Dass Bismarck 1864 und 1866 die Kriege gegen Dänemark und Österreich mit diplomatischem Raffinement vorbereitet hatte, blieb für die Bismarck-Orthodoxie in der deutschen Geschichtswissenschaft 100 Jahre lang unstrittig. Dass Preußen wenig später, obwohl sein König sich im Juli 1870 von der riskanten Kandidatur eines Hohenzollernprinzen in Madrid formell distanziert hatte, von einem dennoch unzufriedenen Frankreich den Krieg erklärt bekam, weil Napoleon III. den Kampf um die Hegemonie in Europa in offener Kraftprobe mit dem aufstrebenden deutschen Machtstaat entscheiden wollte, galt ihr indes als ebenso unerschütterliche Gewissheit. Denn der aufbrausende französische Nationalismus blieb für sie die ausschlaggebende Antriebskraft, welche Preußen einen Verteidigungskrieg aufgezwungen habe.

Diese Version haben vor gar nicht allzu langer Zeit deutsche Historiker, etwa Eberhard Kolb und Klaus Hildebrand, noch immer nachdrücklich vertreten. Der Apologie der angeblichen Defensivpolitik Bismarcks lag nicht zuletzt die Absicht zugrunde, wenigstens im Hinblick auf die Kriegsursachen von 1870 makellos dazustehen, da an der kriegsauslösenden Rolle Deutschlands im Juli 1914 und im September 1939 nicht zu zweifeln war.

Dieser zählebigen Legende hat nun endlich der Augsburger Historiker Josef Becker auf den über 1800 Seiten seiner voluminösen Dokumentensammlung den Garaus bereitet. In asketischer Arbeit hat er über viele Jahre hinweg aus mehr als einem Dutzend Archiven und aus der gesamten einschlägigen Literatur ein umfangreiches Quellenmaterial zusammengetragen, das vor allem zweierlei beweist: Zum einen hat Bismarck frühzeitig die Chance der spanischen Kandidatur genutzt, um Frankreich in eine aggressive Position zu locken. Das verschaffte ihm dann tatsächlich die erhoffte Gelegenheit zu einem »provozierten Verteidigungskrieg«. Zum anderen kann Becker mit dichten Belegen nachweisen, mit welcher Zielstrebigkeit das sorgfältig inszenierte geheime Krisenmanagement Bismarcks seither vertuscht worden ist, sodass die Legende vom attackierten Preußen weiterleben konnte.

Wie Bismarck Frankreich in eine aggressive Rolle hineindirigierte

Nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 herrschte in Europa eine Art von Kaltem Krieg, der schon bald – das war der auch von Bismarck geteilte Konsens in Berlin – in den offenen Hegemonialkampf mit Frankreich übergehen würde. Denn im antagonistischen europäischen Staatensystem schien die »deutsche Frage« nur durch die militärische großpreußische Expansion lösbar zu sein. Angesichts dieser Grundkonstellation war es seit je töricht, einem so exquisiten political animal wie Bismarck die Naivität zu unterstellen, er habe das verlockende politische Potenzial der spanischen Kandidatur nicht frühzeitig erkannt, sei geradezu von ihrer Zuspitzung überrascht und allein durch das provozierende französische Konfliktverhalten zum Defensivkrieg genötigt worden. Bismarck hat durch eindrucksvolle Formulierungen über die allgemeine Offenheit der Zukunft und seine Abneigung gegen Präventivkriege das Seine zur Kaschierung des Realverlaufs beigetragen.

Tatsächlich hatten sich aber die Bedingungen zugunsten einer Erweiterung des 1867 geschaffenen Norddeutschen Bundes zu einem deutschen Nationalstaat deutlich verengt. Die Wahlen zum Zollvereinsparlament im Frühjahr 1868 hatten in den süddeutschen Mitgliedsstaaten eine Mehrheit gegen den Anschluss an den Nordbund ergeben. Die frisch geschlossenen Militärallianzen Preußens mit diesen Staaten waren offenbar nur bei einem vermeintlichen Verteidigungskrieg gegen Frankreich verlässlich zu aktivieren. Der sogenannte Eiserne Heeresetat in Preußen lief im Dezember 1871 aus, und wegen der Verlängerung drohte ein zweiter Verfassungskonflikt mit den Liberalen.