Afghanistan Die Rückkehr der Taliban
Wie radikale Islamisten in der Provinz Bauern ausplündern und dem Volk Modernisierung und Bildung verwehren
Es sah nicht gut aus für ihn an jenem sonnigen Novembertag des Jahres 2002. Zwischen seinen Weinreben, einer grünen Insel in der gelben Steppe aus Lehmstaub, saß Mohammed Anwar Faruq. Der sich Mullah nannte, obwohl er nur ein paar Jahre die örtliche Koranschule besucht hatte. Der wenig lesen, noch weniger schreiben und eigentlich nur kämpfen konnte. Das hatte er gelegentlich getan in den fünf Jahren der Taliban-Herrschaft. Aber die war seit einem Jahr vorbei, und niemand wollte mehr mit ihm kämpfen. Außer Krieg zu führen hatte Faruq nie etwas gelernt. Der untersetzte Endzwanziger war groß geworden mit dem Hass auf alles Fremde. Die Sowjets hatten in den achtziger Jahren seine Mutter erschossen, anstelle von Faruqs Vater, der in den Bergen gegen sie kämpfte. So saß Mohammed Anwar Faruq nun da im Bezirk Andar in der Provinz Ghazni, zwei bis drei Autostunden südlich von Kabul.
An jenem Nachmittag hatte er Commander Abdul Ahad eingeladen, eine Taliban-Legende der vergangenen Zeit. Ahad hatte überall in Afghanistan gekämpft und war zum Kommandeur in Andar aufgestiegen. Nun versuchte Faruq, ihn als ersten Mitkämpfer einer kommenden Streitmacht zu gewinnen. »Nein«, sagte der: »Es ist zu früh. Wir brauchen Zeit, viel Zeit, um uns wieder zu organisieren. Niemand würde mit uns gehen. Noch nicht.«
Auf der Überlandstraße nach Süden sah man die Autos der Polizei, gelegentlich die der neuen Regierung vorbeifahren, ohne Eskorte, ohne Angst. Denn es war friedlich. Kinder gingen zur Schule, in die wenigen, die es gab. Statt der Taliban in ihren Pick-ups patrouillierten nun gelegentlich amerikanische Soldaten in ihren Humvees. Alles war ruhig, und Mohammed Anwar Faruq sah einer friedlichen, traurigen Zukunft entgegen. Dass die kommenden Jahre seinem Krieg und ihm selbst einen sagenhaften Aufschwung bescheren würden, ja dass nicht einmal die Amerikaner, sondern erst seine eigene Arroganz ihn stoppen würden – das ahnte niemand. Auch er nicht.
Die Provinz Ghazni war nie ein Angelpunkt des Geschehens. Die Menschen hier sind Paschtunen, aber haben mit Politik nie viel zu schaffen gehabt, stießen Anfang der neunziger Jahre eher freiwillig zu den Taliban, als dass sie sich ergeben hätten. Auch der Opiumanbau hat sich hier nie durchsetzen können. Niemand kann so recht erklären, warum, die Bauern pflanzen einfach weiter Mandeln, Trauben, Maulbeeren und Aprikosen an – wie seit Menschengedenken. »Nach dem Krieg, nach dem Ende der Taliban, warteten wir, was geschehen würde«, wird sich später der alte Bauer Akbar Jan aus dem Dorf Liwan erinnern, der im Frühjahr 2008 die Geschichte dieses Krieges aus seiner Sicht erzählt. Er ist ein gottesfürchtiger Mann mit acht Kindern, einem Weizenfeld und der Hoffnung auf ein besseres Leben: »Aber es geschah nichts.«
Die wichtigste Straße nach Süden, nach Kandahar und in die Wüsten, verläuft 2002 als Schotterband durch den Distrikt. Ansonsten sieht es in Andar aus, wie man sich in freundlicheren Ländern die Rückseite des Mondes vorstellen mag: gelb das Land, der Horizont, gleißend die Sonne und alles durchweht von Lehmstaub. Ton in Ton, mit viel Raum dazwischen, die festungsartigen Gehöfte, ummauerte Häuser und Gärten, hinter denen sich das Leben abspielt. Es ist eine konservative Gegend, Paschtunenland, fast jeder Mann hier sieht aus wie die Taliban: schwarzer oder weißer Turban, langer Bart, Salwar Kamiz, ein knielanger Kittel über Pluderhosen.
Früher fiel das niemandem auf. Seit dem Jahre 2002 aber sind die Paschtunen aus Andar Fremde, wenn sie ins ferne Kabul fahren. Der Krieg, den die Amerikaner gegen den Terror und für die Freiheit geführt haben, hat sich in die staubigen Provinzen ausgedehnt und sich dabei verändert. Um ihn zu führen, hatte sich Washington mit den Milizen der Nordallianz verbündet, die vor allem aus Tadschiken bestand und im gebirgigen Nordosten bis zum Schluss den Taliban getrotzt hatte. Die Taliban der neunziger Jahre waren eine radikalislamische Bewegung gewesen, genauso aber auch die treibende Kraft innerhalb der Paschtunen, der größten Völkerschaft Afghanistans, die traditionell die Herrschaft beanspruchte. In deren Gebieten war nun der Feldzug der Amerikaner als Fortsetzung des Bürgerkrieges angekommen, nur dass die Machtverhältnisse sich verkehrt hatten.
Im Jahr 2002 herrschen die ehemaligen Feinde von der Nordallianz, vor allem Tadschiken, über das ganze Land: Männer mit spärlichem Bartwuchs, gutem Gedächtnis und einem Sinn für Rache. Sie haben rasch begriffen, dass sich die US-Truppen zwar unmöglich besiegen, aber hervorragend benutzen lassen. Man muss ihnen nur sagen, wer die Bösen sind, und sie bombardieren sie dann. Hamid Karsai, der Präsident, mag Paschtune sein wie die Menschen in Andar. Die hohen Militärs, Geheimdienstler, Polizeioffiziere von der Nordallianz aber haben jahrelang gegen die Taliban gekämpft. Sie haben nicht vergessen. Und sind bald gefürchtet in Ghazni – als die Männer, die sich in Läden bedienen, ohne zu bezahlen; die Menschen verhaften und nur gegen Lösegeld wieder freilassen; die Dörfer durchsuchen, um Schmuck, Geld, Elektrogeräte zu plündern.
