritter, die überzeugt waren, Bismarck habe den Krieg provoziert, reichen als Beleg für diese These nicht aus. Immerhin rudert Wehler am Ende doch zurück und meint, dass Bismarck den Krieg "nicht auf lange Sicht" geplant habe - denn diese These konnte nie belegt werden. Ebenso wenig aber kann die kühne These belegt werden, der Krieg von 1870/71 gehöre "in die Kontinuität der 1864, 1866, 1914 und 1939 von Deutschland provozierten Kriege". Einmal abgesehen davon, dass die Kriege von 1864 und 1866 kaum von "Deutschland" provoziert sein können, war die historische Ausgangslage von 1914 und 1939 eine gänzlich andere als die von 1870. Becker hat keinesfalls eine "Legende...mit erdrückenden Beweisstücken endgültig ad acta gelegt". Keines dieser Beweisstücke belegt die These vom "provozierten Defensivkrieg" Beckers nachhaltig.
    Wehlers Rezension hat wenig mit seriöser, historisch-kritischer Argumentation zu tun, sondern vielmehr mit ideologisch motivierter Geschichtspolitik, wie sie seit Jahrzehnten bei Sozialhistorikern wie Wehler Tradition hat.
    Trotz eingefleischter Bismarckgegner wie Becker und Wehler hat sich in der deutschen Geschichtswissenschaft indes seit vielen Jahren eine differenzierte Beurteilung Bismarcks und der preußisch-deutschen Reichsgründung durchgesetzt. Und das ist auch gut so!
     
     
     
     

  4. Man muss nicht alle Kommentare gutheißen, in der Tat finden sich dort neben Apologie auch krasse Fehler (wie z.B. die angebliche Generalmobilmachung der Briten und Franzosen als Provokation der Deutschen). Dennoch ist für Überheblichkeit kein Platz. Auch Wehler begibt sich gewissermaßen auf eine Zeitreise und erlaubt sich Interpretationen von Zeugnissen der Vergangenheit. Dass diese Interpretationen Wehlers ideologisch gefärbt sein könnten, auf den Gedanken kommen Sie hingegen nicht. Die Thesen, die Becker aufstellt und von Wehler geteilt werden, sind seit Jahren mit gutem Recht und überzeugend durch international anerkannte Fachhistoriker wie Eberhard Kolb, Klaus Hildebrand oder Lothar Gall in Frage gestellt worden. Man sollte nicht alles gutgläubig schlucken, nur weil Herr Wehler das Menü zusammengestellt hat!

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  • Quelle DIE ZEIT, 19.06.2008 Nr. 26
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  • Schlagworte Literatur | Sachbuch
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