Maximaler Klimaschutz, null Gramm CO₂-Ausstoß, kein radioaktiver Abfall – wenn es um Ökostrom geht, herrscht kein Mangel an griffigen Reklameversprechen. Und das zu Preisen, die »oftmals günstiger« sind als die Standardtarife der traditionellen Versorger, schwärmt das Informationsportal Verivox: »So können Sie Geld sparen und trotzdem die Umwelt schützen.« Etwas mehr als die Hälfte der tausend deutschen Energieversorger bietet Ökostrom an, über zwei Millionen Haushalte haben sich bereits dafür entschieden – 70 Prozent mehr als vor einem Jahr. Der Umsatz mit dem guten Gewissen boomt. Aber hilft das auch dem Klima?

»Der Umweltnutzen des Ökostroms ist nahe null«, sagt Uwe Leprich, Energieexperte an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. »Die Werbung mit CO₂-Einsparungen ist absolut irreführend, die Unternehmen untergraben damit ihre Glaubwürdigkeit.« Trotzdem wirbt Leprich für den Wechsel zu einem unabhängigen Ökostromanbieter. Wer sich dazu aufraffe, gebe der Politik ein Signal für seine Unterstützung erneuerbarer Energien. Und er bringe Bewegung in die noch immer monopolartige Struktur unserer Energiewirtschaft. »Es gibt viele Gründe, zu Ökostromanbietern zu wechseln«, sagt Leprich, »der Strom selbst gehört nicht dazu.«

Denn der ist, entgegen aller Reklameversprechen, weder sauber noch klimaschonend. Die jüngste Kritik an Zukäufen geringer Atom- und Kohlestromkontingente des Ökostromanbieters LichtBlick an der Strombörse betrifft nur einen kleinen Teilaspekt. Das wahre Problem ist viel umfassender: Zwei Millionen Ökostromkunden haben die Treibhausbilanz der europäischen Energieversorgung praktisch nicht verändert. Und selbst wenn ihre Zahl weiter stark steigt, wird das auch noch lange so bleiben. Wer seine CO₂-Bilanz wirklich verbessern will, hat auch nach dem Wechsel zu Ökostrom dafür nur eine Chance: weniger verbrauchen. Wie lässt sich das erklären?

Was umweltfreundlicher Strom ist, das definieren die Anbieter

»Willst du die Kurz- oder die Langfassung hören?«, fragt der Berliner Energieexperte Timon Wehnert, wenn ihn Freunde um Rat bitten, welchen Stromanbieter sie wählen sollen, und warnt: »Leider bin ich selbst mit der Kurzfassung nach anderthalb Stunden noch nicht fertig.« Darum hängt die Entscheidung am Ende meist von Sympathie und Geldbeutel ab: So ziehen die »Stromrebellen« aus dem Schwarzwaldstädtchen Schönau leicht anarchistisch gesinnte Freiberufler an, polyglotte Besserverdiener wenden sich an Greenpeace Energy, wer den sicheren persönlichen Ansprechpartner sucht, hält sich an den lokalen Stromversorger. Und der in die Schusslinie geratene LichtBlick, mit über 400000 Kunden größter Ökostromanbieter, lockt umweltbewusste Schnäppchenjäger. Woher der Strom eigentlich stammt, den sie dann beziehen, weiß fast keiner der Kunden.

Aus der heimischen Steckdose, so viel dämmert den meisten, kommt auch weiterhin der gleiche Energiemix wie vor dem Anbieterwechsel. Alles andere wäre auch grober Unfug, denn Elektrizität wird im Netz am sinnvollsten möglichst nah am Kraftwerk verbraucht. Das reduziert die Übertragungsverluste und erspart teure zusätzliche Überlandleitungen. Um den Zusammenhang zwischen Erzeugung und Verbrauch zu erklären, bemühen Ökostromanbieter deshalb gern das Bild eines großen Stromsees. Kohle- und Atomkraftwerke speisen »dreckigen« Strom ein, Windparks, Wasser- und Biomassekraftwerke »sauberen« Saft aus erneuerbaren Quellen. Bei allen Kunden landet am Ende der gleiche graue Mix. Ökostromkunden bezahlen mit ihrer Rechnung allerdings ausschließlich Kraftwerke, die sauberen Strom in den See einspeisen – und sorgen so hoffentlich dafür, dass sein Wasser langsam heller wird.

So weit die Theorie. In der Praxis kommt es aber nicht dazu, weder bei den Umwelttöchtern großer Kohle- und Kernkraftkonzerne noch bei Stadtwerken oder unabhängigen Ökostromfirmen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, haben aber immer damit zu tun, dass die hochkomplizierten und teils widersprüchlichen Regeln der europäischen Stromwirtschaft eine klare Zuordnung von Erzeugung und Verbrauch elektrischer Energie verhindern.

»Strom kann man leider nicht wie Tomaten ins Labor schicken und auf seine Inhaltsstoffe untersuchen lassen«, beschreibt der Greenpeace-Energy-Vorstand Robert Werner das Dilemma. Und Ökostrom ist kein gesetzlich geschützter Begriff. Jeder Anbieter kann selbst entscheiden, was er damit meint. EnBW, das drittgrößte deutsche Energieunternehmen, betreibt zum Beispiel Kohle, Kern- und Wasserkraftwerke. Die damit erzeugte Elektrizität vermarktet es unter verschiedenen Namen, bundesweit zum Beispiel als Yello-Billigstrom, oder über seine Tochter Naturenergie an 300000 Ökostromkunden. Deren Verbrauch wird formal aus sechs Wasserkraftwerken am Rhein abgezweigt. Bei allen anderen EnBW-Kunden »fehlt« dieser Anteil erneuerbarer Energie dann im Strommix. Doch eine solche Trennung ist im selben Stromnetz gar nicht möglich. Und für die Natur ist die fiktive Aufspaltung ein Nullsummenspiel. Kein einziges Gramm CO₂ wird eingespart.