Kaum noch jemand aus dem Distrikt Andar mag nach Kabul fahren. Akbar Jan, der alte Bauer aus Liwan, erzählt die Geschichte eines Freundes, der krank war und regelmäßig Medizin aus Kabul brauchte: »Im März 2002 ist er das letzte Mal gefahren. Sie haben ihm alles weggenommen, all sein Geld, das er für den Doktor dabeihatte!« Wer hat das getan? »Na, die Polizisten an den Checkpoints. Sie haben ihn aus dem Bus geholt, später noch mal festgehalten, als er in einem Restaurant die Nacht verbringen wollte. Alles Pandschiris«, Tadschiken aus dem Pandschirtal im Norden.
»Unser geliebtes Kabul ist ein Sumpf der Morallosigkeit geworden!«
Jeder, der aus Kabul nach Andar zurückkehrt, bringt Geschichten mit, wie Gul Mohammed, der während der Taliban-Zeit eine Frau aus Kabul geheiratet hat und nun Ende 2002 ihren Vater besucht hat. Er erzählt von Alkoholflaschen auf den Straßen, vom Mann und von der Frau, die miteinander mitten in Kabul ertappt worden seien. Wobei, muss er nicht sagen: Da es sonst kaum Nachrichten aus der Hauptstadt gibt, verbreiten sich solche Geschichten wie ein Lauffeuer. Als der Mullah der großen Moschee in Andar am Freitag nach Gul Mohammeds Rückkehr zur Predigt ansetzt, donnert er den Gläubigen entgegen: »Wisst ihr, dass auf Kabuls Straßen junge Burschen und Mädchen ungeniert Sex haben?! Unser geliebtes Kabul ist in einen Sumpf der Morallosigkeit verwandelt worden, in ein Stück von Europa! So schlimm war es noch nie, nicht mal zur Zeit König Zahir Schahs, als die Mädchen dort Miniröcke trugen. Wenn wir uns nicht dagegen erheben, wird diese Flut der Morallosigkeit auch uns erreichen!«
Die meisten Mullahs sind gegen alles Moderne. Aus Gewohnheit, aber auch aus einem praktischen Grund: Solange sie im Dorf oft die Einzigen sind, die lesen und schreiben können, ist ihr Wort Gesetz. Weshalb Schulen, ja selbst Straßen in ihren Augen Auftakt zur Sünde sind. Akbar Jan, der Bauer, ist empört. So mischen sich echtes Unrecht und erzählte Geschichten zu einem Groll, dem sich kaum einer entziehen kann.
Als Anfang 2003 im Dorf Pirzada amerikanische Soldaten nachts einige Bauern aus ihren Häusern holen und über Nacht festhalten, weil in der Nähe ihr Konvoi attackiert worden ist, grassiert Tage später das Gerücht: Die alten Männer seien sexuell missbraucht worden! Es spielt überhaupt keine Rolle, dass es keine Beweise gibt. Das Gerücht wächst zu solcher Größe, dass in den Dörfern die Söhne ihre Väter warnen, auch nur in die Provinzhauptstadt zu fahren: »Da werden euch die Amerikaner entehren!« Wütend seien sie gewesen, erinnert sich Akbar Jan, der alte Bauer: »Nur fort, fortbleiben von den Städten, dachten wir uns. Da ist das Böse.« Ein erster Luftangriff der US-Truppen auf ein Dorf im Distrikt Moqur tötet im Dezember 2003 acht Kinder und einen Mann. Die Attacke habe einem Taliban-Anführer gegolten, teilen die Amerikaner mit. Die Afghanen begraben die Kinder und schütteln den Kopf, nein, auch der Mann sei nur Bauer gewesen.
Die Stimmung kippt. Vielleicht wäre die Niederlage der neuen Zeit aufzuhalten gewesen. Wenn es einen Grund gegeben hätte, auf die neue Zeit zu hoffen. Wenn Schulen, Brunnen, Krankenstationen gebaut worden wären. Wenn ein anderer, weiser Mullah gepredigt hätte, dass der Prophet Mohammed selbst die Bildung geheiligt habe. Dass Töchter, die zur Schule gehen, deswegen nicht als Prostituierte enden. Aber nichts geschieht auf der Rückseite des Mondes.
Ganz langsam, irgendwann in den Jahren 2003, 2004, schließt sich das Zeitfenster der Verwirrung und der Hoffnung, des Abwartens und der Erschöpfung. Der Groll gegen alles Fremde, gegen Amerikaner, Tadschiken, Polizisten, ist untrennbar genährt worden von echtem Unrecht, maßlosen Übertreibungen und Erfundenem. Nun härtet er aus wie Zement an der Sonne. Mullah Faruq sieht seine Stunde gekommen. Der Exkoranschüler, der 2002 noch niemanden fand, der mit ihm die Taliban im Südosten des Distrikts Andar wiederbeleben mochte, erfährt auf einmal Zulauf. Koranschüler, Bauernsöhne, aus Pakistan zurückgekehrte Flüchtlinge schließen sich ihm an.
Als am 16. November 2003 zwei unauffällige junge Männer ihre Motorräder besteigen, beginnt der Krieg in Andar. Mit einer Tat, von der Faruq selbst nicht weiß, ob seine Anhänger ihn dafür preisen oder steinigen werden. Die beiden Motorradfahrer ziehen gleichauf mit einem ungepanzerten Geländewagen des UNHCR, weithin erkennbar an der riesigen Antenne und der weißen Lackierung. Mit ihren Kalaschnikows erschießen sie Bettina Goislard, 29, Tochter eines französischen Diplomaten, UN-Mitarbeiterin, Frau, Zivilistin, ohne Warnung, ohne Grund – ein Bruch mit den tiefsten Tabus der afghanischen Gesellschaft. Die UN, die französische Regierung, Journalisten in aller Welt verdammen den Mord. Doch unter den Paschtunen in Andar, in ganz Ghazni, regen sich nur wenige auf. Auch Akbar Jan nicht, der alte Bauer: »Wenigstens kämpften die auf unserer Seite. Und solange es keine Vergeltung gegen unsere Dörfer gab, waren wir froh!« Zwar werden Bettina Goislards Mörder von Zeugen festgehalten, verprügelt und der Polizei übergeben. Doch es gibt keine Welle der Empörung in den Dörfern, keine Predigten der Verdammnis.
Damit ist es ein großer Erfolg für Faruqs anwachsenden Kreuzzug: weltweite Aufmerksamkeit ohne viel Mühe – und ohne Echo der Empörung von jenen, auf die es Faruq und der anschwellenden Zahl seiner Schattenkämpfer ankommt. Den eigenen Leuten. Die scheinen jede Barbarei zu dulden. Und wissen selbst nicht, wer diese neuen Taliban überhaupt sind, die wie Schatten auf ihren Motorrädern auftauchen, maskiert, zuschlagen und wieder verschwinden. Peyran, Geister, nennen die Leute sie, und Kommandeur Faruq will daran vorläufig auch nichts ändern. Seine Gruppe beginnt, selbst gebastelte Sprengsätze gegen Konvois der neuen afghanischen Armee Ana und der selten vorbeikommenden US-Truppen zu legen. Die Ana-Soldaten verhaften wahllos Umstehende, riegeln ganze Dörfer ab. »Das sind doch alles die Sympathisanten der Terroristen«, erklärt ein Offizier einer Delegation von Ältesten. »Ihr fragt mich nach einer Lösung für diese unerträgliche Situation«, herrscht der damalige Gouverneur Asadullah Khalid anschließend die graubärtigen Emissäre an: »Ich sage euch, stoppt diese Bastarde von Taliban, wenn ihr Sicherheit wollt. Wenn nicht, werde ich mit euch genauso verfahren wie mit den anderen Terroristen!«
Dann kamen die Mandeltöter: Spezialeinheiten von Tadschiken aus Nordafghanistan, 2005 geschickt, den immer häufigeren Angriffen auf Polizei und Ana ein Ende zu machen. Sie hatten nicht vergessen, was die Taliban ihnen zehn Jahre zuvor angetan hatten. Als die Machtverhältnisse umgekehrt waren, als die Taliban herrschten und den Unbotmäßigen die Obstbäume und Weinreben absägten. Nun herrschten die Bartlosen aus dem Norden, rasierten die Rebenstöcke nieder, fällten die Mandelbäume, verwüsteten die Obstgärten. Plünderten die Dörfer. Offiziell war es ein Antiterroreinsatz, tatsächlich gingen die Taliban-Anschläge zurück. Die Dorfleute aber empfanden den Einsatz als Rache. »Dann ist mein Neffe zu den Taliban gegangen«, erinnert sich Akbar Jan lakonisch, der dem Wüten der Nordallianz nur deshalb entging, »weil ich ja nicht einmal Obstbäume habe«.
Wie so oft in den Jahren seit 2001 ist ein kurzer militärischer Erfolg erkauft worden mit dem lang anhaltenden Verlust des Rückhalts in der Bevölkerung. Für die USA mag ihr Krieg ein Feldzug für die Freiheit und gegen den Terrorismus sein. Für die Bauern, Tagelöhner und Ladenbesitzer im Distrikt Andar ist es ein Krieg des Nordens gegen den Süden, ein Rachefeldzug der vereinigten Tadschiken, Amerikaner und sonstigen Gottlosen.
Mullah Faruq kann sich vor Bewerbern nicht mehr retten. Ein Dutzend Gruppen mit je 10 bis 15 Mann sind im Frühjahr 2005 bereit, nach der Winterpause unter seinem Kommando zu kämpfen. Gleichzeitig kommen jetzt, fast vier Jahre nach dem Sturz der alten Taliban, die lang versprochenen Entwicklungsprojekte in Gang. Zu spät, um die Bevölkerung noch gewinnen, Schwankende überzeugen zu können. Stattdessen wird das größte Projekt, die neue Überlandstraße, zur Machtprobe. Sobald die Bautrupps die Distriktgrenze erreichen, lässt Faruq angreifen, wieder und wieder. Die Soldaten und Polizisten, abgeordnet zum Schutz des Projekts, werden seine ersten Opfer. Denn es geht nicht mehr um die Verwandlung einer Schlaglochpiste in eine Straße. Es geht darum, zu zeigen, wer das Sagen hat in Andar.
Die Emissäre von Mullah Faruq verkünden, eine Straße bringe nur die Feinde ins Land. Die Regierung in Kabul hofft auf einen mächtigen Verbündeten: Taj Mohammed Qari Baba, den legendären örtlichen Kommandeur der Mudschahedin im Kampf gegen die Sowjets. Qari Baba, unter Karsai kurzzeitig Gouverneur von Ghazni, verspricht, den Kampf um die Straße zu gewinnen. Einige Stämme unterstützen ihn, Kabul liefert Waffen, Geld. Fast ein Jahr lang währt der Kampf. Er wird ausgefochten mit Waffen, Minen, aber auch in stundenlangen Verhandlungen bei Mandeln, Rosinen und grünem Tee in den kühlen Gewölben der Lehmhäuser. Denn die meisten Stammesältesten wollen die Straße – aber keine Armee, keine Polizei. Am Ende, im September 2006, ist Qari Baba tot. Erschossen mitten auf der just fertiggestellten Straße, die unbehelligt zu Ende gebaut werden konnte, sobald keine Soldaten und Polizisten mehr zu ihrem Schutz da waren. Mullah Faruq hat gesiegt. »Qari Baba hatte versprochen, alle Taliban zu eliminieren, die den Bau angreifen«, erzählte ein machtsatter Faruq in jenem Herbst vergnügt: »Nun, wir haben bewiesen, dass es an uns ist zu eliminieren. Nicht an ihm.«
Jetzt herrscht er über die Rückseite des Mondes, der Krieg ist entschieden, bevor die US-Streitmacht überhaupt gekommen ist. Auch wenn die Regierung in Kabul das anders sieht: Im Sommer 2006 verbietet sie in zwei Distrikten, Andar und Gero, jedweden Gebrauch von Motorrädern. Sie sind das Fortbewegungsmittel der Taliban, die auf den leichten, geländegängigen Maschinen aus China ebenso jählings auftauchen wie verschwinden und enorme Entfernungen zurücklegen. Wer von nun an auf einem Motorrad unterwegs ist, wird von der Polizei angehalten und im Zweifelsfall beschossen.
So weit die Idee, den Taliban ihre Bewegungsfreiheit zu nehmen. Die Taliban ihrerseits jedoch verbieten den Gebrauch von Autos: Zu den Freitagspredigten, in Dorfversammlungen erklären sie ganz offen, dass sie als Reaktion auf den Bann von Motorrädern nun leider einen Bann gegen Autos verhängen, jeden Wagen anhalten oder beschießen müssten. Um dies durchzusetzen, legen sie Minen an den Rändern der Straßen. Für Wochen sind alle Menschen wieder unterwegs wie vor Jahrzehnten: zu Fuß, auf Eseln, Kamelen, selbst bei Hochzeiten wird die Braut nun auf dem Rücken eines Dromedars zum Haus des Bräutigams gebracht.
Aller Verkehr ist lahmgelegt. Den Taliban entgeht kein Auto, und nach anderthalb Monaten lenkt die Regierung ein. Um im August 2006 vollends gedemütigt zu werden: Bei einem Gefecht zwischen Faruqs Männern und der Polizei auf der so heiß umkämpften neuen Überlandstraße müssen die Taliban ein halbes Dutzend Motorräder zurücklassen. Die Polizei bringt sie ins Distrikthauptquartier. Faruq lässt ungerührt ausrichten, er hätte sie gern wieder. Sonst werde er das Hauptquartier angreifen lassen. Pünktlich zum gestellten Ultimatum stehen alle Motorräder wieder dort, wo sie zurückgelassen wurden.
Jetzt müssen die Taliban nicht mehr als Schattenkämpfer abtauchen. Sie treten offen auf. Qari Naem, einer von Faruqs Unteroffizieren, geht eines Nachmittags persönlich zum örtlichen Geheimdienstchef, fordert ihn auf inmitten der Leibwächter: »Verlass die Regierung. Sonst werde ich dich töten. Hier.« Die Distriktchefs von Andar und Qarabagh erhalten Drohbriefe von Faruq, überleben Anschläge und geben schließlich auf.
Was immer die Richter der Taliban beschließen – ihr Wort ist Gesetz
Das Netz der Mobilfunkfirmen deckt fast die ganze Gegend ab, und so arm die meisten auch sein mögen: Ein Handy haben viele junge Männer. Und sind stolz darauf, nahende Konvois von afghanischen oder amerikanischen Soldaten, unbekannte Autos zu erspähen und melden zu können. Die Taliban haben Augen und Ohren überall. Informanten der Polizei und der Amerikaner werden vor ihren Häusern erschossen. Der Sohn eines der Toten kehrt aus dem pakistanischen Karatschi nach Hause zurück, die Taliban greifen ihn, bevor er auch nur das Haus der Familie erreicht. Ein »Tribunal« aus drei Männern inszeniert eine minutenlange »Gerichtsverhandlung« und verurteilt den 18-Jährigen zum Tode – nachdem zuvor einer der höheren Taliban-Führer in Quetta, Pakistan, über Telefon grünes Licht zur Hinrichtung gegeben hat. Afghanistans Regierung und die Amerikaner haben bald keine Ohren und keine Augen mehr in Andar. Viele wissen, wer Anführer der Taliban von Andar ist. Aber wer könnte es wagen, Faruq zu verraten?
Die Angst geht um bei Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, Journalisten, bei Händlern aus anderen Gegenden. Wollen sie nach Andar, fragen sie nicht mehr die Polizei, sondern die Taliban. Dabei ist es nicht so, dass der Staat und seine Polizisten verschwunden wären. Sie sind noch da, zeigen Präsenz im Distriktzentrum, auf der Überlandstraße. Aber nicht in den Dörfern und auch nicht bei Nacht. Und sie hüten sich davor, sich mit den neuen Machthabern anzulegen. Die meisten Gerichte in der Provinz, ohnehin verschrien für Korruption und Ineffizienz, sind verlassen. Statt ihrer kontrolliert seit 2005 ein engmaschiges System neuer »Mobilgerichte« der Taliban das Leben und seine Streitfälle um Land, Wasser, Vieh und Moral.
Alles hat seine Ordnung. Zur Freitagspredigt in den Moscheen werden Flugblätter verteilt und verlesen, welcher Mullah künftig Richter im Dorf sei, unterzeichnet hat sie der örtliche Taliban-Kommandeur. Zudem wird einer der Ältesten ernannt, der den Taliban gegenüber verantwortlich ist, falls aus seinem Dorf Informationen an die Armee gegeben werden. Auf Motorrädern sind die Mobilgerichte unterwegs, tagen mal unter freiem Himmel, mal in Privathäusern.
Es ist ein ungewöhnlicher Aufzug, der eines Morgens im Frühjahr 2006 vor einem Lehmgehöft hält: Kein Mullah, sondern Kommandeur Asadullah persönlich, der zweite Taliban-Befehlshaber im Distrikt von Andar, ist mit drei Leibwächtern erschienen. Ein ernster Fall ist zu verhandeln: Ein Mann hat mit einer Tochter seines Nachbarn geschlafen. Sie ist schwanger geworden, hat ein Kind zur Welt gebracht. Ein todeswürdiges Verbrechen. Das Gericht, das im Haus des Onkels des Angeklagten tagt, würde in anderen Fällen die Steinigung des »Entehrers« verhängen, und auch der Vater des Mädchens will es so. Ebenso Faruqs Anhängerschaft. Nicht aber Kommandeur Asadullah. Der Angeklagte ist sein Freund und einer der wichtigsten Unterstützer seiner Truppe. Tagelang wird verhandelt. Asadullah schlägt Geld vor zur Kompensation, dann eine, schließlich zwei Töchter des Angeklagten, die als Entschädigung der Familie des geschwängerten Mädchens überlassen werden sollen. Am Ende willigt deren Vater ein.
Was immer die Richter der Taliban beschließen – ihr Wort ist Gesetz. Ein brutales Gesetz. Eines, in dem Frauen knapp vor dem Vieh rangieren. Aber eines, das befolgt wird, von dem sich niemand mit ein paar Tausend Afghani freikaufen kann, wie es sonst die Regel ist im Afghanistan dieser Tage. Die Taliban sind auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Sie ernennen einen eigenen Gouverneur, eigene Distriktchefs und Richter. Sie haben ihre Gegner in Andar und der ganzen Provinz Ghazni getötet, vertrieben oder an langen Nachmittagen bei grünem Tee und den grünlichen Rosinen der Gegend davon überzeugt, dass es dem Überleben dienlicher sei, die Seiten zu wechseln.
Dass im September die US-Streitmacht, entnervt davon, auf der Durchfahrt nach Süden immer wieder attackiert zu werden, zum ersten Mal mit größeren Verbänden in Andar einrückt zur Operation Mountain Fury, verändert wenig. Die Amerikaner bombardieren ein Wohnviertel im Hauptort, töten 35 Menschen, darunter mindestens eine Mutter mit ihren Kindern. Aber die Taliban treffen sie kaum. Drei von deren Kämpfern kommen bei Schießereien und Bombardements ums Leben, die meisten halten einfach still und warten ab. Die Führer hingegen, Faruq, Asadullah, Mullah Feizani und andere, haben sich schon vorher abgesetzt: nach Ghazni, nach Kabul, haben sich eingemietet in billige Hotels, wo sie niemand kennt. Im November kehren sie zurück, mächtiger noch als zuvor. »Wir hatten furchtbare Angst, dass die Amerikaner bleiben«, erinnert sich Akbar Jan, der alte Bauer: »Aber dann gingen sie wieder – und die Taliban blieben. Das war Gottes Wille.«
Doch der Erfolg wird bald zum größten Problem der Taliban. Bislang haben sich alle Anführer an die Order vom Oberkommando in Quetta gehalten und Rivalitäten vermieden. Doch mit der Macht sind auch die Begehrlichkeiten gewachsen. Faruq, der vor allem den Südosten des Distrikts kontrolliert, und Asadullah, der das Zentrum von Andar beherrscht, werden zu Konkurrenten. Der Anlass ist ein Streit um Beute: Asadullah hat einen Pick-up von der Armee erbeutet, viel zu preiswert verkauft und obendrein das Geld unter seinen Männern verteilt, anstatt es der Taliban-Führung in Quetta zu übergeben.
Auch in Quetta kommt es zu Streit und zu Spaltungen. Bald ruft jeder örtliche Kommandeur von Andar nur noch seinen persönlichen Vorgesetzten an. Mindestens zwei Fraktionen existieren in Quetta und Peschawar, wo die meisten Männer der Taliban-Führung unbehelligt im pakistanischen Exil sitzen.
Wer regelmäßig in die Hauptstadt fährt, wird der Spionage verdächtigt
Diese Zerwürfnisse passen nicht zu dem Plan, die Macht in Afghanistan zurückzuerobern, ebenso wenig wie das Auftauchen der Guerillatruppe der Hisb-i-Islami im Lauf des Jahres 2006, Gefolgsleute von Gulbuddin Hekmatyar, einem der brutalsten Warlords des Bürgerkriegs der neunziger Jahre. Die Taliban hatten ihn 1996 ins Exil nach Teheran vertrieben, von wo er 2002 nach Afghanistan zurückgekehrt ist, verfolgt von den USA, pendelnd zwischen Afghanistan, Iran und Zentralasien. Ideologisch steht man einander nicht fern – was den Hass nicht kleiner macht. Im Gegenteil: Alle drei Gruppen mögen gegen die Amerikaner und die afghanische Regierung kämpfen. Aber beide Taliban-Fraktionen befehden die Hisb-i-Islami-Anhänger als Konkurrenten, halten sie überdies für eingebildete Schnösel: Viele haben in Pakistan Englisch und Urdu gelernt, können überdies lesen und schreiben.
Auch die zunächst so populären Mobilgerichte fallen den Verlockungen der Macht zum Opfer. Sie kommen nicht mehr nur, um in Streitfällen zu vermitteln. Die Richter nehmen zunehmend Menschen fest, die sie verdächtigen – der Spionage für die Regierung oder eines unmoralischen Lebenswandels. Wie den jungen Abdul Naser aus dem Distrikt Dek Yak, gegenüber Andar auf der anderen Seite der Überlandstraße. Mit regelmäßigen Fahrten in die Provinzhauptstadt Ghazni und nach Kabul hat er sich verdächtig gemacht. Die Taliban durchsuchen sein Haus, finden nichts, aber lassen ihn erst laufen, als Abdul Naser ihnen seine Kalaschnikow und 10000 pakistanische Rupien gibt, umgerechnet rund 135 Euro. Andere Verdächtige werden geschlagen und gefoltert.
Am Anfang, erzählt Akbar Jan, »waren wir froh über die Taliban, dass sie uns vor der Willkür der Polizisten beschützten. Und deren Gerichte waren wirklich fair, außerdem musste sich jeder daran halten, wenn sie ein Urteil gesprochen hatten. Das war gerecht. Aber nach und nach wurden die genauso korrupt wie die staatlichen Gerichte und haben uns immer mehr drangsaliert.« Obwohl die Bauern in Andar arm sind, stehen am Abend immer häufiger Taliban-Gruppen vor den Türen, fordern Lebensmittel, Geld für Benzin, sie drohen mit Strafe für jeden, dessen Bart nicht lang genug ist. Damit nicht genug. Für Akbar Jan und die meisten Familien aus Liwan und den anderen Dörfern bedeutet eine Schule einen Hoffnungsschimmer. Akbar Jan hatte es geschafft, wenigstens einen seiner Söhne zur nächsten, neun Kilometer entfernten Schule zu schicken. »Aber diese Schule haben die Taliban geschlossen. Das fanden wir nicht richtig.«
Die Bauern haben genug, sie beginnen gegen die Willkür zu rebellieren
Die Empörung über das vermeintlich gottlose Verhalten in Kabul, die Angst vor der Willkür der Polizisten und Soldaten aus Afghanistans Norden, die Wut über die amerikanischen Bombardements haben die Dorfbewohner Jahre zuvor in die Arme der Taliban getrieben. Doch kaum sind diese Taliban selbst mächtig geworden, machen sie die gleichen Fehler.
Als ein US-Armeekonvoi Nahrungsmittel und Werkzeuge ins Dorf Badwan bringt, lässt Kommandeur Faruq eine Mine auf dessen Route eingraben. Sie zerstört auf dem Rückweg eines der Fahrzeuge. Dann kommt er mit seinen Männern nach Badwan. Schweigend müssen die Menschen mit ansehen, wie die Taliban alle gerade abgeladenen Kisten einsammeln und verbrennen. Ein paar Dörfer weiter, in Nakaam, hat das Swedish Committee for Afghanistan, eine der größten NGOs in Afghanistan, einen Brunnen gegraben und eine Handpumpe installiert. Auf Wunsch der Dorfbewohner, die seit Jahren zu wenig sauberes Trinkwasser haben. Kaum steht die Pumpe, kommt ein ehemaliger Mudschahedin-Kommandeur, der den Taliban nahesteht. Ungläubige hätten den Brunnen gebohrt, also sei auch das Wasser verseucht, verkündet er. Ein paar Männer widersprechen, aber lassen es letztlich zu, dass die Pumpe abgesägt wird. Mit dem gleichen Argument predigt Mullah Basir den Gläubigen in Andars größter Moschee Anfang 2007, dass die Überlandstraße, finanziert von Ungläubigen, unmöglich von Muslimen benutzt werden dürfe: Wer auf ihr fahre oder gehe, sei ein kafir, ein Ungläubiger, und gehöre vor Gericht.
Nichts ist erlaubt. Es darf kein Brunnen gebohrt, kein Minikraftwerk mit Solar-, Wasser- oder Dieselbetrieb installiert, keine Krankenstation von Ausländern oder der Regierung gebaut werden. In Urzu, einen halben Tagesritt südlich von Ghazni, verschleppen Faruqs Männer einen Trupp Minenräumer und erschießen deren Suchhund. Diesmal lassen sie die Männer nach einem Verhör noch laufen. Doch von diesem Tag an steigt die Zahl der Entführungen dramatisch an, mehr und mehr dienen sie der Beschaffung von Lösegeld und nur noch hier und da der Kontrolle und Einschüchterung. Auch das macht die Taliban nicht beliebter.
Kommandeur Mullah Abdullah Jan und seine Männer brauchen am 19. Juli 2007 eine Weile, bis sie begreifen, was für ein Fang ihnen da in die Hände gefallen ist: ein ganzer Bus voller südkoreanischer Missionare. Ungläubige und Verbreiter des Unglaubens überdies, dazu noch aus einem reichen Land. Ihre Naivität, ausgerechnet die Überlandstraße durch Ghazni zu nehmen, werden zwei der 23 Presbyter aus Südkorea mit dem Leben bezahlen. Mullah Jan, Kommandeur im Qarabagh-Distrikt, erkennt bald die Kostbarkeit seiner Beute: Die Geiseln werden in Gruppen von drei, vier Personen auf verbündete Taliban-Trupps verteilt, eine Gruppe wird von Faruqs Gruppe übernommen und fast jeden Tag von einem Versteck zum nächsten gebracht. In rascher Folge ordnet das Oberkommando der Taliban in Quetta die Erschießung zweier männlicher Geiseln an. Die anderen zu befreien erscheint unmöglich. Die koreanische Regierung will verhandeln. In einem Haus des Roten Halbmonds in der Provinzhauptstadt Ghazni sitzen sich schließlich Emissäre der Taliban und des Roten Kreuzes gegenüber. Zum ersten Mal sind die Taliban als offizieller Gesprächspartner von einer ausländischen Regierung anerkannt worden. Für ungefähr 20 Millionen US-Dollar kauft Südkorea die 21 Geiseln frei. Der Großteil des Geldes erreicht das Hauptquartier in Quetta.
Doch während die Taliban nach außen hin immer mächtiger erscheinen, schwindet im Innern ihr Rückhalt in der Bevölkerung. Es ist, als drehe sich die Spirale von Angriffen und Vergeltung in entgegengesetzter Richtung. Vorher hat jeder Konflikt die Taliban stärker gemacht. Nun schwächt er sie: Immer mehr Menschen verraten nicht mehr die Bewegungen der afghanischen und amerikanischen Armee an die Taliban, sondern umgekehrt die Taliban-Führer an deren Feinde. In kurzer Zeit können die US-Truppen Mullah Kakar, Faruqs rechte Hand, und zwei weitere Taliban-Kommandeure gezielt festnehmen, einen vierten erschießen. Auf ihrer immer verzweifelteren, brutaleren Suche nach Informanten erschießen die Taliban selbst respektierte Stammesälteste und Mullahs, darunter einen ehemaligen Taliban-Kommandeur der neunziger Jahre und Mullah Abdul Hakim, den ehrwürdigen Freitagsprediger der größten Moschee und obersten Richter der alten Taliban-Ära. All das aber bringt nur noch mehr Leute gegen die Taliban auf.
Selbst deren liebstes Werkzeug, wenn man von den Waffen absieht, richtet sich nun gegen sie: das Mobilfunknetz, über das die Taliban einst so lückenlos informiert wurden. Nun sind sie es, die beobachtet und verfolgt werden. Da es Anfang 2002 so gut wie kein Festnetz außerhalb Kabuls gab, sind die vier großen Anbieter zu einer der größten legalen Branchen in Afghanistan geworden. Fünf Millionen Kunden, das Netz deckt weite Teile des Landes ab, auch die Taliban-Gebiete im Süden und Osten. Doch Ende Februar 2007 ergeht ein Ultimatum der Taliban an die Betreiber: Nachts müsse in »ihren« Provinzen das Netz abgeschaltet werden. Das Ultimatum verstreicht. In den Südprovinzen Helmand und Kandahar legen Explosionen reihenweise die Sendemasten flach. Die Firmen kapitulieren, von abends um sieben bis morgens um fünf schweigt nun das Netz. Bis heute.
Im Laufe des mörderischen Sommers 2007 beginnen die beiden verfeindeten Taliban-Gruppen unter Faruq im Südosten Andars und Asadullah im Zentrum des Distrikts offen aufeinander zu schießen – während sie beide die Anführer der Hisb-i-Islami umbringen. Obwohl alle drei gegen die Regierung und die Amerikaner kämpfen. Es sei, sagt Akbar Jan, der Bauer aus Liwan, der wenigstens eines seiner acht Kinder zur Schule schicken und ansonsten ein gottesfürchtiger Paschtune sein wollte, wie zu Zeiten des Bürgerkriegs: »Jeder kämpft gegen jeden. Und wir müssen allen zu essen geben.« Bis auf die Amerikaner, aber die hasse er trotzdem.
Im Spätsommer 2007 lässt Kommandeur Asadullah nahe dem Dorf Zarin eine Mine legen, sie soll Straßenbauarbeiter töten. Stattdessen trifft es die Schafherde des Dorfes. Das Kostbarste, was die Menschen haben. Eine Woche später will Asadullah beim Nachbardorf Sarfaraz die Route eines erwarteten US-Konvois verminen. Nun reicht es den Bauern. Sie machen dem Taliban-Kommandeur klar, dass sie auf ihrem Land keine Minen mehr dulden. Asadullahs Männer bedrohen die Dorfbewohner, verschleppen zwei von ihnen, aber packen auch ihren Sprengsatz wieder ein.
Am nächsten Morgen sind alle auf den Beinen. Mit ihren Fahrrädern umstellen die Bauern Asadullahs Haus, bewaffnet mit Hacken und Schaufeln. »Gib uns unsere Brüder wieder! Und leg nie wieder eine Bombe in der Nähe unseres Dorfes! Sonst werden wir dich mit unseren bloßen Händen umbringen!« Asadullahs Männer sind schwer bewaffnet. Doch sie kapitulieren vor der Wut eines ganzen, verzweifelten Dorfes. Auch in anderen Dörfern kommt es zu Aufständen von Bauern. In der Ostprovinz Paktia bringen sie sogar einen Taliban-Kommandeur um, weil er sein Versprechen gebrochen hat, keine Bomben in der Nähe der Dörfer zu legen.
Verzweifelt ist der alte Bauer Akbar Jan aus Liwan, als er im späten Frühjahr 2008 die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang der Taliban im Distrikt Andar erzählt. »Ich hasse die Taliban! Manche aus meinem Dorf geben ihnen immer noch zu essen, aber ich hasse sie für all das, was sie uns angetan haben! Doch die Amerikaner und die Regierung sind nicht besser, die führen doch alle ihren Krieg gegen uns!« Seinen Sohn würde er gern wieder zur Schule schicken, sagt er. Aber der Schuldirektor wage es nicht, sie zu öffnen, nachdem Faruq persönlich ihn bedroht habe. Dessen Taliban-Truppe und vor allem der seines Konkurrenten Asadullah kehrten immer mehr Afghanen den Rücken – aber stattdessen kämen nun Araber und Pakistaner nach Andar, die seien noch brutaler. »Am liebsten würde ich fortgehen. Aber wohin?«
- Datum 02.07.2008 - 17:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.06.2008 Nr. 26
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Das sind ja sehr detaillierte Insiderinformationen, die der Autor da hat. Bravo! Aber ein bisschen skeptisch bin ich schon: wenn die Situation in Südafghanistan wirklich so ist wie vom Autor beschrieben, dann dürfte er diese genauen Kenntnisse gar nicht haben - würden da nicht die Taliban selbst für sorgen? Sei's drum, wie löst man so einen Konflikt (mit vollbärtigen kriegslüsternen schwerbewaffneten gewaltbereiten fanatischen "Männern")? Ich glaube nicht, dass eine naheliegende Lösung dem typischen ZEIT-Leser gefällt. Man könnte auch die Leute dort alleine ihre Probleme lösen lassen. Das führte in der Vergangenheit zu 20 Jahren Bürgerkrieg und zu weltweitem Terrorismus. War auch nicht besonders gut. Was dann? Hat jemand Lösungsvorschläge? Her damit!AJ
Ist doch überall auf der Welt dasselbe...und das zu allen Zeiten! Da frag man sich echt, wie dumm und arrogant unsere Politiker sind (fragt man sich leider viel zu häufig auch in anderen Zusammenhängen)Ich hab da ne wunderbare Buchempfehlung: Wovon die Wölfe träumen (Taschenbuch) von Yasmina Khadra.
Es ist in der Tat etwas zutiefst in Unordnung. Aber wir können nichts daran ändern.Es gibt zuviele Menschen in Afghanistan, die nicht wollen, daß wir ihnen helfen.Exemplarisch die Stimme der "einfachen Bauern" die erst dann lamentieren, wenn Minen keine Mitglieder auswärtiger Hilfsorganisationen treffen, sondern die eigenen Schafe. Was will man mit solchen Leuten anfangen?Der Umstand, nichts tun zu können, wird leichter erträglich, wenn man sich in Erinnerung ruft, daß traditionelle Stammesgesellschaften schon immer brutal waren. Zwischen Stammesherrschaft und organisiertem Verbrechen besteht kein Unterschied.Vorschlag: Raus aus Afghanistan, und nur von Außen einflußnehmen, durch Unterstützung derjenigen in Afghanistan, die in Richtung universaler Menschenrechte fortschrittlich sind, und vor allem durch vorbildliches Festhalten des Westens an den selbstpropagierten Werten.
die sich im konkret-operationalen Denkstadium befindet und den Islam verinnerlicht hat, ist Demokratie nicht die geeignete Organisationsform.
Walid
Ich danke dem Autor für seine unabhängigen Recharchen. Ich bin der Meinung, dass die Fremdmacht in Afghanistan, vor allem aber die Amerikaner und Engländer, nicht parteiisch sein dürfen. Sie haben aber das zum Beginn ihrer Invasion in Afghanistan getan und sie setzen diese Politik bis heute noch fort. Dabei schützen sie viele Verbrecher, die in ihrem Kriegsleben unzählige Mahle die Seiten gewechselt haben. Diese Männer haben, wie ich auch gestern in meine Kommentar dargestellt habe, hunderte von Unschuldigen getötet und sie töten heute noch unter der Ägide der ISAF - Truppen weiter. Darüber hinaus hat Präsident Karsai eine Clique von Politikern um sich gesammelt, die ich persönlich aus Deutschland kenne, welche unfähig sind entsprechende Programme des Wiederaufbaus umzusetzen. Sie waren in Deutschland arbeitslos, auch wenn sie heute in ihren Lebensläufen angeben, sie waren in Deutschland Professoren und Doktoren. Außer Übersetzungen von Dari zu Deutsch, haben sie keine verantwortungsvollen Aufgaben in Deutschland bekleidet. Ihr Leben haben sie in Deutschland damit verbracht, giftige Propaganda gegen Paschtunen zu inszenieren und dadurch Zwietracht zwischen den afghanischen Stämmen zu verbreiten.
Es ist wahr, dass Amerikaner gemeinsam mit der so genannten „nationale Armee Afghanistans“ die Paschtunen im Süden des Landes gegen die existierenden kulturellen und gesellschaftlichen Geflogenheiten und Nomen traktieren. Väter und Mütter werden vor den Augen ihrer Kinder wie Verbrecher festgenommen, gedemütigt und abgeführt, und wenn sie Pech haben, landen sie in den vielen amerikanischen oder afghanischen Kerkern in Kabul. Dieses Verhalten rufen bei den Paschtunen Widerstand auf und machen mit den Gegnern der Amerikaner und der afghanischen Regierung gemeinsamen Sachen. Als Beispiel sei hier das Problem zwischen den Nomaden und der Hazara in den Provinzen Maidan-Wardag und Bamjian erwähnt. Der Konflikt zwischen den Nomaden und das Volk der Hazara schwelt seit Jahren. Die Hazara werden von Iran und den afghanischen Medien, die von Tadschiken dominiert werden, unterstützt und die Nomaden werden als einen bösen Wicht dargestellt. Karsai unternimmt nichts, obwohl gestern die Nomaden unverhüllt zum Ausdruck brachten, dass sie ihre Rechte auch mit Waffengewalt durchsetzen werden, wenn die Regierung ihnen nicht zu ihrem Recht verhilft.
Ich teile weitgehend die Ansicht des Authors und man kann es noch einmal kurz zusammenfassen:1) Der Bundeswehreinsatz in diesem Krieg ist klar verfassungswidrig, denn der Auftrag der Bundeswehr ist nun einmal die Verteidigung unseres Landes und sonst nichts. Und die findet mitnichten am Hindukusch statt.2) Deutschland hat dort keinerlei Interessen, jedenfalls keine, die militärisch eingefordert werden könnten.3) Der Krieg ist niemals zu gewinnen, auch wenn zunächst in den von der Bundeswehr "betreuten" Gebieten auf eine bessere Art der Befriedung gesetzt wird. Die trottelige Art der US-Truppen, in anderen Ländern ohne Sachkenntnis und mit viel "Kollateralschäden" (Was für ein Unwort für tote unschuldige Zivilisten darunter vielen Frauen und Kindern!) Krieg zu führen, bringt auch die Bundeswehr zum schmutzigen Krieg. Die gleiche Art der Kriegsführung hat im Übrigen auch in Vietnam zum gut bekannten Desaster geführt.4) Der Einsatz der Bundeswehr hat unter anderem dazu geführt, dass Afghanistan zum weltgrößten fast Monopol-Heroinproduzenten aufgestiegen ist. Diesem Teufelszeug werden zuerst viele unserer Soldaten und später viele unserer Kinder zum Opfer fallen. Ein zweifelhafter "Sieg".Das alles sind sehr gute Gründe, warum unsere Soldaten lieber füher als später zurückgezogen werden sollten, was im Übrigen von einer deutlichen Mehrheit der Bürger dieses Landes auch gewünscht wird, die keinesfalls vergessen haben, was Krieg so in Deutschland alles zur Folge hatte!
Ich weiß gar nicht, was sie haben! Dieses Buch zeichnet auf sehr realistische Weise nach, was schief läuft im Nahen Osten. Und zwar bei den Menschen und nicht im abgehobenen politischen Leben. Wenn wir alle mehr wissen über die Menschen, deren Länder terrorisiert werden, könnten wir vielleicht bessere Antworten finden....oder auch mal unsere eigene Geschichte studieren! Auch deshalb fand ich den Artikel sehr gut, da er die Probleme darstellte, wie sie sind.
Wenn Sie dann alerdings eine Buchempfehlung als zynisch oder feige sehen...das ist dann Ihre Sache! Sieht man sie also bald mit Waffen in der Hand auf der Straße?
Ist doch völlig egal, ob man unter seinem eigenen Namen schreibt, oder unter einem Synonym, hauptsache man bleibt eindeutig zu identifizieren, schließlich ist der eigene Name auch nur ein Synonym bei dem man trotzdem nicht weiß, was für ein Mensch sich dahinter verbirgt. Ich weiß nicht, in wiefern sie hier schon reingelegt wurden, aber ich nehme Ihre Freundschaft gerne an.
Das mit den Waffen auf der Straße war natürlich nur Ironie....
Mfg
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